Alice Schwarzer über die Neue EMMA

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Kurz vor Redaktionsschluss kam eine frühere Kollegin zu Besuch. Stolz zeigten wir ihr das Cover der „neuen EMMA“. Prompte Reaktion: „Ah, back to the roots.“ Bitte? „Na klar, der neue Titel sieht doch aus wie der erste von 1977.“

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Aufgeregtes Kramen im Archiv. Tatsächlich. Das Layoutraster der ersten EMMA ist ganz ähnlich wie das der Ausgabe, die ihr jetzt in den Händen haltet. Wir selber hatten es nicht gemerkt. Aber eigentlich ist es kein Zufall. Denn EMMA ist sich immer treu geblieben.

Alice Schwarzer mit der allerersten EMMA-Ausgabe.
Alice Schwarzer mit der allerersten EMMA-Ausgabe.

Und immer Avantgarde. Damals, in der ersten Ausgabe, die am 26. Januar 1977 erschien, gestand Romy Schneider erstmals: „Ich bin es leid zu lügen“. Und die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich erklärte, warum sie Feministin ist: nämlich, weil die Rollenzwänge die Geschlechter auch psychisch krank machen. Und die große Schriftstellerin und Feministin Virginia Woolf wurde porträtiert, obwohl von ihr zu der Zeit kein einziges Buch mehr in deutscher Übersetzung vorlag. Sie wurde dank dieses Artikels wiederentdeckt.

Ich schrieb erstmals über die „Männerjustiz“. Eine Justiz, die die (weiblichen) Opfer vergisst und die (männlichen) Täter verständnisvoll milde davonkommen lässt. Seither begleitet uns das Thema. Und wir spotteten in einer Glosse über den sexistischen Blick unserer lieben Kollegen auf schreibende Frauen.

Die Kollegen fanden das natürlich gar nicht komisch und prophezeiten EMMA den baldigen Tod (höchstens drei Ausgaben). Jetzt erscheint EMMA im 43. Jahr und in der 347. Ausgabe. Und ich bin stolz, durchgehalten zu haben. Es war nicht immer einfach. Es gab Höhen und Tiefen. Aber mehr Höhen. Denn es macht einfach Spaß, EMMA zu machen! Wir sind so frei wie kein anderes Medium.

Wir werden von keinem Konzern, keiner Partei, keiner Lobby finanziert. Unsere Einnahmen kommen zu 90 Prozent vom Verkauf des Heftes, also von euch, geschätzte LeserInnen. Wir sind total unabhängig! Nur so konnte EMMA Bewusstsein und Gesetze beeinflussen. Vor allem: Wir haben Frauen wie Männer ermutigt, sich von Rollenzwängen zu befreien und Frauen Mut gemacht. EMMA war und ist für viele Frauen die beste Freundin.

EMMA hat Geschichte gemacht – und wird sie weiter machen. Heute wird EMMA von drei Generationen gemacht und gelesen. Die jüngste EMMA ist zurzeit 19 (unsere schlaue Praktikantin Clara), die Älteste bin ich. Und unsere Leserinnen sind 10, wie Helena aus Tübingen, die uns jüngst besucht hat; oder 96, wie Ulrike Thimme, die uns einen Aufruf ihrer Mutter geschickt hat. Darin appelliert die Lehrerin 1930 an den Internationalen Frauenbund, noch entschiedener für die Rechte der Frauen einzutreten.

Wir, die EMMA-Macherinnen, haben ganz unterschiedliche Temperamente und Lebensweisen. Das macht es so spannend und bunt. So bunt, wie auch ihr seid, unsere LeserInnen. Ich habe EMMA ja nie, wie viele BlattmacherInnen, für eine „Marktlücke“ oder eine „Zielgruppe“ gemacht, sondern von Anfang an für alle Frauen. Junge wie Alte, Feministinnen wie Nichtfeministinnen, Kinderlose wie Mütter. Das ist gelungen. Es gibt vermutlich keine zweite Zeitschrift, die eine so breit gefächerte LeserInnenschaft hat wie EMMA. Darauf bin ich, sind wir stolz.

Diesen Text schreibe ich am 21. Oktober, dem letzten Tag der Produktion dieses Heftes. Wir sind rechtschaffen erschöpft vom Machen der „neuen EMMA“ und gehen nachher zu unserem Lieblingsitaliener, um anzustoßen: auf uns – und auf euch, liebe LeserInnen!

Alice Schwarzer

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