Sisters Survivors gegen Larry Nassar

Rachael Denhollander klagt an! Foto: Jeff Kowalsky/AFP/Getty Images
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16 Jahre hat sie gewartet, bis sie der Welt erzählte, was ihr passiert ist. „Denn ich allein gegen ihn im Gerichtssaal hätte doch keine Chance gehabt.“ Schließlich galt Larry Nassar als Koryphäe und Sportarzt Nr. 1 des Verbands USA Gymnastics, der Kaderschmiede für Amerikas Turn-Olympionikinnen. Doch im März 2016 bekam Rachael Denhollander ihre Chance – und ergriff sie. Knapp zwei Jahre später hat sie es geschafft: Am 25. Januar 2018 wurde Dr. Larry Nassar zu 175 Jahren Gefängnis verurteilt, wegen sexuellen Missbrauchs an mindestens 150 Mädchen. Inzwischen haben sich rund 100 weitere Opfer gemeldet.

Es ist der größte Missbrauchs-Skandal in der Geschichte der USA. Und Richterin Rosemarie Aquilina erklärt die Frau, die ihn ins Rollen gebracht hat, zur „mutigsten Person, die ich je in meinem Gerichtssaal hatte.“

Im Frühjahr 2016 hatte die Tageszeitung Indianapolis Star, die für ihre Investigativ-Recherchen mehrfach mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, über einen furchtbaren Verdacht berichtet: USA Gymnastics vertusche systematisch sexuellen Missbrauch an Turnerinnen. Rachael Denhollander las den Artikel und traf eine Entscheidung. Die ehemalige Kunstturnerin würde jetzt endlich sprechen und mit ihrem Gesicht und ihrem vollen Namen für das einstehen, was sie zu sagen hat: Teamarzt Larry Nassar hatte sie im Jahr 2000, als 15-Jährige, während der Untersuchungen mit den Händen „angefasst, begrapscht und penetriert“. Ein Jahr lang verging sich der Arzt an dem Mädchen, das wegen ­Rückenschmerzen zu ihm gekommen war.

Im September 2016 veröffentlichte der Indianapolis Star Rachaels Geschichte. Manche haben sie dafür als „Medienhure“ beschimpft. Aber: „Ich wusste, das ist die einzige Möglichkeit, andere Opfer zu erreichen.“ Gleichzeitig erstattete Denhollander, inzwischen Rechtsanwältin und dreifache Mutter, Anzeige gegen Nassar.

Bald darauf meldete sich ein zweites Mädchen. Und dann kam eine Lawine ins Rollen, die selbst der mächtige Sportverband nicht mehr stoppen konnte. Über 150 Opfer des Teamarztes meldeten sich und erzählten vor Gericht von dem perfiden System, in dem der Missbrauch geschah: Ein total abgeschiedener Trainingsstützpunkt in Texas, der den Mädchen keinen Kontakt zur Außenwelt ermöglichte, begleitet von einem unmenschlichen Drill durch die TrainerInnen. Wenn die Mädchen mit ihren geschundenen Körpern zu Larry Nassar kamen, war der freundliche Arzt ihr Lichtblick. Umso schockierender der Missbrauch. „Ich habe keine Worte dafür, wie sehr ich Sie verdammt nochmal hasse!“ schleuderte Ex-Turnerin Mattie Larson ihrem Peiniger im Gerichtssaal entgegen. Und ihre Kollegin Kyle Stephens drohte Nassar: „Kleine Mädchen bleiben nicht immer klein. Sie werden zu starken Frauen, die Ihre Welt zerstören!“

Die stolzen Auftritte der „Sisters Survivors“, wie sich die „Überlebenden“ von Nassars Attacken nannten, wurden zu einem Fanal gegen sexuellen Missbrauch – und gegen das Schweigekartell, das ihn möglich machte. Denn die Ex-Turnerinnen deckten auf, dass USA Gymnastics schon seit 1998 zahlreiche Hinweise vorlagen, und zwar nicht nur auf Teamarzt Nassar. 54 Akten über übergriffige Trainer hat der Verband in zehn Jahren in den Schubladen verschwinden lassen. Deshalb reisten die „Sisters Survivors“ nach Wa­shington, um für ein Gesetz zu kämpfen, das Sportverbände zwingt, Beschwerden unverzüglich weiterzugeben.

Richterin Aquilina gestattete, dass die Aussagen der Frauen gefilmt und auf YouTube gestellt wurden. Als sie schließlich ihr Urteil vortrug, ging auch ihr furioser Auftritt um die Welt: „Kalkuliert, hinterhältig, verabscheuungswürdig“ seien Nassars sexuelle Übergriffe auf die ihm anvertrauten Mädchen gewesen, schäumte Aquilina. „So wie es mir eine Ehre und ein Privileg war, den Sisters Survivors zuzuhören, so sehr ist es mir eine Ehre und ein Privileg, Sie zu verurteilen.“

„Ihr Urteil wird eine Botschaft in die Welt darüber senden, wie ernst sexueller Missbrauch genommen wird“, hatte Rachael Denhollander am Ende ihrer Aussage an die Richterin plädiert. Die Botschaft ist angekommen. Das Trainingscamp in Texas ist geschlossen. Der Vorstand von USA Gymnastics ist komplett zurückgetreten. Und Larry Nassar wird das Gefängnis nie wieder verlassen.

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