Einmal um die Welt!

© Christine Thürmer
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Mein Orthopäde meint, ich hätte Plattfüße und X-Beine. Mein Hausarzt hat mir schon mehrfach nahegelegt, mindestens fünf Kilogramm abzunehmen. Schon in der Schule war ich in Sport die totale Niete. Außerdem verfüge ich weder über einen guten Gleichgewichts- noch Orientierungssinn, ja, ich bin nicht einmal komplett schwindelfrei.

Und dennoch hatte ich mir vorgenommen, auf dem Pacific Crest Trail einmal längs durch die gesamten USA zu laufen. Aufgrund der klimatischen Bedingungen musste ich die gesamte Strecke von 4.277 Kilometern in fünf Monaten schaffen. Auch wenn ich im Sportunterricht nichts zu melden hatte, rechnen konnte ich schon immer gut: Bei einem Ruhetag pro Woche bedeutet das einen Schnitt von 33 Kilometern jeden Tag – egal, ob es in der kalifornischen Wüste 40 Grad heiß ist, ich mir im Hochgebirge der Sierra Nevada den Weg durch Altschneefelder bahnen muss oder es im pazifischen Nordwesten tagelang regnet.

Kein Wunder, dass mir vor Angst ganz schlecht war, als ich mit zwei durchtrainierten jungen Amerikanern im Auto zum Startpunkt des Trails an die mexikanische Grenze gefahren wurde. Doch sehr zum Erstaunen meiner männlichen Mitwanderer machte unser Fahrer Robert gerade mir Mut: „Seit fünf Jahren bringe ich Wanderer auf den Trail“, erklärte er, während er seinen Pick-up-Truck durch die Schlaglöcher auf der unbefestigten Straße durch die Wüste Südkaliforniens manövrierte. „Nur ein Drittel der Leute, die hier starten, wird jemals in Kanada ankommen. Aber gerade du hast statistisch gesehen die größte Chance, es bis dorthin zu schaffen: Du bist eine Frau und du bist allein. Solo-­Frauen sind am besten vorbereitet, und vor allem müssen sie niemandem etwas beweisen.“

Er sollte recht behalten: Die beiden athletischen Jungs, mit denen ich startete, konnten sich selbst und anderen gegenüber keine Schwäche eingestehen, liefen dadurch viel zu schnell – und schmissen verletzungsbedingt schon nach ein paar Wochen das Handtuch. Ganz wie zwei Drittel meiner hoffnungsfrohen Mitwanderer.

Ich hingegen war zwar fast immer die Langsamste, schaffte meinen errechneten Tagesschnitt aber dennoch dank längerer Laufzeiten – und zwar ohne eine einzige Blase an den Füßen. Genau wie Robert es am Anfang meiner Wanderung auf den Punkt gebracht hatte: „Der Erfolg auf dem Trail hängt zu 80 Prozent von mentalen Faktoren ab und nur zu 20 Prozent von deinem körperlichen Zustand. Eine Strecke von über 4.000 Kilometern musst du vor allem mit dem Kopf bewältigen – der Körper zieht dann schon nach.“

Und so erreichte ich fünf Monate später und zehn Kilogramm leichter tatsächlich die kanadische Grenze – und hatte meine neue Berufung gefunden: das Langstreckenwandern.

Mein neuer Alltag in der Natur unterscheidet sich gewaltig von meinem früheren Leben. Bisher hatte ich nämlich als Geschäftsführerin mittelständische Betriebe geleitet und saniert – ausgestattet mit Sekretärin, schickem Firmenwagen und einem guten Gehalt. Zum Wandern kam ich im Alter von 36 Jahren durch Zufall – und zwei unerwartete Schicksalsschläge.

Der erste Schlag: Ich wurde von heute auf morgen gekündigt. Wie im Film bekam ich zehn Minuten Zeit, meine persönlichen Sachen zu packen und die Firma endgültig zu verlassen – eine Woche vor Weihnachten. Trotz des perfekten Timings zauderte ich jetzt immer noch. Doch schnell hatte ich mehrere neue gute Jobangebote, hätte nahtlos weiter Karriere machen können. Dann kam der zweite, entscheidende Schlag: Mein Bekannter Bernd, ein erfolgreicher Architekt, erlitt mit 46 Jahren völlig unerwartet einen Schlaganfall, den er zwar überlebte, aber aufgrund schwerer Hirnschäden auf dem geistigen Niveau eines Dreijährigen. Früher waren wir zusammen in schicken Szene­lokalen essen, jetzt fütterte ich ihn bei meinen Besuchen im Pflegeheim mit Schonkost. Denn Bernd war nun halbseitig gelähmt, konnte nicht mehr laufen oder sprechen, ja kaum noch schlucken. Seine Firma ging nach wenigen Wochen in die Insolvenz, sein teurer Mercedes SLK wurde versteigert, seine schicke Pent­house-Wohnung geräumt und neu vermietet. Bernd im Rollstuhl interessierte das alles nicht mehr. Ich erfuhr hautnah, dass es Wichtigeres gibt im Leben, als Karriere zu machen. Als Bernd einen weiteren Schlaganfall hatte, stand ich in der Notaufnahme des Krankenhauses an seinem Bett und konnte einer Erkenntnis nicht mehr ausweichen: Auch meine Lebenszeit ist endlich und vor allem nicht planbar. Wenn ich etwas wirklich machen will, dann muss ich es jetzt tun – denn nichts und niemand kann mir garantieren, dass ich in fünf oder zehn Jahren noch dazu in der Lage sein werde.

Als ich in dieser Nacht das Krankenhaus verließ, war meine Entscheidung gefallen: Ich buchte meinen Flug in die USA. Bernd starb noch vor meinem Abflug …

Der 4.277 Kilometer lange Pacific Crest Trail war nur der Anfang. Vor zehn Jahren kündigte ich meine Wohnung, hörte endgültig auf zu arbeiten und bin seitdem fast ununterbrochen draußen unter­wegs. Meist zu Fuß, manchmal aber auch auf dem Fahrrad oder mit dem Kajak. Insgesamt drei Mal bin ich auf verschiedenen Trails längs durch die USA gelaufen und habe alle australischen Langstreckenwanderwege absolviert. Europa habe ich komplett je einmal in Ost-West und Nord-Süd-Richtung durchquert und noch viele kürzere Touren weltweit unternommen. 40.000 Kilometer bin ich mittlerweile gewandert, also quasi einmal rund um den Globus. Und damit bin ich wahrscheinlich die meistgewanderte Frau der Welt.

Heute, mit mittlerweile 50 Jahren, sehe ich immer noch kein Ende meiner Wanderkarriere – und zwar weder aus körperlichen noch aus finanziellen Gründen. Da ich noch nie Spaß am Geldausgeben hatte, landete mein Geschäftsführerinnengehalt früher fast komplett auf meinem Anlagekonto und finanziert mir heute mein knappes Wanderbudget. Bei meinem Berufsausstieg riet mir mein Finanzberater allerdings, dass ich idealerweise mit 90 Jahren sterben solle – denn spätestens dann wäre mein Geld alle. Da ich seitdem aber zwei Bestseller über das Wandern ­geschrieben habe, hoffe ich mittlerweile 92 Jahre alt werden zu dürfen.

„Hast du denn keine Angst so ganz ­allein – als Frau?“, ist die Frage, die mir unterwegs am häufigsten gestellt wird, und zwar in jedem Land und gleichermaßen von Männern wie Frauen. Die Vorstellung, dass Frauen unterwegs mehr Gefahren drohen als Männern, ist tief verwurzelt. Nur frage ich mich dann immer, wovor ich denn unterwegs eigentlich Angst haben soll. Denn obwohl ich auf meinen Wanderungen fast immer irgendwo versteckt im Wald allein zelte, fühle ich mich sicher – und zwar sowohl vor Tieren als auch vor Menschen.

Ein Blick in die Polizeistatistik sagt nämlich genau dasselbe wie meine jahrelange Erfahrung: Eine Frau hat in jeder Großstadt ein deutlich höheres Risiko, einem Gewaltverbrechen zum Opfer zu fallen als beim Wandern in der Natur. Ist ja eigentlich auch logisch: Ein potenzieller Gewalttäter wird sich wohl kaum bei Wind und Wetter fernab von Straßen im Wald verstecken und dort tagelang auf eine allein wandernde Frau warten. Denn bis die vorbeikommt, hätte er wohl schon lange selbst Wurzeln geschlagen.

Wenn mir nachts in der Natur Menschen begegnen, erschrecken sich die in der Regel mehr vor mir als ich vor ihnen – wenn sie mich denn überhaupt sehen: In Südfrankreich ist schon mal ein ganzer Trupp Soldaten im Rahmen einer nächtlichen Truppenübung im Abstand von gerade mal zwei Metern an meinem Zelt vorbeimarschiert, ohne mich zu entdecken. Und scheinbar bedrohliche Begegnungen lösen sich meist überraschend positiv auf: Einen älteren Mann in schmuddeligem Trainingsanzug zum Beispiel hielt ich zunächst für einen Exhibi­tionisten – bis sich herausstellte, dass er in dieser menschen­leeren Gegend Spaniens mit seinem Hund lediglich Trüffel suchte, um sein Arbeits­losengeld aufzubessern.

Diese unbegründete, aber tiefverwurzelte Angst hält leider viele Frauen davon ab, die Natur auf eigene Faust zu erkunden. Auf den amerikanischen Trails sind nur etwa ein Drittel der Langstreckenwanderer Frauen – und die sind meist mit einem männlichen Partner unterwegs. Dabei hat frau allein unterwegs deutlich mehr Vor- als Nachteile. So führt die angebliche Schwäche von Frauen dazu, dass sie im Gegensatz zu Männern nicht als Bedrohung wahr­genommen werden – und damit schlägt ­ihnen deutlich mehr Hilfsbereitschaft und Wohlwollen entgegen.

Frauen können zwar bei punktuellen körperlichen Spitzenbelastungen in der Regel nicht dieselbe Leistung wie gleich alte und gleich trainierte Männer erbringen, aber beim Langstreckenwandern geht es ja um etwas anderes: nämlich um Ausdauer und mentales Durchhaltevermögen. Und da stehen Frauen den Männern in nichts nach oder sind ihnen sogar überlegen. Auf meiner zweiten Wanderung durch die USA auf dem Continental Divide Trail verschwand mein viel stärkerer männlicher Wanderpartner im Hochgebirge zwar immer in Form einer Staubwolke vor mir. Aber kaum hatten wir die brett­flache Hochwüste des Great Divide Basins erreicht, schleppte er sich nur noch mühsam hinter mir her, während ich unbeirrt auf Auto-Pilot mein normales Tempo hielt. Er schwächelte, weil seine Motivation im Bezwingen der Natur bestand. Aber in dieser monotonen Landschaft gab es nichts zu bezwingen – außer sich selbst.

Überhaupt sind die größten Probleme des Outdoorlebens nicht körperliche Strapazen oder wilde Tiere. Für mich persönlich ist das Schwierigste das Leben im Dreck. Denn auf Wanderschaft laufe, sitze, koche, esse und schlafe ich am Boden. Und irgendwann ist einfach alles – ich, meine Kleidung und meine Ausrüstung – mit einer dicken Schicht aus Schweiß, abgestorbener Haut und Dreck überzogen und stinkt entsprechend. Immerhin kann ich den Dreck so wenigstens ganz gut abrubbeln, wenn es kein Wasser zum Waschen gibt.

Fahre ich per Anhalter zum nächsten Supermarkt, dreht der Fahrer unter Garantie das Seitenfenster herunter. Gehe ich ausnahmsweise in einem Restaurant essen, werde ich allein an einem abseits stehenden Tisch platziert. Ich nehme das mittlerweile nicht mehr persönlich. Denn aus Gewichtsgründen habe ich nur einen einzigen Satz Wanderkleidung dabei, den ich so lange trage, bis ich endlich wieder mal in die Zivilisation zu einer Waschmaschine komme. Das ist in der Regel nur einmal pro Woche der Fall.

Aber der entscheidende Faktor für den Erfolg einer Langstreckenwanderung ist nun einmal ein möglichst niedriges Rucksackgewicht. Ich trage daher nur maximal fünf Kilogramm Ausrüstung auf dem Rücken, und da ist kein Platz für Hygiene­artikel, Kosmetik oder gar Wechselwäsche. Unterwegs habe ich weder Shampoo, Seife, Kamm noch Handtuch. Selbst die Unterhose habe ich eingespart.

Warum ich mir dieses spartanische ­Leben seit mittlerweile mehr als zehn Jahren dennoch antue? Weil es mich glücklich macht! Denn die ständige Reduktion auf die Grundbedürfnisse senkt die persönliche Glücksschwelle. Was für die meisten Menschen normal und nicht der Rede wert ist, bedeutet für mich Luxus: ein Stuhl, ein Bett oder eine heiße Dusche.

Auf meiner ersten langen Wanderung auf dem Pacific Crest Trail hatte ich am Ende einer zehntägigen Etappe meine streng rationierte Verpflegung bis auf jede einzelne M&M Schokolinse abgezählt. Ich konnte an fast nichts anderes denken als an Essen, als ich am Weg mit zwei Wochenendausflüglern ins Gespräch kam. „Möchtest du einen Schokoriegel?“, fragten sie mich beim Abschied und drückten mir ihren restlichen Proviant in die Hand. Als ich die Verpackung aufriss und sofort in die weiche, süße Schokomasse biss, überfiel mich ein überwältigender Glücks-­Flash – und eine Erkenntnis: Wenn die beiden mir 100 Euro geschenkt hätten, hätte mich das bei Weitem nicht so glücklich gemacht wie dieser billige Riegel für 50 Cent. Während mir mein schwer verdientes Geld in meinem vorherigen Leben als Geschäftsfrau lediglich ein diffuses und abstraktes Glücksgefühl bescherte, ist die Freude auf dem Trail direkt, körperlich – und meist umsonst.

Unterwegs ist mein Tag prall angefüllt mit Glücksmomenten: Morgens starte ich bei Sonnenaufgang mit Vogelgezwitscher in den Tag, mittags erfrische ich mich nackt beim Schwimmen in einem See und abends krieche ich erschöpft aber dankbar für den wunderbaren Tag in mein Zelt. Ich lebe komplett im Hier und Jetzt, denn dieses einfache und freie Leben lässt keinen Raum für frustrierte Rückblicke in die Vergangenheit oder Angst vor der Zukunft.

Als ich losgewandert bin, habe ich das große Glück nicht gesucht, aber unterwegs dennoch gefunden – trotz Platt­füßen, X-Beinen und Übergewicht.

Weiterlesen:
Christine Thürmer: Wandern. Radeln. Paddeln (16.99 €) und Laufen. Essen. Schlafen (16.99 €), beide Malik Verlag.

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