Sieben Klischees über Feministinnen
Was Sie immer schon mal wissen wollten!
Frauenbewegung? Feministinnen? Sind das nicht die, die ihre BHs verbrannt haben? Sind das nicht alles Männerhasserinnen und Lesben? Zurzeit haben wir alle mal wieder die Gelegenheit, uns die schlimmsten Klischees über den Feminismus anzuhören. Aufgewärmt und aufgemotzt - und hundert Mal gelesen, zitiert, gedreht und wieder als neu verkauft. Klar, die (oft frei erfundenen) Thesen sind ja auch schön reißerisch und machen sich gut - in den Titelzeilen der Zeitungen genau so wie in Kneipen-Diskussionen oder im eigenen Internet-Blog. Denn mal ehrlich: SIE haben doch die Emanzipation wirklich nicht nötig! Oder?! EMMA hat ein bisschen in der Kiste gekramt, und den Artikel „Was sie schon immer mal wissen wollten“ gefunden. Der ist zwar schon fast zehn Jahre alt, aber das ist egal. Die Klischees sind viel, viel älter! Deshalb: Hier ein paar kluge Antworten auf die schlimmsten Klischees über den Feminismus.

BHs verbrannt?
Das stimmt nicht ganz. Ausgezogen hat im 20. Jahrhundert so manche Feministin ihren BH. So wie einst ihre Urgroßmütter, die Suffragetten, im 19. Jahrhundert das Korsett. Aber verbrannt hat ihn keine. Zumindest öffentlich nicht. Noch nicht einmal die frühen amerikanischen Feministinnen, deren lässiger Kleidungsstil der Ursprung des Klischees war. Die Aktivistinnen des Women’s Lib haben bei ihrem angeblichen „Burning-Bra“ am 7. September 1968 nur Stöckelschuhe und Lockenwickler in einen „Abfalleimer für den Frieden“ geworfen. Den BH erfanden die animierten Reporter dazu. Sex sells. Und sie machten - in Anlehnung an die „Verbrennungen der Einberufungen“ der Vietnam-Deserteure - aus dem Abfalleimer einfach einen Scheiterhaufen. Eine vielversprechende Assoziation...

Warum die lila Latzhose?
Die Farbe Lila ist von hoher Symbolik: Sie ist die Vereinigung des „männlichen“ Blau mit dem „weiblichen“ Rosa zum eigenständigen Violett. Schon die griechische Dichterin Sappho erwähnt mehrfach die Farbe Lila. Und im Mittelalter galten Violett und Veilchen für Frauen wie Männer als Zeichen, dass sie unverheiratet waren - und bleiben wollten. In der historischen Frauenbewegung taucht das Lila um die Jahrhundertwende wieder auf und wird in den 20er Jahren zur Farbe der Femme fatale und der Frauenliebe. Zwischen den „Lila Nächten“ am Kudamm und den lila Latzhosen in Kreuzberg lag dann ein halbes Jahrhundert. Auch die Neue Frauenbewegung gab sich dann gerne wieder in Violett.

Warum das Frauenzeichen?
Die amerikanische Feministin Robin Morgan reklamiert für sich das Erstgeburtsrecht des als Symbol der Frauenbewegung: abgebildet auf dem Cover des 1970 von ihr herausgegebenen Kollektivbandes „Sisterhood is powerful“. Doch das Frauenzeichen, auch „Spiegel der Venus“ genannt, kommt von viel weiter her. Es ähnelt dem ägyptischen Anch, dem Symbol für die Kräfte der Venus: Sexualität, Liebe und Leben. Venus griechische Schwester ist Aphrodite. Später wurde das zum biologischen Zeichen für Weiblichkeit. - Europäische Feministinnen lancierten als ironische Antwort auf die geballte Faust der Genossen das Zeichen der Vulva: geformt mit hocherhobenen Händen und gespreizt aneinander gelegten Daumen und Mittelfingern.

Alle frigide!
Auf einer ihrer ersten Demonstrationen trug das Pariser „Mouvement de liberation des femmes“ ein Schild mit der Aufschrift: „Wir sind alle frigide. Wir sind alle hysterisch. Wir sind alle neurotisch. Wir sind alle lesbisch." Die Frauen parodierten damit Klischees, die unbequemen Frauen schon lange vor der Frauenbewegung angehängt wurden. Die Feministinnen waren die ersten, die das Tabu des Schweigens über die weibliche Unlust brachen, indem sie seine Gründe anprangerten: Wie soll ein entfremdeter, benutzter, missbrauchter Körper auch noch Lust empfinden können? Feministinnen waren es, die das Ende der Unlust forderten - und endlich eine wirkliche, eigene Lust der Frauen. Seither ist viel passiert.

Alles Männerhasserinnen!
Stimmt das? Heißen Feministinnen Männerhasserinnen, weil sie von den Männern gehasst werden? Das wäre eine wahrhaft logische Erklärung. Aber es ist natürlich ganz anders. Angeblich sind die Feministinnen selbst Männerhasserinnen und penisneidische Schwanz-ab-Schneiderinnen (wie „Schwanz-ab-Schwarzer“). Denn sie gehören nicht zu der Sorte Frau, die rituell und mit erhobener Stimme zu erklären pflegt: Ich liebe Männer. Im Gegenteil. Feministinnen nennen die Sache beim Namen, sagen, dass es Gründe gibt zum Hass auf Männer, auf gewisse Männer. Sie finden: Wer den Männerhass abschaffen will, muss als erstes seine Gründe abschaffen. - Doch die Hauptmotivation von Feministinnen war noch nie die Ablehnung der Männer, sondern war immer die Entdeckung der Frauen - und damit auch ihre eigene. Feministinnen kämpfen nicht gegen Männer, sondern für Frauen.

Alle lesbisch!
Stimmt das? „Unsere Gegner haben uns schon als Lesben beschimpft, als wir selbst noch gar nicht wussten, dass wir es sind.“ Dieser tiefsinnige Spruch einer unbekannten Feministin bringt es auf den Punkt, denn: 1. „Die Lesbe“ ist nichts anderes als die finale Steigerung der „Männerhasserin“. 2. Die feministische Theorie geht in der Tat von einer natürlichen Bi- bzw. Multisexualität aus. 3. So manche Feministin, die vorher noch nicht einmal im Traum daran gedacht hatte, hat sich im Zuge ihrer (Selbst)Bewusstwerdung auch schon mal in die beste Freundin verliebt - und ist dabei geblieben oder nicht. Dennoch waren und sind die meisten Feministinnen in Liebesbeziehungen mit Männern, also ganz „normale“ Frauen. Allerdings hat die theoretische Debatte mit ihren konkreten Folgen die Frauenbewegung oft zerrissen: Lesbianismus gegen Zwangsheterosexualität. Darf frau im Geschlechterkrieg den Feind lieben? Eine Minderheit der Feministinnen kam zu dem Schluss: Sie darf nicht! Eine Mehrheit fightete - und fightet - weiter im Nahkampf auf Schlachtfeldern wie Schlafzimmer, Küche und Auto.

Alles Hexen!
So wahnsinnig komisch ist das Klischee von der Hexe nicht, bedenken wir, dass zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert Tausende Frauen als Hexen grausam zu Tode gefoltert wurden: gevierteilt, ertränkt, verbrannt. In dieser Stadt, im hilligen Kölln, erschien 1487 „Der Hexenhammer“ der Dominikaner Jakob Sprenger und Heinrich Institoris. Von hier trat die Bibel der Dunkelmänner mit Folteranleitung ihren Siegeszug durch ganz Europa an. Das berühmteste Kölner Opfer des Wahns war Katharina Henoth, die Tochter des Postmeisters. Die erfolgreiche und selbstbewusste Geschäftsfrau hatte gegen den Konkurrenten Taxis (später „Thurn und Taxis“) um das alleinige Postrecht geklagt. Das bekam ihr nicht. Sie verbrannte 1627 auf dem Scheiterhaufen des Melaten-Friedhofs. Quasi immer ging es bei der Hexenverfolgung um die Vernichtung weiblicher Unabhängigkeit: erotisch wie sozial oder ökonomisch. Bevorzugte Opfer dieses weiblichen Holocausts waren mannlose Frauen, Hebammen oder Ketzerinnen, ja sogar Königinnen. In Köln ist vor genau 346 Jahren die zwölfjährige Enn Lennartz als letzte „Hexe“ hingerichtet worden. - Feministinnen machten die Walpurgisnacht, in der nach der Legende die Hexen auf dem Blocksberg mit dem Teufel tanzen, zur Nacht der Frauen - und zum Protest gegen Männergewalt.
EMMA 6/2001
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