Vorschlag: Schafft die "Lesbe" ab!

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1971 traute ich mich erstmals in ein lesbisches Lokal. Das kostete mich eine gewisse Überwindung, denn die Fachliteratur hatte meine Liebe zu Frauen als „unnormal“ und „krankhaft“ abgestempelt. Als ich es wagte, eine hübsche Frau zum Tanzen aufzufordern, sagte ihre daneben sitzende, männlich gekleidete Freundin mit strengem Blick: „Sie tanzt nicht“.

Ich lernte rasch, dass es Frauenpaare gab, von denen eine die eher weibliche, die andere die eher männliche Rolle übernahm, bis hin zu der von Männern abgeschauten Art, für die Frau zu reden. Die heterosexuellen Normen waren ungebrochen auf die homosexuelle Welt übertragen worden. Es gab noch kein eigenes Selbstverständnis und Selbstvertrauen. Heute würde man solche Inszenierungen wohl kaum mehr antreffen.

Dann kam 1974 die „Schwulenbewegung“ auf, und wieder nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und ging in eine Berliner Lesbengruppe, das LAZ (Lesbisches Aktionszentrum). Wir verteilten Flugblätter, machten Kiss-Ins, trugen Jeansjacken und übernahmen provokant das bislang verpönte und mit Attributen wie „pervers“ versehene Etikett „Lesbierin“, das wir zur „Lesbe“ abkürzten.

Stolz berichteten wir in unseren Selbsterfahrungsgruppen, dass und wie wir unseren Eltern, unseren Geschwistern, unseren KollegInnen erzählt hatten, dass wir lesbisch sind – und wie sie darauf reagierten. Hatte ein Kollege mal befremdet reagiert oder gar beleidigend, wurde dies mit kämpferischer Empörung aufgenommen. In der Gruppe fühlten wir uns stark, und wir hatten den Traum von einer Gesellschaft, die uns voll akzeptieren und anerkennen würde. Das war lange, lange vor der Homoehe.

Schnitt und Übergang ins Jahr 2009. Ich spreche mit einer Journalistin, der ich sage, dass ich seit vielen Jahren mit Frauen zusammenlebe. Sie erzählt mir ihrerseits im Tonfall der absoluten Normalität von ihrer 22-jährigen Tochter: „Sie wollte es mal mit einer Freundin probieren. Sie waren zwei Jahre zusammen, jetzt hat sie wieder einen Freund.“ Großes Erstaunen meinerseits. Gehört es heute zum guten Ton, dass junge Frauen es „mal mit einer Freundin ausprobieren“? Und weiter: Geht es mich oder die Gesellschaft eigentlich wirklich etwas an, wie diese beiden Freundinnen es mit der Sexualität halten?

Vielleicht schliefen die beiden ja nur einmal zusammen und bildeten dann eine Wohngemeinschaft; oder sie hatten eine leidenschaftliche Beziehung, bis sich die eine doch noch in einen anderen Menschen verliebte: Es gibt tausende von Möglichkeiten. Eines haben diese beiden Frauen mit Sicherheit nicht gemacht: Sie haben sich nicht das Etikett „Lesbe“ angeheftet.

Ich finde, es ist an der Zeit, auch für mich, für uns, diese Bezeichnung abzuschaffen. Wir etikettieren uns damit auf eine einengende Weise selbst und diskriminieren übrigens auch diejenigen, die sich zwischen den Fronten bewegen. So gibt es Frauen, die ihr Leben heterosexuell begannen, sich irgendwann in eine Frau verliebten und eine Strecke mit ihr verbrachten. Manche behaupten, sie hätten sich lediglich ausnahmsweise in eine Frau verliebt. Doch viele empfinden sich weder als dies noch das, und nehmen sich die Freiheit, sich einfach in Menschen zu verlieben, unabhängig vom biologischen Geschlecht.

Auch die Ehefrau, die – wenn ihr Ehemann mal verreist ist – sich eine Frau in einer Bar aufpickt und mit ihr schläft, passt in keine Kategorie. Denn wir wissen nicht, ob sie in dieser Art von Sexualität die wahre Erfüllung findet, die ein Mann ihr nicht geben kann, oder ob sie sich lediglich einen Kick verschafft. Wir „Lesben“ sprechen dann verächtlich von der „Hetera“, die nach außen hin eine „normale“ Fassade aufbaut und merken gar nicht, wie sehr wir sie unsererseits diskriminieren.

Ich jedenfalls mag dieses Etikett nicht mehr. Es engt Frauenbeziehungen zudem ein, sie nur über den Sex zu definieren. Bekanntlich gibt es unter vielen Lesbenpaaren, die lange zusammen leben, oft gar keinen Sex mehr (wie auch bei vielen Heteropaaren). Bedenkt man, dass sich zahlreiche ältere Frauenpaare, bei denen der Sex längst passé ist, weiterhin als „Lesben“ definieren, junge Frauen aber, die miteinander schlafen, dies nicht tun, wird es vollends unsinnig.

Eine neue Untersuchung von Sharon Marcus verwirft die Gegenüberstellung „heterosexuell/homosexuell“ ganz und zeigt nach der Lektüre von über einhundert viktorianischen (Auto)Biografien, Briefen und Tagebüchern von Frauen, dass man damals überhaupt nicht unterschied zwischen lesbischen und „normalen“ Frauenfreundschaften. Bis 1870 galt eine weibliche Paarbeziehung allgemein nicht als etwas Anormales oder Abzulehnendes, und konnte offen ausgelebt werden. Es ging den frauenliebenden Frauen also im vergangenen Jahrhundert weitaus besser als in den vergangenen Jahrzehnten.

Erst um 1880 begann die Ausgrenzung, als sich die Wissenschaft dafür zu interessieren begann. Debatten über „Prostitution“, „Rassenreinheit“, „Homosexualität“ etc. waren nun an der Tagesordnung, und man suchte in gelehrten Abhandlungen nach den Gründen dafür. Manche Wissenschaftler meinten, sexuell abweichendes Verhalten sei eine biologische Fehlleistung. Der Sexualforscher Richard von Krafft-Ebing schrieb in seiner „Psychopathia sexualis“ ein Kapitel über die lesbische Liebe („Amor lesbicus“). Das weibliebende Weib besaß ihm zufolge eine männliche Gesinnung, sie trug gerne eine männliche Frisur und Kleidung und zog männliche Berufe vor. Er beklagte, dass man Frauen bei der Bestrafung nicht mit Männern gleichstellte, nur weil man annahm, Frauen seien zur Penetration nicht fähig. Für ihn war maßgebend, dass Frauen auch ohne männliche Penetration zum Orgasmus kommen konnten – ausnahmsweise mal eine richtige Feststellung in seinen ansonsten gruseligen Ausführungen.

Für seinen zeitgenössischen Kollegen Albert Moll war klar, dass die Homosexualität eine Krankheit war, die bei denjenigen ausbrach, die eine „eingeborene Disposition“ besaßen. Damit stellte er sich in einen Gegensatz zu Magnus Hirschfeld, für den Homosexualität schlicht angeboren war. Diese biologistischen Erklärungen für Homosexualität schienen für die Frauenbewegung Schnee von gestern, sie haben heute jedoch wieder Hochkonjunktur.

Doch zumindest wir, die wir verstanden haben, dass Sexualität nicht „natürlich“, sondern kulturell geprägt ist, sollten dieses unselige Etikett der „Lesbe“ ablegen, das man uns seit 1880 anheftet. Dann brauchen wir auch nicht mehr herumzurätseln, ob die Dichterin Charlotte Brontë nun lesbischen Neigungen nachging, als sie ihrer Freundin Ellen Nussey 1837 schrieb: „Warum sind wir getrennt? Sicherlich, Ellen, weil wir in Gefahr sind, uns gegenseitig zu sehr zu lieben.“ Charlotte liebte Ellen, und ob es unter oder über der Bettdecke auch zu direkten sexuellen Aktivitäten kam, ist eigentlich unerheblich.

Es gibt allerdings auch historische Beispiele für ein relativ offenes Ausleben lesbischer Sexualität. So schrieb Gertrude Stein (1874–1946) abends kleine Briefe an ihre Partnerin Alice Toklas, aus denen die nächtlichen Freuden herauszulesen sind. Aber grundsätzlich unterließen Frauen das Reden und Schreiben darüber. Und das nicht nur, weil das Reden über Sexualität bis ins 20. Jahrhundert hinein für Frauen ein Tabu war, sondern auch, weil man davon ausging, dass dieser Bereich die Öffentlichkeit nichts angeht.

Offensive „Lesben“ betonen, dass die „Sichtbarmachung“ der andersartigen Sexualität für die Etablierung der eigenen Identität lebensnotwendig sei. Das ist sicherlich richtig: Wir sollen uns dazu bekennen, in Frauenbeziehungen zu leben oder leben zu wollen, und wir sollten unsere Beziehungen offen ausleben. Ich höre es gerne, wenn eine Freundin von ihrer „Frau“ spricht. Aber der Begriff „Lesbe“ wirkt negativ, weil wir uns damit von vornherein als Außenseiterinnen definieren.

In der Genderforschung haben wir gelernt, dass binäre Begriffe unheilvoll sein können, weil sie Gegensätze zugleich festigen, anstatt sie abzuschaffen – selbst wenn wir sie kritisch gebrauchen. Wenn wir uns als Ausnahmen von der Norm definieren, bestätigen wir zugleich unsere Außenseiterposition. Liebe ist aber nicht auf Sexualität beschränkt, sie ist grenzenlos und geschlechtslos.

Sie sollte nicht in eine Schachtel gesteckt und mit einem Aufkleber versehen werden.

Es gilt weiterhin, für die Gleichberechtigung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften zu kämpfen. Der Begriff „Lesbe“ aber stigmatisiert nur noch, auch wenn wir in den 1970er Jahren glaubten, durch provokante Selbstbezichtigungen aufklärend zu wirken. 130 Jahre sind genug: Begraben wir das Etikett, und leben wir einfach das, was zu uns passt.

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