Die Klimakrise trifft Frauen härter

Die Aktivistinnen der "African Feminist Taskforce" auf der COP 27 am gestrigen "Genderday". Foto: imago images
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Dürre, Stürme, Hitzewellen und Hochwasser treffen alle Menschen, sollte frau meinen. Doch Frauen treffen sie immer noch ein Stück härter – diese Ergebnisse liefert auch die Weltklimakonferenz, die noch bis Freitag in Scharm-El-Scheich läuft. 70 Prozent der Menschen, die weltweit unter der Armutsgrenze leben, sind Frauen. "Sie haben meist weniger Ersparnisse und finanzielle Sicherheiten, die eine Krise oder Katastrophe abfedern könnten", sagt Bettina Jahn von UN Women Deutschland. Und Naturkatastrophen treffen Menschen unterschiedlich stark, so Jahn, je nachdem, wie gut sie auf eine Katastrophe vorbereitet waren, wie schnell sie gewarnt wurden, wie gut sie flüchten oder sich von den Folgen erholen konnten. "Und leider stehen da Frauen im Vergleich deutlich schlechter da", sagt Jahn. Wie schlecht sie dastehen, zeigt ein Blick in diese Länder:

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Malawi Während sich in Deutschland die Geister an E-Autos, Hyperloops, Lastenrädern und Windkraft scheiden, bedeutet der Klimawandel für die Mädchen Malawis das immer raschere Ende ihrer Kindheit. In Malawi, einem der ärmsten Länder der Welt, werden die Dürrezeiten länger, die Überschwemmungen heftiger. Da die Menschen dort größtenteils von der Landwirtschaft leben, schwindet ihre Existenzgrundlage. Familien, die ums Überleben kämpfen, trennen sich vom schwächsten Glied der Kette: ihren Töchtern. Noch vor sechs Jahren wurde „nur“ jedes sechste Mädchen unter 15 Jahren zwangsverheiratet, 2021 wurde fast jede zweite in Ehe gezwungen. Und die Bräute werden immer jünger. „Schon Achtjährige werden im Austausch gegen Vieh in die Ehe verkauft, um die finanzielle Belastung zu reduzieren“, heißt es in einem Bericht der Weltnaturschutzunion IUCN (International Union for Conservation of Nature and Natural Resources).

Philippinen Auch als 2013 der Taifun Haiyan auf den Philippinen wütete, schlug die Katastrophenlage mit mehr als 10.000 Toten in Gewalt gegen Frauen und Kinder um. Zudem wurden Frauen und Mädchen laut der Hilfsorganisation Save the Children signifikant weniger von humanitären Maßnahmen berücksichtig. Das heißt, sie bekamen weniger Hilfsgüter und waren in den Notunterkünften monatelang Sexualgewalt ausgesetzt. Sechs Millionen Kinder waren betroffen. Frauen und Kinder wurden verstärkt in die Prostitution verkauft, der Menschenhandel stieg 2013 um 30 Prozent. Parallel sank das Bildungsniveau von Mädchen, weil sie zuhause helfen mussten oder Eltern das Schulgeld nicht mehr bezahlen konnten.

Vanuatu Im pazifischen Inselstaat Vanuatu stieg die Anzahl der gemeldeten Fälle von häuslicher Gewalt um 300 Prozent, nachdem dort zwei tropische Wirbelstürme 2015 und 2020 gewütet haben. In dem Inselparadies mit seinen Puderzucker-Sandstränden ist Männergewalt ein massives Problem, mindestens 60 Prozent aller Frauen sind davon betroffen; viele von ihnen tragen lebenslange Behinderungen davon. Die Ernteausfälle durch Überschwemmungen verstärken jedes Jahr diese ohnehin schon hohe Gewalt gegen Frauen. Vanuatu selbst trägt nichts zum Klimawandel bei, leidet aber enorm unter den Folgen. Deshalb hat das Land 2018 beschlossen, vor den Internationalen Gerichtshof zu ziehen, um jene Länder zu klagen, die den Klimawandel verursachen.

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Niger, Tschad, Sudan Die Brunnen und Wasserstellen versiegen in diesen Ländern besonders rasant. Laut der Vereinten Nationen leben mittlerweile 37 Prozent der Landbevölkerung in Afrika südlich der Sahara mehr als eine halbe Stunde Fußmarsch von der nächsten Wasserquelle entfernt. Wasserholen ist Frauensache. Wenn ihre Wege weiter werden, wird ihr Leben beschwerlicher. Noch dazu häuft sich auf weiteren Wegen die Gefahr sexueller Übergriffe, besonders in Regionen, in denen bewaffnete Banden marodieren. Mit jedem versiegenden Brunnen werden mehr Mädchen eines Dorfes von der Schule genommen. Ihre Lebensaufgabe ist es dann, jeden Tag Wasser zu holen, mit Fußmärschen von über 15 Kilometer.

Kenia Die Frauen an den Küsten und Seen Afrikas leiden besonders, weil der Fisch knapper wird. Fisch ist die tägliche Nahrungsgrundlage. Die Fischer verlangen nicht mehr nur Geld, sondern zusätzlich Sex als Bezahlung. Im Westen Kenias ist diese Praxis so üblich, dass sie einen eigenen Namen hat: das Jaboya-System. Mittlerweile ist dieses System so verfestigt, dass ältere Frauen die jüngsten Töchter für die Fischer mitbringen oder zu diesem Zweck Weisenkinder aufnehmen. Diese Frauen und Mädchen gehören zu den Menschen mit den höchsten HIV-Raten des Landes.

Deutschland Eine teurer werdende Mobilität (E-Autos) werden sich in erster Linie die Wohlhabenderen leisten können. Gleiches gilt für höhere Lebensmittel- und Strompreise. Frauen gehören auch in Deutschland im Vergleich zu Männern zur ärmeren Bevölkerungsgruppe. Eine geschlechtergerechte Klimapolitik wäre es den öffentlichen Nahverkehr auszubauen. Denn jede vierte Frau, aber nur jeder knapp achte Mann nutzt Bus und Bahn. Subventionierungen wie die Pendlerpauschale kommen aber in erster Linie Männern zugute, weil die meisten Pendler männlich sind.

In fast allen Ländern der Welt haben Frauen einen geringeren ökologischen Fußabdruck. Sie essen weniger Fleisch, fahren weniger Auto und betreiben eine nachhaltigere Landwirtschaft. Gleichzeitig zeigen Frauen weltweit eine höhere Bereitschaft, etwas für den Klimawandel zu tun, sowohl in Industrie- als auch in Schwellen- und Entwicklungsländern. Und: Länder, die in Sachen Gleichberechtigung fortschrittlicher sind, in denen etwa mehr Frauen im Parlament sitzen, ratifizieren mit höherer Wahrscheinlichkeit Abkommen zum Umweltschutz. Und weil frauenpolitische Organisationen wie She changes climate und GenderCC - Women for Climate Justice dafür kämpfen. Es eilt.

 

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