Die Ur-Göttin von der Alb

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Die Überraschung und Freude war gewaltig, als zwei Archäologinnen der Tübinger Universität, Maria Malina und Aleksandra Mistireki, im September 2008 eine Figur ausgruben, die sich als die älteste bisher bekannte menschliche Darstellung erwies: Die sechs Zentimeter hohe Venus aus Mammut-Elfenbein ist etwa 40.000 Jahre alt und aus der Periode Aurignacien und hat eine Anhänger-Öse statt Kopf. Bisher waren aus dieser frühen Zeit nur Darstellungen von Tieren und Tiermenschen bekannt. Diese mächtige Mutter – im Profil sieht sie hochschwanger aus – ist also der erste uns bekannte Mensch: ein Ur-Mensch.

Die schwäbische Venus stammt aus der Zeit, als die ersten Menschen vom Schwarzen Meer entlang der Donau durch Europa zogen, vom heutigen Rumänien bis in die Chauvet-Höhle in Frankreich. Damals schien es den Menschen so gut zu gehen, dass sie Zeit hatten für die Kunst: Sie schnitzten Plastiken, erfanden Musikinstrumente und bemalten Höhlenwände.

ArchäologInnen haben in den vergangenen 150 Jahren in diesem Gebiet über 200 solche Venus-Figurinen gefunden, die bekannteste ist die Venus von Willendorf, doch alle waren bisher nicht älter als 21–30.000 Jahre. Die Dame von der Schwäbischen Alb ist satte 10.000 Jahre älter. Das heißt, der Venus-Kult muss nicht nur sehr verbreitet, sondern auch recht dauerhaft gewesen sein.

Doch wer hat die Statuetten gefertigt? Und was wollen all diese Figuren uns sagen? "Im Licht blakender Feuer", fabulierte Der Spiegel, "mag der Künstler zur Tat geschritten sein". Denn erschaffen wurde die Figurine, die auch gut eine Plastik von Picasso sein könnte, von einem "Schnitzpionier", das ist klar für den Spiegel.

Und genau so eng männerzentriert und aus dem Heute gedacht, wie die Frage nach dem Schöpfer, wird in der allgemeinen Berichterstattung meist auch die Frage nach der Bedeutung der Figur auch von Experten beantwortet. "Nach den heutigen Maßstäben grenzt das Ganze an Pornografie", zitiert Der Spiegel den Urgeschichtler Paul Mellars. Und der Anthropologe Geoffrey Pope versteigt sich gar zu der Fantasie, hier handele es sich um handliche Erotik, "das paläolithische Äquivalent zu Playboy und Hustler." – Selbstredend vorausgesetzt, ein Urzeitmann habe sich die Venus zu seinem sexuellen Vergnügen geschnitzt …

Nicht minder haltlos, wenn auch weniger sexistisch, sind Interpretationen wie die, es handele sich hier um ein Fruchtbarkeitssymbol, und die schwäbische Venus habe ihrer Trägerin womöglich einen reichen Kindersegen bescheren wollen. Denn in dieser Zeit waren viele Kinder keineswegs ein Segen, sondern ein Fluch. Schließlich waren die Menschen noch nicht sesshaft, wie im Neolithikum, sondern zogen als Wildbeuter von Ort zu Ort. Da waren Kinder eher hinderlich. Große Abstände zwischen den Geburten sind in dieser Zeit auch von der Forschung belegt.

Nein, die Figur scheint, wie ihre Nachfolgerinnen – bei denen ebenfalls Brüste, Bauch und Vulva stark überbetont sind – eine Art Ur-Mutter darzustellen. Die spätere Gaia, die Ur-Göttin aus den griechischen Mythen, die ihren Sohn Uranos aus sich selbst gebar. Auch die Griechen kannten noch diese weiblichen Figuren mit der gewaltigen Vulva, die eine Personifizierung des weiblichen Geschlechtsorgans sind. Sie nannten sie Baubo – parallel zum männlichen Phallus. Von der Baubo, der potenten Frau, existieren auch in der viel späteren ägyptischen, antiken und frühchristlichen Kultur zahlreiche Darstellungen (der ungarisch-französische Psychoanalytiker Georges Devereux veröffentlichte bereits 1985 ein Buch darüber: "Baubo – die mythische Vulva").

Die bewusste Übertreibung der Geschlechtsmerkmale der Baubos und ihr demonstratives Zurschaustellen der Vulva deutet auf demonstrative Weiblichkeit. Schon der gebräuchliche Begriff "Venus" für die Baubos sagt, worum es hier geht: um Göttinnen.

Gerhard Bott ("Die Erfindung der Götter") weist darauf hin, dass "die Hervorhebung dieser nährenden und regenerierenden Merkmale der Ur-Mutter alles Lebendigen, ohne dass individuelle Gesichtszüge eine Bedeutung beigemessen wird, uns erkennen lässt, dass bereits diese Skulptur ein über-personales Prinzip verkörpert."

"Die ‚Venus vom Hohle Fels‘ bietet eine völlig neue Sicht auf die Kunst des frühen Jungpaläolithikums", vermeldet auch Nicholas Conard, der für die Grabungen verantwortliche Professor für Urgeschichte in Tübingen stolz. Sie "untermauert Argumente, die für die schwäbische Alb als ein bedeutendes Innovationszentrum bei der Herausbildung von Kennzeichen kultureller Modernität am Beginn des Aurignacien sprechen".

Die Venus aus der Hohle-Fels-Höhle eine Urgöttin – und ihr Schöpfer eine Ur-Künstlerin?

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