Wie es war: Strateginnen des Alltags

Was immer über die „Ostfrauen“ gesagt werden mag, ob man sie bedauert, belächelt oder bewundert, sie für brav, provinziell oder aufsässig hält – eines war ihnen allen gemeinsam: Sie waren nüchterne Strateginnen des Alltags, sie mussten es sein, wollten sie den Verhältnissen nicht unterliegen. Denn dieser Alltag hatte es in sich. An ihm kam keiner vorbei. Seine Praxis widerlegte alle Theorie und die Hymnen der Ideologen kamen hier zum Verstummen. Ob die Frauen wollten oder nicht – dieser real-existierende sozialistische Alltag war für sie Hauptprogramm und Selbstbewährung.

Im Mittelpunkt stand die Arbeit. Nicht weil der Staat auf Emanzipation setzte, sondern weil Arbeitskräfte rar waren und der werktätige Mensch mit seiner Arbeitskraft einen Beitrag zur Stärkung des Sozialismus zu leisten hatte. Berufswillige Frauen waren darum allerorts gesucht, gefragt und an ­betrieblichen Förderungen fehlte es nicht. Damit sie zuverlässig ihrer Arbeit nachgehen konnten, wurden Krippen- und Kindergartenplätze zur Verfügung gestellt, was für alle von Vorteil war: Der Staat sicherte mit den Leistungen der Frauen einen Großteil seiner Planziele; die Berufstätigkeit wiederum hob ihr gesellschaftliches Ansehen und stärkte ihr Selbstbewusstsein. Die Frauen verdienten ihr eigenes Geld, vermehrten damit das meist bescheidene Familieneinkommen und brachten sich gleichzeitig in die komfortable Lage, ökonomisch unabhängig vom Mann zu sein, was schon den Hauptteil eines selbst­bestimmten Lebens ausmachte: Und den ­Kindern gefiel es, unter Kindern zu sein.

So sehr diese Übereinkunft auch zur ­Normalität des Lebens gehörte – für die Frauen war es der große Balanceakt, Beruf und Familie miteinander zu verbinden. Diese Doppelbelastung machte aus ihnen echte Strateginnen des Alltags, denn hier zählte nicht die leuchtendhelle Zukunft, sondern der profane Augenblick. Und das hieß, pragmatisch die Dinge in die Hand zu nehmen und sich auf die Gegebenheiten einzustellen: Keine großen Worte, keine endlosen theoretischen Debatten, sondern präziser Umgang mit der Zeit, nüchterne Überlegungen in der Beschaffung des Notwendigen und klare Aufgabenstellung innerhalb der Familie und für den restlichen sozialen Konvoi.

Gewöhnlich begann der Arbeitstag in aller Herrgottsfrühe. Die Kinder mussten rechtzeitig vor Arbeitsbeginn in Krippe oder Kindergarten abgegeben werden, oftmals weit entfernt vom Wohnort. Ein Auto ­besaßen die allerwenigsten Frauen und so mussten sie sich in die überfüllten Busse und Bahnen des Berufsverkehrs zwängen. Schon dieser Tagesbeginn brauchte den vollen Einsatz und die Perfektion im ­Detail, sollte es nicht heißen: Es graut der Morgen und auch mir.

Dann täglich acht Stunden Arbeitszeit. Anfangs auch am Sonnabend, später nur noch jeden zweiten Sonnabend und schließlich sonnabends frei, dafür aber dann täglich achtdreiviertel Stunden und dreißig Minuten Mittagspause im Betrieb. Plus Qualifizierung, die in der Regel nach der Arbeitszeit stattfand: Weiterbildungslehrgänge, Schule der sozialistischen ­Arbeit, Betriebsakademie, Kurse, Seminare, Delegierung zum Fernstudium – immer waren die Frauen am Lernen gemäß der ideolo­gischen Vorgabe, dass im Sozialismus ­Arbeiten, Lernen und Leben zusammen­gehörten. Ob Früh- oder Spätschicht, Überstunden oder Dreischicht-System – für die Frauen gab es keine Ausnahme und keine Sonderregelung. Nur die erbettelte Halbtagsarbeit war der Luxus pur.

Das allein hätte bereits als Vollprogramm genügt, doch nach Feierabend ging es weiter. Es kam die zweite Schicht: Einkaufen, Haushalt, Mann, Kinder, Kochen, Waschen und Putzen – die Kür für die ­Familie. Um das alles zu bewältigen, ohne nicht selber seelisch und körperlich in die Verlustzone zu geraten oder das Gefühl zu haben, bloß noch von allem verwaltet zu werden und selber auf der Strecke zu bleiben, brauchten die Frauen eine besondere Durchsetzungskraft und einen Sinn fürs Wesentliche. Einen Sinn, der sich jenseits der großen Zukunftsparolen auf das Naheliegende und Praktische richtete, gnadenlos Prioritäten setzte und klar kalkulierte, was wichtig war und was warten konnte.

Da hieß es, den Ablauf eines solchen Alltags nach den Prinzipien von Ordnung, Pünktlichkeit, Selbstdisziplin und Zuverlässigkeit zu organisieren und die Kinder früh an ihre Pflichten zu gewöhnen. Und bei allem musste in so einem Tagespferch ja auch noch Spielraum für das kleine galaktische Grundrauschen sein, sollte die Lust auf die Lust nicht beim Sonntagsbraten enden.

Eigentlich hätte es für den real-existierenden sozialistischen Alltag noch eine Erschwerniszulage geben müssen, denn diese Doppelbelastung wurde zusätzlich verstärkt durch ein besonderes Übel: den Mangel, plantechnisch „Engpass“ genannt. Ewig warten und Schlangestehen, beim Fleischer, beim Bäcker, selbst in der Betriebsverkaufsstelle, wenn es Sonderzuteilungen von Obst und Gemüse gab. Mit einer Stiege Pfirsiche nach Hause zu kommen, war eine Freude. Allerorts Lieferschwierigkeiten, allerorts ­Mate­rialknappheit. Herumrennen nach ­Ersatzteilen und Bückwaren aller Art.

Warten am Taxistand, warten auf einen Klempnertermin, warten, bis man allergnädigst im Restaurant platziert wurde, warten auf ein Kontingent von irgendwas, ganz zu schweigen von den elementaren Dingen: Jahr um Jahr warten auf eine Wohnung, um dann zu hören, dass eine dreiköpfige ­Familie mit zwei Räumen als endversorgt gilt. Ein Leben lang warten auf einen Telefonanschluss, wenigstens zehn Jahre warten auf ein Auto, um bei Nachfrage im elften Jahr vom VEB IFA-Vertrieb zu hören: Vorzeitige Auslieferung nur bei Kinderreichtum, Totalschaden, Vollinvalidisierung oder hohen staatlichen Auszeichnungen.

Als Trost der Hinweis auf die Einsicht in die objektive Notwendigkeit, konstant definiert als eine „momentan schwierige ökonomische Situation“ mit dem Zusatz, dass „Partei und Regierung alles tun, um die ­Arbeits- und Lebensbedingungen der Bevölkerung kontinuierlich zu verbessern“. Doch die alltagserprobten Frauen misstrauten den großen Versprechungen und schufen sich ihre eigenen kleinen Netzwerke, knüpften Kontakte und hielten Verbindung zu denen, die etwas zu verteilen hatten. Ob es sich um Waren oder Dienstleistungen handelte – eine Verkäuferin, einen Handwerker und einen Arzt im Bekanntenkreis zu haben, war immer von Vorteil und selbst den Kohlenhändler schon im Frühjahr von weitem zu grüßen, damit man vor Einbruch des Winters gebündelte Briketts bekam, ­gehörte zum versierten Vorratsdenken.

Der Mangel zwang die „Ostfrauen“, ­erfinderisch zu sein und sich selbst zu behelfen. Das Textilangebot in den Geschäften war dürftig, der Einheitsschick langweilig, und darum nähten sich viele kurzerhand ihre Kleider selber. Ständig waren sie gefordert, sich praktisches Wissen anzueignen und sei es nur, ihren Kindern das Puppenhaus selber zu bauen. Standen sie vor einem Problem, waren sie gezwungen, eine Lösung zu entwickeln. Doch spätestens dann, wenn ein Kind krank wurde und sie von einer kaputten Telefonzelle zur nächsten laufen mussten, um einen Arzt zu rufen, spätestens dann war es mit allem Einfallsreichtum vorbei und die bestgemeinte Einsicht in die objektive Notwendigkeit half auch nicht mehr weiter.

Beruf und Familie unter den Bedingungen eines solchen Alltags miteinander zu vereinen, führte oft an den Rand aller Möglichkeiten und war ein Belastungsmarathon, für den es kein Siegertreppchen, kein Gold, kein Aufsehen und keine Schlagzeilen gab, der aber die Souveränität und Selbstständigkeit der Frauen nachhaltig geprägt hat. Sich gegen diese Umstände behauptet zu haben, war ein Akt der Selbstbehauptung – eine Eigenleistung, die allerdings in den Frauenförderplänen nicht vorkam, weil hier die Festigung des Kollektivs im Mittelpunkt stand und kritisches Bewusstsein dieser Art nur für Unruhe sorgte. Lag doch im allzu selbstständigen Denken die Gefahr, dass die Gesetzmäßigkeiten des gesellschaftlichen Fortschritts in Frage gestellt wurden. Aber gerade die Erfahrungen mit dem Alltag waren es, die selbst die gutgeschulten Propagandistinnen des Systems ­zunehmend in stilltätige Skeptikerinnen verwandelte, denn es mangelte nicht nur an „Gegenständen des täglichen Bedarfs“. Es herrschte Mangel an Öffentlichkeit, Mangel an Wahrheit, Mangel an Glaubwürdigkeit. Bis schließlich der Mangel an Devisen und deren Beschaffung das ganze ideologische ­Gebäude in Frage stellte.

Wie alle Probleme versuchten Partei und Regierung auch dieses mit verstärktem Druck und Propaganda zu lösen. Nicht nur die Frauen hatten ihre Antwort darauf längst gefunden. Sie stellten sich hellwach auf ein Doppelleben ein: In der Öffentlichkeit sagen, was die Planer und Leiter hören wollten, im Privaten sagen, was man dachte, und in die andere, die verbotene Welt wechseln: Westfernsehen einschalten, West­rundfunk hören, Rockplatten tauschen, die geschmuggelten Bücher lesen, sich „raus­sehen, raushören und rauslesen“. Mit Freunden zusammensitzen, sich austauschen über all das, was anderswo passierte und damit die wahre Zeitung, das gesprochene Wort, kursieren lassen, um jenseits der Erfolgsberichte das Dilemma der Wirklichkeit im Auge zu behalten.

Zu Hause war jede Kaffeerunde und jeder Bierabend politisch und die Frauen gaben den Kindern die strenge Order, in der Schule kein Wort über das zu reden, was zu Hause gesprochen wurde und beim obligatorischen Klassenaufsatz „Mein schönstes ­Ferienerlebnis“ über den Garten, die Blumen, den Hamster und den Hund zu schreiben.

Diese strikte Trennung in einen ­öffent­lichen und einen privaten Menschen war für die Strateginnen des Alltags keine krankhafte Bewusstseinsspaltung, keine Kapitulation vor den Umständen, sondern eine gezielte Überlebensstrategie, die immer enger werdende Enge zu überwinden. Es war der Angriff auf eine Wirklichkeit, mit der sie nicht mehr übereinstimmen konnten. Zwar lebten die „Ostfrauen“ hinter der Mauer, aber nicht hinter dem Mond und waren im selbstständigen Handeln genügend geübt, um sich von ein paar alten Männern nicht noch länger sagen zu lassen, was die objektive Notwendigkeit für sie zu sein hatte.

Renate Feyl ist studierte Philosophin und Schriftstellerin in Ostberlin. 1981 erschien ihr auch im Westen erfolgreiches Buch über Wissenschaftlerinnen „Lautloser Aufbruch“. Zuletzt „Ausharren im Paradies“ (TB Diana).

Renate Feyl
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