Der Pfarrer & das Großbordell

Pfarrer Mörtter und Pascha-Besitzer Müller. - Foto: Facebook
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Der Pfarrer schien bester Laune, als ihm die Reporterin der WDR-Lokalzeit ihr Mikro vor die Nase hielt und ihn um ein Statement zum Pascha bat. Jenem Kölner Großbordell, das sein 20-jähriges Bestehen mit einem „Charity Tag“ feierte. Offenbar genoss Hans Mörtter den Abend und vielleicht ja auch die dazugehörige Stripshow der Damen aus der Tabledance-Bar des Etablissements.

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Jedenfalls erklärte er der Reporterin: „Ich finde, das Pascha als Ort ist völlig in Ordnung!“ Dann geriet der Pfarrer regelrecht ins Schwärmen: Es sei „so ein Biotop, eine große Familie.“ Die 8.500 Euro-Spende für die Flüchtlingshilfe, die ihm das Bordell – allerdings nur bei persönlichem Erscheinen! - versprochen hatte, nehme er gern an, denn schließlich handle es „sich nicht um schmutziges Geld“. 

Das Pascha als Ort ist völlig in Ordnung!

Vermutlich wäre Pfarrer Mörtter damit sogar durchgekommen, denn das laut Selbstdarstellung „größte Bordell Europas“ ist es gewohnt, sein schmutziges Geschäft via Umarmungsstrategie reinzuwaschen. So musizieren bei der Reihe „Jazz goes Pascha“ Mitglieder der WDR-Bigband; ein Pascha-Wagen rollte auf der CSD-Parade mit; und der Fanclub des 1. FC Köln hatte das Großbordell bereits als Sponsor bejubelt (und machte nur wegen der Proteste einen Rückzieher).

Und auch an jenem „Wohltätigkeitsabend“ am 12. Januar 2016 waren Vereine wie die Arbeitslosenberatung „Kalz“, die Familienhilfe „Sack e.V.“ oder der Karnevalsverein „Kriedlicher“ anwesend, um dankbar eine Spende aus dem Hause Pascha abzugreifen. Dumm nur, dass in dem besagten WDR-Beitrag Pascha-Besitzer Hermann Müller ein allzu offenes Wort sprach: „Eine Frau kommt auf die Welt, um dem Mann zu dienen und zu gehorchen“, erklärte der Puff-Betreiber. Das hätten ihm sein Vater und Großvater erklärt. Seine Frauen hätten das ebenfalls „so empfunden und das klappt hervorragend.“

Die Frau soll dem Mann dienen und gehorchen!

Nun brach ein Sturm der Entrüstung los. Hans Mörtter bekam Protestmails und Joachim Frank vom Kölner Stadtanzeiger fragte nach, was die KirchenvertreterInnen denn von den Lobeshymnen des Pfarrers auf das Großbordell hielten. Die Antwort war eindeutig. „Es wird einem schlecht“, erklärte Iris Pupak von der „Evangelischen Frauenarbeit im Rheinland“. „Es ist nicht in Ordnung, Geld von jemandem anzunehmen, in dessen Geschäft sexuelle Ausbeutung von Frauen und Gewalt eine Rolle spielen.“ Angesichts der „knallharten Machtverhältnisse von einer ‚Familie‘ zu reden“, sei „lachhaft, wenn es nicht so unwürdig wäre“, fand Bernadette Rüggeberg vom katholischen Frauenhilfeverein Donum Vitae. Klare Worte fand auch Mörtters Dienstherr, Stadtsuperintendent Rolf Domning: Das Frauenbild des Bordellchefs sei „unsäglich“ und dass Mörrter eine Spende von ihm annehme, das „Allerletzte“.

Und die ebenfalls angefragte Alice Schwarzer fragte, wie das ausbeuterische Gebaren des Großbordells denn eigentlich mit dem christlichen Selbstverständnis des Pfarrers zusammenpassten: „Frauen, die mindestens fünfmal am Tag ran müssen, allein um die Wuchermiete zu zahlen – solche Verhältnisse sind für Pfarrer Mörtter ‚völlig in Ordnung‘?“ Mörtter sei nun Teil der „Selbstverharmlosungsstrategie“ des Großbordells geworden, das seit Jahren an seiner Salonfähigkeit arbeite. 

Das fand auch Sarah Brasack, die den Skandal im Kölner Stadtanzeiger kommentierte: „Das Pascha versucht seit geraumer Zeit, sich einen gutbürgerlichen Anstrich zu geben und Hemmschwellen zu senken“, erklärte die Redakteurin. „Jeder Künstler, der sich vom Pascha engagieren lässt, sollte sich vorher fragen, ob er dessen Chef mit seinem widerlichen Frauenbild helfen möchte, noch reicher zu werden.“ Und gerade nach der neu aufgeflammten Sexismus-Debatte nach Silvester sei es unmöglich, dass sich „Vertreter der Kirche auf die Seite der Verharmloser stellen“.

"Ich habe einen großen Fehler gemacht!"

Den Pfarrer, der sich in seiner Gemeinde in der arrivierten Kölner Südstadt gern als „soziales Gewissen“ und moderner Frauenversteher geriert, zeigte sich von der Empörung zunächst nicht wirklich beeindruckt. Er sei halt „begegnungsoffen“ und die Wirklichkeit „komplex“, schwadronierte er. „Aber vielleicht müsste ich einfach noch mehr wissen.“ (Unser Tipp: Einfach mal bei Organisationen wie Solwodi oder KARO nachfragen, die alle schon Frauenhandelsopfer aus dem Pascha betreut haben. Und zum Beispiel die Reportage von EMMA-Kollegin Alexandra Eul lesen, die sich undercover als Prostituierte im Pascha beworben hat.)

Doch vier Wochen nach dem Pascha-Geburtstag wurde der öffentliche Druck offenbar doch zu groß. Einen Tag nach einem Gespräch zwischen Pfarrer Mörtter und dem Personaldezernenten der rheinischen Kirche entschuldigte sich Mörtter und erklärte, er habe einen „großen Fehler“ gemacht. Auch der „Sack e.V.“ und die Arbeitsloseninitiative „Kalz“ erklärten nun, man habe das Pascha-Geld zurücküberwiesen und entschuldigten sich bei „denen, die wir verletzt und irritiert haben“. Geht doch. 

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EMMA-Reporterin im Pascha-Bordell

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Nur fünf, sechs Kilometer von der EMMA-Redaktion entfernt steht das nach eigenen Angaben „größte Bordell Europas“, das Pascha. Frauen haben keinen Zutritt. Es sei denn, sie mieten ein Zimmer und schaffen an. Als Jüngste (und Blondeste) in der Redaktion werde eines Nachmittags ausgerechnet ich genau dazu auserkoren: „Du bewirbst dich da einfach mal als Mieterin!“ In Deutschland, wo selbst

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Frauenzeitschriften wie Brigitte die Prostitution zum Trendberuf erklären, zum „Reservat, in dem Sex mit Neugierde und Leichtigkeit erlebt werden kann wie kaum irgendwo sonst“, dürfte das doch eigentlich gar kein Problem sein, oder? Und Prostitution ist ja auch kein „Ausbildungsberuf“, wie das die Grünen tatsächlich mal gefordert haben. Ich könnte also durchaus … Und es hilft in der Tat auch kein Sträuben: Ich werde von den Kolleginnen schlicht dazu verdonnert.

Es kostet mich in den Tagen darauf eine gewisse Überwindung, bis ich an einem stillen Wochenende zuhause beherzt die Internetseite des Pascha anklicke: „Wir senken die Preise, nicht die Qualität!“, steht da. Für 30 Euro gibt es 15 Minuten Geschlechts- oder Oralverkehr im Express-Gang auf der ersten Etage. Von 9 bis 15 Uhr im Angebot: „Gratisnummern“. Außerdem: Gratiszugang für „Senioren“ ab 66, für Geburtstagskinder und Bräutigame auf Junggesellenabschied (für die aber nur freitags). Alle anderen müssen unter der Woche 30, am Wochenende 35 Euro Eintritt für den ­Pascha Nightclub zahlen. Inklusive Alkohol, Stripshow und allem Pipapo. Vom Nachtclub ist es nicht weit ins Laufhaus nebenan. Das kostet fünf Euro Eintritt. Oder bis zum „Club 11. Etage“, dem „Gentleman-Club“ im Pascha, der „FKK“-Etage. Die kostet 60 Euro Eintritt. 800 Freier kommen im Schnitt täglich ins Pascha, am Wochenende sind es oft über 1000 pro Tag.

Ich klicke weiter und sehe das Foto einer Frau im Handstand. Die Beine spreizt sie breit auseinander. Eine andere hockt dahinter und leckt ihr die Klitoris. Ich klicke auf Pascha Livecam und sehe sehr viele Frauen, die ihre Brüste in die Kamera halten. Titel: „Amateure live vor der Webcam“. Eigentlich sind es ausschließlich Amateurinnen, die hier dazu auffordern, im Chat die „versautesten Phantasien“ auszuleben. Ein Klick weiter, auf das Foto einer halb-nackten Frau mit Krankenschwester-Haube, die auf einem Gynäkologenstuhl kniet, ihr ragt ein Schlauch aus dem Hintern. Jetzt bloß nicht nervös werden. Ich klicke weiter auf die Seite „Für ­Mieterinnen“. Sieh an!

Das Pascha sichert mir „gut verdientes Geld“ im „sichersten Bordell Europas“ zu und umwirbt mich: „Du bist mindestens 18 Jahre alt. Du bist aufgeschlossen und hast keine Berührungsängste mit dem Rotlichtgewerbe. Deine Leidenschaft ist es, Männern zu Inspiration und Freude zu verhelfen. Bewirb dich bei uns über das Kontaktformular oder rufe uns gleich an und komm bald vorbei, um dich vorzustellen.“ Europas „erfolgreichstes Bordell“ mit mir per du.

Eine Woche später nimmt mein Alter Ego „Nicole“ Kontakt mit dem Pascha auf. Nicole ist 28 Jahre alt, also vier Jahre jünger als ich. Sie hat Germanistik studiert und Schwierigkeiten, einen Job zu finden. Das Arbeitslosengeld reicht nicht aus, um Wohnung, Versicherungen, Essen und ein bisschen mehr zu finanzieren. Neuerdings bieten ihr auf Partys Typen schon mal Geld für Sex an. So kommt sie auf den Gedanken, es mal als Prostituierte zu probieren.

Doch Nicole hat auch durchaus Tabus, wie die meisten Frauen. Sie will auf keinen Fall Analsex und auch keinen Sex ohne Gummi. Was sie will ist: Die Sache jetzt durchziehen. Für maximal ein Jahr. Bis sie einen Job hat. Mein Handy mit der Prepaidkarte liegt seit einer Stunde unangerührt auf dem Küchentisch, daneben der Zettel mit der Pascha-Nummer: 0221/17906100. Okay, ich tu’s! Ich ruf an …

Es meldet sich ein Mann. „Ich habe gehört, dass ihr Mieterinnen sucht“, sage ich. „Club oder Laufhaus?“ Auf diese Frage bin ich nicht vorbereitet. „Club“, antworte ich verunsichert. Klingt irgendwie besser. Ich werde durchgestellt, diesmal meldet sich eine Frau, die so aufgeräumt plappert wie Heidi Klum bei Germany’s next Top Model. „Oh, wenn du ein Zimmer willst, bist du hier falsch, da musst du ins Laufhaus!“

Was denn Club überhaupt bedeute, will ich wissen. „Also, im Club in der elften Etage stehen die Mädchen an der Bar und werden von den Männern angesprochen. Und wenn es dann zum … nun ja … kommt, gehen sie mit den Männern auf ein Zimmer, das frei ist. Im Laufhaus mieten sie ihr eigenes Zimmer und arbeiten selbstständig.“ – „Klingt irgendwie besser“, sage ich, diesmal entschlossen. Die Frau stellt mich auf Warteschleife.

Es meldet sich wieder der Mann, offenbar in Eile. „Hast du schon mal als Prostituierte gearbeitet?“ – „Ich hatte Angebote.“ – „Bist du über 18.“ – „Ja.“ – „Wo kommst du her?“ – „Aus dem Umland.“ – „Also pass auf, es läuft so: 150 Euro Kaution, 160 Euro Miete pro Tag. Die Miete muss täglich bis morgens um vier Uhr gezahlt sein. Bei Auszug stehen 40 Euro Reinigungskosten an.“

Einen Vertrag gebe es nicht, aber ich müsse meinen Ausweis vorzeigen. Der Auszug sei jederzeit möglich. Die Arbeit ginge auf eigene Verantwortung und auf eigene Rechnung. „Preisgestaltung ist deine Angelegenheit. In der Regel nehmen Frauen 50 Euro für eine normale Nummer“, sagt der Mann. „Kann ich mir das Haus mal anschauen?“ – „Klar, wir haben 24 Stunden geöffnet!“

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