Adoptivtochter Dylan: Zu zerbrechlich?

Screenshot: cbs this morning
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Wir sind mitten in einer Revolution. Von Anschuldigungen gegen Filmproduzenten und Journalisten bis hin zu Zimmermädchen, die von Übergriffen in ihrem Beruf berichten: Frauen enthüllen die Wahrheit und Männer verlieren ihren Job. Aber die Revolution ist selektiv.

Immer wieder habe ich geschildert, wie Woody Allen mich, als ich sieben Jahre alt war, auf einen Dachboden geführt hat – weg von den Babysittern, die eigentlich die Anweisung hatten, mich nie mit ihm alleine zu lassen. Dann hat er mich sexuell missbraucht. Ich habe den Behörden bereits damals die Wahrheit erzählt und ich erzähle sie jetzt, unverändert, seit über 20 Jahren.

Allen bestreitet meine Behauptungen. Aber hier steht nicht Aussage gegen Aussage. Allens unangemessene Verhaltensmuster – seinen Daumen in meinen Mund zu stecken, mit mir in Unterwäsche ins Bett zu steigen, das ständige Belästigen und Betatschen – wurden von Freunden und Familienmitgliedern bezeugt. Zum Zeitpunkt der Vorwürfe war er wegen seines Verhaltens mir gegenüber in Therapie. Drei Augenzeugen bestätigten meine Aussage; darunter ein Babysitter, der beobachtete, wie Allen seinen Kopf in meinem Schoß vergrub, nachdem er mir die Unterhose ausgezogen hatte. Allen verweigerte damals einen Lügendetektor-Test, den die Staatspolizei von Con­necticut angeordnet hatte.

In der abschließenden gerichtlichen Verfügung in der Sache verweigerte ihm ein Richter das Sorgerecht für mich und schrieb, dass „Maßnahmen getroffen werden müssten, um mich zu beschützen“. Und dass es „keine stichhaltigen Gründe“ gebe anzunehmen, dass meine Mutter, Mia Farrow, mich in irgendeiner Weise ­beeinflusst habe.

Der ermittelnde Staatsanwalt erklärte darüber hinaus, dass es einen hinreichenden Verdacht gebe, um Allen anzuklagen – dass er die Anklage aber fallenlasse, um mich, das „zerbrechliche kindliche Opfer“, vor diesem belastenden Prozess zu verschonen.

Dank Allens PR-Team und seinen Anwälten kennen nur wenige diese schlichten Fakten. Das zeigt auch die Macht jener Kräfte, durch die Männer wie Allen von je her geschützt wurden: ihr Geld und ihre Macht, die eingesetzt werden, um das Einfache kompliziert zu machen und die Geschichte zu ihren Gunsten umzuschreiben. Dank dieser vorsätzlichen Verschleierung entscheiden sich A-Promis, in Allens Filmen mitzuspielen und Journalisten haben Tendenz, das Thema zu vermeiden.

Über Jahrzehnte hat Allen die gleichen Methoden von Verteidigung durch Einschüchterung angewandt, die offensichtlich auch Weinstein genutzt hat. Im Jahr 1997 berichtete das Connecticut Magazine, dass das Rechtsteam von Allen private Ermittler angeheuert habe. Darunter auch einige, die beauftragt wurden, rufschädigende Informationen gegen Strafverfolgungsbeamte zu finden, die an dem Missbrauchsfall arbeiteten.

Als mein Bruder Ronan Farrow letztes Jahr im Hollywood Reporter über den Fall sprach, trat Allens PR-Team, geleitet von Leslee Dart von der Firma 42 West, immer dann in Aktion, wenn die Vorwürfe wieder auftauchten.

Sogar jetzt zögere ich, etwas zu sagen. ­Allens gewiefte Partner wissen, dass es anrüchig ist, mich, ein mutmaßliches Opfer, direkt anzugreifen. Also richten sich die Schmähungen immer und immer wieder gegen meine Mutter. Das ist schrecklich und macht mich wütend.

Besonders schmerzlich ist, dass Allen es sogar geschafft hat, meinen Bruder Moses gegen mich in Stellung zu bringen. Moses behauptet heute, dass meine Mutter ihn „gehirngewaschen“ und mich „gecoached“ hätte, Allen anzuklagen – was Zeugenaus­sagen, die sich über Jahre ziehen, widerspricht. Moses’ Kommentare sind niederschmetternd, aber wie so viele der Angriffe auf meine Geschichte, sind auch sie irrelevant: Moses war nicht da, als die Übergriffe stattfanden.

Die Wahrheit ist schwer zu leugnen, aber leicht zu ignorieren. Es bricht mir das Herz, wenn Frauen und Männer, die ich bewundere, mit Allen arbeiten und sich dann weigern, Fragen dazu zu beantworten. Es bedeutete die Welt für mich, als Ellen Page sagte, dass sie die Zusammenarbeit mit Allen bereue, und als die Schauspielerinnen Jessica Chastain und Susan Sarandon der Welt erzählten, warum sie nie mit ihm zusammenarbeiten würden.

Es ist nicht nur Macht, die es den beschuldigten Männern erlaubt, ihre Karriere und ihre Geheimnisse zu behalten. Es ist auch unsere kollektive Entscheidung, einfache Situationen als komplizierte zu betrachten und auf offensichtliche Fakten mit der Frage zu reagieren: „Wer kann das schon so genau sagen?“ Das System, das Harvey Weinstein Jahrzehntelang gedeckt hat, funktioniert bei Woody Allen noch immer.

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