Mit dem Silbernetz gegen Einsamkeit

Unter 0800-4708090 einfach mal reden.
Artikel teilen

Frau Schilling, worüber möchten die Menschen reden, die jetzt beim Silbernetz anrufen?
Das Haupt-Thema ist vor und nach Corona eigentlich das gleiche: „Ich bin allein, ich habe niemanden zum Reden, mir hört keiner zu. Bitte reden Sie mit mir!“ Mit Corona rufen natürlich jetzt auch die älteren Menschen an, die bis Corona ein aktives Leben geführt haben, die unterwegs waren und andere Menschen trafen, und die Besuch von ihrer Familie hatten. Das geht jetzt alles nicht und ihnen fällt die Decke auf den Kopf – wie ja vielen jungen Menschen auch. Aber bei den älteren kommt dazu, dass sie oft kein Internet haben. Damit fehlt ihnen natürlich eine Kontaktmöglichkeit, die viele junge Leute nutzen. Und jetzt sitzen sie mit ihrem Fernseher allein zu Hause.

Anzeige

Rufen denn jetzt auch Jüngere an?
Ja. Seit Corona hat sich der Altersdurchschnitt der Anrufenden um zehn Jahre gesenkt. Wir haben auch 30-, 40- oder 50-Jährige am Telefon. 

Und melden sich mehr Frauen als Männer?
Ja, ganz klar. Aber der Männeranteil ist seit Corona etwas größer geworden. Vor Corona hatten wir zwischen zehn und 15 Prozent Männer an der Strippe, seit Corona sind es etwa doppelt so viele. Die Situation macht Männer offenbar aufgeschlossener, was ich erfreulich finde.  

Haben die Männer andere Themen als die Frauen? 
Ich selbst merke da kaum Unterschiede. Aber die Kommunikation läuft ein bisschen anders. Frauen rücken schneller raus mit dem, was sie beschäftigt. Bei Männern muss man mehr nachbohren. Wenn man merkt, das ist was, da sitzt was fest, braucht es mehr Zeit und mehr Fragen. Und Männer sind insgesamt etwas aggressiver, auch im Umgang mit ihren Problemen. Da ist öfter ein zorniger Unterton. Der richtet sich aber nicht gegen uns, sondern gegen das Leben im Allgemeinen und Corona im Besonderen.

Silbernetz-Gründerin Elke Schilling. Foto: Gordon Welters
Silbernetz-Gründerin Elke Schilling. Foto: Gordon Welters

Rufen auch Menschen an, die mit jemandem zusammenleben?
Ja, wir haben schon mal eine Ehefrau oder einen Ehemann am Telefon und hören den anderen oder die andere im Hintergrund reden. Ich glaube, da haben wir so eine Art Entspannungsfunktion. Und es rufen uns auch Pflegeheim-Bewohnerinnen und –Bewohner dran. Das war zwar auch vor Corona schon so, weil die Pflegekräfte keine Zeit haben, länger mit den Menschen zu reden, und die Bewohner nicht gut in Kontakt miteinander bringen. Aber die Anrufe aus den Heimen sind in Corona-Zeiten noch mehr geworden.

Was sagen Sie den einsamen Menschen?
Das macht natürlich jede und jeder von uns anders. Ich bin selbst 75 und habe fünf Enkelkinder. Mit den beiden älteren bin ich über E-mail oder Handy in Kontakt, aber mit den kleineren gerade fast gar nicht. Und wenn nun eine andere Großmutter anruft, kann ich das Leid mit ihr teilen. Und geteiltes Leid ist ja bekanntlich halbes Leid. Manchmal kann ich auch praktische Tipps geben. Kurz vor Ostern hatte ich eine 82-Jährige am Telefon, die sich bitter beklagte, dass ihr Sohn, der 500 Kilometer entfernt wohnt, diesmal nicht käme. Sie meinte, dass Telefonate das nicht ersetzen könnten, man müsse sich doch wenigstens sehen können. Daraufhin habe ich gesagt: „Bitten Sie Ihren Sohn doch, Ihnen ein voreingstelltes iPhone zu schicken. Dann können Sie wenigstens Video-Telefonie machen.“ Am Ende des Gesprächs habe ich mir versprechen lassen, dass sie das tut. Ich weiß leider nicht, was draus geworden ist.

Der Anlass, das Silbernetz zu gründen, war ein trauriger. Ihr alter Nachbar war gestorben und niemand hatte es bemerkt.
Eigentlich fängt die Gründungsgeschichte schon viel früher an. Ich bin viele Jahre lang Telefonseelsorgerin gewesen. Und ich war selber gerade in Rente gegangen, als ich nachts um drei einen 85-jährigen Mann an der Strippe hatte, der sagte: „Wissen Sie was, junge Frau? Die Reihen um mich rum sind leer geworden, da ist keiner mehr. Können Sie mir sagen, warum ich noch leben soll?“ Da dachte ich: So lang ist das für dich auch nicht mehr hin. Also: Zeit, was zu tun!

Und was taten Sie dann?
Ich war zunächst ab 2011 sieben Jahre lang Vorsitzende der SeniorInnenvertretung in Berlin-Mitte und bin da ganz intensiv mit dem Thema Einsamkeit im Alter in Kontakt gekommen. Dann ist mein Nachbar gestorben. Der hatte mir beim Einzug geholfen und war dann von der Bildfläche verschwunden. Meine Hilfsangebote hat er abgelehnt. Als dann ein Pizza-Flyer wochenlang an seiner Tür klemmte, habe ich den Vermieter alarmiert. Der hat dann die Tür geöffnet und ihn dort gefunden. Und ich dachte: Sowas darf doch nicht passieren! 

Und was hat Minette Walters mit der Gründung des Silbernetzes zu tun? 
Im selben Jahr war ich vier Monate als Granny-Au-pair in Ägypten und lieh mir in der benachbarten Bibliothek englische Krimis aus, um mein Englisch zu verbessern. Darunter war auch ein Krimi von Minette Walters: „Acid Row", auf Deutsch: "Der Nachbar“. Darin kam ein Telefonnetzwerk alter Menschen vor, die immobil in ihren Wohnungen saßen. Und da dachte ich: Das ist ne Lösung! Daraufhin habe ich Minette Walters geschrieben und sie gefragt, ob dieses Netzwerk tatsächlich existiert. Sie schrieb mir zurück, dass sie es für ihr Buch erfunden habe, dass die „Silverline-Helpline“ sich aber inzwischen gegründet habe. Daraufhin bin ich im Januar 2014 nach London geflogen und habe mir das Projekt angeschaut. Dann bin ich nach Deutschland zurück und dachte: Das können wir auch! 

Wie ging es dann weiter?
Ich habe acht Mitstreiterinnen und Mitstreiter gefunden. Die ersten drei Jahre, von 2014 bis 2017, haben wir ehrenamtlich gearbeitet. Nach einigen Kämpfen mit der Stadt Berlin haben wir dann Mittel aus der Lotterie bekommen und sind im Herbst 2018 professionell gestartet. Wir haben daraus ein zweites soziales Projekt gemacht, indem wir Leute angestellt haben, die auf dem Arbeitsmarkt kaum eine Chance haben. Wir haben außerdem rund 70 ehrenamtliche „Silbernetz-Freunde“, die einen regelmäßigen Kontakt zu einem älteren Menschen haben und ihn einmal pro Woche anrufen. 

Die Silbernetz-Freunde sind vermutlich überwiegend Freundinnen?
Ja, das sind etwa 80 Prozent Frauen.

Als die Corona-Krise begann, haben Sie das Silbernetz für AnruferInnen aus ganz Deutschland geöffnet. 
Ja. Eine Telefonfirma hat uns dazu 100 Telefone geschenkt! Die habe ich zwei Wochen lang initialisiert und an 60 Freiwillige verschickt, die zusätzlich zu unseren HauptamtlerInnen jetzt täglich von acht bis 22 Uhr die Anrufe annehmen. In dieser Woche sollen es noch mehr werden.

Suchen Sie noch Freiwillige?
Nein. Es haben sich schon weit über 1.000 Menschen gemeldet! Denen sind wir sehr dankbar, aber mehr bewältigen wir einfach nicht. 

Wie lange wollen Sie das Silbernetz noch bundesweit offen halten?
So lange es gebraucht wird und wir es uns leisten können. Wenn man sich die Prognosen so anschaut, kann es ja durchaus sein, dass die Situation im November immer noch ähnlich ist. Oder dass zumindest die alten Menschen aus dem öffentlichen Raum herausgehalten werden. Wobei mich diese Pauschalisierung total ärgert. Es gibt doch nicht die Alten. Also, wenn es danach geht, wer als Risikogruppe gilt, kann ich als Statistikerin nur sagen: Es sterben ja sehr viel mehr Männer als Frauen an Corona. Sollte man also nicht diese Risikogruppe aus dem öffentlichen Raum raushalten? 

Das Silbertelefon ist unter der Nummer 0800-470 80 90 von 8-22 Uhr erreichbar.
www.silbernetz.org

 

 

Artikel teilen

Tag der Pflege: Protest in Berlin!

Tag der Pflege: Heute wird der Protest vor das Gesundheitsministerium gebracht. Foto: imago/Stefan Zeitz
Artikel teilen

Frau Ohlerth, was passiert zurzeit in den Heimen?
Eva Ohlerth Es ist die reine Katastrophe. Corona verschärft die ohnehin dramatische Situation in den Heimen. Es gibt viel zu wenig Pflegekräfte. Nun sind es noch weniger, da viele in Quarantäne oder krank sind. Und jetzt dürfen auch die Angehörigen nicht mehr kommen.

Anzeige

Eine Sicherheitsmaßnahme…
Ja, nur mit welchen Folgen? Die Angehörigen leisten mittlerweile einen großen Teil der Pflege in den Heimen, weil die Pflegerinnen es allein nicht mehr schaffen. Sie gehen mit ihren Angehörigen zur Toilette, geben ihnen zu essen, ziehen sie um, halten die Hand und reden mit ihnen. Das alles bricht nun weg. Die Menschen werden völlig allein gelassen. Auf den Gängen hört man Schreie der Verzweiflung. Demenzkranke verstehen nicht, warum niemand mehr kommt. Sie sind verzweifelt. Und die Pflegerinnen auch.

Glauben Sie, dass um das Leben von Pflegeheim-BewohnerInnen noch gekämpft wird?
Nein, das glaube ich nicht. Wenn Kliniken entscheiden müssen, wen sie noch aufnehmen können, werden das sicher keine alten Menschen sein. Sie werden geopfert. Corona ist nicht der einzige Grund für die vielen Toten.

Die Menschen sterben nicht nur wegen Corona?
Nein, sie sterben auch aufgrund der Pflegesituation durch chronische Unterversorgung. Die Menschen in Heimen sind in Panik und dazu verdammt, vor sich hin zu vegetieren. Sie starren weiße Decken an, werden nicht mehr ordentlich versorgt. Das Desinfektionsmittel wird knapp, die Handschuhe auch. Weil viele Heime keine Masken und Schutzkleidung haben, dürfen wir nicht einmal mehr die Hand halten, wenn jemand stirbt. Es ist ein würdeloses Warten auf den Tod. Es ist ein einsames Sterben. Und das ist es bereits seit vielen Jahren.

Immerhin schauen die Menschen gerade auf die Pflegeheime…

Ja, hoffentlich genau! Und nicht nur wegen Corona. Ältere Menschen sind schon vor Corona allein gestorben. Es ist Usus, dass eine Pflegerin nachts für 90 oder mehr BewohnerInnen allein zuständig ist. Sie hat oft nicht die Zeit Sterbebegleitung zu machen oder Angehörige anzurufen. Wo bleiben die Gewerkschaften? Wo bleibt Verdi? Diese Missstände sind lange bekannt.

Eva Ohlert: Gewalt bedeutet nicht nur Schläge. Es beginnt ja schon damit, wie jemand angesprochen wird.
Eva Ohlert: Gewalt bedeutet nicht nur Schläge. Es beginnt ja schon damit, wie jemand angesprochen wird.

Warum haben wir so lange weggeschaut?
Weil ältere Menschen all das sind, was wir nicht sein wollen. Alt, krank, wie Kinder auf Hilfe angewiesen. Würde man Kinder in den Kitas so behandeln wie ältere Menschen in Heimen behandelt werden, würden Eltern mit Steinen werfen – und das zurecht. Alte Menschen sind eine willenlose Verfügungsmasse. Ihnen werden Windeln angezogen, obwohl sie sie nicht brauchen, weil es Zeit spart. Einigen werden die Haare abgeschnitten, weil sie dann nicht mehr gekämmt werden müssen und das Zeit spart. Sie müssen manchmal auf einem Toilettenstuhl das Mittagessen einnehmen, weil das Zeit spart. Und sie werden auch geschlagen und angeschrien, wenn sie nicht funktionieren.

Ist Gewalt die Regel oder die Ausnahme?
Ich würde leider sagen, die Regel, da Gewalt viele Facetten hat. Und wie ich von Kolleginnen höre, verschärft Corona auch diese Gewalt noch. Gewalt bedeutet nicht nur Schläge. Es beginnt ja schon damit, wie jemand angesprochen wird. Ich habe erlebt, wie Menschen das Essen in den Mund gerammt wurde, wenn sie nicht schnell genug gegessen haben. Es gibt Pflegekräfte, die sind selbst so am Limit, dass sie einfach ausrasten, wenn sie aufgehalten werden. Und dann gibt es auch Pflegekräfte, die haben eine sadistische Ader, weil sie den Job gar nicht machen wollen. Viele sind ungelernt. In der Pflege wird so händeringend Personal gesucht, dass praktisch jeder genommen wird. Ohne Ausbildung, ohne jegliche Affinität für den Job, ohne deutsche Sprachkenntnisse.

Und es ist ein Frauenjob...
Ja, das ist der Großteil des Problems. Frauen nehmen viel zu viel hin, lassen sich ohne Ende ausnutzen. Viele Pflegerinnen trauen sich nicht einmal zu sagen, was im Heim passiert. Wer den Mund aufmacht, so wie ich, ist oft der Nestbeschmutzer und wird gemobbt. Nach Geld zu fragen, gilt unter Frauen als unmoralisch. Dabei trägt das System die Hauptschuld. Die Träger, die nur wirtschaftlich denken und das auf dem Rücken der Angestellten austragen. Mit all diesen netten Worten rund um Hingabe und Berufung werden wir Frauen manipuliert. Männer würde man damit nicht kleinkriegen. Die Pflege ist ein harter Beruf, körperlich wie geistig. Es braucht eine fundierte, professionelle Ausbildung, ein vernünftiges Gehalt und gesellschaftliche Anerkennung.

Die Mai/Juni-EMMA.
Die Mai/Juni-EMMA.

Was muss passieren?
Politisch muss die Professionalisierung des Berufs verankert werden. Wir müssen dilettantische Führungskräfte entlassen. Wir müssen wieder Teams aufbauen, anstatt gegeneinander zu arbeiten. Wir brauchen Pflegekräfte, die Deutsch können. Ein vernünftiges Gehalt ist ein Einstiegsgehalt von mindestens 4000 Euro brutto für diesen Beruf. Das ist angemessen, und das sage ich ganz offen. Wir brauchen unbedingt menschenwürdige Arbeitsbedingungen.

Weiterlesen
Eva Ohlerth: "Alptraum Pflegeheim: Eine Altenpflegerin gibt Einblick in skandalöse Zustände" (Riva Verlag)

Hier geht es zur Petition: Change.org Corona-Krise Gemeinsamer Aufruf von Pflegekräften

Mehr über die Zukunft der so wichtigen Arbeit mit Menschen in den systemrelevanten Frauenberufen steht in der aktuellen Mai/Juni-EMMA. Am Kiosk und im EMMA-Shop!

Weiterlesen
 
Zur Startseite