Au revoir, Claire Bretécher!

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Als wir im Sommer 2018 eine gemeinsame Ausstellung im Simplicissimus-Haus in Renchen hatten, da ging es ihr schon so schlecht, dass sie nicht zur Eröffnung kommen konnte. Nun ist die begnadete Cartoonistin Claire Bretécher im Alter von 79 Jahren in Paris gestorben.

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Sie ist aufgewachsen in Nantes, als Tochter eines Anwalts und einer „unterwürfigen“ Hausfrau, und kam aus exakt dem bürgerlichen Milieu, dessen ZeitgenossInnen und Sprößlinge sie so umwerfend karikiert hat. Das Zeichnen, hat sie mal gesagt, war ihre Rebellion und Rettung. Ihre Herkunft erleichterte den Zugang zu dem Zeitgeist und den Neurosen des Milieus, über das sie ein Leben lang spottete. Sie veröffentlichte in vielen Magazinen, darunter in Harakiri, dem legendären Vorläufer von Charlie Hebdo.

Sie war die Tochter eines Anwalts und einer "unterwürfigen" Hausfrau

Ab 1973 arbeitete Bretécher für den linksliberalen Nouvel Observateur, dessen LeserInnen exakt das Objekt ihres beißenden Spottes waren („Die Frustrierten“). Auch die Frauenbewegung hat sie nie geschont. Klar, die Männer entgingen ihr nicht, aber den wohl schärfsten Blick hatte sie auf Frauen, da kannte sie sich ja aus: von ihrer eigenen Generation, zwischen Libertinage und Spießigkeit, über die modisch-coolen Töchter der Emanzen („Agrippina“) bis hin zu ihrer Müttergeneration (wie die unvergessliche ewig junge, tyrannische Alte „Sumsi“).

Aus ihren Serien in Zeitschriften wurden Bücher, die Bestseller und auch für die so hellsichtig Verspotteten Kult waren. Sehr bald verlegte die selbstbewusste Bretécher ihre Bücher selbst, weil sie „Bevormundung hasste“. Gnadenlos komisch begleitete sie über Jahrzehnte die Pariser Intellelos, die heute so genannten BoBos (bourgeois bohémiens) und deren wechselnde Moden, Lifestyles, Ticks und Lebenslügen. Sodann nahm sie sich den verwöhnten, motzigen Sprößling dieser in die Jahre gekommenen BoBos vor: Agrippina (schon der Name ein Ausdruck der auf Originalität versessenen Eltern), deren Jugendslang, Copains und Vorlieben sie genial auf den Punkt bringt.

Mein Lieblingscomic ist eine Episode mit Agrippina, die mit ihrer Großmutter ein Paar von ihr heißbegehrte Schuhe shoppen geht, die in ihrer Größe aber nicht mehr erhältlich sind. Am Schluss stapft die hochzufriedene Großmutter, Sumsi, mit den coolen Stiefeln an den Füßen und der frustrierten Agrippina an ihrer Seite aus dem Laden.

Hellsichtig verspottete sie die BoBos, ihren Lifestyle, ihre Moden und Lebenslügen

Auch EMMA hat Bretécher früh entdeckt und immer wieder veröffentlicht. 1977 erschienen neben meinen allmonatlichen Cartoons die ersten von ihr. Wie "Das erste Tampon", zwei nervende Mädchen, die das Erwachsenwerden und die erste Periode kaum erwarten können, sich Tampons reinstopfen und stolz im Minikleid und mit sichtbar raushängendem Faden durch die Straßen stolzieren.

In Frankreich ist, anders als in Deutschland, der Cartoon schon lange als Kunstform anerkannt, und Bretécher war über Jahrzehnte seine Königin. Erst in den letzten 10, 15 Jahren war sie von der nachrückenden Generation abgelöst worden. Doch sie bleibt jenseits der Epochen eine unübertroffene Virtuosin in Sprache und Bild. Ihren furiosen Strich, der nur das Nötigste knapp zu Papier bringt, hat sie lebenslang weiterentwickelt.

Au revoire, Claire.

Franziska Becker

Claire Bretéchers "Agrippina" auf arte

Ein EMMA-Porträt über Claire Bretécher im EMMA-Lesesaal.

 

 

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