In der aktuellen EMMA

Du bist der Vergewaltiger!

Sie klagen an: Das Patriarchat ist ein Richter!
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Valparaíso, Chile, 25. November: „Es war nicht meine Schuld! Es lag nicht daran, wo ich war!“ skandieren die Frauen. „Und auch nicht daran, wie ich mich angezogen habe! Das Patriarchat ist ein Richter! Es verurteilt uns durch unsere Geburt! Der Vergewaltiger bist du!“ Sie stampfen auf der Stelle, drehen sich nach rechts, nach links. Manche tragen Augenbinden, Kunstblut rinnt ihnen ins Gesicht. Es ist kein Tanz, kein Flashmob - es ist die pure Wut, die aus ihnen schreit. Wut auf die Männergewalt, auf die Frauenmorde.

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Was am 25. November, dem weltweiten „Aktionstag gegen Gewalt an Frauen“, in Chile seinen Anfang nahm, geht inzwischen um die Welt. In Madrid und Paris, in Istanbul und Berlin gehen Frauen mit der immergleichen Protestaktion auf die Straße. Sie dauert zwei Minuten. Ausgedacht hat sie sich „Las Tesis“ (die Thesen), ein Kollektiv aus vier Frauen aus der Hafenstadt Valparaíso.

Sibila Sotomayor, Daffne Valdés, Paula Cometa Stange und Lea Cáceres, alle 31 Jahre alt, wollen die feministischen „Thesen“ unters Volk bringen. Die vier veröffentlichten einen Aufruf via Instagram, die Performance überall auf der Welt nachzuahmen. Besonders schnell verbreitete sie sich in Lateinamerika. In Mexiko, Nicaragua, Peru, Argentinien - in nahezu jedem südamerikanischen Land sind Frauen inzwischen auf die Straßen gegangen.

Kein Wunder: Nach Angaben der Vereinten Nationen werden nirgendwo auf der Welt so viele Frauen gezielt ermordet wie in Lateinamerika. 14 der 25 Länder mit den höchsten Mordraten liegen dort. In jedem dieser Länder werden jeden Tag 12 Frauen aufgrund ihres Geschlechts getötet (in Deutschland ist es eine jeden zweiten Tag).

Die Macho-Kultur, die Abhängigkeit der Frauen, die Straflosigkeit sind die Gründe. Seit zwei Jahren regt sich besonders in Argentinien der Protest. Eine halbe Million Frauen geht dort regelmäßig auf die Straße. Die Frauenbewegung „Ni una menos“, (Nicht eine Frau weniger), übt Druck auf Öffentlichkeit und Politik aus – mit ersten Erfolgen. Der Femizid wurde indirekt als verschärfender Tatbestand aufgenommen. Wörtlich heißt es nun, wenn ein Mann eine Frau getötet habe und es sich um geschlechtsbezogene Gewalt handele, müsse eine lebenslange Haftstrafe verhängt werden.

Selbst Medien aus Taiwan werden nun über sie berichten, sagten die Mujeres stolz der chilenischen Presse. Die Chileninnen machen es vor.

Flashmob "Un violador en tù camino" in Köln: 18.30 Uhr, Domplatte (am Blau-Gold-Haus).

 

 

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Ein Aufstand der Millionen!

Foto: Imago
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Es war eine der größten Demonstrationen in der Geschichte der peruanischen Hauptstadt: Alleine in Lima zogen am Samstag über 50.000 Frauen und Männer bis vor den Justizpalast, um gegen Gewalt gegen Frauen zu demonstrieren. Auch in anderen Teilen des Landes gingen Zehntausende auf die Straße.

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Ein Peruaner hat seine Frau mit einem Ziegel erschlagen

Auf der Straße: Wütende Studentinnen, die ihre geballten Fäuste gen Himmel recken und das Frauenzeichen präsentieren, das sie sich auf ihre Unterarme gepinselt haben. Performance-Gruppen, die die Brutalität der häuslichen Gewalt live für die Demonstrierenden inszenieren: Männer reißen ihre Frauen an den Haaren zu Boden und schlagen ihre Köpfe scheinbar so lange auf den Asphalt, bis die Frauen sie nur noch aus hohlen Augen anflehen können, endlich aufzuhören. Sprachlos. Denn auf ihrem Mund klebt ein Schild: „Callate!“. Das heißt: „Halt die Klappe!“

Auch der seit Ende Juli amtierende Präsident Pedro Pablo Kuczynski marschierte mit, zusammen mit seiner Frau Nancy Lange. Die Justizministerin Marisol Pérez Tello war genauso dabei wie Carmela Sifuentes, die Vorsitzende des größten Gewerkschaftsbundes in Peru (CGTP). Ja, selbst die Anarchistinnen protestierten Schulter an Schulter mit Polizistinnen. Und immer wieder schallte der Slogan der Demo durch die Stadt: Ni una menos! Keine einzige weniger! Darum geht es: Keine soll mehr durch die Hände eines brutalen Mannes sterben müssen - und dann auch noch vergessen werden.

Laut Weltgesundheitsorganisation steht Peru auf Platz drei der Länder mit der höchsten Zahl an Frauen, die Opfer sexueller Gewalt durch ihre Ehemänner oder Freunde werden. Im vergangenen Jahr wurden in dem Andenstaat mit rund 30 Millionen EinwohnerInnen 95 Frauen getötet. Hinzu kommen 54 Morde und 188 Mordversuche nur in den ersten sechs Monaten dieses Jahres. Und 32.000 Fälle häuslicher Gewalt. Zuletzt wurde eine sechsfache Mutter von ihrem Mann mit einem Ziegelstein erschlagen, weil sie zu viel Knoblauch in sein Essen getan hatte. Die DemonstrantInnen in Lima kritisieren, dass solche Täter mit milden Strafen davonkommen. Und dass die Frauen sich nicht trauen, ihre Peiniger überhaupt anzuzeigen.

Ni una menos! Dieser Aufruf hat sich in ganz Mittel- und Südamerika verbreitet. Denn auch in Mexiko, in Chile, in Kolumbien, in Bolivien, in Urugay und in Argentinien haben in den vergangenen Monaten tausende Menschen gegen den Femizid protestiert, diese tödliche und massenhafte Gewalt gegen Menschen, nur weil sie Frauen sind. Die bisher größte dieser Demonstrationen fand in Brasilien statt. Dort gingen im vergangenen Juni 300.000 Menschen auf die Straße.

Ihr Slogan geht zurück auf ein Gedicht der mexikanischen Aktivistin Susana Chávez Castillo aus Juárez. Als vor zwanzig Jahren eine Serie brutaler Frauenmorde die mexikanische Stadt erschütterten, die bis heute nicht aufgeklärt worden sind, schrieb sie: "Ni una mujer menos, ni una muerta más!" Nicht eine Frau weniger, nicht eine Tote mehr! Im Januar 2011 fand man ihre zerstückelte Leiche. Es dauerte Tage, bis sie identifiziert weden konnte. Aber Susana wurde nicht ermordert, weil sie eine Aktivistin war, erklärten die mexikanischen Behörden. Die Täter wussten nicht einmal, wen sie vor sich hatten. Sie wurde getötet, weil sie eine Frau war. 

Und: Wir müssen auch keine 10.000 Kilometer weit reisen, um Männer zu finden, die wegen Lappalien ihre Ehefrauen erschlagen.

Nicht eine einzige weniger, das gilt genau so für Europa und auch für Deutschland! Hier mag der Machismo im Alltag nicht so präsent sein. Aber die Gewalt gegen Frauen hinter verschlossenen Türen ist ein ebenso massives Problem. In Deutschland wurden bei einer EinwohnerInnen-Zahl von rund 80 Millionen im vergangenen Jahr 327 Frauen getötet – in zwei von drei Fällen von ihren Ehemännern, Freunden oder Ex-Freunden. Und 9.587 wurden vergewaltigt oder sexuell genötigt. Und das sind nur die offiziellen Zahlen. Das Frauenministerium hat unter 10.000 Befragten eine breit angelegt Dunkelfeldstudie über Gewalt gegen Frauen durchgeführt. Ergebnis: Nur jedes zwölfte Opfer sexueller Gewalt erstattet Anzeige. Hochgerechnet wären es demnach 117.000 betroffene Frauen. Mindestens.

Er fand, sie hatte mit zu viel Knoblauch gewürzt

„Der Missbrauch breitet sich in einer Umgebung immer weiter aus, in der Frauen nicht gehört und Taten verschwiegen werden“, klagte der peruanische Präsident Kuzcynski auf der Demo in Lima. Dieser Vorwurf gilt hier wie dort. Und wetten, dass ganz wie bei einer am Samstag veröffentlichten Umfrage unter PeruanerInnen, auch ein sehr großer Teil der deutschen Männer (und Frauen) überzeugt davon sind, dass eine Frau im Minirock an ihrer Vergewaltigung selbst Schuld trägt; oder zumindest eine Mitschuld hat?

150.000 Menschen in Peru sind also nicht genug. Wir brauchen einen Aufstand der Millionen. Von den Frauen in Deutschland, Spanien oder der Türkei. In Ägypten, Marokko oder Tunesien. In Afghanistan, Irak oder im Iran. In Amerika, Kanada oder Australien. In Indien, China oder Thailand. In Russland, Weißrussland oder der Ukraine. Denn auch wenn es in all diesen Ländern sehr unterschiedlich steht um die Frauenrechte, um die Demokratie und um den Frieden - alle diese Frauen sind von derselben Gefahr bedroht: Der Gewalt durch ihre Männer.

Ni una menos!

Alexandra Eul

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