Wer ist eigentlich sexpositiv? WIR!
Manche Begriffe, die im öffentlichen Leben kursieren, sind so offenkundig manipulativ, dass ein Blinder mit Krückstock sieht, dass die Menschen, pardon: verarscht werden sollen. Eine gigantische Staatsverschuldung „Sondervermögen“ zu nennen, ist so ein Beispiel.
Beim Begriff „sexpositiv“ springt die Manipulation allerdings nicht derart ungebremst ins Auge. Und das macht ihn leider so wirkungsvoll. Eine Top-Werbeagentur könnte ihn sich nicht klüger ausgedacht haben. Ich stelle mir das Briefing ungefähr so vor: Konferenzraum Saatchi & Saatchi, New York, 1978. „Also, liebe Leute“, sagt Jim. „Da sind jetzt diese Feministinnen, die gegen Prostitution und Pornografie auf die Straße gehen. Und die brüllen nicht nur Parolen, sondern legen auch noch überzeugende Analysen vor. Objektifizierung der Frau, Machtverhältnisse im Patriarchat, you name it. Wir brauchen einen Claim, der diese Mädels diskreditiert! Ideen?“ – „Wir labeln sie als prüde und sexfeindlich“, schlägt John vor. „Gute Idee, John. Das Problem ist aber, dass sie das gar nicht sind. Im Gegenteil. Sie haben die Klitoris entdeckt und feiern die Lust von Frauen!“ – „Dann müssen wir es geschickter machen“, sagt Jack. „Wir geben ihren Gegnerinnen einfach das Label ‚sexpositiv‘. Dann werden die anderen automatisch als ‚sexnegativ‘ gelabelt, ohne dass wir es aussprechen.“ – „Großartiger Vorschlag, Jack! Gekauft!“
So war es natürlich nicht, aber vielleicht so ähnlich, und der Werbetrick hat bestens funktioniert. Der Begriff „sexpositiv“ war von Anfang an eine der schärfsten Waffen in den „Feminist Sex Wars“, die Ende der 1970er ausbrachen. Kaum hatte die Frauenbewegung Pornografie und Prostitution als frauenfeindliche Gewalt ins Visier genommen und sadomasochistische Praktiken als Re-Inszenierung weiblicher Ohnmacht kritisiert, kam der Backlash aus den eigenen Reihen: Das ist sexuelle Selbstermächtigung! Keine Ohnmacht, sondern Macht! Wir machen das alles freiwillig! Wir sind sexpositiv!
Supergeschickt ist das, denn „sexnegativ“ will natürlich keine sein. Erfahrene Feministinnen, die sich daran gewöhnt haben, als verbissene Schrapnelle oder unansehnliche graue Maus verleumdet zu werden, lassen auch dieses Adjektiv womöglich halbwegs ungerührt an sich abperlen. Jüngere oder dünnhäutigere Frauen aber sind da womöglich nicht so resilient – und fallen auf diese Orwell’sche Begriffsverdrehung rein. Deshalb hier nochmal zum Mitschreiben:
Ein System, das Männern via Geldschein die Benutzung von Frauenkörpern sichert und Frauen dazu nötigt, diesen Männern Lust vorzuheucheln, ist NICHT sexpositiv, sondern menschenverachtend! Eine Industrie, die Milliarden damit verdient, Frauen als „Dreilochstuten“ zu vermarkten, ist NICHT sexpositiv, sondern menschenverachtend. Wenn Frauen ihre Selbstverletzung als „Freiwilligkeit“ feiern, dann ist das NICHT sexpositiv, sondern ein zwingender Anlass, sich zu fragen, wie und warum Frauen im Patriarchat so früh und heftig verletzt werden, dass sie ihre Traumata permanent reinszenieren.
Darum, liebe Porno-Produzentinnen und Pro-Prostitutions-Lobbyistinnen: Ihr könnt gern weiterhin versuchen, uns in die Spaßbremsen-Trockenpflaumen-Blümchensex-Schublade im Lustfeindlichkeits-Schrank zu stecken. Das ändert aber nichts an der Tatsache, die schon in den 1970ern galt: Sexpositiv sind wir! Wir radikalen Feministinnen.
CHANTAL LOUIS

