Wossi 2: Ich fühle mich oft einsam

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Mein Vater brachte mir von seinen DDR-Reisen oft Kinderbücher mit, die in einem angenehmen Kontrast standen zu denen, die mir sonst so vorgelesen wurden. In den Kinderbüchern der DDR brach Hirsch Heinrich aus Einsamkeit aus seinem Gehege aus und lief in den Wald, war aber so traurig dort, dass er freiwillig zurückkehrte, dann aber kümmerte sich der Lehrer mit seiner Schulklasse ganz lieb um ihn, eine Wolkenliese träumte von Schafen im Himmel und rettete ein Kind und im Buch „Weltall-Erde-Mensch“ konnte ich Steinzeitmenschen bewundern.

In meiner westlichen Kinder-Lektüre wurden einem Kind die Daumen abgeschnitten, dass das Blut nur so spritzte, ein Mädchen verbrannte jämmerlich, einer verhungerte und einer wurde in ein riesiges Tintenfass ­getunkt, als gerechte Strafe dafür, dass die Ratschläge der Erwachsenen nicht beherzigt wurden. In einem anderen Buch wurden zwei freche Jungen wegen ihrer wilden Rabaukenhaftigkeit erst zu Mehl zermahlen, wobei ich besonders grausam fand, dass man die Bruchstücke der Jungen wieder in ihrer ursprüng­lichen Formen angeordnet, dann im feuer­heißen Backofen gebacken und schließlich den Enten zum Fraß vorgeworfen hatte.

In den Märchen, die man mir vorlas, wurden Bäuche aufgeschnitten, Wacker­steine rein getan, es wurden Menschen zu Stein verwandelt, vergiftet und dergleichen den Einschlaf fördernde Dinge mehr. Es war also so, dass mich die DDR-Bücher ­erleichterten und ich sie liebte.

Ich hatte auch schon als Kind Tucholskys und Brechts Lieder gehört, gesungen von Ernst Busch; hatte später, als ich heranwuchs in Ostberlin, das Brechttheater besucht und hatte mir Geschichts-, Kunst- und Marxismusbücher, aber auch Literatur der Weimarer Republik, des Exils, von Heine, Lessing oder Büchner stets von meinem ­Zwangs­umtausch in der Alexanderplatzbuchhandlung gekauft und war doch immer Tourist geblieben. Mehr als das: eine Fremde. Wir hatten weder Verwandte noch Freunde „drüben“, es gelang mir nicht, zu den leibhaftigen Menschen dort Kontakt aufzunehmen. Ich habe das immer bedauert.

Ich war aber auch nicht frei von Skepsis über das, was ich „Drüben“ erlebte. Dort herrschte schließlich ein ebenso autoritärer Ton, wie ich ihn von meiner Kindheit her zur Genüge kannte, und wie ihn Peter Weiß beklagte, als er begründete, warum er weder in Ost- noch in Westdeutschland je würde wohnen wollen. Zweimal reiste ich mit Gewerkschaftsgruppen, und auch da schien mir alles etwas steif, unecht und gewollt zu sein. Immerhin war ich mit Dutschkes „Neuer Linke“ aufgewachsen, hatte mit 13 Jahren den Studenten auf der Hamburger Moorweide gelauscht und hatte heftige Kritik am „Staatssozialismus“, an der Mauer, an der Stasi. Ich war auch Fan von Biermanns Liedern. Man kann also nicht sagen, ich hätte keinen blassen Schimmer von dem Land gehabt, in dass ich schließlich, im Jahre 2003, „auswanderte“.

Vorurteilsfrei und fröhlich trat ich also meinen ersten Arbeitstag an. Hier gelandet zu sein, das würde sie nicht ihrem ärgsten Feind wünschen, begrüßte mich am ersten Tag eine Kollegin, was ich denn hier wohl verloren hätte. Meiner gestotterten Antwort schenkte sie keine weitere Aufmerksamkeit. Sowieso nahm man kaum Notiz von mir. Wenn ich rein kam und schüchtern mein „Hallo“ in den Raum warf, blickte niemand auf.

Es sollte ein Jahr dauern, bis ich begriffen hatte, dass es im Osten üblich ist, jedem Menschen, wenn man früh morgens in den Raum tritt, ganz förmlich als erstes die Hand zu geben und einen guten Tag zu wünschen. Dies musste man unbedingt tun, sobald man den Raum betrat, denn die drin Sitzenden taten dies niemals, sie erwarteten es aber von den Hineinkommenden. Wie oft ich in dieses Fettnäpfchen trat, ist nicht zu sagen. Kam ich zu spät zu einer Konferenz und saßen schon alle, so traute ich mich nie mehr als ein entschuldigendes „Hallo“ herauszupressen, was auf unbewegliche Gesichter stieß. Es wurde nämlich erwartet, natürlich, dass man pünktlich kam, aber auch, dass man um den gesamten Tisch herumdefilierte und jedem Einzelnen die Hand schüttelte.

Wie oft hatte ich mich gefragt, warum ich so häufig abgewandte Gesichter und abweisende Blicke zu sehen bekam und dunkle ­Debatten über die Unhöflichkeit und Arroganz der Wessis in meiner Gegenwart geführt wurden – bis ich endlich auch begann, ­immerzu Hände zu schütteln. Sofort wurden alle freundlich, ein Lächeln wurde mir ­geschenkt, ein Händedruck, ein munteres „Guten Tag“. Später ertappte ich mich in Berlin Kreuzberg, als ich die Familie meines Ex-Mannes besuchte, wo meine Kinder schon gemütlich um den Esstisch herum saßen, dass meine Hände sich schon ausstrecken wollten um zu schütteln, dabei war es hier doch Usus, in den Arm zu nehmen.

Und noch etwas fiel mir auf: Jedes Mal, wenn ich in einer Konferenz das Wort ­ergriff, um auch mal einen Gedanken beizusteuern, wurde dies als unerhört geahndet; Ich sah es an den Blicken, die mir zugeworfen wurden. Denn Konferenzen verlängert man nicht unnötig, auch schmeichelt man sich nicht beim Chef ein, indem man Neuerungen vorschlägt. Man hört zu, schreibt auf, ist leise, kommt pünktlich und geht pünktlich. Es dauerte eine Weile, bis ich ­dahinter kam, dass meine Wortmeldungen mir als arrogant, besserwessihaft und profilierungssüchtig ausgelegt wurden.

Auch meckerten die anderen beständig über ihre Arbeit, während ich pfeifend durchs Schulhaus ging. Den anderen war das Pfeifen vergangen nach all dem: nach Degradie­rungen, Nichtanerkennungen von DDR-­Abschlüssen und Herabstufungen, alles in allem 15 Jahre heruntergeschluckte Wut, von der ich nicht nur gänzlich frei zu sein schien, nein, für die ich nun wirklich büßen sollte.

„Die sollen jetzt auch mal bluten!“, sagte mir eine sonst sehr nette Kollegin in meiner ersten Woche mit blitzenden Augen – und meinte „die Wessis“. Ich hatte mir erlaubt, bei einer unserer Ost-West-Debatten anzumerken, dass es im Westen auch vielen Menschen schlecht ginge.

Natürlich war ich als Wessi schon in der ersten Sekunde enttarnt, man entnahm es meinem Gesichtsausdruck, meinem alternativen Äußeren, meinem ungehörigen ­Auf­treten, meiner fehlenden Scheu, Leuten ins Wort zu fallen, einfach allem an mir. Ich schien sämtliche Vorurteile, die man über Wessis hatte, zu bestätigen. Menschen der Alternativszene, die etwas bunter angezogen sind, ihr Haar offen tragen, in Jeans herumlaufen, so wie ich, sind in der DDR niemals Lehrerin geworden. Man findet sie hier nur in Künstlerkreisen, auf Handwerkermärkten, in christlichen Freizeiten und am Lagerfeuer abseits gelegener Dorfkommunen, die in keinem Adressbuch verzeichnet sind. In den Staatsdienst kamen nur Hundertprozentige. Heute stimme ich oft ihrem Klagen über den Westen zu und treffe mich mit ihnen auf dem kleinsten Nenner politökonomischer Wahrheiten von Karl Marx. Doch sie kommen immer zu anderen Konsequenzen als ich und dann trennen sich unsere Wege wieder und ich bleibe „der“ typische Wessi.

Die genderbewusste Sprache ist hier unbekannt und wird als Spinnerei verlacht. Man kennt weder Luise Pusch noch hat frau jemals ihrer Berufsbezeichnung ein lächerliches „in“ angehängt. Darin fühlen wir uns klein gemacht, sagte mir eine, die jetzt als Hartz-IV-Empfängerin in einer Bibliothek arbeitet, ­früher „Forstarbeiter“ war und Politökonomie studiert hatte. Jüngst erzählte sie mir etwas über ein geheimes Treffen der Bilderberg-Gruppe zu, wo sich die 50 reichsten Menschen der Welt heimlich treffen würden, um die nächsten Wirtschaftskrisen, die nächsten Kriege und die Lissabonner EU-Verträge auszuhecken. Die würden schon Atombunker in den Bergen von Norwegen bauen.

Vor längerer Zeit entdeckte ich im Boddenunterland eine Kulturscheune mit Lesungen, Kabarett und Musik und einem überaus netten Andreas mit seiner Sabine. Mein Erstaunen, meine Begeisterung, ja selbst mein ­Lachen verriet hundertfünfzig Besuchern auf einen Schlag den Wessi, denn was die anderen zum tausendsten Mal gehört hatten, war mir gänzlich neu. Ich war entzückt über Hans Eckart Wenzel, den Kabarettisten, über Sakowsky, den Schriftsteller, und zahllose andere, deren Namen mir schon wieder entfallen sind, während die DDRler sie selbst im Schlaf auswendig hersagen können.

„Kennst du nicht Scarlett O?“, fragte mich entgeistert mit großen Augen besagter Andreas. Nein, stotterte ich. „Eine ­groß­artige Frau, die größte, die wir je hatten!“ seufzte er. Es handelte sich um eine ­Sän­gerin im Mireille-Mathieu-Stil, ich hatte nie etwas von ihr gehört. „Kennst du nicht Täve Schur?“ und dabei war der Ausdruck im Gesicht des Fragenden nachgerade ­bedrohlich. Nein, gab ich zu, woraufhin die ­gesamte um ihn herumstehende Gruppe in mürrisches Gemurmel ausbrach. (Ein ­berühmter Radsportler.)

Ich beschloss, mich zu belesen und besorgte mir Bücher von Erik Neutsch, Harry Türk, Helmut Sakowsky, Daniela Dahn, Eva Strittmatter. Doch als ich einmal freudig in die „sieben Brücken einstimmte“, examinierte mich eine Kollegin sofort: „Na, Frau Röhl, die kennen sie wohl nicht, was?“ Doch, erwiderte ich schlagfertig: „Puhdys!“. Es war aber Karat gewesen. Ich hatte mich wieder mal hoffnungslos blamiert.

Tatsächlich wissen die DDRler mehr von den Westkünstlern als wir von denen im Osten. Westfernsehen und Westradio waren heiß begehrt und wurden viel geguckt. Man kennt Heino, Udo Jürgens und Udo Lindenberg, einst Lichter am Künstlerhimmel, die ihnen im Vergleich zu ihren Künstlern ­allerdings heute sehr bedeutungslos scheinen.

Die Frauenemanzipation war im Osten praktisch etwas weiter, theoretisch aber ­zurück. Feministinnen werden als aufgeblasene Hühner empfunden, die viel Lärm um nichts machen. Orgasmusschwierigkeiten? Machtgebaren von Männern? Kannten wir nicht, die Herren haben gemacht, was wir wollten, Ha Ha! Die Ostfrau will Arbeit und dann hat der Mann auch was im Haushalt zu tun. Erfreulicherweise haben sie ­dieses Streben auch an ihre Töchter weitergegeben, die von der Hausfrauenrolle nun wirklich nichts mehr wissen wollen.

Ich lebe jetzt sechs Jahre im Osten und habe die Ossis wirklich lieb gewonnen. Doch dass ich sie kennengelernt hätte, kann ich nicht sagen. Ich fühle mich oft einsam und ungeborgen, und wenn ich dann in Berlin Kreuzberg in einem Straßencafé zur Visite bin und die vielen grauhaarigen Gleichaltrigen – meine Schüler würden sagen, alternde Hippies – sehe, dann fühle ich mich unter Gleichgesinnten und die Fremdheit, die mich im Osten zu jeder Minute umgibt, wird mir überdeutlich. Wenn dann diese ­„alternden Hippies“ aber den Mund aufmachen und über die Ossis herziehen, wie dumm die seien, wie autoritär und hinterwäldlerisch, dann fühle ich mich auch im Westen nicht mehr so ganz zuhause.

Jahrgang 1955, kommt aus einer Hamburger Journalisten-Familie, lebte in West-Berlin und unterrichtet heute an der Fachschule für Heilpädagogik in Stralsund, wo sie den Frauenladen Lisa gründete.

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