In der aktuellen EMMA

Die Würde der Frau ist antastbar

Alice Schwarzer: Pornografie ist die Antwort auf die Emanzipation. - Foto: Bettina Flitner
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Je bedrohlicher (für Männer) die Emanzipation, umso bedrohlicher die Pornografie. Für diese These lieferte ausgerechnet das Zeitgeist-Blatt Tempo jüngst ein hübsches Beispiel aus dem Bereich der „angewandten Psychologie“: Beim Betrachten „brutaler Sexszenen“ schnellten bei den Frauen die Kurven höher: „Gehirn- und Herzströme, Pupillenerweiterung, Schweißbildung“. Klar, Angst. – Oder? Nein, doch nicht klar. Für das Jungherrenmagazin handelt es sich bei diesen registrierten Reaktionen selbstverständlich um „sexuelle Erregungskurven“. Jetzt klar?

Je bedrohlicher die Emanzipation (für Männer), umso bedrohlicher die Pornos

82 % aller Männer zwischen 18 und 65 kennen Pornos. Zwei Drittel aller SchülerInnen einer Frankenthaler Hauptschule sehen wöchentlich elf und mehr Porno- und Gewaltvideos. Jede dritte ausgeliehene Videokassette ist harte Pornografie. Gesehen hat die natürlich keiner. So wie ja auch niemand die Pornohefte liest. Und der Playboy nur wegen der (vorgeblich) guten Interviews gekauft wird. – Wo aber sind sie, all diese Jungs, die bis zur Halskrause vollgefüllt sind mit ernie­drigenden und gewalttätigen Bildern von uns Frauen? Sie sind auf der Straße. Am Arbeitsplatz. Im Parlament. An der Uni. In den Medien. In der Schule. Nebenan. Zuhause. Sie sehen die Pornos. Und sie sehen uns. Und sie sehen wieder die ­Pornos. Und sie sehen wieder uns. 

Genau das ist einer der Gründe, warum so viele Frauen die Bedrohung durch die Pornografie nicht wahrhaben wollen: Das soll ich sein? Dieses Stück Fleisch? Dieses willige Geschöpf? Diese winselnde Hündin? – Zu der Sorte Mensch soll ich gehören? Eine, die nur existiert, um seine Allmacht zu zelebrieren. Eine, die wimmert: Nimm mich, wie du willst! Mach mit mir, was du willst! Verfüge über mich. Benutze mich. Zerstöre mich. – So eine soll ich wirklich sein? – Nein. Das bin ich nicht! Lieber verschließe ich die Augen. Und dann? Dann kriechen zu den Bildern von draußen die Bilder von drinnen. Und die sind oft nicht weniger beklemmend.

Denn die Erotik der Frauen selbst ist ja nicht frei von all dem, sie ist ganz einfach auch Produkt der herrschenden Verhältnisse – und damit keineswegs immer auf der Höhe feministischer Erleuchtung. Das gilt für Nicht-Feministinnen wie für Feministinnen. Mit dem Widerspruch müssen (manche) Frauen leben: Sie kämpfen gegen eine Verachtung und Erniedrigung, die so manches Mal sogar unter ihrer eigenen Haut sitzt, zur Selbstverachtung und Selbsterniedrigung umschlägt. Auch und gerade erotisch. Da heißt das dann „Masochismus“ und ist neuerdings wieder ganz chic.

Die Erotik der Frauen ist nicht frei, sondern auch Produkt herrschender Verhältnisse

Aber halt: Diese passiven, sich den Mächtigen anpassenden und unterwerfenden Phantasien von Frauen sind keine Realität. Die sexualisierten Machtphantasien von Männern hingegen, die sind Realität. Die meinen es ernst. Wie ernst, das zeigt uns die rasende Desensibilisierung und Brutalisierung in der privat wie öffentlich vorgeführten Erotik: Immer mehr Männer erwarten auch von ihren eigenen Freundinnen/Frauen die erniedrigenden Re-Inszenierungen von Pornografie. Zunehmend werden Vergewaltigungen und Sexualmorde nach Porno-Vorlagen „nachgespielt“.

Die Scham und die eigenen Widersprüche. Zwei gute Gründe, Pornografie nicht wahrhaben zu wollen. Und es gibt noch einen dritten sehr guten Grund: die Angst. Denn Frauen, die den Kampf gegen die Pornografie aufnehmen, machen sich unbeliebt. Sehr unbeliebt.

Das wurde ja oft genug an mir und an EMMA exemplarisch demonstriert. Der von EMMA angezettelte sogenannte „Stern-Prozess“ gegen die sexistischen (will sagen: pornografischen) Titelbilder brachte uns viel Dreck und viel Ärger (aber auch viel Zustimmung). Noch Jahre danach zerrte uns der Stern von Prozess zu Prozess, was uns ökonomisch fast kirre machte. Und der Auslieferungsboykott der pornokritischen EMMA-Ausgabe durch einen Teil des Handels ist auch alles andere als ein Zufall: Er ist eine prompte Antwort der Porno-Branche. Hier wird nicht diskutiert, hier wird ökonomisch Tacheles geredet … 

Was da auf uns zukommt, ist die Pornografisierung der ganzen Sexualität

Denn an der Pornografie verdienen sie (fast) alle. Direkt wie indirekt. Pornografie ist ja soviel mehr als das, was wir juristisch in unserem Gesetzesvorschlag zu erfassen suchen. Die konkret benennbare Pornografie ist in Wahrheit nur ein Teil des Problems: Was da lebensbedrohlich auf uns zukommt, das ist die Pornografisierung der ganzen Sexualität, ja der gesamten Geschlechter-Beziehungen. 

Es geht bei der Pornografie nicht um Lust. Es geht um Macht. Dass Männer nur zu gern Lust mit Macht verwechseln, ist bekannt. Die herrschende Sexualität hat der Lust weitgehend den Garaus gemacht. Eros liegt plattgewalzt unter den Rädern der Sexmaschine.

Sexualität ist kaum Natur, sie ist vor allem Kultur. Sie ist Produkt vieler bewusster und unbewusster Einflüsse, Phantasien, Gebote und Zwänge unseres Lebens. Der erste scheue Kuss; der erste heimliche Sex; die Frauen, die eigentlich nicht wollen/dürfen und die mann zur „Liebe“ erobert oder zwingt – all das haben nicht nur die Männer drauf, das haben auch wir Frauen drin.

Wo Staaten sich streiten, sind die Grenzen dicht. Wo Klassen sich bekämpfen, sind sie durch Wohnviertel getrennt. Wo Geschlechter aufeinander prallen, ist oft kein Millimeter Raum mehr zwischen den Leibern. Männer und Frauen teilen Tisch und Bett. 

Diese Erkenntnis ist nicht neu. Die Konflikte, die daraus resultieren, müssen dennoch täglich neu durchgestanden werden. Nach außen wie nach innen. Auch und gerade von den Frauen und Männern, die es anders, die es besser machen wollen. 

Mehr EMMA lesen! Die März/April-Ausgabe gibt es als Printheft oder eMagazin im www.emma.de/shop
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Sex und Gewalt sind heute in den Phantasien und Bedürfnissen von uns allen nur schwer lösbar miteinander verbunden. Es gibt neuerdings wieder Sexualwissenschaftler, die das für angeboren halten. Feministinnen antworten ihnen: Es ist anerzogen und angeprügelt. Und die Pornografie festigt erneut und schürt verstärkt diese unselige Verknüpfung. Pornografie macht die Frauen und die Sexualität kaputt. Pornografie, dieses „kalte Herz der Frauenfeindlichkeit“, macht „Sexismus sexy“ (MacKinnon). Mehr noch: Sie macht den Geschlechterkampf zum Geschlechterkrieg. Pornografie ist Kriegspropaganda gegen Frauen.

Sie sind in diesem ihrem Krieg schon ganz schön weit gekommen: Am Anfang haben sie uns „nur“ ausgezogen; dann haben sie uns „nur“ vergewaltigt; dann haben sie uns „nur“ gefoltert; jetzt zerstückeln sie uns. Immer mehr wird die Porno-Produktion zur Gewalt-Porno-Produktion. Jeder Bürger ein de Sade. Das ist Demokratie im Patriarchat.

Wir leben in einem Land, in dem, 40 Jahre nach der Nazizeit, die Propagierung eines plumpen Antisemitismus auf Protest stößt: Wer Bilder von hakennasigen, raffgierigen, kinderschändenden Juden veröffentlichen würde, bekäme Ärger. Zu recht. Wir leben in einem Land, in dem, weit ab vom Schuss, die Propagierung eines plumpen Rassismus auf Protest stößt: Wer Bilder von troll­äugigen, blöden, allzeit dienstbaren Schwarzen veröffentlichen würde, bekäme Ärger. Zu recht. 

Wir leben in einem Land, in dem, mitten im Geschlechterkampf, die Propagierung eines plumpen Sexismus eine Selbstverständlichkeit ist, Teil der „Meinungsfreiheit“ und „echt in“ in modernen Kreisen: allzeit bereite, dümmliche, unterwürfige, verfügbare, benutzbare, missbrauchte Frauen.

Es gibt nur wenige Männer, die das empört. Was nicht verwunderlich ist. Gehören Männer doch nicht zur Kategorie der Opfer, sondern zu der der Täter. Und Täter können bekanntlich gemeinhin besser schlafen als Opfer. Doch auch unter den Frauen sind noch längst nicht alle gegen Pornografie. Das ist schon befremdlicher! Denn sie gehören zur Kategorie der Opfer. Ob sie wollen oder nicht. Wenn wir den Kampf gegen die Pornografie nicht gewinnen, verlieren wir den Kampf um unsere Emanzipation. So einfach ist das. 

ALICE SCHWARZER

Der hier leicht gekürzte Text erschien zuerst 1987 im Sonderband PorNO

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