MAGDALENA ABAKANOWICZ
Aus der Quelle des Lebens
Die Bildhauerin Magdalena Abakanowicz zeigt ihr monumentalen Figuren aus Bronze und Stahl in Düsseldorf. Die Polin ist eine der beindruckendsten Bildhauerinnen.

- M. Abakanowicz
Links steht Magdalena Abakanowicz, 78, im Februar 2001 zwischen ihren in einer Düsseldorfer Kunstgießerei frisch produzierten bronzenen "Big Figures", zwanzig an der Zahl und eine jede 2,60 Meter hoch. Fotografiert hat sie Bettina Flitner für ihre "Frauen mit Visionen", diese 50 Europäerinnen, die unseren Kontinent geprägt haben. Abakanowicz ist eine von ihnen.
Die kopflosen "Big Figures" sind nicht dabei in der Ausstellung, die bis zum 31. Januar 2009 im Ehrenhof in Düsseldorf zu sehen ist. Dafür aber die nicht minder gewaltigen Skulpturen "Bambini", "mutants", "flyers" und "skulls" – allesamt aus Material mit Ewigkeitswert: Bronze, Stahl, Aluminium. Mit weniger gibt diese Frau sich nicht ab. Und dies ist die einmalige Chance, ihre bisher größte Außenausstellung zu sehen.
Die aus Falenty bei Warschau Stammende gilt seit langem als die bedeutendste polnische Künstlerin – und eine der wichtigsten international. Für Polen war die 1930 geborene Abakanowicz, deren adelige Familie von den Nazis enteignet worden war, in den repressiven Zeiten des Stalinismus von unschätzbarer Bedeutung, und sie ist es bis heute. "Sie leistete einen entschiedenen Beitrag dazu, dass Polen auch in dunklen Zeiten den Anschluss an das Kontinuum der europäischen Kunst nicht verloren hat", sagte ihr Laudator Peter Busmann.
Abakanowicz war 14, als der Warschauer Aufstand niedergeschlagen und die Stadt von der deutschen Wehrmacht dem Erdboden gleichgemacht wurde, Stein um Stein. Diese Bilder der Massen von Toten und Verwundeten haben sich in ihr Gedächtnis eingebrannt. "Es geht mir um das, was man nicht anders ausdrücken kann", sagt sie. "Dazu gehören die Schrecken, der Glaube, die Gefühle und alles, was in uns ist – und was wir mit uns durchs Leben schleppen."
Busmann erinnerte auch an Abakanowiczs starken Willen von Kindesbeinen an. Weil in ihrer adeligen Familie nur die Jungen gefördert wurden, hatte die kleine Magdalena sich nichts sehnlicher vom Nikolaus gewünscht, als in einen Jungen verwandelt zu werden. Nun, sie hat es dann auch als Mädchen geschafft. Wenn auch zunächst mit als "weiblich" geltenden Materialien und Techniken. Die "männliche" Vermessenheit kam später hinzu.
Nach dem Studium an der Kunstakademie von Warschau erregt Abakanowicz ab 1955 erstes Aufsehen mit monumentalen Gouachen. Sie heiratet 1956 Jan Kosmowski, mit dem sie bis heute ihr Leben teilt. Und sie lernt Weben. Sie baut einen eigenen Webstuhl für raues Material und entwickelt eine eigene Webtechnik. Aus ihrem Webstuhl wachsen die "Abakans": gigantische, schwebende, von den Decken hängende Skulpturen aus Tau, Sackleinen und Rosshaar, mit denen die Polin ab Mitte der 60er Jahre internationales Aufsehen erregt. Als Höhepunkt dieser Periode gilt die aus 600 Objekten bestehende "Embryologie", die 1980 im polnischen Pavillon auf der Biennale von Venedig gezeigt wird. Ihren Weltruhm begründen Einzelausstellungen in der ganzen Welt: von Düsseldorf und London über Los Angeles und New York bis Tokio.
Ab 1986 vermischt die Bildhauerin die Naturstoffe mit Bronze und produziert Abformungen von Menschen- und Tiergesichtern für ihre Werkgruppe "Inkarnationen". Ihre Installationen werden zunehmend weiträumig und brechen aus den Häusern aus. In den Weinbergen bei Florenz wird 1985 ihr 33 überlebensgroße Bronzefiguren umfassender Zyklus "Katharsis" installiert. Von 1965 bis 1990 lehrt sie als Professorin an der Kunsthochschule Posen.
In Abakanowiczs jüngeren Arbeiten spielen Natur und vor allem Bäume eine zunehmende Rolle. Um 1980 entwickelt sie für das seelenlose, moderne Pariser Viertel Défence zusammen mit Architekten eine Art Baumstadt: 60 baumförmige, bewohnte Gebäude, die von außen eingegrünt sind. Der Entwurf wurde prämiert, aber nie realisiert.
Selbstverständlich ließ Magdalena Abakanowicz es sich nicht nehmen, persönlich den Aufbau ihrer Skulpturen im Ehrenhof zu überwachen. "Kunst", sagt sie, "Kunst wird die erstaunlichste Tätigkeit des Menschen bleiben, geboren aus beständiger Kollision zwischen Weisheit und Wahnsinn, zwischen Traum und Realität."
Magdalena Abakanowicz: "space to experience", Ehrenhof Düsseldorf bis 31.1.2009. Katalog bei www.beck-eggeling.de.
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