Von der Leyen gegen Sexismus

© Johannes Eisele/AFP/Getty Images
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Sie ist gerade mal fünf Wochen im Amt, da liegt das Thema auf dem Tisch: Jede zweite der 18.800 Soldatinnen in der Bundeswehr wird sexuell belästigt. Das zeigt eine Studie des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, für die 3.058 Soldatinnen befragt wurden. Ein Skandal, der wohl noch weiter in einer Schublade des Verteidigungsministeriums verstauben würde, wäre nicht Ursula von der Leyen gerade Chefin dieses Ministeriums geworden. Die Befragung der Soldatinnen fand nämlich 2011 statt, ist also schon drei Jahre alt. Es dürfte kaum Zufall sein, dass sie jetzt öffentlich wurde.

Hinzu kommt: Die Studie wurde augenscheinlich glattgebügelt. Laut SpiegelOnline tauchten unangenehme Fragen, die noch in der Vorgängerstudie 2005 gestellt wurden, in der Studie von 2011 gar nicht mehr auf. So hatten 2005 drei Viertel der belästigten Frauen angegeben, sie hätten den Vorfall nicht gemeldet, weil sie sich ohnehin keine Konsequenzen erhofften - und wenn, nur negative.

100 Soldatinnen meldeten strafbare sexuelle Übergriffe.

Dazu hatten die Soldatinnen offenbar gute Gründe: Fast die Hälfte derer, die eine sexuelle Belästigung gemeldet hatten, erklärten, es habe entweder überhaupt keine Untersuchung gegeben oder diese sei stark verzögert worden. Ob sich dieser Missstand seit 2011 gebessert oder gar verschlimmert hat, ist nicht bekannt: Der zuständige Generalinspekteur hatte entsprechende Fragen aus dem Fragenkatalog gestrichen.

Dabei sind die Ergebnisse auch so schon deprimierend genug: Jede vierte Befragte gab zu Protokoll, ihr seien gegen ihren Willen pornografische Bilder gezeigt worden. Genauso viele Soldatinnen beklagten „unerwünschte sexuell bestimmte körperliche Berührungen“. Drei Prozent gaben sogar an, sie seien Opfer sexueller Übergriffe geworden. Das macht bei rund 3.000 befragten immerhin fast 100 Übergriffe im strafrechtlichen Bereich.

Das Phänomen ist nicht neu. Schon 2002, also ein Jahr nach dem Sturm der Männerbastion Bundeswehr durch die Frauen, berichtete EMMA über die ersten Belästigungen – und die erste Vergewaltigung in einer Kaserne. Auch die wollte der Vorgesetzte des Täters zunächst vertuschen.

Die Verteidigungsministerin will das Problem nun offenbar aus dem Dunkeln ans Licht holen und offensiv anpacken. „Die Bundeswehr braucht die fähigsten Köpfe“, sagte von der Leyen, „und davon sind ebenso viele weiblich wie männlich.“

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Ursula von der Leyen über Sexismus

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Wenn es um den Kampf gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz geht, blicken wir in unseren Debatten über kurz oder lang fast zwangsläufig über den Atlantik.

Von "amerikanischen Verhältnissen" ist dann die Rede – mal mit bewunderndem, mal mit empörtem Unterton. "Amerikanische Verhältnisse", was bedeutet das? Wenn Manager aus Sorge vor unberechtigten Vorwürfen lieber den Fahrstuhl verlassen, statt allein mit einer Mitarbeiterin in der Kabine zu bleiben; wenn Arbeitern im Rahmen von Benimm-Kursen beigebracht wird, Kolleginnen nicht länger als fünf Sekunden anzuschauen, weil dies sonst als Belästigung mit Blicken gewertet werden könnte – dann ist dies zunächst einmal… überhaupt kein Drama.

Für Frauen gehört es seit jeher zum Alltag, sich vor dem Betreten eines Fahrstuhls zu fragen, was das denn für ein Mann ist, mit dem sie die nächsten Sekunden oder Minuten allein auf engstem Raum verbringen werden. Frauen fragen sich jeden Morgen, welche Signale sie mit ihrer Kleidung in der Firma aussenden – und ob diese missverstanden werden könnten.

In den USA hat sich dieses Bewusstsein unter dem Druck einer Rechtsprechung entwickelt, die den Arbeitgeber in Fällen von "sexual harassment" mit in Haftung nimmt. Nicht nur, dass Belästigern klare Konsequenzen bis hin zur Kündigung drohen. Die Firmen werden von den Gerichten auch zur Verantwortung gezogen, wenn sie das Entstehen eines "hostile environment" nicht unterbinden, also eines Arbeitsklimas, in dem Beschäftigte leichter zu Opfern sexueller Belästigung werden. Da die Beweislast inzwischen bei den Unternehmen liegt und Schadensersatzzahlungen leicht Millionenhöhe erreichen, kann es sich kein amerikanischer Arbeitgeber mehr leisten, das Thema auf die leichte Schulter zu nehmen.

Man mag solche Verhaltensmaßnahmen für verkrampft halten und für übertrieben. Positiv ist dennoch, dass in den Betrieben ein Bewusstsein für das Thema eingefordert wird und dass eindeutige, klare Regeln die Toleranzschwelle gegenüber sexuellen Belästigungen unmissverständlich markieren.

Um diesen Gedanken sollte sich auch die Debatte bei uns drehen. Wie schaffen wir den offenbar dringend notwendigen Bewusstseinswandel, ohne bei den Instrumenten über das Ziel hinauszuschießen?

Selbstverständlich ist nichts verkehrt daran, dort auf Partnersuche zu sein, wo man einen Großteil seiner Zeit verbringt – wenn dies zwei Menschen auf Augenhöhe betrifft. Und es ist meiner Meinung nach auch nichts gegen einen Flirt einzuwenden – solange beide es wollen und die Machtverhältnisse gleich sind. Aber nichts ist mehr in Ordnung, wenn dies einseitig geschieht und insbesondere in einem Abhängigkeitsverhältnis. Die große Mehrheit der Männer sieht das übrigens auch so und hält sich daran.

Wird dieser Common Sense allerdings gebrochen, tut sich eine Grauzone auf. Wir wissen aus Umfragen: Mindestens jede fünfte Frau hat schon einmal sexuelle Belästigungen am Arbeitsplatz erlebt. Jedoch ist die Zahl derjenigen, die sich tatsächlich wehren, notfalls auch vor Gericht, eher gering. Das spricht für eine hohe Dunkelziffer. Dahinter steht häufig Unkenntnis über die eigenen Rechte, nicht selten auch Scham. Dahinter steht aber auch die konkrete Befürchtung, nach einer Beschwerde erst recht berufliche Nachteile zu erleiden.

Die aktuelle Debatte trägt deshalb auch dazu bei, insbesondere den Frauen deutlich zu machen: Du hast jedes Recht, das nicht zuzulassen! Opfern sexueller Belästigung steht nicht nur im Strafrecht (Straftatbestand der sexuellen Nötigung) oder im Zivilrecht (Verletzung des Allgemeinen Persönlichkeitsrechts) die Möglichkeit offen, sich gegen ihre Belästiger zu wehren. Mit dem "Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz" von 2006 besteht auch ein arbeitsrechtlicher Anspruch gegenüber dem Arbeitgeber, sexuelle Belästigungen am Arbeitsplatz zu verhindern und deren Verursacher zu sanktionieren – per Abmahnung, Versetzung, notfalls auch Kündigung.

Viele Männer fühlen sich durch die aktuelle Sexismusdebatte unter Generalverdacht gestellt. Das darf nicht sein. Aber viele, zu viele Frauen können eine Situation aus ihrem Arbeitsleben schildern, in der sie – meist in jungen Jahren – tiefe Scham, Ohnmacht und Wut gespürt haben, wenn ein Kollege seine Position ausnutzt und die Grenzen überschreitet.

Über die Grenze sollte aber kein Zweifel bestehen. Hier spielt die Atmosphäre in den Betrieben eine ganz große Rolle. Die Furcht vor Gegenwehr ist dort besonders groß, wo das Klima Raum für Zweideutigkeiten lässt, wo sexuelle Belästigung eben nicht eindeutig geächtet ist. Das Gegenteil sollte bei uns Standard sein. Aber wie kommen wir dahin? Braucht es wirklich erst spektakuläre Prozesse und Schadensersatzzahlungen in Millionenhöhe wie in den USA, bevor sich das Klima wandelt?!

Wenn man berücksichtigt, dass Übergriffe dort besonders häufig vorkommen, wo ein großes Machtgefälle zwischen Tätern und Opfern herrscht, wenn man zudem bedenkt, dass eine Unternehmenskultur stets von der Spitze her geprägt wird, lautet meine Antwort: Wir brauchen Unternehmen, die "divers" sind. Unternehmen, in denen Frauen bis in die Spitze hinein ganz selbstverständlich auf allen Führungsebenen vertreten sind. Nicht, weil Frauen die besseren Menschen sind. Sondern weil Monokulturen in einseitigen Blickweisen verharren – und weil diese von inoffiziellen Netzwerken geprägt sind, in denen bemäntelt wird, was offen angesprochen und unterbunden werden müsste.

Deshalb: Weg mit den Monokulturen in den Chefetagen! Ein Klima, das von Gleichberechtigung und gegenseitigem Respekt geprägt ist, nutzt nicht nur den Frauen im Betrieb, sondern auch all den Männern, die sich selbst Augenhöhe wünschen und die Herrenwitze schon lange nicht mehr witzig finden. Den meisten also.

Ursula von der Leyen

Der Text wurde zuerst veröffentlicht in dem EMMA-Buch bei KiWi: "Es reicht! Gegen Sexismus im Beruf", Hrsg. Alice Schwarzer (8.99 €). Im EMMA-Shop kaufen

 

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