Die perfekte Vulva

Sexualtherapeutin Bettina Kirchmann.
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In ihre Praxis kommen immer mehr Frauen, die ihre Schamlippen beschneiden lassen möchten. Warum?
Bisher habe ich sie glücklicherweise immer davon abbringen können (lacht). Ich mache mit jeder Klientin vor Beginn der eigentlichen Therapie eine Anamnese. Da geht es immer auch um die Frage: Wie geht es Ihnen mit Ihrem Körper? Fast alle Frauen erzählen dann natürlich erstmal, dass sie sich zu dick finden. Egal, wie sie aussehen. Die können auch eine Figur wie eine Barbiepuppe haben, sie finden sich trotzdem zu dick, nicht schön und irgendwie optimierbar. Das ist ja das große Thema in dieser Zeit. Dann komme ich ganz forsch auch zum Genitalbereich und bitte die Frau: „Erzählen Sie doch mal von Ihrer Vagina und Ihrer Vulva!“ Dann gucken sie mich mit großen Augen an, nach dem Motto: „Oh Gott, muss ich darauf antworten?“ Ja. Denn dann sagen viele, dass sie gar nicht genau wissen, wie ihre Vulva aussieht. Die bitte ich dann, sich einen kleinen Spiegel zu besorgen und sich dort mal anzuschauen. Das Resultat ist meist, dass sie sich dort nicht schön finden. Außerdem gibt es noch diejenigen, die schon von vornherein sagen: „Ich finde meine Vulva furchtbar! Bäh!“ Und wenn ich dann genauer nachfrage, kommt meist: „Ich finde meine Schamlippen zu lang!“ Einige haben sich auch schon erkundigt, wo man sie verkleinern lassen kann. Auf der Kö gibt es zum Beispiel zwei Kliniken, die das anbieten.

Reden wir zunächst über Begriffe.
Die Vulva ist das äußere Genital der Frau, zu dem eben auch die Schamlippen gehören. Die Vagina oder Scheide ist das innere Genital, also der Kanal zur Gebärmutter. In der Alltagssprache hat sich „Vagina“ oder „Scheide“ durchgesetzt. Aber wenn ich in der Therapie mit den Frauen spreche, dann achte ich immer sehr darauf, die einzelnen Teile genau zu benennen. Ich rate meinen Klientinnen immer, sich ein gutes und für sie passendes Wort zu überlegen. Für viele ist dieser Bereich nämlich immer noch „da unten“.

Eine Studie hat ergeben: Eltern, die ihren Kindern die Namen ihrer Körperteile erklären, erklären Jungen schon im Babyalter, dass sie einen „Pipimann“ haben. Die Geschlechtsteile eines Mädchens benennen sie hingegen nicht, schon gar nicht das erotische Zentrum, die Klitoris.
Unter anderem deshalb fremdeln Frauen auch so mit ihrem Geschlecht. Männer haben ein ganz anderes Verhältnis zu ihrem Penis. Die packen sich schon morgens da an und spielen damit rum. Auch Frauen müssten sich dort mehr anfassen. Ich rate meinen Klientinnen auch, öfter mal untenrum nackt zu schlafen, um sich dort mehr zu spüren.

Warum sind die Frauen eigentlich so unzufrieden mit ihren Genitalien?
Das spielt vor allem die Pornografie eine Rolle. Die zeigt ein falsches Bild der Vagina, beziehungsweise korrekt: der Vulva. In den USA gibt es keine Pornodarstellerin mehr ohne beschnittene Schamlippen. Es sei denn, sie hat sowieso sehr kleine innere Schamlippen. Ansonsten müssen die Darstellerinnen sie sich beschneiden lassen, sie werden sonst gar nicht mehr genommen. Hinzu kommt, dass die heute ja alle rasiert sind. Die Vagina im Porno muss also einer Klein-Mädchen-Vagina entsprechen. In den Fällen, wo sie das nicht tut, läuft das unter Fetisch.

Und was sagen Sie als Therapeutin der Frau?
Ich frage die Frauen, ob sie wüssten, dass die Schamlippen bei jeder Frau unterschiedlich aussehen und dass es kleine und große gibt. Dann sagen sie, das hätten sie zwar schon mal gehört, aber sie seien sicher, dass ihre Schamlippen wirklich nicht normal seien. Ich habe ein Buch „The Big Book of Pussys“. Darin sind Frauen mit ganz unterschiedlichen Vulven abgebildet. Es ist leider fast ein bisschen pornografisch, die Frauen liegen dort mit gespreizten Beinen, aber man sieht so eben den Intimbereich der Frauen sehr genau. Und die Frauen sehen, wie verschieden Vulven aussehen. Das erleichtert sie ungemein. Ich habe hier intelligente, gebildete Frauen sitzen, die sagen: „Sie sind die Erste, mit der ich über dieses Thema rede! Ich habe immer geglaubt, dass ich da unten nicht normal bin. Ich habe mich immer geschämt, bei der Frauenärztin und vor den Männern.“

Was sagen denn die Männer?
Immer mehr Männer sagen mir, dass sie diese Art von Einheits-Vulva langweilt. Und sie merken ja auch, dass die Frauen in der Realität überhaupt nicht so aussehen. Kürzlich erklärte mir ein junger Mann: „Komisch, ich hatte ja schon mit vielen Frauen Sex. Aber so eine Vagina wie die in den Pornos habe ich noch nie gesehen!“ Allerdings berichtete kürzlich auf einem Kongress eine Frauenärztin, dass immer mehr ihrer Patientinnen von den ganz jungen Männern zu hören kriegen: „Du siehst da nicht normal aus, lass dich mal operieren!“

Aber auch die Frauen müssten doch einen Realitäts-Check vornehmen. Zum Beispiel in der Umkleide vom Fitnessstudio oder in der Sauna.
Na ja, so genau guckt man da unter der Dusche bei einer anderen Frau ja nun doch nicht hin. Außerdem beschäftigen sich Frauen nicht so sehr mit realistischen Bildern von ihren Körpern, sondern eher mit den Idealbildern. Übrigens sind ja auch die Bikini-Werbungen per Photo­shop bearbeitet. Ein Bikini-Höschen hat ja eigentlich so eine Wölbung, denn da sind Venushügel und Schamlippen. Aber die werden wegretuschiert, diese Stelle wird am Computer komplett glattgemacht.

Was hat das alles für Konsequenzen für die Sexualität der Frauen?
Tja, das ist das große Thema. Die Frauen werden permanent mit Bildern davon konfrontiert, wie frau sein soll. Die laufen rum mit dem Gefühl, sie müssten sich immer weiter optimieren. Selbst die Frauen, die sowieso schon aussehen wie ein Model, sagen mir dann: „Aber letztes Jahr hatte ich ein Sixpack! Deshalb muss ich jetzt noch öfter ins Fitness-Studio und abends noch weniger essen!“ Das heißt, die Frauen gehen in dem Gefühl mit einem Mann ins Bett, nicht richtig zu sein. Und das vorherrschende Gefühl ist dann Scham.

Die Scham darüber, „falsch“ zu sein?
Ja, das ist bei den Frauen ein ganz großes Thema. Diese Scham ist in den letzten Jahren immer größer geworden, weil die Diskrepanz zwischen dem eigenen Körper und den optimierten Bildern, die ja immer bekloppter werden, permanent wächst. Und wenn ich mich schäme, kann ich mich in der Sexualität natürlich überhaupt nicht wirklich fallenlassen. Ich bin dann permanent mit der Frage beschäftigt: Wie sehe ich gerade aus? Wie wirke ich? Und es ist völlig egal, wie die Frauen aussehen, die zu mir kommen – sie haben alle dieses Thema. Es ist so selten, dass hier mal eine Frau sitzt, die sagt: „Ich finde mich toll, ich finde mich lecker!“ Das macht mich richtig traurig. Ich gehe manchmal abends nach Hause und denke: Was ist das eigentlich für eine Scheißwelt, in der ich den ganzen Tag mit Frauen darüber sprechen muss, dass sie sich nicht lecker finden?

Ihre Aufgabe besteht also hauptsächlich darin, den Frauen zu vermitteln, dass ihr Körper und insbesondere ihre Genitalien normal sind?
Ja. Die Arbeit von Sexualtherapeuten besteht zum größten Teil darin, Sachen geradezurücken, die in der Werbung und in der Gesellschaft falsch dargestellt werden. Vulva und Vagina zum Beispiel gelten als unhygienisch. Dabei sind die Frauen da oft viel sauberer als zum Beispiel in ihrem Mund. Ich sage immer: „Ein Kuss ist das Unhygienischste, was Sie machen können. Die Vagina hingegen wird permanent gesäubert. Wenn Sie ganz normal gewaschen sind, ist das kein Ding!“ Aber die Vagina gilt eben als „da unten“. Wie viele Männer waschen sich viel seltener und ziehen ihre Vorhaut dabei nicht zurück. Aber bei Frauen gilt dieses Versteckte, Faltige als „Bah“. Auch der Geruch der Vagina ist für die Frauen ein Problem. Ich sage ihnen dann: „Das sind doch Sie! Das ist ein organischer Geruch, der nichts mit Pipi oder Dreck zu tun hat. Der kommt aus Ihren Drüsen, von denen haben Sie da nämlich ganz viele.“ Und wenn es gut läuft, sagen sie dann irgendwann: „Ich nehme mich jetzt anders wahr, ich mag mich viel lieber und schäme mich viel weniger.“ Und ich denke: Gott sei Dank!

Haben Frauen, die Frauen lieben, eigentlich die gleichen Probleme?
Ich hatte in den zwölf Jahren, in denen ich als Sexualtherapeutin arbeite, erst zwei Frauenpaare in meiner Praxis. Bei dem einen Paar waren beide Frauen vorher in hetero­sexuellen Beziehungen. Deren Verhältnis zu ihrem Körper und ihrer Vagina war auch nicht so der Kracher, das war ganz ähnlich wie bei heterosexuellen Frauen. Das andere Paar war in dieser Hinsicht viel lockerer und hatte weniger Hemmungen, sich anzuschauen. In beiden Fällen ging es um die Lustlosigkeit jeweils einer der beiden Frauen.

Was sagen denn die Männer der heterosexuellen Frauen dazu?
Die bestätigen in der Paarsitzung ganz oft, dass sie ihre Frau schön finden, wie sie ist. Darüber sind die Frauen dann ganz erstaunt. Aber es gibt natürlich auch Männer, die fordern, dass eine Frau tiptop aussehen muss. Die wollen sich aber meist nicht richtig einlassen und bauen dann Hürden auf, über die die Frau gar nicht drüber kann. Ich habe gerade noch einem Klienten erklärt: „Sie haben dieses Barbiepuppen-­Schema, weil Sie sich vor wirklicher Bindung schützen wollen!“ Das fand er hart, aber er meinte, da wäre wohl was dran.

Hadern Männer denn auch damit, wie ihr Penis aussieht?
Ja. Früher war es ja sogar so, dass nur die Männer dieses Thema hatten. Allerdings geht es bei denen nur um Groß oder Klein. Sie können einen Mann da sitzen haben, der sieht scheiße aus und benimmt sich wie der letzte Depp. Und man fragt sich: Warum ist der trotzdem so selbstbewusst? Und wenn man dann auf das Thema „Penis“ kommt, stellt sich raus: Der hat einen Riesenpenis. Und dann haben Sie da einen, da denkt man: Was für ein netter Kerl, den möchte ich vom Fleck weg einer Freundin empfehlen! Und der ist ganz verschüchtert. Und man fragt sich: Was hat der bloß? Und dann stellt sich raus, dass er einen sehr kleinen Penis hat. Ich habe aber noch nie von einem Mann gehört, dass er seinen Penis zu schrumpelig oder faltig findet. Schön oder hässlich ist bei Männern nicht die Kategorie, es geht um die Größe. Wenn der Penis groß ist, ist alles super. Wenn er klein ist, sind manche der Ansicht, dass ihr Leben quasi keinen Sinn hat. Manchmal komme ich dann abends nach Hause und sage zu meinem Mann: „Ihr Männer habt echt nen Sockenschuss!“

Diese Vorstellungen saugen sie ja mit der Muttermilch ein.  
Mein Bild ist folgendes: Männer und Frauen kriegen bei der Geburt ein Haus geschenkt. Das steht symbolisch für Sexua­lität und Sinnlichkeit. Und Männer bekommen es in dieser Gesellschaft viel leichter gemacht, ihr Haus einzurichten. Die bekommen von vornherein die Legitimation dazu, also die Botschaft: Richtet euch das Haus mal richtig schön ein! Deshalb wissen sie ziemlich schnell, was sie wollen. Die fahren also quasi mit dem LKW zu Ikea und kaufen sich da ganz schnell und praktisch, was sie brauchen. Die Frauen kriegen ihr Haus und denken: „Hm, ich weiß gar nicht so richtig, was ich damit machen soll ...“ Und dann kommen irgendwann die Männer und sagen: „Pass mal auf, ich zeig dir mal, wie du das einrichtest!“ Und dann stellen sie ihnen einen Tisch da rein und eine Küche und sonstwas. Und die Frau sagt: „Tja, jetzt hab ich hier diesen Tisch. Den finde ich zwar eigentlich nicht so schön, aber die Männer sagen, der wäre schön, also muss ich den wohl hier in meinem Haus haben.“ Und dann kommen die Frauen zu mir und ich sage denen: „Wissen Sie was, das schmeißen wir jetzt erst mal alles raus! Das mögen Sie doch gar nicht, das sind doch gar nicht Ihre Sachen! Was wollen Sie denn eigentlich in Ihrem Haus haben? Wie sollen die Wände aussehen und wie die Fußleisten?“ Wir gucken da also nochmal von Grund auf hin.

Aber wenn man die Pornografie betrachtet, muss man ja sagen: Die Bauanleitungen für die Männer sind nicht die komplexesten. „Schöner wohnen“ geht anders.
Das stimmt, die Einrichtung des Hauses verläuft bei Männern eher schnell und pragmatisch. Frauen gehen eher auf drei Trödelmärkte, bevor sie die passenden ­Möbel gefunden haben. Es gibt allerdings auch Männer, die sehr sinnlich sind, und Frauen, die es gern praktisch und schnell haben. Ich habe immer mal wieder ein Paar hier sitzen, wo sie sagt: „Nie hat der Lust und alles Versaute will der nicht!“ Und er sagt: „Wenn du mit mir keine Gespräche führst und mich zu wenig streichelst, dann kann ich auch nicht in meine Lust kommen!“ Dann sagt sie: „Weißt du, wie viele Männer sich freuen würden, dass ich so bin?“ Dann sagt er: „Und weißt du, wie viele Frauen sich freuen würden, dass ich so bin?“ (lacht)

Stichwort Klitoris. Man sollte ja meinen, dass inzwischen alle Frauen wissen, dass sie eine haben und wie entscheidend sie für die weibliche Lust ist.
Das sollte man meinen, es ist aber leider nicht so. Zu mir kommen immer noch Frauen, die darüber klagen, dass sie keinen vaginalen Orgasmus haben. Da denke ich manchmal, wir leben noch im 19. Jahrhundert. Ich erkläre dann, dass nur 15 bis 20 Prozent der Frauen beim reinen Geschlechtsverkehr einen Orgasmus haben. Und das auch nur deshalb, weil der ­Abstand zwischen Klitoris und Vagina bei ihnen sehr klein ist und die Klitoris dabei stimuliert wird. Es gibt auch viele Männer, die das nicht wissen. Ich habe hier immer wieder Paare, denen ich das erkläre und die anschließend sagen: „Das wussten wir nicht.“ Es wäre im übrigen auch gut, wenn Frauen wüssten, dass die Klitoris auch große Schwellkörper im Körperinnern hat. Aber davon hat vielleicht eine von hundert Frauen schon mal gehört.

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