Siebenjährige mit Sprengstoffgürtel!

Zahra’u Babangida, 13. Der Vater hatte den Anschlag befohlen.
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Am letzten Wochenende hat sich ein siebenjähriges Mädchen auf dem Markt von Potiskum in Nigeria in die Luft gesprengt. Zwei Monate zuvor war es eine Zwölfjährige, die auf diese Weise sich und die Umstehenden tötete. In den vergangenen zwölf Monaten soll die islamistische Terrorgruppe Boko Haram über ein Dutzend Mädchen für seine Anschläge in den Tod geschickt haben.

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Die Methode ist nicht neu. Bereits 2004 schickten tschetschenische Islamisten für ihr Attentat in einem Moskauer Theater junge Frauen mit Sprengstoffgürteln los – die allerdings zündeten das Dynamit damals noch nicht selbst, sondern wurden von den Männern ferngezündet! Schwarze Witwen nannte man diese „Attentäterinnen“ damals. Einige von ihnen waren in der Tat Witwen getöteter „Gotteskrieger“, die meisten jedoch waren entweder Opfer von Romeos, die sie angeworben hatten, oder waren ganz einfach von ihren Eltern an die Terroristen verkauft worden.

Letzteres scheint auch in dem von staatlicher Misswirtschaft und Korruption geschüttelten, bitterarmen Nigeria zum Teil der Fall zu sein. Beobachter gehen davon aus, dass manche der zum Töten missbrauchten Mädchen von ihren Eltern an Boko Haram verkauft wurden. Andere scheinen zu den 200 Schulmädchen zu gehören, die im April 2014 von Boko Haram entführt worden waren.

Die Islamisten hatten damals angekündigt, dass sie diese Mädchen (zwangs)verheiraten bzw. als Sklavinnen verkaufen würden. Die 200 Mädchen sind bis heute – trotz der internationalen Proteste – nicht aufgespürt worden. Im Gegenteil: Es wurden seither immer mehr Mädchen entführt.

Boko Haram schickt diese Mädchen nicht nur in den Tod, weil sie in ihren Augen nichts wert sind. Dahinter steht auch der Kalkül, dass Frauen von den Soldaten nicht so kontrolliert werden wie Männer. Weibliche Sicherheitskräfte sind selten – und in dem islamischen Land würde kein Mann wagen, eine verschleierte Frau bzw. ein verschleiertes Mädchen anzufassen. So kann die tödliche Fracht unter dem Schleier in aller Ruhe unter die Menschen getragen werden.

Eine der knapp vor der Tat lebend gefassten Attentäterinnen, die 13-jährige Zahra’u Babangida (Foto oben), war im Dezember im staatlichen Fernsehen von Nigeria präsentiert worden. Das völlig verängstigte Kind sprach noch nicht einmal die Landessprache, sondern nur einen Dialekt. Zahra erklärte, sie habe nicht sterben wollen, ihr Vater hätte ihr den Anschlag befohlen.

Die Mädchen in Nigeria müssen also noch nicht einmal von Boko Haram entführt werden, um Furchtbares zu erleiden. Das normale Grauen reicht schon.

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Die Wahrheit über die Bräute Allahs, EMMA 6/2004

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Moskauer Anschläge: Die schwarzen Witwen

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Die Frau mit den auffallend schönen Mandelaugen war eine von 19 Selbstmordattentäterinnen, die im Oktober 2002 im Nord-Ost- Musical in Moskau drei Tage lang 900 Menschen gefangen hielten. Ihre Antwort auf die Frage, warum sie das tue, ging durch die Welt: „Wir sind gekommen, um zu sterben.“ In wessen Auftrag? „Auf Befehl Allahs.“ Aber die Frau mit den schönen Augen war nicht unter den Toten. Sie scheint zu leben, vermutlich im Ausland. Ihr Name ist Selimchana Achmadowa (Foto oben). Sie ist die zweite Frau des getöteten Terroristenführers Achmadow, ein Weggefährte von Bassajew, der auch für das Massaker in der Schule von Beslan verantwortlich ist. Die erste Frau von Achmadow hat Kinder, die zweite ist kinderlos. Auch das prädestinierte sie für die Mission.

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In keinem Land der Welt gab es bisher so viele weibliche Selbstmordattentäterinnen wie in Russland. Und meistens sind sie entweder sehr jung oder deutlich älter, ganz junge Mädchen oder Witwen. Und fast immer kommen sie aus Tschetschenien. Die Erste sprengte am 6. Juni 2000 die Militärkommandatur in Alchan Jurt in die Luft. Sie war 17 und ging noch zur Schule. In nur drei Jahren blieben dreißig dieser lebenden Bomben tot am Tatort zurück.

Die Moskauer Prawda-Mitarbeiterin Julia Jusik ist nicht viel älter als manche dieser Frauen. Als sie 2002 ihre Recherchen begann, war sie 21 und stellte sich eine Frage, die naheliegt, die sich aber sonst niemand stellt: Warum gibt es ausgerechnet in Russland so viele weibliche Kamikazes? Sie begann zu recherchieren. 2003 erschien ihr Buch „Die Bräute Allahs“ und wurde schnell zum Bestseller.

Im schwarzen Einband mit weißer und blutroter Schrift: Fotos, Dokumente und knapp 200 Seiten Text in großen Buchstaben. 200 Seiten, die vom Grauen sprechen und endlich, jenseits von aller Propaganda und Romantik, die Tatsachen benennen. Und die lauten: In den seltensten Fällen sind die „Schwarzen Witwen“ Rächerinnen aus freiem Willen. In der Mehrheit der Fälle werden sie von älteren Frauen angeworben, von jungen Männern verführt, von den eigenen Eltern verkauft (für fünfstellige Dollarsummen) oder ganz einfach gekidnappt. Manchmal sind es auch Frauen, die in ihrem Leben keinen Sinn mehr sehen, zum Beispiel, weil sie vergewaltigt wurden oder kriegstraumatisiert sind.

Einmal im System, werden die Frauen einer Gehirnwäsche unterzogen, begleitet von Psychopharmaka, Drogen und Gewalt. Häufig werden sie auch von den selbsternannten Gotteskriegern verführt oder vergewaltigt – und dann irgendwann hochgejagt. Die „Schwarzen Witwen“ sind lebende Bomben und fast immer auch selber Opfer, ganz wie ihre Opfer.

Die wahren Täter sind Männer und Wahabiten: diese fanatischen muslimischen Fundamentalisten, unter deren Druck bereits 1993 die Scharia in dem russischen Teilstaat eingeführt wurde. Verschärfend hinzu kommen die archaischen kaukasischen Bräuche in Tschetschenien, wie „kanly“, die Blutrache und „Adat“, das Gewohnheitsrecht, das Frauen weitgehend entrechtet.

Die Helfer dieser Fanatiker sind nicht selten Sympathisanten aus dem Westen, die hier aus Idealismus, Abenteuerlust oder Eigeninteresse andere Gesetze gelten lassen. So erhebt Julia Jusik den schockierenden Vorwurf, dass die Menschenrechtsorganisationen in Russland nicht selten Hand in Hand mit den Terroristen arbeiten. Sie sind, davon ist Jusik überzeugt, unterwandert und werden von den Gotteskriegern funktionalisiert. Jusik in einem Gespräch mit der Deutschlandradio-Korrespondentin Sabine Adler: „Viele Menschenrechtler vor Ort gehen in die von der politischen Repression betroffenen Familien unter dem Vorwand, ihnen zu helfen und sie zu beschützen. Anfangs tun sie das auch, mit Medikamenten und Essen. Aber dann, wenn die Menschen Vertrauen gefasst haben, sagen ihnen ihre Helfer, sie müssten sich rächen – und werben sie an für den Dschihad. Ich habe es selbst kaum glauben können, aber es ist so.“

Eines der ersten Opfer, auf das Julia Jusik bei ihren Recherchen stieß, war Sarema Inarkajewa. Die junge Frau fasste Vertrauen zu Jusik und erzählte ihr ihre Geschichte. Sarema wurde mit 16 auf der Straße von einem gutaussehenden jungen Mann angesprochen. Schamil machte ihr den Hof, traf sie wieder und nahm sie eines Tages mit in seine Wohnung. In dieser Wohnung waren noch drei weitere junge Frauen, die eingeschüchtert wirkten und irgendwann spurlos verschwanden. Schamil verführte die 16-Jährige und gab ihr Tabletten, nach denen sie sich wie betäubt fühlte. Als Sarema anfing zu weinen und zu fragen: „Wann sehe ich denn meine Mama wieder?“, lautete die Antwort: „Nie mehr.“ Längst hatte der Romeo begonnen, Sarema auch seinen „Brüdern“ zum „Geschenk“ zu machen. Und Schamil hatte viele Brüder.

Dann, eines Tages, kam der Marschbefehl. Sarema erhielt eine Tasche mit unbekanntem Inhalt, die sie einem ihr ebenso unbekannten Mann übergeben sollte. Schamil und einer seiner „Brüder“ setzten sich mit Sarema ins Auto und fuhren mit ihr vor das Polizeikommissariat von Grosny. Sie erklärten ihr, sie solle reingehen, nach dem Chef fragen und ihm die Tasche übergeben. Die beiden Männer blieben im Auto sitzen, als Sarema ausstieg und zögernden Schrittes in die Wache ging.

Doch die junge Frau ahnte, was los war und bekam es mit der Angst zu tun. Außer Sichtweite ihrer Begleiter setzte sie die Tasche im Flur ab und entfernte sich rasch. Sie hatte nur wenige Schritte gemacht, als die Bombe gezündet wurde … Die schwer verletzte Sarema wurde von Ärzten auf einem Tisch in der Wache notoperiert, weil das Krankenhaus zu gefährlich für sie war. Sie wäre dort erfahrungsgemäß umgebracht worden.

Nach vier Monaten im Versteck schlich Sarema sich zu ihrer Mutter – die schickte sie weg. Die junge Frau ging nach Dagestan und jobbte als Serviererin. Mit Julia Jusik hielt sie via Handy Kontakt. Eines Tages rief sie angstvoll bei der Moskauer Journalistin an: Gestern hätten drei vermummte Männer nach ihr gefragt. Am nächsten Tag kamen die Männer wieder. Woher sie ihre Adresse hatten? Angeblich von Saremas Mutter, die gesagt haben soll: „Bringt sie endlich um und lasst unsere Familie in Ruhe.“ Sarema flüchtete erneut, rutschte in die Prostitution – und seit einigen Monaten gibt es kein Lebenszeichen mehr von ihr.

Nach der Geiselnahme im Moskauer Musical Theater hatte der tschetschenische Chefterrorist Schamil Salmanowitsch Bassejew via Internet gedroht, er werden noch mehr Selbstmordkommandos in russische Städte schicken. In seiner Gruppe „Radius Salichiin“ seien 36 Frauen zum Sterben bereit. Und in der Tat: Auch bei dem grauenvollen Massaker in der Schule von Beslan im September 2004 waren Attentäterinnen dabei. Überlebende erzählen, dass die Terroristinnen dafür plädiert hätten, die Kinder leben zu lassen – und als Antwort hochgebombt worden seien, ferngezündet von ihren „Kameraden“. Insgesamt sind bei den politisch (Unäbhängigkeit für Tschetschenien) und religiös (im Namen Allahs) verbrämten Attentaten der Fanatiker über tausend Menschen umgekommen.

Der Westen hat Russland mit dem Problem lange allein gelassen. Als die Terroristen Anfang der Neunziger begannen, Wohnhäuser in die Luft zu sprengen, lautete die westliche Lesart: „Nach offiziellen Angaben“ soll das Attentat von islamischen Terroristen verübt worden sein, eingeweihte Kreise schließen jedoch nicht aus, dass der russische Geheimdienst … Diese Art von Verschwörungstheorien gibt es auch im Westen, aber kein ernstzunehmender Journalist hätte je zu behaupten gewagt, dass die Twin Towers vom CIA persönlich plattgebombt worden seien. Über die Terrorakte in Russland jedoch – oder in Algerien – darf, ja soll so geredet werden.

Auffallend auch, dass es – bis heute! – keinen Aufschrei gab wegen der Einführung der Scharia 1993(!), dieses „Gottesgesetz“, das nicht nur die Frauen gänzlich rechtlos macht und in dem u.a. auf Ehebruch und Homosexualität die Steinigung steht, durch die „Rebellen“. Zwar ist Tschetschenien weiterhin ein Teilstaat Russlands und gelten in Grosny auf dem Papier dieselben Gesetze wie in Moskau – in der Praxis aber machen längst die Terroristen das Gesetz, trainiert in den Lagern vom Iran und Afghanistan und finanziert von Saudi-Arabien.

Dagegen wurde bisher von kaum einer Menschenrechtsorganisation protestiert. Und von deutschen MenschenrechtlerInnen bzw. gern um die Menschenrechte besorgten PolitikerInnen schon gar nicht. Stattdessen hagelt es gute Ratschläge für Russland und heiße Tipps des Stils: Putin solle doch mit Bassajew verhandeln.

Das entlarvende Buch von Julia Jusik über die „Bräute Allahs“ erregte zwar viel Aufsehen in Russland, aber auch Missfallen. Nicht nur die eiserne Faust von Moskau reicht bis Grosny, auch der Arm der „Rebellen“ von Grosny reicht bis Moskau. Und die russische Seite spielt in dem grausamen Spektakel nicht immer eine noble Rolle. So kommt es, dass das Buch zwar nicht, wie in guten alten Zeiten, verboten ist, aber doch behindert wird. Interessierte müssen zur Zeit lange suchen, bis sie es in den hintersten Ecken kleiner Buchläden aufstöbern. Was das Interesse des Auslandes nicht bremsen konnte. Im Dezember 2004 sollen die „Bräute Allahs“ auch auf Deutsch erscheinen.

Befragt nach ihrem Motiv, warum sie das Buch geschrieben habe, antwortet Julia Jusik: „Ich hatte Mitleid mit den Frauen. Sie sind oft ja noch jünger als ich. Und ich wollte wirklich begreifen, was ihre Motive sind. In den meisten Fällen habe ich vergebens nach religiösen Motiven gesucht. Die wahren Motive heißen: Liebe, Drogen, Gewalt.“

Weiterlesen:
Julia Jusik: „Die Bräute Allahs“, Verlag Ultra Kultura, Moskau 2003.
Tschetschenien heute 2/2011

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