Gute Frage
Wie geht eigentlich feministisch Flirten?
Auf den #Aufschrei gegen Sexismus folgte der Aufschrei der Machos: Darf ich jetzt etwa nicht mal mehr mit einer Frau in den Aufzug steigen? Wo ist denn das Problem, wenn ich ihr ein Kompliment für ihren Hintern mache? Wird hier etwa der „kleine Unterschied wegmoralisiert“? Droht uns das „moralische Korsett“ der „politischen Korrektheit?“, wie Christiane Hoffmann im aktuellen Spiegel zur #Aufschrei-Debatte wettert. Mitnichten. Eher gehen bei dem Sturm auf Twitter, in Redaktionen und Parteibüros so einige Dinge durcheinander, wenn es um Sexismus geht. Sexismus hat nichts mit Komplimenten, nichts mit Flirten, nichts mit ernsthaftem sexuellem oder emotionalem Interesse zu tun. Bei Sexismus geht es um ein Machtgefälle. Ein Flirt dagegen findet auf Augenhöhe statt. Von Frau zu Mann, Frau zu Frau, Mann zu Mann. Er macht Spaß. Und er ist vor allem einvernehmlich. So viel zur Theorie. In der Praxis ist die Sache dann doch etwas komplizierter. EMMA-Redakteurin Alexandra Eul und Autor Jonathan Widder antworten im Dossier "Ist die Liebe noch zu retten?" auf die Frage: Wie geht eigentlich feministisch Flirten?

Dass sich das Verhältnis von Männern zu mir verändert hat, wurde mir klar, als mir eine EMMA-Kollegin mit den Worten „Das ist für dich abgegeben worden“ einen Brief überreichte. „Ich will dich wiedersehen“ stand da. Handschriftlich, abgegeben in der Redaktion. Der Absender, ein sympathischer Typ, neben dem ich zwei Abende zuvor zufällig auf einer Party gesessen hatte. Na gut, ich hatte mich absichtlich genau neben ihn gesetzt.
„Was machst du so?“ – eine simple Frage. Nicht ganz so simpel, wenn die Antwort darauf lautet „Feministin, beruflich übrigens. Vollzeit.“ Eine sex-negative Männerhasserin, weißte bescheid.
Aber diese Klischees blieben überraschenderweise aus. Wir plauderten über Frauen, Männer, Liebe, Quote, Übermütter und Surfen. Kein „Du hast schöne Augen.“ Kein „Was, 31? Du siehst aus wie 23! Höchstens!“. Überhaupt keine Fremdschämmomente. Einer kleinen, blauäugigen Blondine, stets Zielscheibe klebrigen Altherrencharmes, fällt sowas auf.
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Seitdem frage ich mich: Wie geht das eigentlich, feministisch flirten? Und was macht das F-Wort aus einem Flirt?
Theoretisch ist die Sache klar: Beim Flirten handeln ein Mann und eine Frau spielerisch ihr Verhältnis zueinander aus. Ein Wettbewerb mit Trostpreis (Freundeskreiserweiterung), Bronzemedaille (Knutschen vor der Haustür), Silbermedaille (aufregende Affäre) und Pokal (Verlieben).
Aber wer will das hören, wenn dringende Fragen beantwortet werden müssen: Lächel ich den jetzt an? (Ja.) Sprech ich den an? (Trau ich mich nicht.) Ruf ich den an? (Trau ich mich erst recht nicht!) Sag ich, dass ich ihn sexy, sogar zum Verlieben finde? (Bloß nicht!) Sag ich am besten einfach mal nix, mach mich ein bisschen rar? (Klingt irgendwie auch blöd …) Oder mach ich ihm den Hof? (Gott, es ist kompliziert …). Kurz: Was ist eigentlich mein Spieleinsatz?
Nach meinem Partyflirt erklärte mir ausgerechnet meine Mutter: „Ich verstehe nicht, wie jemand wie du beim Anmachen so spießig sein kann!“ Das saß. Meine Mutter, fast 60, findet mich, halb so alt, in Flirtfragen altbacken. Zugegeben, ich hatte die Frage „Ich will ihn wiedersehen, rufe ich an?“ mit Nein beantwortet. Schließlich hatte ich vorvorgestern auf seine knappe SMS nicht minder knapp geantwortet. So leicht bin ich nämlich nicht zu haben! Für meine Mutter lag die Sache auf der Hand: Alles Quatsch. Sag einfach, was du willst. Geradeheraus ist praktisch. Jeder weiß, woran er ist.
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Nur haben wir ach so modernen jungen Frauen dank Film, Fernsehen und Frauenzeitschriften das Gegenteil verinnerlicht. Eine prototypische Situation: Ein lauer Frühlingsabend unweit der Spree, ein Mann und eine Frau sitzen an einem kleinen Tisch vor einer Bar. Es ist ihr erstes Date. Sie streicht sich durchs Haar, er lacht, zufällig berühren sich ihre Hände, sie lehnt sich nach vorn und lauscht aufmerksam seinen Storys. Zum Abschied hilft er ihr in den Mantel, sie haucht ihm einen Kuss und den Satz „Ruf mich an!“ auf die Wange und dreht sich noch einmal lächelnd um, bevor sie in der rosa Dämmerung davon schlendert.
An der nächsten Straßenecke zückt sie ihr Handy und verkündet mit Entsetzen: „Und dann habe ich den ganzen Abend einen auf Mädchen gemacht!“ Die Frau ist übrigens eine Freundin von mir und als sie mich anrief, waren wir uns einig: So läuft das nicht. Einen auf Mädchen machen, ein Code für: Ich fand ihn heiß, und weil die Nummer zieht, habe ich genickt, gelächelt und meine Augen aufgerissen. Die Putzig-Strategie. Nicht ausgelassen sein, sondern sich möglichst gut gekleidet in eine einladende und abwartende Haltung zu begeben und in dieser so lange auszuharren, bis der Mann den nächsten Schritt macht. Wie langweilig! Bestimmt auch für ihn. Da lernen wir Jahrzehntelang, dass die Hälfte der Welt hypothetisch uns gehört, und ausgerechnet wenn es mal ein bisschen nett wird, greifen Frauen nicht zu, sondern wollen in bester Tanzschulmanier aufgefordert werden.
Unter meinen Freundinnen gibt es eine, die Männern (und Frauen) regelmäßig den Kopf verdreht. Dinge, die sie nie tut: In einer Bar ausharren, in der Hoffnung, dass etwas Aufregendes passiert. Typen anschmachten, weil es endlich der Richtige sein könnte. Was sie tut: tanzen. Von Gespräch zu Gespräch schwirren. Sie denkt beim Flirten nicht darüber nach, was er, sondern was sie selbst fühlt. Außerdem interessiert sie sich auch mehr für Musik als für Männer … Das kommt an.
Die meisten Frauen dagegen spielen beim Flirten Roulette und setzen alles auf die rote Neun mit der Wuschelfrisur. Wenn die nicht gewinnt, fragen sie: Bin ich zu hässlich? Sie denken nicht: Die rote Neun ist ein Idiot. Ich hätte besser nur ein Viertel meines Einsatzes auf ihn gesetzt, dann noch ein bisschen was auf die schwarze Fünf und mir den Rest für die nächsten Runden aufgespart. Was die meisten Männer tun. Sie flirten nach einer Abfuhr weiter. Mit einer anderen.
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Und wenn es funkt? Wenn auf der Geburtstagsparty plötzlich jemand in der Küche steht, und sich im Kopf drei Buchstaben breit machen: Wow! Dann kann alles passieren. Und nichts. Ein Rezept gibt es nicht und wer etwas anderes behauptet, möchte Ihnen nur den hundertsten Psycho-Ratgeber verkaufen.
Einen Brief in die EMMA-Redaktion habe ich übrigens nie wieder bekommen. Es gibt trotzdem zwei gute Gründe, beim Flirten einfach mal das F-Wort fallen zu lassen: 1. Haltung ist sexy. 2. Es gibt keinen besseren Test, um herauszufinden, ob sich der Spieleinsatz überhaupt lohnt.
Alexandra Eul, EMMA Sommer 2012
EMMA-Redakteurin Alexandra Eul, 31, lebt als Single in Köln. Die Themen Männer und Liebe gehören zu ihren Kernbereichen, beruflich wie privat. Sie hat für diese Kolumne lange nach einem Gegenpart gesucht – und Jonathan Widder, 29, Soziologe und Journalist, gefunden, der mit einer algerisch-französischen Comiczeichnerin verheiratet ist. Hier geht es zu seiner Antwort: War etwa sie aktiv?

DOSSIER
Ist die Liebe noch zu retten?
Ein Gespenst geht um: Die Männer wollen nicht mehr – und die Frauen wollen mehr denn je. Was ist bloß mit der Liebe passiert? mehr

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