In der aktuellen EMMA

Die Frauen von „Rettet das Huhn!“

Foto: Rettet das Huhn e.V.
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Sonne. Sie ist das erste, was ein Huhn spürt, wenn es aus der Legebatterie ins Freie kommt. Noch in der Transportbox versucht das Tier, sein Gefieder auszubreiten und Sonne an die Haut zu lassen. Instinktiv beginnt es, sich an der Hanfmatte, mit der die Box ausgelegt ist, zu reiben und ein Sandbad zu nehmen, weil es so sehnsüchtig nach etwas sucht, womit es sein Gefieder reinigen kann. Das konnte es nie zuvor.

Die Bilder aus den industriellen Legehennenfarmen sind bekannt. Meist sind um die 100.000 bis 200.000 Hennen auf engstem Raum in einem Etagen-Gittersystem zusammengepfercht, ohne Tageslicht und auf kahlen Stangen und verdreckten Böden hockend. Werden verletzte oder kranke Hühner in der Masse entdeckt, kommen sie in die Kadavertonne und die anderen bekommen Antibiotika ins Futter.

Legehennen sind auf Hochleistung gezüchtet. Jeden Tag ein Ei. Egal ob in Boden-, Freiland- oder Biohaltung. 18 Monate lang. Dann lässt die Legeleistung um 20 Prozent nach und die Hennen werden „entsorgt“. Die meisten von ihnen haben zu dem Zeitpunkt kaum noch Federn, dafür aber entzündete Legedärme, zerrissene Kloaken, Kannibalismuswunden, Ballenabszesse und gebrochene Brustbeine oder Oberschenkel. Sie sind Abfall der Legeindustrie, der zum Schlachten nach Polen abgeholt wird und im Tierfutter oder in Fertigprodukten endet. 50 Millionen Hennen Jahr für Jahr.

Eine, die diese Bilder nicht wegschieben kann, ist Stefanie Laab, Vorsitzende des Vereins „Rettet das Huhn“. Seit 2007 holt der Verein ausgediente Legehennen aus verschiedenen Farmen, wenn sie „entsorgt“ werden und vermittelt sie an tierliebe Privatleute. So viele, wie es eben geht. Mal sind es 500, mal 3.000, die während einer Rettungsaktion aus den Stallungen geholt werden. Pro Jahr sind es 20.000 Hennen.

Es gibt in jedem Bundesland „HühnervermittlerInnen“. Inzwischen 45 an der Zahl, 40 von ihnen sind Frauen, quer durch die Gesellschaft und die Generationen. Auch in Österreich und der Schweiz haben Frauen Schwestern-Vereine von „Rettet das Huhn“ gegründet. „Ich glaube, Frauen können den Anblick einer so erbärmlichen Kreatur nicht so leicht verdrängen wie Männer“, sagt Stefanie Laab. Die Wolfsburgerin wollte eigentlich nur Hühner halten und sich welche vom Tierschutz holen. Da hatte sich „Rettet das Huhn“ gerade als Initiative in Siegen gegründet. Als sie die ersten geretteten Hühner sah, war ihr sofort klar, dass sie helfen muss: „Dieses Verbrechen an der Kreatur, das konnte ich einfach nicht hinnehmen.“

Heute koordiniert Stefanie die Rettungsaktionen, sucht „AdoptantInnen“, vermittelt Hühner und bringt das Thema in die Öffentlichkeit. Dass „Rettet das Huhn“ die deutsche Hühner-Massentierhaltung nicht umkrempeln wird, ist Laab und den anderen klar. „Aber wir bringen wenigstens diese Tiere ans Licht und ins Bewusstsein der VerbraucherInnen“, sagen sie. „Und vielleicht tragen wir so dazu bei, dass die Menschen weniger Eier essen. Und wenn, dann möglichst von wirklich freilaufenden und gut versorgten Hühnern.“ Die Grundschullehrerin selbst lebt seit vielen Jahren vegan.

Wenn eine Rettung geplant ist, kommen die HühnervermittlerInnen mit ihren jeweiligen HelferInnen-Teams aus ganz Deutschland zusammen, Laabs zwei Töchter sind auch mit dabei. Sie treffen sich vor dem Legebetrieb, der die Aktion genehmigt hat. „Ohne die Kooperation geht es nicht“, sagt Laab, „diese Betriebe verstoßen auch nicht gegen Richtlinien. So sieht Hühnerhaltung in Deutschland aus. Das ist Bodenhaltung. Und Freiland-, selbst Bio-Haltung ist nur wenig besser.“

Und das belegt der Verein auch, lädt auf seiner Homepage immer wieder Fotos aus Stallungen und von halb verendeten Hennen hoch. Laab: „Der Großteil der Bevölkerung denkt, dass seit dem Verbot der klassischen Käfighaltung von 2010 für Hühner alles besser geworden ist. Wir müssen den VerbraucherInnen vor Augen halten, was in solchen Betrieben mit den Tieren passiert, außerdem haben wir immense Tierarztkosten. Die SpenderInnen müssen auch sehen, wofür wir ihr Geld benötigen.“

Wie schrecklich die Realität in den Ställen noch ist, können selbst die Huhn-Retterinnen, die zum ersten Mal bei einer Aktion mitmachen, oft nicht glauben. Flügel, Knochen, die in Gittern hängen, tote zerpickte Tiere; Hühner, die erbärmlich aussehen und sich vor Schmerzen und Schwäche kaum bewegen können. Erst im März brachte die Uni Bern eine Studie heraus, die belegt, dass 97 Prozent aller Legehennen gebrochene Brustbeine haben – in allen drei Haltungsformen. Den Knochen fehlt das Kalzium, das bei Hochleistungshennen in die Eierschale geht und das eigene Skelett porös macht. Auch wird ein Großteil der Hennen viel zu früh zum Eierlegen gebracht, wenn die Knochen noch gar nicht richtig entwickelt sind.

Wenn es in die Ställe geht, tragen die Hühner-Retterinnen weiße oder blaue Overalls, Gummihandschuhe und Rotlicht-Stirnlampen. Alle sind konzentriert, wissen genau, was sie tun müssen. Vorsichtig und ganz ruhig holen sie die Hennen aus dem Stall, immer zwei, in jedem Arm eine. Die weitgehend Unversehrten kommen in Transportboxen, die schwer Verletzten werden zu einer improvisierten Ambulanz hinter dem Hof getragen und von TierärztInnen versorgt. Einige müssen direkt eingeschläfert werden – die Retterinnen stellen sich nach der Spritze mit ihnen in die Sonne und lassen sie auf ihrem Arm einschlafen. Sie sollen wenigstens einmal die Sonne gespürt haben.

Die, die es geschafft haben, werden noch am gleichen Tag den „AdoptantInnen“ übergeben – auch in großer Mehrheit Frauen. Die haben zuvor einen Schutzvertrag unterschrieben, sichern einen Stall mit Auslauf und das Aufpäppeln der Hennen zu. Und letzteres ist dann die wahre Freude. Stefanie Laab: „Wenn Hühner zum ersten Mal in ihrem Leben im Stroh sitzen, bauen sie sich sofort ein Nest, das erste Nest ihres Lebens. Die Knochen heilen, das Gefieder wächst wieder nach, der rote Kamm richtet sich auf. Nach und nach erkunden die Hennen die Umgebung, sie scharren, sie baden im Sand, sie freuen sich des Lebens und lassen sich streicheln.“ Und sie legen noch Eier, alle paar Tage eins, wie es für ein Huhn normal ist. Laab: „Und man kann ihnen dabei zusehen, wie sie die Sonne genießen.“

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