REGENBOGENFAMLIEN
Jetzt im Kino: The Kids Are All Right
Auf den ersten Blick klingt der Plot, als ob er auf der Altkleidersammlung der Lesben-Klischees entsorgt werden müsste: Frauenpaar lebt mit zwei per Samenspende gezeugten spätpubertierenden Kindern. Eins der beiden, natürlich der Junge, will unbedingt seinen Vater kennen lernen. Als der auf der Bildfläche erscheint, beginnt eine der beiden Frauen prompt eine Affäre mit dem Herrn und hat überaus aufregenden Sex mit ihm. Oh je. Dass „The Kids Are All Right“ von Regisseurin Lisa Cholodenko trotz beunruhigender Ausgangslage ein sehenswerter und witziger Film geworden ist, liegt an verschiedenen Faktoren. Zunächst natürlich an Julianne Moore und Annette Bening, die das in die Jahre gekommene Paar Nic und Jules hinreißend glaubwürdig mit Witz und Tiefgang verkörpern. Es dürfte wohl einen weiteren Schritt Richtung Gleichstellung bedeuten, dass zwei vielfach oscarnominierte Hollywood-Diven als Zelluloid-Frauenpaar offenbar keinen Karriereknick mehr befürchten, sondern entspannt die amerikanische Regenbogen-Familie geben.

- The Kids Are All Right: Annette Bening (links) und Julianne Moore (rechts).
Und zu dieser Normalität gehört eben auch, dass das Frauenpaar nach 20 Jahren gemeinsamen Familienlebens im Stand der Ehekrise angekommen ist – wie andere stinknormale Paare auch. Und auch für Lesben gilt: Das Hausfrauenmodell – Nic ist als erfolgreiche Ärztin das zahlende „Familienoberhaupt“, Architektin Jules kommt beruflich nicht in die Hufe und leidet – erweist sich auch in dieser Konstellation als suboptimal.
Daher ist auch der erfolgreiche Einbruch von Samenspender Paul (noch entspannter: Mark Ruffalo) ins lesbische Familienleben verzeihlich, weil schlüssig. Als Gärtner und Bio-Restaurantbesitzer bringt er die Sinnlichkeit mit, die der Beziehung der Frauen abhanden gekommen ist. Und er beauftragt Jules mit der Gestaltung seines Gartens, die ihm die Bestätigung, die sie von Nic vermisst, entsprechend dankt. Paul ist also nicht Verursacher der Krise, sondern lediglich ihr Katalysator. Um die Ohren geflogen wäre den Mädels die Sache sowieso. Zum Ende sei Skeptikerinnen verraten, dass Hollywood Happy-Ends liebt. Inzwischen auch homosexuelle…
Zwei Fragen blieben allerdings offen:
1. Müssen wir zwingend darüber jubeln, dass sich die Käseglocke wieder über der Kernfamilie schließt – auch wenn es eine homosexuelle ist? Hätte nicht Paul, der seine Rolle als Zusatzpapi ziemlich cool erfüllt hat, Teil des Familienmodells bleiben können (nach angemessener Schmollpause, versteht sich)?
2. War es wirklich zwingend nötig, dass das Lesbenpaar seinen müden Sexversuch am Anfang des Films ausgerechnet mit der Betrachtung eines Schwulenpornos aufpeppen will? Dieser dramaturgische Wink mit dem Zaunpfahl gehört als komplett überflüssig und wegen Erfüllung des Ohne-Pimmel-geht-es-eben-doch-nicht-Klischees definitiv auf der Altkleidersammlung entsorgt.
CL, EMMAonline, 22.11.2010
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