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Bacha Bazi - Das dunkle Geheimnis

Bacha Bazi - der Missbrauch von Jungen in Afghanistan
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Nachdem die Amerikaner am 21. August 2021 Hals über Kopf Afghanistan verlassen hatten, dämmerte ihnen allmählich, dass sie vieles, ja fast alles falsch gemacht hatten. Spät, aber dennoch fragten sie nun u. a. beim „Newlines Institut für Strategie und Politik“ in Washington nach guten Ratschlägen für den zukünftigen Umgang mit Afghanistan. Und da bekamen sie einen überraschenden Ratschlag: Emily Prey, leitende Analystin am Institut sowie Kinderschutz- und Genderspezialistin, gab der US-Regierung den Rat, sich in Afghanistan in Zukunft mehr um die Jungen zu kümmern. Zwar habe die Regierung viel Energie in die Mädchen- und Frauenförderung gesteckt, was gut sei, dabei jedoch leider die Jungen vernachlässigt. Dabei sei deren Verfassung ein Schlüsselfaktor in Bezug auf die Brutalisierung der Männer und das dramatisch schlechte Verhältnis zwischen den Geschlechtern.

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Sie sind da, um die Männer zu bedienen, zu amüsieren, ihnen zu Willen zu sein

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Die Rede ist von Bacha Bazi, dem so harmlos „Knabenspiele“ genannten institutionalisierten Missbrauch von Jungen. Missbrauch von meist armen Jungen, die von vermögenden Männern entführt oder gekauft werden. Und je mehr solcher Knaben ein Mann zum „Spielen“ hat, umso höher ist sein Prestige. Es ist eine alte Tradition in Afghanistan, vor allem bei den Paschtunen. In Kandahar, der Hauptstadt der Paschtunen, hält sich laut Studien jeder dritte erwachsene Mann solche „Spielknaben“.

Diese acht bis 14-jährigen, vorpubertären Jungen sind sozusagen ein Frauenersatz in dem Land, in dem ein Mann ein Mädchen kaum angucken darf. Sie sind da, um die Männer zu bedienen und zu amüsieren und ihnen zu Willen zu sein. Gerne werden sie vom „Besitzer“ auch Freunden zum „Mitbenutzen“ angeboten.

Es kann auch vorkommen, dass die Jungen nach so einer Gruppenvergewaltigung tot auf dem Schlachtfeld liegen bleiben. Wenn sie fliehen, überleben sie das selten. Ihre „Herren“ lassen sie umbringen. Alle wissen von dem Grauen, und die Täter verstecken sich auch nicht mit ihrer Beute, im Gegenteil: Sie führen die Jungen ganz grell geschmückt in der Öffentlichkeit vor. Die Opfer sind entweder gebrochen oder werden später selber zu Tätern. Wie das so ist. Manchmal werden sie auch von ihren Herren an deren Töchter verheiratet – dann hat ihr „Besitzer“ sie weiterhin in der Hand und griffbereit.

„Für die Regierung wird es wichtig sein, zu verstehen, wie die derzeitige Praxis des Bacha Bazi mit der Unterdrückung der Rechte der Frauen und den Menschenrechtsverletzungen sowie mit der grassierenden Pädophilie zusammenhängt“, schreibt Analystin Prey. „Ohne Verständnis dafür, wie sich das Phänomen auf die Gesellschaft und die Politik auswirkt, übersehen die politischen Entscheidungsträger in den USA einen wichtigen Teil des Gesamtbildes.“

Es ist nicht so, als hätten die Amerikaner und ihre Alliierten das Problem nicht sehen können. Im Gegenteil: In den Truppen gab es explizite Anweisungen, wegzusehen, wenn so ein mächtiger afghanischer Milizenführer „seinen“ Jungen sogar mit ins Militärcamp brachte. Spätestens seit 2009 war das Problem bekannt, und mancher Soldat war empört, war nicht gewillt, beim Missbrauch von Kindern einfach zuzusehen. So erzählte der US-Soldat Lance Buckley seinem Vater am Telefon, er hätte einen Jungen bei einem afghanischen Milizenführer ans Bett gefesselt gefunden und auch so manches Mal nachts die missbrauchten Jungen schreien hören. Corporal Buckley versuchte, das zu melden. Er kam nicht weit. Im Jahr 2011 wurde Buckley erschossen. Der Fall ist bis heute ungeklärt.

Die Dinge, die sie taten, waren schlimmer als die Taten der Taliban

Oder der afghanische Soldat Gulbuddin. Er war stationiert mit den Britischen Truppen und galt als besonders loyal mit den Alliierten. Im Jahr 2015 erschoss er überraschend fünf seiner britischen Kameraden. Was war geschehen? Es stellte sich heraus, dass Gulbuddin den afghanischen Offizier erschießen wollte, der ihn jahrelang missbraucht hatte – und die britischen Soldaten hatten sich schützend vor den Angegriffenen gestellt.

Oder Dan Quinn, ein Hauptmann der Special Force. Er verprügelte einen afghanischen Milizenführer im Camp, weil der einen Jungen als Sexsklaven an sein Bett gekettet hatte. Es ist ihm nicht bekommen. Captain Quinn wurde zur Rechenschaft gezogen. „Wir haben Leute an die Macht gebracht, die Dinge taten, die noch schlimmer waren als die Taten der Taliban“, erklärte Quinn im Rückblick. Nach der Schlägerei enthob man den Captain seines Postens und zog ihn aus Afghanistan ab. Er verließ wenig später die Armee. „Unser Ziel war der Kampf gegen die Taliban“, erklärt ein ehemaliger Obergefreiter der Marine. „Es ging nicht darum, Missbrauch zu verhindern.“

Auch die deutsche Sanitäterin Dunja Neukam, die zwischen 2002 und 2010 vielfach im Einsatz in Afghanistan war, wurde zurechtgewiesen. Wenn sie zum Beispiel einen Jungen mit schweren Verletzungen am Anus vor sich hatte.   Vorgesetzten zuckten nur mit den Schultern und sagten: Das ist hier eben so. „Wir sind blauäugig und guten Willens in den Einsatz gegangen – und kehrten traumatisiert zurück“, sagt Neukam heute.

Außerhalb der Militärcamps, in den Dörfern und Städten wütet Bacha Bazi noch mehr. Bereits im Jahr 2010 hat der in England lebende afghanische Filmemacher Najibullah Quraishi einen Dokumentarfilm gedreht, in dem er einen Händler solcher Jungen begleitete und die Orgien der Käufer mit den Kindern filmte. Die Täter hatten nicht das Gefühl, dass sie sich verstecken müssten. Sie gaben dem Filmemacher ganz ungeniert Auskunft. Najibullah führte seinen Film 2010 in der UNO in New York vor. Da war man schockiert. Es folgte ein Versuch der Festnahme eines identifizierten Täters. Das verlief im Sande. Nicht zuletzt, weil viele Polizeichefs sich selber Bacha Bazis halten.

Friederike Böge, die Korrespondentin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, schrieb schon 2011 über „die Tanzknaben vom Hindukusch“. Sie beobachtete eine Party der Männer mit den Jungen: „Die Party soll in einem Industriegebiet am Stadtrand von Kabul stattfinden. Kurz nach 22 Uhr hält der Wagen vor einer unbeleuchteten Hofeinfahrt. Ein Schäferhund springt bellend gegen das Gatter. Der Gastgeber, ein rundlicher Mann, trägt eine grüne Uniform, an der Brust allerlei Abzeichen. Er ist der Polizeichef in einem Distrikt zwei Autostunden nördlich von Kabul, seinen Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen. Zusammen mit einem Dutzend seiner Männer hat er es sich zwischen Computern und Büromöbeln bequem gemacht. Es gibt Wodka aus Kaffeebechern, geraucht wird Haschisch.

Der Polizeichef hat einen Jungen mitgebracht, auch er in Polizeiuniform. Er ist vielleicht 16 Jahre alt, mit auffällig weichen Gesichtszügen. Und er ist einer der Tanzknaben des rundlichen Mannes. ‚Setz dich‘, befiehlt er ihm. Der Junge gehorcht. Er nimmt aber nicht auf einem der Sofas Platz, sondern rollt sich zu Füßen des Polizeichefs zusammen – wie ein Hund. Dann streicht er sich affektiert mit der einen Hand die Haare glatt. In der anderen hält er eine Maschinenpistole. Die braucht er, denn er ist auch der Leibwächter des Polizeichefs. An diesem Abend hätte er sich ein Kleid überstreifen und mit Rasseln an Händen und Füßen für seinen Chef und dessen Gäste tanzen sollen. Weil der Lautenspieler kurzfristig abgesagt hat, fällt sein Tanz aber aus.

Die Verachtung für Frauen ist zu tief. Sie greifen lieber zu vorpubertären Jungen

Dafür gibt es dann Filmchen zu sehen, die der Polizeichef auf seinem Smartphone gespeichert hat. Jungen tanzen in einem Raum, umgeben von johlenden Männern. Sie zucken aufreizend mit Schultern und Hüften, werfen der Kamera Kusshände zu. Geldscheine rieseln auf ihre Köpfe nieder. Der Polizeichef zeigt auch zwei Filme mit tanzenden pakistanischen Huren. Die Jungen seien ihm aber lieber, sagt er und prahlt: ‚Ich habe fünf Jungen. Sie sind wie Ehefrauen für mich.‘“ Manche Ehefrauen versuchen, sich über die „Knabenspiele“ ihrer Ehemänner zu beschweren. Selten erfolgreich.

Einmal abgesehen von der strikten Geschlechtersegregation in Afghanistan, scheinen diese Männer ihre Frauen noch nicht einmal mehr zu begehren. Ihre Verachtung für Frauen ist zu tief. Sie greifen lieber zu den vorpubertären Jungen, die sind mehr wert. Auch wenn sie auf dem Knabenmarkt nur fünf Dollar kosten, ein Esel kostet 10 Dollar. Ein afghanisches Sprichwort sagt: „Frauen sind zum Kinder gebären da, Jungen zum Vergnügen.“

Jungen werden in der afghanischen Gesellschaft in der Regel im Alter von zwölf Jahren von ihren Müttern getrennt und kommen dann in die Männergesellschaft. Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, wie sich das auf das Verhältnis der Geschlechter auswirkt. Schon den Söhnen wird beigebracht, ihre Mütter zu verachten. Sie lernen früh, dass Frauen nur zum Arbeiten und Kinderkriegen da sind – Männer für die Geselligkeit und die Lust.

Das meint die US-Analystin Prey, wenn sie der US-Regierung rät, in Zukunft auch ein Augenmerk auf die Jungen zu haben: Auch die Jungen zu schützen und ihnen die Chance zu geben, sich selbst und die Mädchen als Menschen ernst zu nehmen, mit denen nicht gehandelt werden kann wie eine Ware. Dieser sensibilisierte Blick ist allen „Helfern“ in Afghanistan dringend zu wünschen, auch den deutschen.

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