1999 - Vergewaltigung auf Befehl

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Ich arbeitete als Psychologin im Dienste der Vereinten Nationen. Meine Aufgabe war, in Tirana und Kukes direkte Informationen von den betroffenen Frauen über das, was ihnen widerfahren war, zu sammeln. Keine von ihnen verweigerte die Auskunft. Unsere Befragerin wurde von einer für die Gespräche mit Opfern sexueller Gewalt geschulten albanischen Übesetzerin begleitet. Die Aussagen ergaben folgendes Bild:  Seit mehreren Monaten erleiden Frauen im Kosovo nun sexuelle Aggressionen und Demütigungen. Wir haben einen sprunghaften Anstieg der Übergriffe ab der ersten Woche der Nato-Bombardements bemerkt. Die Nato-Bomben lösten die aggressiven Übergriffe aus. Gruppen junger Mädchen wurden zusammengetrieben und in einem Laster irgendwohin gefahren oder in einem verbarrikadierten Haus vor Ort gefangengehalten. Wollten sie Widerstand leisten, wurde ihnen gedroht, sie bei lebendigem Leibe zu verbrennen.

Gjafova, Pec, Drenitza, das sind die Orte, wo es besonders häufig zu Entführungen und Gruppenvergewaltigungen kommt. Die Frauen werden stunden- oder sogar tagelang von verschiedenen Männern vergewaltigt. Nach dieser Folter sind ihre Kleider zerrissen, ihre Rücken dreckverschmiert, sie haben Verletzungen auf der Brust, blaue Flecken an Armen und Beinen und Verbrennungen am ganzen Körper. Entsetzliche Schreie dringen in diesen Stunden aus einem solchen Haus.

Die Väter oder Brüder der Opfer, die eingreifen wollen, werden totgeschlagen. Eine junge Frau sah, wie ihre Nachbarin vor ihrem eigenen Haus zusammengeschlagen wurde, in dem ihre Töcher gefoltert wurden. Viele Zeugen beschreiben grauenerregende Szenen, wenn junge Mädchen aus ihren Familien gerissen und in einem Laster abtransportiert werden. Eltern oder Nachbarn haben sie nie wieder zu Gesicht bekommen.

Der Ehemann eines Opfers sah in Prizren ein Haus, wo im ersten Stock die Waffen untergebracht waren, im zweiten die Soldaten und im dritten an die 30 Frauen. Eine von ihnen versuchte zu fliehen. Sie wurde auf der Straße zu Tode geprügelt. Meist tragen die  Soldaten oder Paramilitärs Masken. Sie trennen Männer und Frauen, bilden einen Kreis um die Mädchen, reißen ihnen die Kleider vom Leib und zwingen sie, Dinge zu tun, die entwürdigend für einen Menschen sind.

Berlenitz war nach Zeugenaussagen Schauplatz einer solchen öffentlichen Folterung. Die kosovarischen Männer wurden von ihren Frauen getrennt. Maskierte Männer umzingelten die Kinder und Frauen. Die Folterer wetzten ihre Messer vor den Augen der zu Tode verängstigten Frauen und Kinder. Sie schnitten ihnen einer nach der anderen die Hälse durch. Manchen schnitt man vorher noch Ohren oder Nase ab. Dann wurden die Bäuche von einigen schwangeren Frauen aufgeschlitzt und die Föten mit der Messerklinge aufgespießt. Eine der Zeuginnen, eine 32jährige Frau, konnte sich retten, weil ihre Schwangerschaft noch nicht zu erkennen war.

In derselben Stadt wurden an die 30 Mädchen gezwungen, den bewaffneten Männern in ein Haus zu folgen. Dort wurden sie stundenlang vergewaltigt, während ihre Mütter draußen warten und die entsetzlichen Schreie der Opfer mitanhören mußten. Später kamen die weinenden Mädchen blutüberströmt und mit gebeugten Köpfen wieder heraus. Manche Männer oder Brüder, die eingreifen wollten, wurden sofort getötet. Die Leichen wurden von weiblichem Militärpersonal in einem Haus verbrannt.

An den Kontrollposten, wo die Soldaten Geld oder Schmuck verlangen, wurden die Frauen nackt ausgezogen, um sicherzugehen, daß sie alles gegeben hatten. Dann nahmen sich die Soldaten die jüngsten und hübschesten Mädchen vor – sie wurden von einem bis fünf Männern hintereinander vergewaltigt, dann wurden sie freigelassen. Die Opfer haben bemerkt, daß die Foltertrupps häufig einem Führer unterstellt sind, der im Land bekannt ist.

Die Frauen, die eine solche Folter durchmachen mußten, fühlen sich innerlich tot.

In einem Lager in Tirana forderte ein für eine internationale Organisation arbeitender Albaner per Megaphon die Frauen, die „sexuell angegriffen“ worden waren, auf, bei ihm vorzusprechen. Er verteilte viele Fragebögen, aber bekam nur zwei ausgefüllt zurück. Eine Frau, die drei Tage lang gefangengehalten und vergewaltigt worden war, sagte zu einer unserer Psychologinnen: „Wie soll ich mit diesem Albaner reden? Wir haben unseren Stolz, wir Kosovaren. Mit Ihnen hier ist das etwas anderes. Jetzt kann ich reden, wir sind unter uns.“

Da die MitarbeiterInnen der Hilfsorganisationen nicht dafür ausgebildet sind, mit einem so sensiblen Thema umzugehen, ließen sie zu, daß die Frauen ihre Geschichten vor den laufenden Kameras und Mikrophonen der Journalisten erzählten. Wir bedauern die sensationslüsterne Verbreitung der dramatischen Ereignisse in den Medien. Doch sie hat einen Vorteil: Jede kosovarische Frau kann nun erkennen, daß es nicht ihr allein widerfahren ist, und sich mit anderen Frauen darüber austauschen.

Unsere Empfehlungen werden bereits in die Tat umgesetzt: Verbände, die mit Flüchtlingsfrauen arbeiten, werden koordiniert; Freiwillige und medizinisches Personal werden gezielt ausgebildet. So kann ab sofort das psychologische Programm für Opfer sexueller Gewalt bei der Arbeit der verschiedenen Projekte angewandt werden.

 

Die Autorin ist Koordinatorin des Programms des UNFPA (Populations Fund der Vereinten Nationen) für Opfer sexueller Gewalt in Albanien und Mazedonien. Übersetzung: Antje Görnig.
 

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