In der aktuellen EMMA

Mehr Altersstolz, ihr Frauen!

Artikel teilen

"Mit den alltäglichen Diskriminierungen, wie etwa in Geschäften, in denen keine Bedienung kommt, weil sie keine Lust auf 'die Alte' hat, habe ich mich abgefunden. Ernst wird es für mich jetzt bei Ärzten. Entweder behandeln die mich, als hätte ich nur noch wenige Jahre zu leben, oder sie sprechen mit einer Betulichkeit mit mir, als wäre ich ein Kleinkind. Als mir kürzlich neue Medikamente verschrieben wurden, fragte mein Arzt, ob ich nicht eine jüngere Verwandte mitbringen könnte, der er das erklären könnte. Ich sagte, dass ich durchaus noch gut bei Verstand wäre. Darauf sagte er: ‚Das glauben Sie.‘“ – Das schrieb uns die 76-jährige Irmgard Werner auf unseren „Aufruf gegen Ageismus“. 

Alltagserlebnisse wie dieses haben unser Postfach zum Überlaufen gebracht. Denn die werden sonst nirgendwo erzählt – bzw. niemand will sie hören.

Doch nicht nur die unbekannte Irmgard ist von Altersdiskriminierung betroffen. Der berühmten Nobelpreisträgerin Christiane geht es nicht anders. Als die Biologin Nüsslein-Volhard, 80, sich jüngst erlaubte, daran zu erinnern, dass der Mensch rein biologisch zweigeschlechtlich sei, ereilte sie im Netz nicht nur die Aufforderung, ihren Nobelpreis zurück-zugeben, sondern auch das Verdict: „Die Alte hat doch eh keine Ahnung mehr, die soll die Klappe halten.“ Und: „Bei der rieselts doch längst schon.“ Oder: „Oma erzählt vom Krieg.“ 

Und dann sind da auch Erfahrungen von Alice. Ein einsamer Höhepunkt bei der Diffamierung wegen des Alters spielte sich zwei Tage vor ihrem 80. Geburtstag ab. Der sogenannte „Kolumnist“ der Bild, Franz Josef Wagner (79), schrieb: „Alice Schwarzer ist eine wildgewordene Oma. Alles, was sie als jüngere Frau geleistet hat, verschwindet. Als junge Frau war Alice Schwarzer eine Heldin. Als Oma ist sie ein Schreckgespenst.“

Der jährliche Bericht der Antidiskriminierungsstelle des Bundes hat ein klares Ranking. Platz 1: Rassismus (37 Prozent). Platz 2: Behinderung und chronische Krankheit (32 Prozent). Platz 3: Geschlecht (20 Prozent) und Platz 4: Alter (10 Pro-zent). Wenn dann Frausein und Alter zusammenkommen, wird es eng, dann trifft es jede dritte Frau.

Platz 1 ist in den Medien ein großes Thema. Die Altersdiskriminierung hingegen interessiert kaum. Bisher hat Deutschland nicht einmal einen Begriff dafür. „Diskriminierung wegen des Alters“ klingt mindestens so sperrig wie das Formular „Verpflichtung zur Abgabe einer Einkommenssteuer-Erklärung“.

In den englischsprachigen Ländern hat sich der Begriff „Ageism“ schon durchgesetzt. Und noch ist die Eindeutschung – „Ageismus“ – kein Wort des Hausgebrauchs, aber das war „Sexismus“ bis zur Frauenbewegung auch nicht.

Aber Fakt ist: Alte Frauen gehören zu den am stärksten ausgegrenzten Menschen in der Gesellschaft. Und trotzdem bleiben sie ein blinder Fleck in der empfindsamen Debatte um Diskriminierung. Obwohl der Kampf gegen Diskriminierung an allen Fronten geführt wird, spielen alte Menschen darin keine Rolle. Ein Spruch gegen das Alter, meist lose oder mal zynisch, wird in unserer vom Jugendwahn nahezu besessenen Kultur gerne noch belächelt. 

Schon Kinder verinnerlichen, dass Falten etwas Unansehnliches sind und dass Altsein eines bedeutet: das fünfte Rad am Wagen zu sein. 

Alte Frauen wie Männer leiden unter der gesellschaftlichen Unsichtbarkeit, vor allem Frauen. Viele Studien belegen, wie Frauen bereits ab 45 auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt werden, wie sie ab 60 schwerer an Wohnungen kommen und sich schlechter für die Zukunft absichern können.

Susan Sontag schrieb schon 1972 in „Die Doppelmoral des Alterns“, wie sehr das Alter Männer auf- und Frauen abwertet. Das „Alter einer Frau“, so Sontag, ist „ein schmutziges Geheimnis“. Auch Simone de Beauvoir beschreibt das Alter in ihrem gleichnamigen Buch von 1972 als etwas, das von der Gesellschaft als „geheime Schande“ empfunden wurde und stellte fest: „Es ist die herrschende Klasse, die den alten Menschen ihre Stellung aufzwingt; aber die Gesamtheit der Bevöl-kerung macht sich hier zu ihrem Komplizen!“

Was hat sich seither getan? Verändert hat sich an der Verachtung der Alten in den letzten 50 Jahren eigentlich nur, dass die inzwischen gesellschaftsfähig ist. Nie war der „gefühlte Graben“ zwischen jungen und alten Frauen so groß wie heute. Und wenn schon alt, dann wenigstens scheinbar jung und dynamisch mit Silberschopf am Strand entlangflanierend wie in der Werbung. Da heißen die Alten „SeniorInnen“ und konsumieren kräftig.

Während Jugendliche bis vor wenigen Jahren politisch eigentlich kaum ins Gewicht fielen, laufen die Parteien spätestens seit Greta Thunberg und „Fridays for Future“ ihnen hinterher. Und immer mehr Eltern laufen ihren Kindern hinter-her und wagen es nicht, auch dem größten Unsinn zu widersprechen. Sich jung, woke und modern zu geben ist jetzt das Ticket zur Macht.

Und jetzt, nachdem die „alten weißen Männer“ als Feindbild irgendwie durch sind, trifft es die „alten weißen Frauen“. Die haben vielleicht gegen das Patriarchat gekämpft, für Frauenrechte, gegen Vergewaltigung in der Ehe oder für das Recht auf den eigenen Körper. Aber gegen Rassismus und für den Klimawandel haben die doch nichts getan, meinen selbstgerechte Jugendliche. 

Ergebnis: Frauen verlieren ihre Geschichte, ihre Würde und ihren Platz in der Gesellschaft. Junge Frauen kappen ihre Wurzeln und bringen sich um den Erhalt eines Rüstzeugs, das sie schon sehr bald dringlich brauchen werden. 

Altersdiskriminierung kann Frauen auch ganz konkret in die Armut katapultieren. Wenn sie nicht mehr arbeiten dür-fen, obwohl sie noch dazu in der Lage wären; wenn sie schon immer schlechter bezahlt wurden als ihre männlichen Kol-legen, wenn sie Jahre ihres Lebens der unbezahlten Arbeit der Kindererziehung und Familienarbeit geopfert haben; wenn sie auch darum keine oder nur eine unzureichende Altersversorgung haben – was soll dann aus ihnen in ihren Sechzigern, Siebzigern und Achtzigern werden? 

Knapp jede vierte der über 80-jährigen Frauen in Deutschland leidet unter Altersarmut. Der Frauenanteil unter den volljährigen Wohnungslosen lag 2021 bei 33 Prozent, das sind 78.000 Frauen. Sie werden in erster Linie wegen Gewalt in der Beziehung oder in der Familie obdachlos.

Während der Ageismus in Deutschland noch unwidersprochen wütet, macht sich in den USA längst Protest breit. Die Frauenrechtlerin Ashton Applewhite hat mit ihrem Buch „This chair rocks“ (eine Anspielung auf den Rocking Chair, den Schaukelstuhl) ein wahres Manifest gegen den Ageismus verfasst. Das Buch hat sich seit 2016 millionenfach in den USA verkauft und wurde 2019 erneut aufgelegt. Die heute 70-Jährige ist in den USA zur bekanntesten Aktivistin gegen Ageismus geworden, spricht auf Ted Talks und schreibt für so ziemlich alle Leitmedien der USA. Für die New Yorkerin ist der Ageismus „das letzte gesellschaftlich sanktionierte Vorurteil“. Die Witze, die über alte Menschen gemacht würden, dürften niemals über schwarze Menschen gemacht werden.

Im Kern geht es Applewhite darum, eines grundlegend klar zu machen: Es ist nicht der Lauf der Zeit, der das Leben im Alter schwer macht – es ist die Altersdiskriminierung.

Wie bei der Herkunft, so argumentiert sie, sollte das Alter nur dann im Mittelpunkt einer Geschichte stehen, wenn es Teil des „Wie“ der Geschichte ist. „Das Altern ist kein Problem, das gelöst werden muss, und es ist auch keine Krankheit, die geheilt werden muss“, sagt die Frauenrechtlerin, „es ist ein natürlicher, lebenslanger Prozess, der uns alle verbindet“. 

Applewhite hat eine Bewegung angestoßen: „Ich will, dass Diskriminierung aufgrund des Alters genauso inakzeptabel wird wie jede andere Form der Diskriminierung!“ Und sie plädiert dafür, zuerst einmal mit der eigenen verinnerlichten Altersabwertung sowie der Altersverleugnung aufzuhören. Der Kampf gegen jeden -ismus beginne mit der inneren Einstellung und mit der Sichtbarkeit der Betroffenen. „Frauen, lasst die Haare grau, nennt euer Alter und macht jedem klar, wie ihr dazu steht!“, schreibt sie. Die Amerikanerin will ihre Altersgenossinnen dazu ermutigen, einen echten „Altersstolz“ zu entwickeln. 

Es sollte Banken und Versicherungen verboten werden, mit der Angst vor dem Alter Geschäfte zu machen. Applewhite führt an: „Nur 2,5 Prozent der über 65-jährigen AmerikanerInnen leben in Pflegeheimen, also nur jedeR 40.“ Und sie fährt fort: „Ältere Menschen erfreuen sich einer besseren geistigen Gesundheit als Menschen mittleren Alters. Die Demenzraten sinken rapide. Wie kommt es also, dass so viele von uns davon ausgehen, dass Depressionen, Windeln und Demenz vor uns liegen? Dass wir den Anstieg der Lebenserwartung im 20. Jahrhundert als Katastrophe sehen?“ 

Die Geschichte vom 80-jährigen Mann, der aus einem Flugzeug springt, oder von der 50-jährigen Frau, die an Alzheimer erkrankt, erregt immer mehr Aufsehen als die wahre Geschichte. „Die besteht darin, dass die meisten von uns gut zurechtkommen und bis zum Ende alles tun, was sie schon immer getan haben“, schreibt Applewhite.

Laut Statistiken leben 96 Prozent der über 65-Jährigen in Deutschland im eigenen Zuhause und nur vier Prozent in Heimen, also jedeR 25. Und trotzdem gibt es eine weit verbreitete Angst, dort zu landen. Denn mit Angst lässt sich gut Geschäfte machen. Pharma- und Werbe-Industrie, Banken und Versicherungen schüren sie. Schon 50-Jährige bauen ihr Haus „für später“ behindertengerecht um, legen Fonds für „betreutes Wohnen“ an. 

Eine Generationenstudie des Meinungsforschungsinstitutes Allensbach kam bereits 2012 zu dem Ergebnis, dass es alten Menschen nie besser ging als heute. Sie werden älter, sind länger produktiv und können das Alter auch länger genießen. Auch ist die Generation 80+ digital längst nicht so abgehängt, wie es in den Medien den Anschein hat. Ein Drittel der über 80-Jährigen sind online. Viel mehr als das Alter spielen die Faktoren Bildung und Einkommen eine Rolle.

Eine weitere Frauenrechtlerin und Aktivistin gegen Ageismus ist die Amerikanerin Margaret Morganroth Gullette, die in enger Verbindung zu Ashton Applewhite steht und mit ihrem Buch „Agewise“ 2011 den Grundstein für einen praxisorientierten Kampf gegen Ageismus gelegt hat. Ihren Beobachtungen nach liege der Löwenanteil der Diskriminierung in Medien und Kultur sowie der Medizin. „Die Art, wie alte Frauen im Fernsehen, in der Werbung, in Büchern und auf der Bühne dargestellt werden, macht etwas mit einer Gesellschaft. Wir verinnerlichen das Bild der komischen Alten, der gebrechlichen Oma, so wie in Krimis die Frau als gejagtes Opfer suggeriert wird. Aber wo ist die sexuell aktive, geistig poten-te ältere Frau, die Macht hat?“, fragt Gullette. 

Im deutschen Fernsehen ist sie auf jeden Fall nicht. Aus einer Studie der Universität Rostock zur „Sichtbarkeit älterer Frauen im Fernsehen“ geht hervor, dass Frauen ab 80 so gut wie gar keine Rolle mehr spielen. Ihre Sichtbarkeit nimmt bereits ab 30 ab, in Informationsformaten ab 40. „Je älter Frauen werden, desto stärker werden sie ausgeblendet“, sagt die Medienforscherin Christine Linke. 

Für Gullette trifft Ageismus den Kern des Menschseins. Sie fragt: „Warum ist dieser beispiellose Schaden am Lebenslauf nicht die größte Geschichte unserer Zeit?“ Und sie sieht die Schuld in der Medizin: „Die Wechseljahre sind im Leben von 90 Prozent der Frauen kein Problem. Die Menopause ist ein biokulturelles Phänomen, das von den Medien in erster Linie als biologisches behandelt wird und an dem Pharma-Unternehmen verdienen. Mit der universellen Menopause wurde ein falsches Narrativ des Niedergangs für Frauen erschaffen!“ 

Auch die Sexualität im Alter ist durch die pharmazeutisch geprägte Medizin mit einem falschen Narrativ behaftet: „In Wahrheit ist Sex für Frauen in der Jugend oft sehr schlecht, verglichen mit dem Sex im späteren Leben, der frei von der Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft ist und meist mit einem größeren Selbstwertgefühl und dem Wissen um die eigenen Wünsche und Reaktionen einhergeht!“ 

Eine Altersstudie der Berliner Humboldt-Uni über das Sexualleben Älterer liefert dazu Zahlen: Ein Drittel der 60- bis 80-Jährigen ist „häufiger sexuell aktiv“ als der Durchschnitt der 20- bis 30-Jährigen. Seelische Intimität und Geborgenheit spielten dabei eine größere Rolle als körperliche Faktoren. 

Eine deutliche Anklage an die Pharmaindustrie erhebt auch die Spanierin und Anti-Ageismus-Aktivistin Anna Freixas, die mit ihrem Buch „Ich, die Alte“ einen aktivistischen Ratgeber für alte Menschen verfasst hat. „Wir müssen uns klarmachen, dass die Anti-Aging-Industrie gigantische Geschäfte macht, mit all ihren Cremes, Injektionen, Pillen und kosmetischen Operationen. Wir müssen uns einer Konsumkultur verweigern, die uns weismachen will, wir müssten, sobald auf unseren Körpern Anzeichen des Alters sichtbar werden, alle möglichen Qualen auf uns nehmen, um diese zu verber-gen!“ Freixas stellt ihrer Regierung die konkrete Frage: „Warum antwortet unser Gesundheitssystem auf all unsere Probleme mit Medikamenten, anstatt zu hinterfragen, wie ungerecht ein Land seine alten Menschen behandelt?“ Das würde bei anderen diskriminierten Gruppen schließlich auch nicht getan.

Diese Frage der Verantwortung stellte auch Simone de Beauvoir: „Was ist am Verfall des Individuums unvermeidlich? In welchem Maße ist die Gesellschaft dafür verantwortlich? Wie müsste eine Gesellschaft beschaffen sein, damit ein Mensch auch im Alter ein Mensch bleiben kann?“ Und sie gibt auch die Antwort: „Er muss immer schon als Mensch behandelt worden sein.“

Für Gullette ist der Niedergang des weiblichen Körpers gar eine soziale Epidemie: „All diese seit Ewigkeiten tradierten Geschichten begraben unsere Gefühle, lähmen unsere Intelligenz und unseren politischen Geist!“ Und Applewhite ergänzt: „Was die Gesellschaft nun braucht, ist ein Heer altersbewusster Menschen – WissenschaftlerInnen, öffentliche Intellektuelle, SchriftstellerInnen –, die sich gemeinsam gegen Ageismus einsetzen!“ Bis das so weit ist, warnt sie: „Bis wir den Ageismus besiegt haben, wird er uns Frauen gegeneinander ausspielen. Er wird die Gesellschaft eines immensen Wissens- und Erfahrungsschatzes berauben; und er wird unsere Zukunft vergiften, indem er ein längeres, gesünderes Leben als Problem darstellt, anstatt die bemerkenswerten Errungenschaften und Chancen zu erkennen.“ 

Die Ageismus-Aktivistinnen haben die Mehrheit auf ihrer Seite. Die Bevölkerung altert rapide. Tatsächlich markierte 2022 einen globalen demografischen Wendepunkt: Zum ersten Mal seit Anfang der 1980er Jahre gab es mehr Menschen, die entweder zu alt oder zu jung waren, um berufstätig zu sein. Will eine Gesellschaft nicht vollends auseinanderdriften, muss sie darauf reagieren.

 Deswegen empfehlen Gullette, Applewhite und Freixas alten Menschen und besonders den Frauen unter ihnen: „Hört auf damit, Ageismus einfach hinzunehmen! Nennt ihn deutlich beim Namen! Sprecht ÄrztInnen, VerkäuferInnen, KellnerInnen etc. darauf an! Beschwert euch, wenn ihr ungerecht behandelt werdet! Seid euch eurer Macht als Konsumen-tInnen bewusst! Stellt euch pragmatisch den Herausforderungen des Alters! Hört auf, euch zu schämen und steht stolz zu eurem Alter!“ 

Gehen wir es an, liebe Irmgard und Christiane.  

ANNIKA ROSS, 42 JAHRE ALT

Ausgabe bestellen
Anzeige
'
 
Zur Startseite