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Bonnie Garmus: Macht Mut

Bonnie Garmus: "Ich habe das Buch auch geschrieben, um mir selbst Mut zu machen!" - Foto: Moya Nolan
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Millionen LeserInnen lesen sie. Ihr Buch ist aus dem Stand in 35 Ländern erschienen und hält sich in Deutschland seit Monaten an der Spitze der Bestsellerlisten. Zu Recht. Ihre Heldin, die Chemikerin Elisabeth Zott, ist eine kluge, aufrechte, mitreißende Person, die sich Anfang der 60er Jahre durch den, Frauen bis heute vertrauten Patriarchats-Dschungel schlägt. Auch wir Nachgeborenen können stolz sein auf Elisabeth Zott, auf ihr Fühlen und Denken (letzteres vor allem), auf ihren Übermut und ihr Lachen (geweint wird nicht) – und auf ihren heiligen Zorn!

Nach 417 Seiten wissen wir viel von Elisabeth Zott. Nur: Was wissen wir von ihrer Schöpferin Bonnie Garmus? Die sparsamen Fakten aus den wenigen Interviews: Bonnie Garmus ist in Kalifornien geboren, hat in Seattle gelebt und ist jetzt in London, wohin sie wegen ihres Ehemannes und dessen Job (Technologiebranche) gezogen ist. Die beiden haben zwei erwachsene Töchter. Mit ihrem Mann versteht sie sich so gut, dass sie bis heute an ein und demselben Tisch mit ihm arbeitet. Und wenn sie essen, „schieben wir einfach den Computer und die Papiere beiseite“

Garmus hat mal Literatur studiert, als Verlagslektorin gearbeitet und sodann als Werbetexterin für Technik und Wissenschaft. Sie ist keine verhinderte Chemikerin, sondern träumte schon als Vierjährige davon, Schriftstellerin zu werden. Bei Erscheinen ihres ersten Buches, „Eine Frage der Chemie“, im letzten Jahr war sie 69 (zwei abgelehnte Romane schlummern noch in der Schublade).

Fünf Jahre lang hat Garmus an ihrer Zott geschrieben. Auslöser war eine Erfahrung, die viele tüchtige Frauen, die beruflich in Männerdomänen verkehren, kennen. Sie erzählt: „Und eines Tages war ich auf einem Technologie-Meeting, das nur aus Männern bestand. Ein paar Minuten nach mir wiederholte ein Mann genau das, was ich gerade gesagt hatte, ohne jegliche Reaktion – und alle sagten: Oh, das ist großartig! Das ist brillant!“ Garmus ging nach Hause, setzte sich an ihren Schreibtisch – und schrieb den ersten Satz: über eine brillante Chemikerin, von der ihre Kollegen erwarten, dass sie Kaffee kocht. Und mehr. Zotts Chef, der ihre Erkenntnisse als seine zu verkaufen pflegt, vergewaltigt sie eines Tages ganz en passant in seinem Büro. Garmus erzählt diese Episode so nebenbei und kühl, dass klar wird: Diese Frau lässt sich selbst davon weder berühren noch brechen. Sie macht weiter.

Doch der Widerstand ist vor 60 Jahren noch so groß, dass sie schließlich resigniert. Quasi zufällig wird sie ein Fernsehstar: als Köchin, die ihren Zuschauerinnen am Nachmittag – also überwiegend Hausfrauen – Kochrezepte in Chemieformeln verkauft, garniert mit einer Portion Rebellion. Garmus widmet das Buch ihrer Mutter, die Kinderschwester war, Ärztin werden wollte, und Hausfrau mit vier Kindern wurde. Dass Zott aus der Kochshow wieder raus und zurück ins Labor kommt, verdankt sie märchenhaften Umständen. „Ich habe das Buch auch geschrieben, um mir selber Mut zu machen“, sagt die Autorin.

Zott hat eine Tochter, Madeline, die grenzenlos aufwächst. Sie darf alles erforschen und alles infrage stellen. Mindestens ebenso schlau ist Halbsieben, der ihr exakt zu der Uhrzeit zugelaufene Hund, der alles versteht, laut Mutter und Tochter über 300 Wörter. „Mit Halbsieben wollte ich einem Tier eine Stimme geben.“

Warum das Ganze in den frühen 60ern (Stichwort: Weiblichkeitswahn) spielt? „Ich musste mir selbst klarmachen, dass wir Fortschritte gemacht haben“, sagt Garmus „Natürlich haben wir das. Aber nicht genug!“ In einem Punkt haben wir vielleicht sogar Rückschritte gemacht. Garmus’ Heldin ist eine unerschütterliche Verfechterin von Verstand und Wissenschaft – was gut tut in diesen Zeiten der Irrationalität.

Die Bestsellerautorin kann ihr Glück eigentlich selber immer noch nicht fassen. Aber sie genießt es. „Mein Erfolg beweist einfach, dass das Alter keine Rolle spielt“, sagt sie. „Ich fühle noch genauso wie mit 30. Aber die Fähigkeit, seine Figuren mit etwas mehr Einfühlungsvermögen zu betrachten, wächst im Alter, weil man einige der Kämpfe selber mitgemacht hat.“

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