Besuch im Cyber-Bordell
„Ich war überrascht, wie echt diese Puppen wirken“, schreibt Laura Bates über ihren ersten Eindruck im „Cybrothel“ in Berlin-Friedrichshain. Die britische Journalistin kennt sich aus. Noch bevor sie das Bordell betritt, kann sie schon online im Chat eine Sexpuppe für sich auswählen. 15 weibliche Puppen und eine männliche stehen im Angebot. „Kokeshi“ heißt die Puppe ihrer Wahl.
Die Puppen sind aus Elastomere, einer Art Gummi, das besonders hygienisch sein soll. Im Innern sind sie mit KI-Technologie ausgestattet. Die Puppen können mit ihrem Gegenüber interagieren: Sie können stöhnen, kurze Sätze sprechen, auf Anweisung ihre Hüften schwenken. Sie sind 1,65 Meter groß und wiegen rund 40 Kilogramm. Ihr Aussehen kann den Freierwünschen angepasst werden – ein anderer Kopf kann auf den Körper gesetzt werden, andere Glasaugen. Der Typ geht von: „unartige Sekretärin“, über „Lehrerin“ oder „Krankenschwester“ bis „Barbie“. Bates bestellt keinen besonderen Typ, aber als Outfit explizit eine zerrissene Strumpfhose. Kein Problem.
Sie kann zwischen der „Basic-Variante“ für 109 Euro pro Stunde und der „Full-Variante“ für 178 Euro wählen. Da kommen dann eine Szenerie, mehr Ausstattung und mehr Funktionen dazu. Gegen Aufpreis können auch Extras wie „vorgewärmt, „getragenes Höschen tragend“ oder „mit künstlichem Sperma vorbesamt“ geordert werden. Ab 1.400 Euro kann mit der Traumfrau eine ganze Nacht verbracht werden.
Bates wählt die Standard-Variante, ihre Puppe wird ihr auf einem Bett bereitgelegt. Sie hätte auch entscheiden können, dass die Puppe auf einer Lederschaukel drapiert wird. Kein Fetisch kommt zu kurz.
Ein anonymer „Gastgeber“ lässt Laura Bates via Mikrofon und einen Buzzer herein. Einen echten Menschen sieht sie während ihres ganzen Bordell-Besuches nicht. Sie trägt eine Mütze, Sonnenbrille, eine Jacke mit hohem Kragen. Sie will nicht als Frau erkannt werden.
Der Raum, in den die Mikro-Stimme sie führt, sieht futuristisch aus: hygienisch glänzende Möbel, dunkles Licht mit Neon-Strahlern. Das Bett steht auf einem Podest, eine Art gynäkologischer Stuhl steht auch im Raum. Kondome, Gleitgel, Latexhandschuhe liegen parat.
Auf dem Bett liegt ihre Bestellung. Bates beschreibt die Szene so: „Die junge Frau liegt auf dem Bett wie eine Leiche. Als wäre sie inmitten eines Tatorts. Sie liegt auf dem Bauch, ist seltsam verdreht. Ihre Netzstrumpfhose wurde ihr heruntergerissen, ihre Beine sind weit gespreizt, ein Teil der Vagina wurde herausgerissen. Oder gebissen? Rote Farbe ist zu sehen.“
Als sie da neben der Puppe auf dem Bett sitzt, fühlt sie sich wie eine „schuldige Voyeurin“. Kurz wird ihr übel. Aber sie besinnt sich auf ihre journalistische Aufgabe. Sie berührt die Puppe, fährt über ihren Körper, ihr Gesicht, ihre Hände. Po und Brüste sind fest, sportlich geformt. Der Bauchnabel ist winzig. Sie ist zart und fest zugleich. Ihre Augen starren seelenlos an die Decke.
Bates will auch wissen, wie es sich in der Puppe innen anfühlt. Sie streift sich einen der Latex-Handschuhe über und greift in die Vagina hinein. Sie kann der Puppe dabei nicht in die Augen sehen. Die Vagina ist hart und geriffelt. Sie riecht nach einer Mischung aus Desinfektionsmittel und Schimmel.
Danach setzt Bates die Puppe aufrecht hin, lässt sie zurückplumpsen. Die Journalistin: „Es war klar, dass sie das ist, was Männer immer von Frauen wollten. Passiv sein, verfügbar, ruhig, unkompliziert, formbar, gehorsam. Eine Sexpuppe ist eine Frau, die nicht nein sagen kann. Hier geht es nicht um Sex. Hier geht es um Macht“, schießt es Bates durch den Kopf. Sie verlässt den Tatort durch ein Badezimmer, in dem sie duschen könnte.
Ihre Puppe und die anderen werden nach dem „Sex“ in eine Art Duschkabine gebracht und das Sperma mit einer automatischen Spezialdusche aus ihnen herausgespült. Noch vor wenigen Monaten musste der Besitzer des Bordells das selber machen. Der Betreiber dieses Bordells heißt Philipp Fussenegger. Er kommt aus Österreich und war zuvor „Sexparty-Organisator“. 2023 hat er das „Cybrothel“ eröffnet. Anfangs gehörten noch zwei Frauen dazu, sie bewarben den Laden mit „seiner sexpositiven feministischen Perspektive“. Doch sie verschwanden schnell aus dem Männer-Business.
Laut Betreiber sind es zu 98 Prozent Männer, die in Cyber-Bordelle gehen. Die eine männliche Puppe des Bordells wird kaum frequentiert, wenn, dann meist für einen Dreier, das belegt auch Bates Recherche. Junggesellenabschiede und Firmenpartys werden im Puppenbordell in Friedrichshain gefeiert, heißt es. Ein „Trip in die Zukunft“, der als „sicher, ethisch und sexpositiv“ verkauft wird.
Weitere Cyber-Bordelle nach Berliner Art entstanden in kurzer Zeit in Barcelona, Moskau, Turin und Amsterdam. In Prag gibt es eines, das „Sex mit einem unschuldigen Schulmädchen“ bewirbt, wie Bates bei ihrer Recherche entdeckte. „Die Puppe hat kindliche Züge“, schreibt sie.
Ursprünglich kommen die Cyber-Bordelle aus Japan. Um die 70 eröffneten dort schon in den 2000er Jahren. „Kokeshi“ heißen die Sexpuppen bis heute, benannt nach den traditionellen japanischen Holzfiguren ohne Extremitäten.
Wieder zuhause in Großbritannien schrieb Laura Bates über ihren Besuch in Berlin: „Obwohl es Puppen sind, die dort feilgeboten werden, sind diese Art Bordelle der Inbegriff der Entmenschlichung und Objektifizierung von Frauen.“ Noch dazu seien es oft gerne Vergewaltigungsfantasien, die dort ausgelebt würden. Das Argument „Besser, Männer vergehen sich an Puppen als an echten Frauen“ lässt Bates nicht gelten. „Männern wird die Entmenschlichung von Frauen an solchen Orten regelrecht antrainiert. Wie sollen solche Männer jemals wieder über einvernehmlichen Sex nachdenken? Was macht es mit ihnen, wenn sie lernen, dass es für sie keine Grenzen gibt, dass sie mit Frauen alles, wirklich alles machen können?“
Und sie ist sich sicher: „Diese Orte sind ein Vorgeschmack auf eine tech-getriebene Misogynie-Wildnis. Dies gilt es mit aller Kraft zu verhindern!“
ANNIKA ROSS
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