Die Osmose
Wir haben uns total beeinflusst.
Sartre und Beauvoir im Gespräch mit Schwarzer 1973 über die Spielregeln ihrer Beziehung.

- Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir 1973 in Rom, beim Dreh zu Schwarzers TV-Porträt.
Schwarzer: Ich frage mich, ob Sie die Monogamie wirklich in Frage stellen wollten oder ob Sie nicht viel mehr beide ihrer gegenseitigen Beziehungen eine absolute Priorität eingeräumt haben, die alle dritten Personen auf eine sekundäre Rolle reduzierte?
Simone de Beauvoir: Ja, das stimmt wohl.
Jean-Paul Sartre: Ja, da ist was dran. Das ist es, was mich in Widersprüche zu anderen Frauen brachte. Denn sie wollte die Hauptrolle.
Beauvoir: Das heißt, dritte Personen, in Sartres Leben wie in meinem, wussten von Anfang an, dass es da eine Beziehung gab, welche diejenige, die man mit ihnen hatte, erdrücken würde. Das war oft nicht sehr angenehm für sie. Unsere Beziehung ging wirklich ein wenig auf Kosten dieser Dritten. Also ist diese Beziehung durchaus zu kritisieren, denn sie schloss ja manchmal ein, dass man sich den Leuten gegenüber nicht sehr korrekt benahm.
Es geschah also auf dem Rücken der anderen?
Beauvoir: Ja, genau.
Und die Entscheidung - wenn es eine gab -, kein Kind zu haben? Oder war das ganz selbstverständlich für Sie?
Beauvoir: Für mich war das ganz selbstverständlich. Nicht etwa, weil ich Kinder verabscheut hätte... Als ich noch sehr jung war und daran dachte, eine bürgerliche Ehe mit meinem Cousin Jacques einzugehen, hätte das auch Kinder bedeutet. Aber meine Beziehung zu Sartre war solcher Art – auf einer intellektuellen Basis und nicht auf einer institutionellen, familiären oder was auch immer -, dass ich nie den Wunsch nach einem Kind hatte. Ich hatte keine große Lust, eine Reproduktion von Sartre zu haben – mir genügte er selbst! -, und auch keine Lust, eine Reproduktion von mir zu haben: Ich genügte mir.
Sartre: Ich dachte nicht daran, ein Kind zu haben.
Es heißt oft, dass man einen solchen Entschluss später, zu spät, bereut. Vor allem von Frauen sagt man das. Gab es in Ihrem Leben solche Momente, Simone?
Beauvoir: Überhaupt nicht! Niemals habe ich es bereut, kein Kind zu haben. Denn ich hatte sehr viel Glück, nicht nur in meiner Beziehung mit Sartre, sondern auch in meinen Freundschaften. Ganz im Gegenteil, wenn ich die Beziehung der Frauen, die ich kenne, mit ihren Kindern sehe, vor allem mit den Mädchen, wirklich, das erscheint mir oft grässlich. Ich bin glücklich, dem entkommen zu sein.
Wie sind eigentlich ihre Spielregeln als Paar? Sagen Sie sich wirklich immer die Wahrheit?
Sartre: Man sagt sie nicht immer gleich. Vielleicht acht, vierzehn Tage später. Aber man sagt sie, immer, alles. Ich zumindest! Und sie...
Beauvoir: Ich auch. Ich auch. Aber ich denke, daraus kann man keine Regel machen... Man kann nicht allen Paaren raten, sich immer brutal die Wahrheit zu sagen. Manchmal gibt es sogar eine Art, mit der Wahrheit umzugehen, die zur aggressiven Waffe wird – Männer machen das oft. Sie betrügen nicht nur ihre Frau, es macht ihnen auch noch Spaß, es ihr zu sagen, mehr um sich selbst zu gefallen als wegen der klaren Beziehung mit den anderen. Ich würde aus der Wahrheit keinen Wert an sich machen.
Ich möchte Ihnen eine banale Frage stellen, die mir jedoch wichtig erscheint, nämlich über die praktische Seite Ihrer Beziehung. Zwischen Paaren spielt oft das Geld eine große Rolle, materielle Fragen haben sehr viel Gewicht. Hat Geld zwischen Ihnen eine Rolle gespielt?
Sartre: Zwischen uns nicht. Das heißt, das Geld war für jeden von uns wichtig, für uns beide, manchmal auch für uns beide zusammen, denn man muss leben. Aber das war zwischen uns nie ein Problem, es hat unsere Beziehung nicht beeinflusst. Wir hatten Geld, oder derjenige, der welches hatte, teilte es. Entweder man teilte es, oder man lebte getrennt, je nachdem.
Beauvoir: Als wir jung waren, hatte Sartre eine winzige Erbschaft von seiner Großmutter; und ich hatte überhaupt keine Skrupel, dass er sie verwendete, damit wir zusammen verreisen konnten. Wir hatten nie besonders strenge Regeln. Es gab Zeiten, in denen ich Sartre buchstäblich auf der Tasche lag, zwei oder drei Jahre lang, nach dem Krieg, denn ich wollte schreiben – ich glaube "Das andere Geschlecht". Vor ein paar Jahren war er einmal schlecht dran, und da habe ich ihm ausgeholfen. Da gibt es also keine Probleme, das Geld des einen gehört auch dem anderen – auch wenn wir getrennte Kassen haben, über die wir keine Rechenschaft ablegen. Ich mache mit meinem Geld, was ich will, und er dasselbe mit seinem.
Wenn man so enge Beziehungen hat wie Sie, beeinflusst man einander. Können Sie, Jean-Paul, oder Sie, Simone, sagen, in welchen Punkten Sie einander beeinflusst haben?
Sartre: Ich würde sagen, wir haben uns total beeinflusst.
Beauvoir: Im Gegenteil, ich meine, das ist kein Einfluss, sondern eine Art Osmose.
Sartre: Wenn Sie es so wollen. Bei besonderen Fragen, das heißt nicht nur literarischen, sondern auch in Lebensfragen, ist es immer eine Entscheidung, die wir gemeinsam treffen, und jeder beeinflusst den anderen.
EMMA 1/2008
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