Collien Fernandes: Die Wut der Frauen

Tausende Frauen demonstrierten in Berlin und zeigten sich solidarisch mit Collien Fernandes. Foto: John Macdougall/AFP
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"Jeder kennt ein Opfer, niemand einen Täter! Warum?“ – „Schon wieder ein liebender Ehemann“ – „Mein Körper gehört mir - auch digital!“ - „Immer ist es ein Mann. “ – „Time is up, Jerks!“ Diese Slogans stehen auf den Plakaten, die am späten Sonntagnachmittag vor dem Brandenburger Tor auf dem prall gefüllten Pariser Platz in die Höhe gereckt werden.

Seit Collien Fernandes am Donnerstag letzter Woche die Vorwürfe der „virtuellen Vergewaltigung“ durch ihren Ex-Mann Christian Ulmen im Spiegel öffentlich gemacht hat, rollt eine Welle von Frauenwut und Frauensolidarität durchs Land. Zur Demo angemeldet waren 500, gekommen sind Tausende. Die Polizei spricht von 6.700, die Veranstalter von 13.000 TeilnehmerInnen.

Initiiert hatte die „Demo gegen sexualisierte digitale Gewalt - Solidarität mit allen Opfern" das frisch gegründete Bündnis "Feminist Fight Club", das aus Aktivistinnen von „Fridays for Future“ und der Initiative „Nur ja heißt ja“ besteht. 

Collien Fernandes selbst war auf der Demo nicht anwesend, hatte aber in den sozialen Netzwerken dazu aufgerufen. Sie dreht gerade das „Traumschiff“, wo sie die Schiffsärztin ist. Von dort schrieb sie: „Die Täter sind oft nicht die gruselig dreinblickenden Bösewichte, sondern die Männer in unserer Mitte – die Netten, die Lustigen, die Sympathischen.“ Und sie fügte hinzu, mit ihrem Fall die „Mauer des Schweigens einreißen“ zu wollen. Auf der Demo wurde ein Statement von ihr vorgelesen. Darin kritisiert sie u.a. die „massiven gesetzlichen Lücken“ beim Schutz vor sexualisierter und digitaler Gewalt. Die Schauspielerin kämpft in der Tat nicht erst seit heute dagegen.

Ulmen: "Ich sehe mich als den Typ Mann, den sich der Feminismus immer gewünscht hat"

Den am Sonntag demonstrierenden Frauen stand die Wut ins Gesicht geschrieben. Die Wut auf unsere Täterjustiz und auf Männer wie Ulmen, die sich als „nette“, ja gar „feministische“ Männer verkaufen, die Frauen angeblich respektieren und auch als Väter halbe/halbe machen. Ulmen wusste in Zeitungsinterviews zu erzählen, dass er sich um sein Kind kümmere, wenn es Ohrenschmerzen habe, damit seine Frau Drehtermine wahrnehmen könne. O-Ton: „Ich sehe mich komplett als der Typ Mann, den sich der Feminismus immer gewünscht hat.“ Heute dürfen wir befürchten, dass er in dieser Zeit Porno-Fakes seiner Frau verschickte.

War der Comedian mit seiner Sendung „Who wants to fuck my girlfriend“ schon dichter an seiner Wahrheit dran? Da ließ er Frauen Punkte sammeln, indem sie im Bordell möglichst viele Freier für sich gewannen. Ulmen spielte darin die prollige Kunstfigur Uwe Wöllner und verkaufte das Ganze als Satire. Die war offenbar näher am Leben, als frau sich hätte (alp)träumen lassen.

Ulmen wird von Medien-Star-Anwalt Christian Schertz vertreten. 2024 war Schertz in der ZDF-Doku „Deepfake-Pornos: Die Jagd nach den Tätern“ an der Seite von Fernandes aufgetreten und hatte als Experte erklärt, wie schwierig es sei, Täter zur Rechenschaft zu ziehen, und plädierte für mehr Schutz der Opfer. Fernandes agierte schon damals als selbst Betroffene - sie ahnte nur noch nicht, dass ihr eigener Mann der Täter sein könnte. Und Fernandes wusste damals schon gar nicht, dass ausgerechnet Schertz der Anwalt des mutmaßlichen Täters sein würde. Was mit den Opfern durch KI-generierte Pornografie geschehe, sei „furchtbar, traumatisierend, das ist eine mediale Vergewaltigung“. Das waren seine Worte.

Die Wut der Frauen brach sich nicht nur auf der Demo, sondern auch auf Social Media Bahn. „Pelicot, Epstein, all die Femizide - Wie sollen wir überhaupt noch mit Männern zusammenleben?“ fragten tausende Frauen auf Instagram. Diese Frage hatte zuerst die französische Philosophin Manon Garcia gestellt, nachdem sie monatelang den Prozess um Gisèle Pelicot verfolgt hatte und all die Videos gesehen, in denen Männer von nebenan reihenweise eine bewusstlose Frau vergewaltigten. „Wie sollen wir mit ihnen leben? Wie soll das gehen, wenn sie uns hassen?“, fragte Garcia. Zu oft liege der Feind im eigenen Bett.

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Im Fall Collien Fernandes ist nun die Frage, was strafrechtlich passieren wird. Noch ist es in Deutschland nicht strafbar, pornografische Deepfakes zu erstellen. So wie die gesamte Gewalt gegen Frauen bislang juristisches Schmierentheater ist. Zur Erinnerung: Nur jeder 100. Vergewaltiger wird verurteilt. Aber Fernandes hat Ulmen in Spanien angezeigt. Das Paar lebte zeitweise auf Mallorca. Spanien hat in den letzten Jahren seine Gesetze deutlich verschärft, um gegen digitale und geschlechtsspezifische Gewalt – insbesondere gegen Deepfakes – vorzugehen.

Unter den DemonstrantInnen in Berlin waren auch Politikerinnen wie Saskia Esken (SPD), Ricarda Lang, Lisa Paus und Katrin Göring-Eckardt (alle GRÜNE) vertreten, allesamt bislang nicht bekannt dafür, etwas Konkretes gegen die Gewalt gegen Frauen unternommen zu haben. Gerade Lisa Paus hatte sich für das „Selbstbestimmungsgesetz“ eingesetzt und damit Frauenschutzräume zum Abschuss freigegeben. 

Klimaschutzaktivistin Luisa Neubauer erklärte auf der Demo: „Ich würde mich gerne nur ums Klima kümmern. Aber es geht nicht. Nicht in dieser Gesellschaft und dieser Zeit und bei diesen Männern.“

Immerhin: Justizministerin Stefanie Hubig (SPD) strebt eine schnelle Reform des Strafgesetzbuchs zum besseren Schutz vor digitaler sexualisierter Gewalt an. Mit Hubigs Entwurf sollen auch sogenannte Rachepornos unter Strafe gestellt werden. Eine schon existierende Strafvorschrift gegen sexuelle Erpressung oder „Sextortion“ würde sich künftig auch auf Bild- und Videoaufnahmen beziehen.   

Auf Instagram kursiert derweil ein neuer Trend: ein Leben ohne Männer. Häufigste Zitate: „Wir haben keinen Bock mehr auf euch.“ - „Wir haben die Nase voll.“ - „Es reicht.“

Übrigens: Collien Fernandes ist ein spektakulärer Fall, der alle aufrüttelt: die dunklen Seiten des so beliebten modernen Medienpaares. Übrigens: EMMA kürte Christian Ulmen schon im Dezember 2013 zum „Pascha des Monats“. Da lief gerade „Who wants to fuck my Girlfriend“ und EMMA hatte bereits damals den Verdacht, dass Uwe Wöllner alias Christian Ulmen die Sache durchaus ernst meinte. Damals hatte der „Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen“ gerade seinen „Appell FÜR Prostitution“ lanciert. Es war der Gegenappell zu EMMAs Aufruf „Prostitution abschaffen!“ Welchen der beiden Appelle Christian Ulmen damals wohl unterschrieb? Dreimal dürfen wir raten.

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