Rechtsruck bei der CDU?
Warum dieses NEIN zur PID?
Bei einer PID, der Pränatalen Diagnostik bei künstlicher Befruchtung, wird vor Einpflanzung in die Gebärmutter einer Frau geprüft, ob das befruchtete Ei gesund ist. Auf ihrem Parteitag haben die ChristdemokratInnen jetzt mit knapper Mehrheit (51 Prozent) entschieden, dass sie gegen das Recht der Frau auf eine PID sind.
Begründung: Die nadelspitzengroßen Zellen seien bereits schützenswertes menschliches Leben. Die Frage, was mit der ebenfalls schützenswerten potenziellen Mutter ist, die nicht nur das Recht, sondern dank medizinischen Fortschrittes auch die Chance hat, kein schwerbehindertes Kind austragen zu müssen, hat für die 51 Prozent offensichtlich keine Rolle gespielt. Schlimmer noch: Sie sind im Namen ihrer hehren Glaubensprinzipien bereit, die Frau der Gefahr einer Fehlgeburt oder (Spät)Abtreibung bei Schwerstbehinderung des Fötus auszuliefern.
Die größte Überraschung dabei ist die Rolle von Kanzlerin Merkel und deren Wende. Die Protestantin war bisher für das Recht von Frauen auf die PID – jetzt stimmte sie dagegen. Ihr Argument: Sie verstehe zwar das Anliegen der Verhinderung des Austragens "schwer behinderter" Embryonen, nicht aber im Fall "weniger schwer behinderter". Und wenn man diese Unterscheidung mache, sei das Selektion.
Dabei ist einer Naturwissenschaftlerin wie Merkel natürlich klar, dass dieser den Bruchteil eines Millimeters große Achtzeller noch längst kein „ungeborenes Leben“ ist, wie es wohl der Papst formulieren würde. An ihrer Seite: Die katholische Forschungsministerin Annette Schavan. Die kündigte an, jetzt für eine „fraktionsübergreifende“ Stimmung im Bundestag gegen die PID werben zu wollen. Wir ahnen schon jetzt, wer von SPD und Grünen mit von der Partie sein wird. Wir kennen den Aberwitz bereits aus der scheinheiligen Debatte um die Spätabtreibung.
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Da ist es erleichternd, dass nicht alle CDU-Politikerinnen den Wahnsinn mitmachen. Ministerin Ursula von der Leyen zum Beispiel, Ärztin und Mutter von sieben Kindern, ist mit Blick auf die Folgen, auf „Totgeburten und Spätabtreibungen“, für das Recht der Frauen auf die PID. Und selbst Kirchenmänner wie der neue Vorsitzende der EKD (Evangelische Kirche Deutschlands), Nikolaus Schneider, äußerte sich pro mit Blick auf die Lage der Mütter und „das Leid von Eltern mit schweren Erbkrankheiten“.
Wem also will die Kanzlerin hier zu Gefallen sein? Dem rechten Lager der CDU? Scheint ihr dieses zynische Opfer eines der elementarsten Menschenrechte von Frauen – und das Recht auf Teilhabe am medizinischen Fortschritt – dazu geeignet? Prompt lobte die FAZ von heute „Frau Merkels neue Wärme“.
Wir dürfen nun gespannt sein, welche Fronten sich apropos der PID mal wieder im Bundestag bilden werden. Und, klar: Irgendwann soll es dann dem ganzen – in Deutschland schon jetzt sehr eingeschränkten! – Recht auf Abtreibung überhaupt wieder an den Kragen gehen.
Übrigens: Sowohl die PID wie auch die Fristenlösung sind in quasi ganz Europa selbstverständlich. Und nur in Deutschland – und im Vatikan – wagt man, im Zusammenhang mit der PID schamloserweise von „Selektion“ zu sprechen. Muss wirklich daran erinnert werden, dass Deutschland kein Gottesstaat, sondern eine weltliche Demokratie ist?
EMMAonline, 17.11.2010
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