In der aktuellen EMMA

Vor 49 Jahren: Mutterhass

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„Am liebsten würde ich meine drei Kinder umbringen. Und mich selbst hinterher.“ Hella S., 36 Jahre alt, Hausfrau.

Etwas über ein Jahr ist es her, seit Hella S. das eines Abends zu mir sagte. Ich war entsetzt. Sie hat drei Kinder. Ein Mädchen, zwei Jungen. Sie hat keinen Beruf gelernt. Sie ist seit 17 Jahren verheiratet. Ich weiß, dass ihre Ehe eine „normale“ ist. Nicht besonders glücklich: „In der Liebe ist er kein großer Künstler.“ Aber auch nicht sonderlich unglücklich. Nach außen hin stimmt die Fassade vom glücklichen Familienleben. 

Sie leben in einem Vorort von Hamburg. Reihenhäuser, in jeder Parzelle eine Familie. Die Häuser sind etwa zehn Jahre alt, ihren Bewohnern gehören sie noch nicht ganz, aber sie sind schon unansehnlich geworden. Kleine Gärten hinter jedem Haus, Sandkästen, Schaukeln, Kinderfahrräder und Roller. Hier wohnt, wer Kinder hat. Ein Einkaufszentrum für den täglichen Bedarf. Die Männer arbeiten in der Stadt, 40 Minuten mit der U-Bahn. Ein normales „Glück“. Warum also … „Ich halte es nicht aus. Mich gibt es gar nicht mehr. Ich habe mir alles, die Ehe, das Kinder-Haben, ganz anders vorgestellt. Wenn ich gewusst hätte, was es bedeutet, Kinder zu haben, ich hätte es nie getan.“

Seither sehe ich mir Mütter aufmerksamer an. Wie sie im Kaufhaus ihre Kinder ungeduldig hinter sich herzerren, wie sie in der Straßenbahn bei dem Laut eines Kindes diesem gleich mit Schlägen drohen; wie sie Kinder auf der Straße schlagen, wie sie sagen: „Am liebsten würde ich mein Kind über den Balkon schmeißen.“ Oder: „Manchmal könnte ich die Kinder einfach an die Wand klatschen.“ Freundinnen, denen ich sagte: „Ich möchte mal was schreiben über die Aggressionen der Mütter gegen ihre Kinder“, antworteten: „Da kann ich dir allerhand erzählen. Du musst mich nur fragen. Obwohl es ja furchtbar ist. Geht es denn anderen Müttern genauso?“

Seither lese ich Statistiken mit anderen Augen. Die Geburtenrate geht seit Jahren zurück. Die neueste Prognose: Im Jahr 2030 wird die Bevölkerung der BRD von gegenwärtig 57 Millionen auf 39 Millionen schrumpfen, falls die rückläufige Entwicklung der Geburtenzahlen anhält. Sogar der Vorsitzende der „Deutschen Gesellschaft für Bevölkerungswissenschaft“ denkt dabei an das „gewandelte Rollenverständnis der Frauen“: „Wenn wir wollen, dass die Ehen wieder Kinder haben, müsste den Frauen nach der Geburt eines Kindes und dessen Versorgung in der ersten Lebenszeit die Rückkehr an den alten Arbeitsplatz oder einen gleichen Arbeitsplatz garantiert werden.“

Und seither lese ich in der Zeitung jene kleinen Meldungen, die man immer liest. Und dann übergeht. Sie sind ungeheuerlich und doch banal. Kaum der Rede wert.

• Die 35-jährige Hausfrau S. K. ertränkte ihre beiden Töchter in der Badewanne. Ihr Versuch, sich selbst zu ertränken, misslang. Sie gab an, es sei „einfach über sie gekommen“. Die Einsamkeit am Rande eines Stadtteils habe wohl eine Rolle gespielt. Allem Anschein nach hatten die K.’s bis dahin ein ungestörtes, harmonisches Familienleben geführt. (Frankfurter Rundschau, 3.3.76)

• Die 32-jährige Helga N. ertränkte ihre drei Kinder in der Badewanne. Als sie verhaftet wurde, sagte sie: „Ich verstehe nicht, warum hier so viele Leute sind. Wenn man jemanden braucht, ist niemand da.“ (Stern 45, 1975)

• Eine 27-Jährige tötete ihr Neugeborenes, weil sie Angst hatte, ihrem Freund die Schwangerschaft zu gestehen. Er mochte Kinder nicht. Sie fürchtete, ihn zu verlieren. Auch an ihrem Arbeitsplatz hatte man nichts von ihrem Zustand bemerkt. Sie ließ sich unter dem Vorwand beurlauben, die Handwerker kämen. Aber die beginnenden Wehen waren der Grund. Allein brachte die Frau nachts ein Mädchen zur Welt. „Ich habe ein Kissen draufgelegt, weil ich es ersticken wollte“, sagte sie, „aber das hat nicht geklappt.“ Nach weiteren misslungenen Tötungsversuchen hatte sie dem in eine Plastiktüte gesteckten Baby im Keller den Schädel zertrümmert, den Leichnam in einen Pappkarton gelegt und einfach stehen lassen. Sie bekam drei Jahre. (Tagesspiegel, 19.12.75)

Am Tag, an dem ich beginne, diesen Artikel zu schreiben:

• Eine 29 Jahre alte Stenotypistin hat in einer Plastikbadewanne ihr zwei Monate altes Baby ertränkt. Anschließend ging die verheiratete Frau auf den Dachboden des Einfamilienhauses und erhängte sich. Die Polizei vermutet seelische Depressionen als Motiv für die Tragödie. (SZ, 25.2.77)

Diese Aufzählung ließe sich endlos weiterführen. Die Fälle gelten als monströse Verbrechen. Als Ausnahmen. Sie sind Verbrechen wider die „Natur der Frau“, gegen den sogenannten „Mutterinstinkt“. Unbegreiflicher als jede andere Tat. So behauptet die Volksmeinung. So behauptet es die herrschende Ideologie. So urteilen die meisten Gerichte. Die Frauen allein sind schuldig. Nach den Männern wird, wenn sie nicht direkt an der Tötung beteiligt waren, nicht gefragt.

Die Väter setzen sich, so erzählte mir Elisabeth Trube-Becker, Professorin am gerichtsmedizinischen Institut in Düsseldorf, manchmal in den Gerichtssaal und verfolgen die Verhandlung neugierig-distanziert. Als hätten sie nichts damit zu tun. Sie haben die „Natur“ nicht verletzt. Nicht gegen den Mutterinstinkt verstoßen. Einen „Vaterinstinkt“ kennt unsere Sprache und Kultur nicht. Also sind sie auch ohne Schuld.

Und die Frauen? Sie verleugnen ihre Tat, die niemand verstehen kann. Ein Anwalt sagte mir über seine Mandantin: „Sie ist im Gefängnis, sie will nicht sprechen, nicht denken, mit der Sache ist bei ihr für immer Schluss.“

Aber: Sind diese Frauen wirklich Monster? Sind es Ausnahmen? Haben ihre Aggression, ihre Verzweiflung und Grausamkeit mit dem Leben der anderen, der „normalen“ Frauen nichts gemein? Oder stoßen wir nicht bei diesem Verbrechen, wie bei jedem anderen auch, nur auf die Spitze eines Eisberges, unter dem sich die ganz normale Misere verbirgt, die nur manchmal und zufällig zur Katastrophe führt? Könnte nicht fast jede Mutter in diese Situation geraten? Weil fast jede unter ähnlichen Umständen lebt?

Ich sprach mit Rita B. Sie ist 25 Jahre alt und hat eine fünfjährige Tochter. Sie wohnt in einem Vorort von Köln. Eine halbe Stunde geht es mit der Bahn durch verstreute Industrien und Wohngebiete, dann kommt man an den Ort mit den Einfamilienhäusern. Die Männer arbeiten tagsüber in Köln, die Frauen sind zu Hause. Es gibt kein Café, kein Kino. Mittags gehen die Frauen mit ihren Kindern in den Supermarkt. Nur wenige sprechen miteinander. Sie mustern sich ängstlich.

Rita ist sehr hübsch und sehr lebhaft. Was sie erzählt, scheint nicht zu ihr zu passen. Geheiratet hat sie, weil ein Kind unterwegs war. „Ich habe mir nie Gedanken gemacht, warum eine Frau zu Hause ist, kocht und putzt, Kinder hat. Plötzlich war ich selbst da drin. Ganz schnell hing mir alles zum Hals heraus. Das Aufräumen, der ganze Scheiß. Ich war oft schon so irre, dass ich das Spülwasser hab einlaufen lassen und es war gar nichts zum Spülen da.“

„Und dann hatte ich Ängste. Das war das Schlimmste, was man so kriegen kann. Ich saß hier und das Wohnzimmer hat sich verkleinert. Ich hab gedacht, ich sei schizophren. Ich kam mir ganz allein vor. Ich hab das Fenster aufgerissen, hatte verrückte Herzschmerzen und dachte, jetzt stirbst du sicher. Dann hab ich einen Heulkrampf gekriegt und bin mit einer Nachbarin zum Arzt gerannt. Der sagte, sie sind ganz gesund. Das sind psychosomatische Störungen. Ich sollte mal unter Menschen in eine Kneipe gehen. Aber wie sollte ich dahin gehen? Da werde ich doch gleich angepöbelt. Und ich kann meine Tochter doch nicht allein lassen … Ich bin zu meiner Nachbarin gegangen, die hat gebügelt. Ich hab mich daneben gesetzt und fand es wohltuend und beruhigend, dass einfach jemand in meiner Nähe war.“

„Und ihre Tochter“, frage ich, „die gab es doch auch?“ 

„Meine Tochter ging mir auf den Wecker, ich hätte sie am liebsten die Treppe runtergeschleudert. Sie hat immer an mir gehangen. Ich war so am Ende, so total hin. Jeden Tag bekam ich diese Angstzustände, sobald ich mit meiner Tochter allein war. Eine Angst, ich würde mich verlieren. Alles ging so weit von mir weg. Ich war so furchtbar viel allein. Ich dachte, ich würde sterben. Es gab wenige Leute, die mir mal zugehört haben und mich nicht total irre fanden.“

„Schon wie ich das Kind bekam, das war so irr. Im Entbindungssaal dachte ich nur, das musst du jetzt über dich ergehen lassen. Dann wurde mir gesagt, es sei ein Mädchen. Ich habe mich nicht gefreut. Ich war froh, dass ich meinen Bauch weghatte. Ich hab gar nicht nach dem Kind gefragt. Am nächsten Tag brachte man mir dann die Kleine. Ich dachte nur: Komisch. Ich hatte ja Gott sei Dank in der Ausbildung schon mit Kindern gearbeitet. So war das halt wie eine normale Arbeit für mich.“

„Und die Muttergefühle?“

„Nein, Mutterglück empfand ich nicht. Das Kind wurde von anderen Leuten mehr bewundert als von mir. Und dann musste ich stillen, das mochte ich überhaupt nicht. Es ging mir auf die Nerven. Es ist meine Brust, ich wollte das nicht. Die hat an meinem Körper genuckelt, es tat weh und sie war mir angesetzt wie ein Blutegel. Ich war da sehr gehässig. Das ist natürlich unwahrscheinlich brutal, aber ich habe nichts Gutes dabei empfunden. Ich guckte immer auf die Uhr und dachte, jetzt kommt es schon wieder.“

„Muttergefühle hatte ich eigentlich noch nie! Wenn die jetzt da draußen so wüst rumfetzt, denke ich oft, ob ihr wohl was passiert? Manchmal habe ich gedacht, vielleicht wünschst du dir auch den Tod des Kindes.“

Und warum hat sie diese Aggressionen gegen ihr Kind? „Ich will raus. Ich will endlich mal wieder für mich leben. Ich will endlich wieder ich sein. Ich sitze hier wie angekettet und kann nichts machen. Und ich habe keine Lust, mit meiner Tochter etwas zu machen. Nicht ums Verrecken. Ich gebe ihr die Schuld, dass ich so viel entbehren muss. So gönne ich ihr, dass sie da auch so hängt. Aber dann kommt das Schuldgefühl. Es ist alles vermischt. Ich habe schon angefangen zu beten und gedacht, was hast du nur verbrochen, dass du das Kind kriegen musstest.“

Ritas Tochter spürt die Ablehnung der Mutter. Sie verbündet sich mit anderen gegen sie. Ihr Verhältnis ist nicht besonders gut. „Auf Schritt und Tritt ist mir das Kind nachgerannt. Ich hab sie weggeschubst. Mama, Mama, ging es den ganzen Tag. Ich sagte nur: Verschwinde, ich kann das nicht mehr ausstehen. Ich habe die Tür zugeschlossen und sie nicht mehr reingelassen. Und wenn die anderen sie dann süß fanden, dann kam mein schlechtes Gewissen. Ich dachte, wenn die wüssten, wie ich zu dem Kind bin. Und dann habe ich mit dem Gedanken gespielt, wenn sie doch jemand adoptieren würde. Eigentlich darf man das ja alles nicht aussprechen. Es ist jedenfalls nicht so, wie es in den Zeitungen und in den Büchern steht.“

Seit einiger Zeit hat Rita in ihrer Siedlung eine Freundin. „Ich sah sie immer mit einem kleinen traurigen Gesicht ihren Kinderwagen zum Supermarkt schieben, da habe ich sie einfach einmal angesprochen.“ Mit ihr redet Rita auch über ihre Wut, ihren Hass auf die Tochter. „Und ich weiß jetzt, dass sie genauso auf ihr Kind reagiert. Sie schlägt es auch und sperrt es manchmal aus.“

Gemeinsam werden beide nun besser mit ihren Schuldgefühlen fertig. Der Alltag ist manchmal leichter. Und ein wenig ist Rita der Isolation, dem „Käfig“, wie sie ihre Wohnung nennt, entkommen. Aber das ist nicht viel. Glücklich werden sie und ihre Tochter deswegen nicht. Wo liegt die Misere?

Sicher: Biologisch ist die Mutterschaft Frauensache. Nur Frauen können Kinder austragen. Sozial aber ist die Mutterschaft nicht notwendig unsere Sache. Wir wissen heute: Entscheidend für ein Kind ist, dass es eine feste gefühlsmäßige Bindung an eine oder mehrere Personen hat. Ob diese Person ein Mann oder eine Frau, oder gar die biologische Mutter ist, das ist gleichgültig.

Das sind die Fakten. Erzählt wird uns: Erst wenn eine Frau biologisch Mutter wird, wird sie zur vollwertigen Frau. Erst wenn eine Mutter nach der biologischen auch die soziale Mutterschaft verantwortlich übernimmt, gehorcht sie ihrer „Natur“, ihrem „Instinkt“, findet sie das ihr bestimmte wahre Glück.

Die Wirklichkeit sieht anders aus. Wir kennen sie. Als Mütter, als Töchter, als Freundinnen, Kolleginnen und Nachbarinnen von Müttern. Es gibt viele Frauen, die werden Mütter, ohne sich dafür entschieden zu haben. Sie haben nie die Freiheit gehabt, nachzudenken, ob sie überhaupt ein Kind haben wollen. Frauen haben nun mal Kinder. Oft werden sie ungewollt schwanger wie Rita B. Und sind dann plötzlich allein konfrontiert mit einer Verantwortung, die die nächsten zwanzig Jahre ihres Lebens wesentlich bestimmt.

Es gibt viele Frauen, die wünschen sich bewusst Kinder. Doch auch sie werden durch eine kinderfeindliche Umwelt – in der Vaterschaft nicht viel mehr bedeutet als ein Spaziergang am Sonntag – unfrei gemacht. Sie sind nicht Mütter, sondern Sklavinnen ihrer Kinder. Ihnen wird ein Leben zugemutet, das kaum ein Mann freiwillig oder gar im Namen seiner Natur akzeptieren würde. Aus Wunschkindern werden Störenfriede.

Die Frauen leben mit ihnen isoliert, können außer in ihren vier Wänden kaum mehr Erfahrungen machen, geben meist ihren Beruf auf, wenn sie überhaupt eine Ausbildung beendet hatten und vor allem – sie sind mit der Verantwortung für die Kinder allein gelassen.

Allein gegenüber einem Heer von Experten, von Pädagogen und Psychologen, die ihnen diktieren, wie sie dem Gedeihen der Kinder jeweils zu dienen haben. Und diese Diktate wechseln mit den wechselnden Interessen der Herrschenden. Als im Krieg die Frauen in Amerika in der Produktion gebraucht wurden, da predigten die Psychologen ihnen, ihre Kinder nicht zu stillen, sondern sie schnell zu entwöhnen. So würden sie zu größerer Autonomie gelangen.

Als nach Kriegsende die Frauen wieder in die Familien zurückgeschickt wurden, da empfahlen die Psychologen, die Kinder zu stillen, um Intimität und Urvertrauen herzustellen. Dass die Mütter bei diesen Manövern auf der Strecke bleiben – das kümmert wenige. Sie sind verunsichert von wechselnden Erziehungsprogrammen, die niemals optimal zu erfüllen sind. Sie sind voller Schuldgefühle, denn die aufopferungsbereite Mutterliebe, die die Norm verlangt und die nichts anderes bedeutet als Selbstverleugnung, die ist nur von wenigen zu schaffen. Eine glückliche Beziehung zwischen einer Frau und ihrem Kind ist unter diesen Umständen sehr schwer. Fast immer sind die Frauen auch allein gelassen von ihren Männern. 

Wie war es früher mit den natürlichen Qualitäten der Frau: Der „Mutterliebe“, dem schützenden „Mutterinstinkt“?

• In matriarchalischen Gesellschaften war Kindestötung eine tolerierte Form der Geburtenregelung.

• Auch bei den Germanen wurden Kinder getötet, die überflüssig schienen.

• Abtreibung scheint erst eine Folge des Kindestötungsverbots zu sein, da sie für die Gesundheit der Mutter gefährlicher war und auch den Milchfluss, der bei Tötung des Neugeborenen den früher geborenen Kindern zugute kam, nicht einleitete.

• Philippe Aries, französischer Historiker, schreibt in seiner „Geschichte der Kindheit“: „In erster Linie würde ich die Aufmerksamkeit auf ein Phänomen lenken, über das man jetzt mehr in Erfahrung zu bringen beginnt: auf den geduldeten Kindesmord, der sich bis Ende des 17. Jahrhunderts hartnäckig gehalten hat. Es handelt sich dabei nicht um eine akzeptierte Praxis, wie es die Aussetzung in Rom war. Der Kindsmord war ein Verbrechen, das schwer bestraft wurde. Dennoch wurde er wohl insgeheim recht häufig praktiziert, und zwar als Unfall getarnt. 

Die Beziehung zwischen Müttern und Kindern war ambivalent. Das Stillen zum Beispiel, heute zu einem der glücklichsten Momente „symbiotischer Vereinigung“, vollkommener Verschmelzung von Mutter und Kind deklariert, galt im Mittelalter als eine Aggression des Kindes gegen die Mutter. Die Muttermilch hielt man für „weißes Blut“, das das Kind der Mutter aussaugte und ihr so die Kraft raubte.

Kinder waren eine nützliche Notwendigkeit: den Aristokraten dienten sie zur Erhaltung ihres Geschlechts, der Bourgeoisie der Vererbung der Güter, den anderen dienten die Kinder zur Versorgung im Alter. Den ganz Armen waren Kinder – legale – versagt. Bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts war in deutschen Ländern die Ehe nur da erlaubt, wo die Familienernährung ökonomisch garantiert war. Das Gesinde zum Beispiel durfte nicht heiraten. Als die Ehe dann für alle freigegeben wurde, begründete kein Gesetzgeber diesen Schritt mit einem „natürlichen Kindeswunsch“, dessen Erfüllung auch den Armen endlich ein reifes und sinnvolles Leben ermöglichen sollte. Die Ehe wurde freigegeben, weil bei beginnender Industrialisierung mehr Arbeitskräfte, auch die billige Arbeitskraft der Kinder gebraucht wurde. 

Und heute?

In unserer Gesellschaft ist das Leben aller Menschen in winzige Parzellen zerstückelt worden. Die Städte sind zerstört. Man wohnt in Schlafstädten, arbeitet im Zentrum, vergnügt sich in Freizeiteinrichtungen. Die Altersgruppen sind voneinander getrennt und in Ghettos gesperrt. Das ist für niemanden gut. Nicht für die, die morgens und abends eine Stunde in die Fabrik fahren. Nicht für die Alten, die aus dem normalen Leben verbannt sind.

Und nicht für die Frauen. Sie, wir vor allem sind die Opfer.

Wir werden gezwungen, zwischen zwei Möglichkeiten zu wählen, die uns beide unglücklich machen: Entweder wir werden eine gute Ehefrau und Mutter, geben unser eigenes Leben auf, sind nur noch für den Mann und die Kinder da und bekommen spätestens mit vierzig einen Hausfrauen-Koller. Oder aber wir verzichten auf Kinder, obwohl wir vielleicht doch gern welche gehabt hätten …

Das sollten wir dieser Männergesellschaft am meisten verübeln: Dass sie uns daran hindert, freiwillig und in Freiheit Kinder zu haben, da wo wir sie wollen! Dass uns heute Bedingungen zugemutet werden, die fast jede Mutterschaft zur Sklaverei ausarten lassen!

Väter können Kinder haben, ohne ihren Beruf aufzugeben. Zu ihnen sagt kein Schulpsychologe: „Ihr Kind stottert, kein Wunder, wenn Sie berufstätig sind.“ Sie werden von keiner Schwiegermutter dumm angeguckt, wenn die Kinder schlechte Zeugnisse nach Hause bringen. Sie müssen nicht krank feiern, wenn das Kind die Masern hat.

Kinder sind nicht nur für Frauen, sondern für die gesamte Gesellschaft da. Also soll diese Gesellschaft, sollen Männer und Staat auch Verantwortung übernehmen. Kinder sind nicht die Privatangelegenheit von Frauen, sind kein persönlicher Luxus, sondern unser aller Angelegenheit. Wie unzumutbar die Bedingungen der Mutterschaft heute sind, sehen wir an den sinkenden Geburtenzahlen und an den steigenden Fällen von Kindesmisshandlung. Frauen verweigern sich passiv.

Doch wir sollten auch aktiv werden. Sollten Männer zur Übernahme ihrer Verantwortung drängen und mehr Krippen und bessere Schulen fordern. 

Dabei ist sicherlich der erste Schritt, miteinander zu reden. Im Wohnblock. An der Arbeitsstelle. Mütter mit Müttern und Nichtmüttern. Denn die Solidarität der Mütter untereinander und der Frauen ohne Kinder mit den Frauen mit Kindern könnte manches erleichtern. Solange das nicht geschieht, wird Mutterliebe – ob wir wollen oder nicht – immer wieder auch in Mutterhass umschlagen. Und es wird immer wieder Frauen geben, die sich in der traurigen Situation der 36-jährigen Hausfrau Hella S. befinden. Vor einigen Tagen traf ich sie wieder. Ich fragte sie, ob es ihr damals eigentlich ernst damit gewesen sei, sich selbst und die Kinder umzubringen. Ihre Antwort: „Ja, ich habe nur nicht recht gewusst, wie. Ich hatte Angst, allein übrig zu bleiben.“ 

Der hier leicht gekürzte Text erschien zuerst in der April-Ausgabe 1977.

 

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