In der aktuellen EMMA

Computer Grrrls

Artikel teilen

"Früher trugen Computer Kleider.“ Dieser Satz stammt von der brillanten NASA-Mathematikerin Katherine Johnson. Sie war eine der drei „Rocket Girls“ (und Heldin im Film „Hidden Figures“), die 1962 mit ihren Berechnungen den ersten US-Astronauten in die Erdumlaufbahn brachten. Was die heute 90-jährige Johnson sagen wollte: „to compute“ heißt ganz einfach „rechnen“. Und die Berechnungen stellten in den wegweisenden Technologien bis in die 1960er-Jahre vor allem Frauen an: die „Computers“.

Die britischen „Bletchley Girls“ dechiffrierten im Zweiten Weltkrieg die codierten Botschaften der Nazis. Nach dem Krieg fütterten die „ENIAC Girls“ in den USA den 30 Tonnen schweren ersten vollprogrammierbaren Computer – sie waren die ersten Programmiererinnen der Welt. 1959 eröffnete Dina St. Johnston die erste Software-Firma Englands. Und in den USA legte 1965 die katholische Ordensschwester Mary Kenneth Keller die erste Promotion im Fach Informatik ab und entwickelte die Computersprache BASIC.

Doch dann übernehmen die Jungs – der Computer wird zum „Boy Toy“. Wie ist dieser Wandel vonstatten gegangen? Und was bedeutet es, wenn Frauen an der Gestaltung der technologischen Entwicklung, die unser Leben via PC, iPhone und Alexa stärker prägt denn je, kaum noch Anteil haben? Diesen Fragen widmen sich 22 internationale Künstlerinnen aus 16 Ländern in der Ausstellung „Computer Grrrls“ im Dortmunder U.

Sie werfen einen kreativen Blick auf die computerisierte Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. So erinnert die Französin Caroline Martel in ihrer Filmmontage „Le Fantôme de l’Opératrice“, in der sie Ausschnitte aus 125 Industrie- und Werbefilmen von 1903 bis 1989 zusammenstellt, an den Untergang der Telefonistin (= Opératrice). Die Mutter der Berlinerin Nadja Buttendorf war Facharbeiterin beim Kombinat Robotron, dem größten Computerhersteller der DDR. Die Tochter hat das zu ihrer YouTube-Seifenoper „Robotron – A Tech Opera“ inspiriert.

Die Britin Erica Scourti fotografierte ihren Körper per iPhone und schickte die Bilder durch Apps und Suchmaschinen. Resultat: Das Internet generiert Verbesserungsvorschläge, vor allem für Scourtis Brüste. Die russische Künstlerin Dasha Ilina entwickelt in ihrem „Center for Technological Pain“ fiktive Lösungen für gesundheitliche Probleme, die von Smartphones und Laptops verursacht werden. Und die Amerikanerin Mary „Maggic“ Tsan lässt in einer Kochshow-Persiflage zwei Transgender-­„Biohackerinnen“ Östrogene herstellen.

Hat es einen Einfluss, ob Männer oder Frauen Algorithmen entwickeln? Das fragte sich die Niederländerin Simone Niquille und gab Fotos eines Hillary-Clinton-Doubles an zwei renommierte 3D-Drucker-Unternehmen. Das Ergebnis ist in der Ausstellung zu besichtigen. Die drei Meter hohe Figur ist – ein Mann.

„Algorithmische Vorurteile“ nennt das Kuratorin Inke Arns. „In der Entwicklung von Künstlicher Intelligenz sind vor allem Männer aktiv. Aber an der Entwicklung von Technologie muss die gesamte Gesellschaft beteiligt sein – und nicht nur ein Teil, der dann für den anderen spricht. Damit muss jetzt mal Schluss sein!“ 

Computer Grrrls, bis 24.2. im Dortmunder U, http://www.hmkv.de

Ausgabe bestellen
Anzeige
'
 
Zur Startseite