Drei Lehrerinnen berichten

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Ich habe in meinen sechs Jahren Schuldienst ziemlich viele Schulen kennengelernt. Ich bin studierte Sozialpädagogin, habe dazu eine Ausbildung als Fachlehrerin gemacht und dann noch das „richtige“ Lehramtsstudium draufgesetzt. Jetzt bin ich an einer kombinierten Realschule und Grundschule in einem Dorf in Baden-Württemberg und unterrichte Deutsch, Informatik und evangelische Religion.

Viele Jungs fallen schon ab der vierten, fünften Klasse auf durch Unkonzentriertheit, Impulsivität und sehr grenzwertige Äußerungen. Häufig sind das diejenigen, die sehr viel an der Playstation oder am Computer spielen; Spiele, die für ihr Alter überhaupt nicht geeignet und freigegeben sind. Diese Jungen sind in der Schule oft ziemlich schlecht, gleichzeitig haben sie aber ein total aufgeblähtes Selbstbewusstsein und fühlen sich als was ganz Besonderes, als die Coolen und die Checker.

Die Mädchen können in Informatik teilweise mehr und lernen auch schneller, trotzdem bewerten sie ihre Leistung geringer. In diesen Spielen wird ja ganz häufig das Klischee vom starken, coolen Mann transportiert. Die Frauenrollen sind sehr passiv und sexualisiert, wenn überhaupt vorhanden.
Wir versuchen schon, die Mädchen zu fördern, aber letztendlich ziehen die Jungen einfach wahnsinnig viel Energie ab und die Mädchen fallen unter den Tisch. Ich arbeite mit Ignorieren, mit Strafen, mit Elterngesprächen – aber ich habe nicht den Eindruck, dass ich damit viel erreiche.

Wenn ich in den Medien diese Geschichten über die „Armen Jungs“ lese, die in der Schule angeblich so vernachlässigt sind, werde ich total aggressiv. Wir hatten auch mal eine Veranstaltung während der Ausbildung zu diesem Thema: die Jungs als Bildungsverlierer. Da habe ich in einem Vortrag versucht darzulegen, dass das nicht stimmt und die Männer immer noch die Bildungsgewinner sind. Vor allem, wenn man mal schaut, wo sie dann mit 40 auf der Karriereleiter stehen. Da bin ich teilweise belächelt worden, selbst vom leitenden Pädagogen.

Ich finde, es läuft in der Sozialisation der Jungs was falsch. Die Familien und die Schulen sollten darauf hinarbeiten, dass sie einfach lernen, sich an Regeln zu halten. Und da geht es eben ganz stark um das Frauen- und Männerbild, das sie von Anfang an vermittelt bekommen. Im Elterngespräch bekomme ich oft zu hören: „Jungs sind halt so!“ Dass Jungs „so“ sind und auch sein müssen und Mädchen halt anders sind – das wird überhaupt nicht mehr in Frage gestellt. Diese Klischees und Rollenbilder werden wieder rückwärtsgewandter und verfestigen sich gerade auf ganz unangenehme Weise.

Das macht sich auch an der Sprache bemerkbar. Ich bin ja ein Kind der 80er Jahre und bemühe mich sehr um geschlechtergerechte Sprache. Aber wenn ich zum Beispiel die weibliche Form benutze, machen sich alle drüber lustig, auch die Mädchen. Die stellen nicht in Frage, dass man sie als „Schüler“ bezeichnet und uns Lehrerinnen als „Lehrer“. Die bewerben sich auch als „Bürokaufmann“ und finden das gar kein Problem. Sie halten sich für emanzipiert und gleichberechtigt. Ich stoße auf großes Unverständnis, wenn ich ihnen erkläre, dass das in vielen Bereichen eben doch noch gar nicht so ist. Und dass wir mit unserer Sprache eben unsere Wirklichkeit beeinflussen, verstehen die wenigsten.

Dass die Rollenbilder wieder so klischeemäßig sind, hängt auch damit zusammen, was die Mädchen in den Medien so zu sehen kriegen. „Germany’s Next Topmodel“ und diese Real-Life-Serien, die sie gucken. Ich bin kürzlich mit Viertklässlern ins Schullandheim gefahren und habe im Zug ein Gespräch zwischen drei Mädchen mitbekommen. Die eine sagte, sie sei viel zu dick und hätte so fette Schenkel. Und dann ging es die ganze Zeit darum, dass sie nicht schön genug sind. Es war haarsträubend.

Und das alles wirkt sich auch auf ihre Berufswahl aus. Auch da geht die Entwicklung dahin, dass sie immer stärker die so genannten „Frauenberufe“ wählen. Wir versuchen zwar, mit Girls’ Day und Boys’ Day dagegenzuhalten, aber mit geringem Erfolg.

Hinzu kommt: Das Problembewusstsein bei meinen Kolleginnen ist auch relativ gering. Wenn ich den Mädchen zum Beispiel davon abrate, Verkäuferin oder Friseurin zu werden – einfach, weil man davon nicht leben kann –, dann stoße ich auch bei meinen Kolleginnen auf völliges Unverständnis. Die sagen dann: „Die sollen doch lernen, was ihnen Spaß macht!“

Die Jungs sind in ihrer Berufswahl sehr technisch orientiert. Dass da mal einer sagt, er möchte zum Beispiel Erzieher werden, ist selten. Die Jungs dürfen kaum vom Rollenklischee abweichen, sonst werden sie ganz schnell in so eine „Mädchenecke“ oder „Schwulenecke“ gestellt. Ein Junge muss in der Klasse schon eine ganz herausragende Position haben, um es sich leisten zu können, zum Beispiel lange Haare zu haben.

Ich versuche, da ein bisschen gegenzuarbeiten und mache das auch im Unterricht zum Thema. Sei es, dass wir über Conchita Wurst sprechen oder auch im Religionsunterricht über Jesus, den ich provokativ als die „erste Emanze“ bezeichne, weil er Frauen gleichwertig behandelt hat. Es gibt auch tolle Unterrichtsmaterialien, zum Beispiel die Unterrichtsreihe „Mach es gleich“ aus Österreich, mit der man super zum Thema Geschlechterrollen und Klischees arbeiten kann. Und bei manchen Kindern habe ich durchaus das Gefühl, dass sie da was verstehen und sich wirklich auseinandersetzen.

Sowas müsste schon in der LehrerInnen-Ausbildung vorkommen. Die jungen Kolleginnen, die aus dem Referendariat kommen, haben kaum einen Bezug zu den Geschlechterthemen und überhaupt kein Bewusstsein über die Benachteiligung von Frauen. Die sprechen von sich auch ganz selbstverständlich als „Lehrer“ – das gab’s vor 20 Jahren nicht! Die können natürlich auch den Kindern nichts anderes beibringen. Gerade in der Lehramtsausbildung hat das Thema Gender nur noch wenig Bedeutung. Benachteiligung wird nur noch „intersektionell“ betrachtet. Wer sich für Frauenthemen auch auf kultureller Ebene einsetzt, gilt schnell als rassistisch – wie in der Politik halt auch!

Ich hätte an meiner Schule gern Arbeitskreise, in denen wir uns fragen: Wie gehen wir mit diesen auffälligen Jungs um? Wie fördern wir die Mädchen? Die sind so leistungsfähig! Aber sie sind so oft sich selbst überlassen und müssen sich so vieles selbst erarbeiten, weil sie die Energie nicht bekommen, die wir in die Jungs stecken müssen. Was die Mädchen können würden, wenn sie genauso viel Zeit kriegen würden wie die Jungen, das wäre umwerfend! Wenn ich daran denke, wird’s mir richtig übel.

Dazu müsste es auch Fortbildungen geben. Die müssten aber verpflichtend sein, denn ich sehe nicht, dass meine KollegInnen da freiwillig hingehen würden. Sie haben einfach kein Bewusstsein für das Problem. Sie leiden zwar auch unter diesen Jungen, aber sie tun es eben ab mit dem Spruch: „Die sind halt so.“ Manchmal wird zwar einer zur Schulsozialpädagogin geschickt – aber der Gedanke, dass das Verhalten der Jungs irgendwas mit unserer Jungen-Sozialisation zu tun haben könnte, der ist nicht da. Und das ist der Knackpunkt.

Hinzufügen möchte ich noch ein drastisches Erlebnis direkt vor den diesjährigen Sommerferien. Ich habe mit einer neunten Klasse ein Abschlussfrühstück gemacht, bei dem sie einen Film schauen wollten. Den ersten Film brach ich nach 15 Minuten ab, weil er derart sexistische und herabwürdigende Darstellungen von Mädchen beinhaltete, dass ich es nicht verantworten wollte, ihn weiter zu zeigen. Dann entschieden die SchülerInnen sich für eine Persiflage über den nordkoreanischen Präsidenten. In diesem Film musste ich mir aber, obwohl er ab zwölf freigegeben ist, derart pornografische Sprüche anhören – vor allem in Richtung Analverkehr und „Gangbang“ und klischeehafte Darstellungen Richtung „Prostitution ist normal“ –, dass mir fast das Gebiss rausgefallen ist! Was mich am meisten erstaunt hat, war, dass die Jugendlichen das scheinbar normal fanden! Ich denke, die Pornografisierung ist schon so weit fortgeschritten, durch die Verbreitung entsprechenden Materials im Internet, dass das Bewusstsein bei den Konsumierenden verändert ist. Der bekannte Gehirnforscher Prof. Manfred Spitzer warnte schon vor Jahren vor den Folgen, vor allem bei den Jungen.

Ich habe daraus meine Konsequenzen gezogen. Ich möchte ab übernächstem Schuljahr an eine private Schule gehen, an der im Rahmen einer Heimunterbringung speziell traumatisierte Mädchen und BorderlinerInnen unterrichtet werden, die vor allem häusliche und/oder sexuelle Gewalt erlebt haben. Dort gibt es ganz kleine Klassen und eine ganz enge Zusammenarbeit mit den SozialpädagogInnen und BetreuerInnen. Und ich bin sehr glücklich, dass ich mich dort für die Mädchen engagieren kann.

 

Andrea F.: Radikalisierung

Ich unterrichte an einer ausgesproche­nen Brennpunktschule mitten im Ruhrpott. Die Schule gehört zur Kategorie „Standort 5“, also: bildungsfer­ne Elternhäuser, Eltern meist Hartz IV-Bezieher und oft nicht der deutschen Sprache mächtig, mit einem sehr hohen Anteil muslimischer Schülerinnen und Schüler.

In der Sekundarstufe I, also der 5. bis 10. Klasse, gibt es Klassen mit 25 bis 31 SchülerInnen. Die haben von Hause aus weder Erziehung noch Benehmen mitbe­kommen und kommen zum großen Teil völlig gehirngewaschen aus den umliegen­den Moscheen in den Unterricht. Als Lehrer merkt man sofort, welche Kinder „die Ungläubigen“ und das „westliche“ Denken ablehnen.

Es gibt ein paar Klassen, mit denen Unterricht überhaupt möglich ist, und es gibt viele Klassen, in denen fast kein Un­terricht mehr möglich ist. Und diese „schwierigen Klassen“ werden immer mehr. Jeder Lehrer mutiert in solchen Klassen zum Sozialpädagogen, denn es geht nur noch darum, die Horde einiger­maßen zu bändigen, bis es gongt.

In Gesamtschulen gibt es zwar den Trainingsraum, in den man Schüler schi­cken kann, wenn sie sich im Unterricht danebenbenehmen. Im Trainingsraum sollen sie auf einem Blatt ihr Verhalten „reflektieren“. Die Schüler haben das je­doch schnell raus und schreiben einfach, was erwünscht ist. Am realen Verhalten ändert das rein gar nichts.

Schickt ein Lehrer zu viele Schüler in den Trainingsraum und das wiederholt, wird von Seiten der Schulleitung moniert, dass mit dessen Unterricht was nicht stimme. Erfahrene Lehrer wissen das und schicken daher kaum Schüler in den Trai­ningsraum. Überhaupt wird von Lehrern erwartet, dass sie mit solchen Horden umgehen können – wenn nicht, fällt das nicht etwa auf die Schüler negativ zurück, sondern auf die Lehrer. Die Schulleitun­gen sind vorrangig darauf aus, das Image ihrer eigenen Schule nach außen zu wah­ren, eine echte Unterstützung der Lehrer findet so gut wie nicht statt.

Die Schülerinnen und Schüler sind in der Sekundarstufe I extrem unruhig, laut, beleidigen sich gegenseitig („Ich ficke dei­ne Mutter!“), verprügeln sich und kön­nen sich nicht drei Minuten lang – und ich meine: drei Minuten! – auf eine Sache konzentrieren.

Dazu kommt die Gehirnwäsche in den Moscheen, die sie in diesem Alter bereits regelmäßig besuchen. Sobald es darum geht, was Mädchen zuhause dürfen und was Jungs dürfen, sind wir wieder voll im Mittelalter. Muslimische Jungs aus einer meiner 10. Klassen sagten ganz freimütig, dass sie regelmäßig zu Prostituierten gin­gen und einer zeigte mir sogar auf seinem Handy ein Foto von seiner „Lieblingsnut­te“ aus einem Billigpuff. Klar ist gleich­zeitig, dass jedes muslimische Mädchen, das einen Jungen nur ansieht, „die letzte Schlampe“ ist.

Was Jungs dürfen, dürfen muslimische Mädchen noch lange nicht. Ein nettes muslimisches Mädchen hatte einen Freund, ihre Eltern durften nichts davon wissen, weil die sie sonst verstoßen hätten. Sie musste ihn heimlich treffen, hatte we­gen der Heimlichtuerei ständig Probleme und konnte sich deshalb auch oft im Un­terricht nicht konzentrieren.

Auf extrem großen Widerstand stieß ich in dieser 10. Klasse, als ich Weltent­stehungstheorien durchnahm. Wir hat­ten einen Film über Darwin und die Evolutionstheorie gesehen und der wurde geradezu ausgebuht. Die Schüler bestan­den darauf, dass Allah die Welt erschaf­fen hat und basta. Als ich vorsichtig dar­auf hinwies, dass auch der Koran ein Menschenwerk ist und damit kritisierbar, tobte der ganze Kurs: Nein, Allah hat Mohammed den Koran in die Feder dik­tiert! Und damit gilt er unveränderlich für alle Zeiten, ein für allemal in Stein gemeißelt, bis heute.

Der Islam sei die beste Religion und stehe über dem Grundgesetz, heißt es. An dieser Mauer pralle ich ab – und zwar to­tal. Nicht der Hauch einer Einsicht, dass man den Koran vielleicht nicht mehr auf heute beziehen kann, weil er historisch zu lesen ist. Nicht der Hauch. Nur geballter Widerstand.

Für die Äußerungen, dass der Islam über dem Grundgesetz stehe, musste sich keiner der Schüler je bei der Schulleitung rechtfertigen. Allerdings wurde ich, die Lehrerin, zum Gespräch zitiert, weil ich gewagt hatte zu sagen, dass der Islam wie jede andere Religion auch kritisierbar sei.

An der Schule gibt es auch Islamunter­richt von Lehrerinnen mit Kopftuch. In Vertretungsstunden habe ich mir von den Schülern mal zeigen lassen, was sie da so im Unterricht besprechen: Sie lernen die verschiedenen Stellungen beim Beten. Es gibt null Kritik am Islam, keine kritische Lesart des Korans. Die Schülerinnen und

Schüler müssen Koranverse auswendig lernen. Die meisten, die den Islam-Unter­richt besuchen, sind flammende Erdoğan- AnhängerInnen. Übrigens auch viele der muslimischen Lehrerinnen und Lehrer.

Der Islam steht auch für die meisten muslimischen Schüler der Oberstufe bis hin zu den Abiturienten über dem Grundgesetz – was sie im Unterricht auch ganz offen sagen. Als Lehrerin habe ich die Pflicht, den Schülern demokratische Werte beizubringen. Ich zeige ihnen ger­ne den Film „Die Fremde“, in dem es um einen versuchten Ehrenmord geht. Die Mädchen geben mir hier immer seiten­weise die Kommentare zum Film ab, das Thema scheint sie also zu interessieren. Von den muslimischen Jungs bekomme ich kaum etwas.

Dennoch macht mir der Unterricht in der Regel Spaß, weil ich den einen oder anderen erreichen kann. Wir haben heftig diskutiert und die Schülerinnen und Schüler kamen zumindest ins Denken. Einer dieser muslimischen Schüler ist – obwohl auch er ein kleiner Macho ist – nun auf dem Weg, Finanzbeamter zu wer­den. Seine Eltern haben ihm von Anfang an gesagt, dass er die Lehrer hier wie sei­ne zweiten Eltern sehen soll. Kinder und Jugendliche, die diese Message von Hause aus mitbekommen, sind – mit Abstrichen – integrierbar.

Wie die Schule mit dem fundamenta­listischen Islam umgeht, ist oftmals ab­hängig von der Parteizugehörigkeit der Verantwortlichen und vor allem von dem Mut der Schulleiterin oder des Schullei­ters. Die alltägliche Gewalt, das Mobbing untereinander und der allgegenwärtige Is­lamismus werden von der Schulleitung gedeckelt und vertuscht. Vorrangig geht es immer um das eigene Schulleiter-Re­nommee, das vor der Bezirksregierung nicht beschmutzt werden soll. Die Fassa­de der eigenen Schule soll nach außen hin gut aussehen.

Die Lehrer wagen kaum noch etwas im Unterricht gegen islamistische Schüler zu sagen, weil sie dann selbst – nicht etwa die Schüler – am Pranger stehen und zur Schulleitung zitiert werden. Sie halten fortan die Klappe und sehen zu, dass sie keinen Ärger verursachen bzw. sprechen nur noch über Unverfängliches. Weil sie einfach nicht mehr können. Nur wenige Kollegen wispern sich zwischen Tür und Angel ins Ohr, dass sie das alles nicht mehr ertragen und nur noch laut schreien könnten – über unwidersprochene isla­mistische Äußerungen von Schülern und über die allgegenwärtige Feigheit der Schulleitung, die sich wegduckt.

Es ist so, dass man als Lehrer sehr ge­nau aufpassen muss, was man vor der Klasse sagt, denn alles, was man sagt, kann weitergetragen werden und den Job kosten. Die Schule ist ein Minenfeld. Für demokratische Werte zu kämpfen, kann den Kopf kosten. Honoriert wird es schon gar nicht. Der Lehrer ist am besten angesehen, der den wenigsten Ärger verursacht.

Das System Schule ist so beto­niert, dass inner­halb dieses Systems kaum Besserung zu erhoffen ist. Die Politik müsste die Schulen zwingen, dafür Sorge zu tra­gen, dass der Isla­mismus und alle seine Folgen – Be­nachteiligung von Mädchen, Verach­tung der Lehrerin­nen, Intoleranz ge­genüber anderen Religionen etc. – an der Schule aktiv bekämpft und ge­brandmarkt wird. Bislang wollen die Schulen nur „Schu­le gegen Rassismus“ sein, nicht aber „Schule gegen Sexis­mus“ – und schon gar nicht „Schule ge­gen Islamismus“. Dabei müsste das das gute Renommee einer Schule sein: Dass sie für Demokratie und Geschlechterge­rechtigkeit eintritt! Und dass sie durch­greift und sanktioniert, wenn sich Schüler nicht daran halten.

Schulleiter sollten unbeschulbare Schülerinnen und Schüler viel schneller los werden und von der Schule verweisen können. Es müsste viel härtere Sanktio­nen gegenüber unverschämten, respektlo­sen Schülern geben. So viele denken nicht im Traum daran, sich hier vernünf­tig zu integrieren und zumindest eine Ausbildung zu machen, das sind ver­schwendete Ressourcen von Lehrern und Schulen. Integrationsunwillige sollten von der Schule verwiesen werden. Der Maulkorb für Lehrer muss weg. Die Angst der Lehrer muss weg.

 

Claudia Verges: Vernachlässigung

Ich arbeite an einer Grundschule in einem sozial schwachen Stadtteil einer ostdeutschen Großstadt. Plattenbauten, AfD-Wähler, hohe Arbeitslosigkeit, aber natürlich auch Lichtblicke – engagierte Familien, tolle Kinder. In den letzten Jahren haben sich die Arbeitsbedingungen sehr verändert. Sachsen steht in nationalen Bildungsvergleichen meist weit oben: Es konkurriert mit Bayern und Thüringen.

Aber das Land verbeamtet die LehrerInnen nicht und zahlt im Bundesvergleich das geringste Gehalt. Viele ReferendarInnen lassen sich in Sachsen gut ausbilden, wandern dann aber in die besser zahlenden Nachbarländer ab. In meiner Stadt wurden die Zeichen der Zeit außerdem zu spät erkannt. Die Stadt wächst explosionsartig, die Folge ist ein extremer Lehrermangel, dazu aber noch immer der Sparkurs auf allen Linien.

Unsere Schule hatte bis vor einem Jahr noch Schultoiletten aus DDR-Zeiten. Viele Kinder wussten nicht, dass die Kette zum Spülen da ist. Die Toiletten waren in derart desolatem Zustand, dass die Putzfirma Beschwerde bei der Stadt einreichte, weil die Hygiene nicht gewährleistet werden konnte. Beschwerden darüber wurden mit der Begründung abgewiegelt, dass andere Schulen noch schlimmer aussehen.

Die Fenster sind ebenfalls DDR-Relikt und undicht. Bei Sturm und Regen stehen in einigen Zimmern Pfützen, im Winter läuft die Heizung auf Hochtouren, im Sommer ist es zu warm. In einigen Zimmern wurden nur Teile des ockerfarbenen Linoleums ausgetauscht, ocker gab es nicht mehr, deshalb nun ein Zebramuster aus orange und ocker.

Diese baulichen Mängel sind nur kleine Beispiele für die gesamte Investitionsmoral an Schulen. Die Kinder verbringen täglich viele Stunden in der Schule, der Hort ist im Schulgebäude integriert. Doch jedes Bürogebäude ist besser saniert und isoliert als die Schulen.

Das aber nur am Rande. Die eigentliche Belastung geht von der Situation im Klassenzimmer aus. Die Klassen sind in der Regel voll. Bei uns liegt der Schlüssel sowohl in bürgerlichen, gut situierten Stadtteilen wie in sozial schwachen Stadtteilen bei 28 Kindern pro Klasse. Denn es gibt in Sachsen keinen Faktor wie beispielsweise in Hamburg, nach dem der Klassenteiler mit Blick auf die sozialen Umstände eines Schulviertels berechnet wird.

Die Klassen sind in der Regel voll. In einer Brennpunktschule steht man also alleine vor einer Klasse, die ein bunter Querschnitt der Gesellschaft ist. In meiner Klasse sind zwei Kinder mit ADHS, ein Kind mit Autismus, ein Kind, das momentan mit seinen Eltern ein Anti-Aggressionsprogramm durchläuft, ein lernbehindertes Kind, ein deutlich emotional vernachlässigtes Kind, zwei Kinder mit einem sehr hohen IQ und großem Ehrgeiz und sechs Flüchtlingskinder. Es ist wahnsinnig anstrengend, allen gerecht zu werden. Wir haben im Kollegium oft das Gefühl, alles zu machen, aber nichts richtig. Die Kinder sind teilweise sehr fordernd, die Eltern machen Druck oder sind vollkommen uninteressiert.

An unserer Schule gibt es mehrere Fälle von emotionaler Vernachlässigung. Wenn Gespräche mit den Eltern ins Leere laufen, wenn auch die Schulsozialarbeiterin nicht mehr weiter weiß und wir uns ernsthafte Sorgen um das Kind machen, wenden wir uns an das Jugendamt. Weil der Allgemeine Sozialdienst aber so überlastet ist, heben die Mitarbeiter zurzeit nur die Hände. Sie geben an, dass sie nur noch bei Gewalt gegen Kinder tätig werden können oder, wenn Eltern die Kinder alleine in der Wohnung zurücklassen. Gesundheitliche und emotionale Vernachlässigung sind bei dem derzeitigen Personalnotstand keine ausreichenden Gründe zu intervenieren.

Das nagt natürlich an uns LehrerInnen. Wir sehen, was schiefläuft, haben aber keine Handhabe, das Kind aus dem Brunnen zu ziehen. Wir sind machtlos.

Auf der anderen Seite haben wir die engagierteren Eltern, die so klagewütig sind, dass wir die Maßgabe haben, Ordnungsmaßnahmen nur noch absolut wasserdicht zu verhängen. So haben wir in diesem Schuljahr drei Kinder an der Schule, die gegen LehrerInnen handgreiflich wurden. Wir machen uns mit Einträgen ins Hausaufgaben-Heft und Gesprächen mit uneinsichtigen Eltern eher lächerlich, als dass wir wirklich etwas bewegen könnten. Zu groß scheint die Angst der Bildungsagentur, also der Schulaufsichtsbehörde, zu sein, Eltern gegen sich aufzubringen.

Die Verrohung der Gesellschaft ist deutlich zu spüren. Viele Kinder haben ein extrem hohes Aggressionspotenzial, fühlen sich schnell zurückgesetzt und abgehängt und sind wandelnde Dampfkessel. Es ist mitunter erschreckend, wie hemmungslos gewaltbereit manche Kinder schon im Grundschulalter sind. Wenn ein Kind ausrastet und eine Gefahr für sich und andere darstellt, wird der Krankenwagen gerufen. Das Kind wird – wenn die Eltern zustimmen – dann in die Psychiatrische Klinik gefahren und im besten Falle mit einem Therapieplatz wieder nach Hause entlassen. Wenn die Eltern mitmachen … Wenn die Eltern aber signalisieren, dass sie an einer Therapie nicht interessiert sind, wird das Kind sofort von der Liste gestrichen. Zu begehrt sind die raren Plätze. Das Kind sitzt dann am Folgetag wieder bei uns in der Schule – eine tickende Zeitbombe …

In letzter Konsequenz können wir ein Verfahren zur Aufnahme in eine Förderschule anstrengen, aber das zieht sich sehr lange hin. So ist ein Schüler, der in der 2. Klasse an der Schule für Erziehungshilfe zur Überprüfung gemeldet wurde, mittlerweile in der 4. Klasse und verlässt im Sommer die Schule. Die Schule für Erziehungshilfe ist vollkommen überlastet, es dauert oft Jahre, bis ein Kind dort einen Platz bekommt. So lange sind wir also Einzelkämpfer und versuchen, das Kind im Zaum zu halten.

In meiner 1. Klasse wurde mit wahnsinnigem Kraftaufwand ein Ruhen der Schulpflicht bei einem Schüler erwirkt. Er war extrem gewalttätig Kindern wie Lehrerinnen gegenüber. Die Schulsozialarbeiterin hatte Biss- und Kratzwunden von ihm, ich selber blaue Schienbeine. Die Schulpsychologin schlug Alarm, sagte, dass eine Gefahr von ihm ausgehe, die Schule für Erziehungshilfe hatte aber keinen Platz. Die Psychiatrische Klinik hatte auch keinen Platz und setzte ihn auf die Warteliste. Der Allgemeine Soziale Dienst erklärte, dass er für den Jungen keine Schulbegleitung bewilligen kann. So ist das Kind seit einem Jahr zu Hause mit seinem gewaltbereiten Vater – und wird im Sommer wieder in einer Regelschule eingeschult. Es ist nichts passiert, um dem Kind zu helfen.

Das hohe Aggressionspotenzial geht stärker von den Jungen aus. Die herausfordernden Mädchen bei uns fallen eher durch Klauen und verbales Mobbing auf. Wir haben eine extrem herausfordernde 2. Klasse, die von mehreren Jungen dominiert wird. Es fällt den Jungen schon schwer, morgens einfach nur durch die Tür zu kommen und ihre Sachen an den Platz zu legen. Sie stürzen lieber herein, brüllen herum, fegen Dinge anderer Kinder vom Tisch und müssen zwanghaft mit jeder Geste zeigen: Ich bin was, ich kann was, ich hab hier das Sagen.

Mit einem Jungen dieses Kalibers lässt sich gut in einer Klasse leben, leider hat die besagte 2. Klasse aber fünf von der Sorte. Die Jungen gieren nach Aufmerksamkeit, haben ein völlig übersteigertes Ego, fühlen sich ständig benachteiligt und suchen bei anderen Schwächen, um sich größer und mächtiger fühlen zu können. Dieses hohe Erregungspotenzial ist schwer nachzuvollziehen. Sie sind ständig auf dem Sprung. Weist man die Jungs konsequent in ihre Schranken, fällt oft die Fassade und sie weinen wie 8-Jährige. Diese Jungen kommen aus allen sozialen Schichten.

Die Integration von Flüchtlingskindern ist eine weitere große Herausforderung. An unserer recht kleinen Schule (zwei- bis dreizügig) gibt es zwei voll belegte Vorbereitungsklassen. Ziel ist es, die Kinder in den Vorbereitungsklassen ankommen zu lassen und sie so schnell wie möglich in die Zielklassen zu integrieren. Das klappt bei vielen Kindern prima, die Sprachfortschritte sind enorm.

Dennoch ist es in einer Klasse mit 28 Kindern nicht zu schaffen, diese Kinder vernünftig zu fördern: Sie brauchen besondere Unterstützung, das Aufgabenverständnis fällt schwer. Sie haben alle eine mehr oder weniger traumatische Flucht-geschichte hinter sich. Teilweise sind Fami-lien noch nicht zusammengeführt, manche Kinder sind alleine nach Deutschland gekommen. Und wir haben kaum Zeit hinzuhören. Wir sehen das Potenzial bei vielen Kindern, wir bemühen uns, aber kapitulieren häufig, weil es an Zeit fehlt.

Sehr frustrierend ist es dann zu hören, dass wir die Deutschen vorziehen sollen. Wenn zum Beispiel eine Klasse mit 28 Kindern voll ist und im Laufe des Schuljahres ein Kind ohne Migrationshintergrund aus dem Schulbezirk dazukommt, soll laut Bildungsagentur ein Flüchtlingskind zurück in die Vorbereitungsklasse geschickt werden, um dem deutschen Kind Platz zu machen. Der Fall ist noch nicht eingetreten – und wir würden uns auch mit Händen und Füßen dagegen wehren. Diese Kinder sind nicht mehr unsere Gäste, sondern Teil unserer Gemeinschaft.

Meiner Meinung nach sollten an jeder Schule Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter eingesetzt sein und in jeder Klasse eine pädagogische Unterrichtshilfe. Zu zweit kann man es schaffen. Wenn nun nach und nach aber auch noch die Inklusion durchgezogen werden soll, sehe ich überhaupt kein Land mehr. Wir werden den Kindern mit ihren zahlreichen Problemen in einem deprivierten Viertel nicht mehr gerecht.

Die Flüchtlingslage in den Klassen sehe ich langfristig entspannt. Momentan sind wir noch total überfordert, aber schon die kleinen Geschwisterkinder unserer zugezogenen Schüler werden in ein paar Jahren besser vorbereitet in die Schule kommen. Die Sprache ist dann geläufiger, die Strukturen bekannter, der Ehrgeiz ist hoffentlich bei allen geweckt.

Ich bin sehr gerne Lehrerin und hänge an meinen Schülerinnen und Schülern. Es muss aber Geld in die Hand genommen werden, wir brauchen Unterstützung, damit unser Bildungssystem nicht aus den Fugen gerät. Das sind wir unseren Schülerinnen und Schülern schuldig.

Doch genug der Jammerei. Morgen ist wieder ein neuer Schultag.

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