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Das Silbernetz

Silbernetz-Gründerin Elke Schilling. - Foto: Gordon Welters
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Es war vor zehn Jahren um drei Uhr nachts, als Elke Schilling beschloss, dass sie etwas tun muss. Sie war damals Ehrenamtliche bei der Telefonseelsorge in Magdeburg und hatte einen 85-jährigen Mann an der Strippe. Der sagte: „Wissen Sie was, junge Frau? Die Reihen um mich rum sind leer geworden, da ist keiner mehr. Können Sie mir sagen, warum ich noch leben soll?“ Elke Schilling ist ein ausgesprochen lebenslustiger Mensch, der vor Energie sprüht und quasi jeden Satz mit einem Lachen beendet. Sie konnte den alten, einsamen Mann in dieser Nacht aufmuntern.

Die diplomierte Mathematikerin war gerade selbst in Rente gegangen und dachte bei sich: „So lange ist das für dich auch nicht mehr hin. Also: Zeit, was zu tun!“

Ihr erster Schritt war, nach Berlin zu ziehen und Vorsitzende der SeniorInnenvertretung in Berlin-Mitte zu werden. „Da kam ich mit dem Thema Einsamkeit im Alter ganz intensiv in Kontakt.“ Auch in ihrer eigenen Straße. Da war zum Beispiel die „winzige alte Dame“, die ihr auf dem Weg zum Einkaufen über den Weg lief. Elke Schilling lächelte sie an, wie es ihre Art ist. Die alte Frau lächelte so lange zurück, bis die frischgebackene Expertin sie ansprach. Sie lebe allein, sei einsam und „ein Schwätzchen auf der Straße war der einzige Kontakt, den sie mit der Außenwelt hatte.“ Hinzu kam: „Sie wusste überhaupt nicht, welche Angebote es für alte Menschen in ihrem Kiez gibt.“

Dann starb Schillings alter Nachbar. Der hatte ihr beim Einzug geholfen, war dann aber wieder von der Bildfläche verschwunden. Elke Schilling bot ihm an, dass er sich gern bei ihr melden könne, wenn er mal jemanden zum Reden brauche. Aber er meldete sich nicht. Als ein Pizza-Flyer wochenlang an seiner Türklinke klemmte, alarmierte sie den Vermieter. Der fand den Mann, der einsam gestorben war.

Zwischen diesem traurigen Vorfall und der Gründung des „Silbernetzes“ lag nun nur noch ein Aufenthalt von Schilling in Ägypten. Dort war die umtriebige Rentnerin als „Granny-au-pair“, betreute also die Kinder einer ägyptischen Familie. In der benachbarten Bibliothek lieh sie sich englische  Krimis aus, darunter einen von Minette Walters. Er hieß „Acid Row“, deutsch: „Der Nachbar“. Darin kam ein Telefon-Netzwerk alter Menschen vor, die „immobil in ihrer Wohnung saßen. Und da dachte ich: Das ist ne Lösung!“ Kurzerhand schrieb Elke Schilling an Minette Walters und fragte sie, ob dieses Netzwerk tatsächlich existiere. Die schrieb zurück: Zwar habe sie das Netzwerk für ihr Buch erfunden, aber inzwischen habe sich die „Silverline-Helpline“ tatsächlich gegründet. Im Januar 2014 flog Elke Schilling nach London und schaute sich das Projekt an. „Dann bin ich nach Deutschland zurück und dachte: Das können wir auch!“

Sechs Jahre später sitzen sechs HauptamtlerInnen in einem Ladenlokal im Soldiner Kiez am nördlichen Rand von Berlin-Mitte und gehen ans Telefon, das pausenlos klingelt. Dazu kommen rund 60 Freiwillige, denn der Gründerin des Silbernetzes war sehr schnell klar, dass der Corona-Lockdown die Einsamkeit noch verschlimmern würde: Die der alten Menschen, die nun in kein Café mehr konnten und sich in keinen Supermarkt mehr trauten. Aber auch die jüngerer Alleinlebender, denen schnell die Decke auf den Kopf fallen würde. Schilling beschloss, das Silbernetz, das bis dato nur für BerlinerInnen erreichbar war, für ganz Deutschland zu öffnen. Eine Telefonfirma spendete 100 Telefone. Und bald klingelte 100 Mal am Tag das Telefon.

Vor Corona waren 90 Prozent der AnruferInnen Frauen, nach Corona ist immerhin einer von drei AnruferInnen ein Mann. „Die Situation macht Männer offenbar aufgeschlossener“, sagt Elke Schilling. „Das finde ich erfreulich.“

Die Themen, über die die AnruferInnen reden möchten, seien immer die gleichen, egal, ob Frau oder Mann, ob vor oder nach Corona: „Ich bin allein, ich habe niemanden zum Reden, mir hört keiner zu.“ Deshalb ist es in dem Berliner Ladenlokal des Silbernetzes auch vergleichsweise ruhig, denn die MitarbeiterInnen, auch sie mehrheitlich weiblich, hören tatsächlich vor allem, was der Mensch am anderen Ende der Leitung erzählt. Manchmal ruft auch eine Bewohnerin oder ein Bewohner eines Pflegeheims an. Auch dort ist die Einsamkeit bisweilen groß.

Obwohl der Bedarf ganz offensichtlich enorm ist, hat Elke Schilling lange darum kämpfen müssen, dass die Berliner Senatsverwaltung das Projekt fördert. Drei Jahre lang machten sie und acht MitstreiterInnen das „Silbernetz“ ehrenamtlich. Doch die Anrufe wurden mehr und bald war die Belastungsgrenze erreicht. Dennoch behauptete die Stadt: Die Einsamkeit alter Menschen sinke, das belegten Studien des Deutschen Zentrums für Altersfragen. Doch da waren sie bei Elke Schilling an die Falsche geraten. Erstens wusste sie es aus ihrer Zeit als Seniorenvertreterin besser. „Und zweitens bin ich ja Statistikerin“, sagt sie und lacht mal wieder. Als solche sah sie sich die Studien an, schaute nach der „Grundgesamtheit“, und stellte fest: „Die hatten sich die zweite Lebenshälfte angeschaut, also Menschen zwischen 45 und 75. Da ist aber doch noch mindestens ein Jahrzehnt drüber.“ Als Statistikerin wusste Elke Schilling, dass sich just in diesem Lebensjahrzehnt sehr viele alte Menschen, vor allem Männer, umbringen.

Dann half wieder England nach: 2018 rief die britische Regierung ihr „Ministerium für Einsamkeit“ ins Leben. „Da endlich wurde Alterseinsamkeit auch bei uns ein Thema“, erzählt Elke Schilling. Berlin rückte Mittel aus der Landeslotterie heraus und das „Silbernetz“ konnte die ersten HauptamtlerInnen anstellen und für die Arbeit an der Strippe ausbilden. Daraus wurde ein zweites soziales Projekt, denn für das „Silbernetz“ arbeiten Menschen, die auf dem Arbeitsmarkt schlechte Chancen haben: Langzeitarbeitslose oder Menschen mit Behinderung. 18 schwer Vermittelbare haben sich so inzwischen eine kleine Existenz aufbauen können.

Dazu kommen rund 70 ehrenamtliche „Silbernetz-Freunde“: Sie rufen einmal pro Woche „ihren“ alten Menschen an. Vier von fünf Silbernetz-Freunden sind Freundinnen.

Männer, erklärt Schilling, seien insgesamt etwas aggressiver, auch im Umgang mit ihren Problemen. „Da ist öfter ein zorniger Unterton. Der richtet sich aber nicht gegen uns, sondern gegen das Leben im Allgemeinen und Corona im Besonderen.“ Und manchmal hilft auch eine virtuelle Umarmung. „Manchmal frage ich am Telefon auch, ob ich den Menschen am anderen Ende in den Arm nehmen darf und dann stellen wir uns das einfach vor.“ Das ersetzt zwar keinen richtigen Körperkontakt. Aber die Frauen an beiden Enden der Leitung sind „berührt“.

Und natürlich greift Elke Schilling nach wie vor selbst zum Telefonhörer. Wenn eine alte Frau darüber klagt, dass sie in Corona-Zeiten ihre Enkel nicht sehen kann, „kann ich das Leid mit ihr teilen“, erzählt die Mutter zweier Töchter und Großmutter von fünf Enkeln.

Gerade ist Elke Schilling von der Körber-Stiftung mit dem „Zugabe“-Preis ausgezeichnet worden. Zum zweiten Mal prämiert die Stiftung „erfolgreiche Gründerinnen und Gründer 60plus“. Gewonnen haben 2020 drei Männer – und eine Frau: Elke Schilling. Die Preisverleihung am 10. Juni stand unter dem Motto: „Von wegen Risikogruppe!“ Das gefällt der Preisträgerin ausgesprochen gut. Denn die Idee, dass ältere Menschen allein aufgrund ihres Alters isoliert werden könnten, ist ihr ein Graus: „Ich ärgere mich über diese Pauschalisierung. Es gibt doch nicht die Alten!“ Und dann spricht wieder die Statistikerin: „Es sterben ja sehr viel mehr Männer als Frauen an Corona. Sollte man also nicht diese Risikogruppe aus dem öffentlichen Raum raushalten?“ sagt sie – und lacht.

Das Silbertelefon ist unter der Nummer 0800-470 80 90 von 8-22 Uhr erreichbar.
www.silbernetz.org

 

 

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