Baby, mach einfach weiter!

Julia Engelmann beim Poetry-Slam an der Uni Bielefeld.
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Damit hatte Julian, 21 Jahre alt, nicht gerechnet. Es war doch nur ein Poetry-Slam-Auftritt an der Uni Bielefeld! Und der ist auch noch fast ein ganzes Jahr alt! Aber plötzlich: Über vier Millionen Klicks für dieses Video zu seinem „One Day/Reckoning Text“. Angelehnt an den Hit „One Day/Reckoning Song“ des israelischen Musikers Asaf Avidan. Zigfach geteilt auf Facebook und Twitter. Eine ganze Generation junger Männer (und auch Frauen) findet sich in Zeilen wieder wie „Mach-ich-später ist die Baseline meines Alltags“; oder „Mut ist nur ein Anagramm von Glück“; oder „Lass mich begeistern von Leichtsinn – wenn ein anderer ihn lebt.“

Mach-ich-später ist die Baseline meines Alltags.

Wie schlau, dass schon am zweiten Tag des Youtube-Wunders Julians bester Kumpel den Online-Shop für die Stofftaschen mit Zitaten aus dem Text eingerichtet hat. Und seit Harald Martenstein auch noch im Zeit Magazin seine Kolumne über die „Neuen deutschen Jungs“ geschrieben hat, sind die Feuilletons von FAZ bis Süddeutsche voll von subjektiv angehauchten Geschichten über Männer wie Julian. Gestern hat auch Udo Lindenberg angerufen, und sich die Rechte für die Vertonung gesichert. Udo und Julian im Duett. Produziert von Jan Delay. Spätestens jetzt kommt ZDF-Moderator Jan Böhmermann auf die Idee, Julian in seine Sendung einzuladen. Zusammen mit Matthias Schweighöfer, Yoko und Klaas.

So läuft das mit den Hypes. Zumindest fast.

Sie ahnen es schon: Es wird Zeit für eine bedeutende Korrektur. Ja, der besagte Poetry-Slam-Auftritt in Bielefeld hat tatsächlich im Frühling 2013 stattgefunden. Und ja, der „One Day/Reckoning Text“ hat sich vor nur wenigen Tagen zu einem (leicht verspäteten) Youtube-Hit entwickelt. Und noch mal ja, Deutschland steht seither Kopf bar einer jungen Stimme, die Sehnsüchte und Sorgen ihrer Generation so treffend in Worte fasst. „Dieses Video könnte ihr Leben verändern“, findet stern.de.

Nur Julian, der heißt ja eigentlich Julia. Julia Engelmann, 21 Jahre alt, Psychologie-Studentin aus Bremen. Und was tatsächlich passiert ist, seit der Mitschnitt ihres Auftritts durch die Decke ging, das erzählt eine Menge darüber, wie unterschiedlich die Reaktionen sind, wenn es eben nicht ein hübscher junger Mann, sondern eine hübsche junge Frau ist, der ein solcher Internet-Coup gelingt.

Solche Frauen werden von Jan Böhmermann nicht in die Sendung eingeladen. Sondern mit einem Kübel Spott übergossen. „Eines Tages, Baby, werden wir alt sein. Und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können. Google-Suche, Dawanda-Shop, meine Ebay-Auktion läuft gleich aus. Doch dann Baby, kam das nächste süße Katzenvideo und die nächste Masturbationsgelegenheit.“ Und weiter: „Am Ende, Baby, haben wir das Video vergessen, das sentimentale Video, Baby, von der süßen Poetry-Slammerin aus Bremen“.

So tönt es in der so genannten „Parodie“ des bekannten 32-jährigen TV-Moderators auf den Auftritt der bisher eher unbekannten 21-jährigen Julia Engelmann. Und so tönte es zeitgleich in den Kommentarspalten der Online-Medien, die Julia Engelmanns Video veröffentlichten: „Da bluten mir die Ohren. Es tut mir leid, aber ich habe selten so einen talentfreien Menschen erlebt.“ Oder: „Allein die Stimme von der Alten kann man nach zwei Minuten nicht mehr ertragen, von dem sinnlosen Gequatsche ganz zu schweigen.“ Auf die erste Euphorie folgten wie im Netz üblich: Hass und Häme. Eine Bloggerin erklärte, dass sie jedem, der ihr das Video noch mal vorspiele, das „behaarte Gesicht eintritt“.

Und auch die Journalisten lassen sich von einer wie Engelmann nicht aufs Eis führen! „Exakt kalkuliert!“ deckte u.a. die Süddeutsche Zeitung auf. Julia Engelmann, erfahren wir, hat zwei Jahre in einer RTL-Soap mitgespielt! Die hieß „Alles was zählt“ und Julia mimte eine Eishockeyspielerin. Und als wäre das noch nicht genug: Davor ist sie auch noch am Theater in Bremen aufgetreten. Deshalb folgert die SZ: „Die neue Starpower des Internet unterscheidet sich nicht sehr von der alten. Und auch der virale Effekt verdankt sich nicht der natürlichen Spontaneität von Julia Engelmann. Ihr Video wirkt durch die Ästhetik, nicht durch die Wahrhaftigkeit.“ Klar: Julia Engelmann tut also nur so, als wäre sie eine Amateurin. Die war ja gar nicht aufgeregt! Die ist doch professionelle Schauspielerin! Die hat uns alle getäuscht!

Ebenso wenig lässt sich die Zeit von dem „harmlosen Kitsch“ beeindrucken. Da werden Referenzen „vom diffusen Unbehagen in der Kultur (Freud)“ bis hin zu „zur entmenschlichenden verwalteten Welt (Adorno)“ gezogen. Zusammengefasst also Gedanken von längst verstorbenen Männern, an die die „schnulzigen Wendungen“ der Engelmann einfach nicht herankommen. Aber, aber: „Man muss von einem Poetry-Slam-Text nicht unbedingt glutvolle Systemkritik erwarten.“

Solche Sätze stammen übrigens von einem Autor, der dem Foto nach nur ein paar Jahre älter als Julia Engelmann sein kann. Und klar: Julia Engelmann ist eine leidige Amateurin! Die kann nix! Die hat uns alle getäuscht!

Ich kann nur bekennen: Stimmt, ich bin neidisch.

Eine Frau wie Julia kann es also eigentlich nur falsch machen.

Bloggerin Laura zumindest bringt das offensichtliche Kernproblem in ihrer Schmähkritik über Engelmann herrlich offen auf den Punkt. „Ich höre förmlich schon die Reaktionen auf diesen Artikel, die mir einen krankhaften Neid attestieren. Dazu kann ich nur bekennen: Stimmt, ich bin neidisch.“ Chapeau vor so viel Ehrlichkeit.

Und es geht noch weiter: In seiner aktuellen Ausgabe veröffentlicht auch der Spiegel eine Seite über die junge Frau, die „Deutschland bewegt“. Eine Symbolfigur, die sich verweigert. Ausgerechnet über die Mutter, erfahren wir, ließ Julia Engelmann mitteilen, dass sie den „ganzen Rummel“ erst mal verdauen muss, bevor sie sich der Presse stellt. Der Spiegel folgert: „Keine Konfrontation heißt: Kein Ärger. Es scheint, als würde sie ihren Auftritt am liebsten rückgängig machen“.

In einem Videointerview, das der Kulturverein „Klub Dialog“ aus Bremen im Herbst 2013 nach einem Auftritt von Engelmann gedreht hat, lernen wir eine bedachte, sympathische Frau kennen, die heute lieber Psychologin als Serien-Schauspielerin werden möchte. Mit einem Stapel Notizbüchern in der Hand, in denen sie ihre Gedanken notiert, bevor daraus Texte werden.

„Stille Wasser sind attraktiv“ hieß ihr Programm, mit dem sie 2012 auftrat. Es beginnt mit den Sätzen: „Ich rauch nicht und ich kiff zu selten. Viel trinken tu ich auch nicht. Ich mach keine Deine-Mutter-Witze. Was kann ich eigentlich?“ Julia trägt einen Femen-Blumenkranz im Haar und als sie loslegt, ruft jemand im Publikum: „Lauter, bitte!“ Besonders kalkuliert wirkt das nicht.
 

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