ESC: Douze points für Netta!

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Sie gackert und gluckst, sieht aus wie eine Sumo-Ringerin und singt Sätze wie: „I’m not your toy, you stupid boy!“ Kein Zweifel: Netta Barzilai wird die Altice Arena in Lissabon rocken, wenn sie dort am 12. Mai zum Finale des Eurovision Song Contest (ESC) für Israel antritt. Mit ihrem schrillen Elektropop-Song zur MeToo-Debatte und ihrem gewichtigen Auftritt dürfte die 25-jährige DJane aus Tel Aviv der feministischste ESC-Beitrag aller Zeiten sein. Zuletzt hatte Israel im Jahr 1998 den ESC mit Dana International, einer Transsexuellen, gewonnen.

Netta leistete ihren Wehrdienst im Musikkorps der israelischen Armee ab und studierte danach an einer Musikhochschule in Tel Aviv. Sie hat georgische Wurzeln und lebte zeitweise in Nigeria. Mit ihrem Song singt sie auch gegen Ausgrenzung an und gegen den enormen Druck auf Frauen, sich anpassen zu müssen. „Du musst nicht dem Standardbild davon entsprechen, wie jemand aussehen, denken, reden und kreativ sein muss, um Erfolg zu haben“, sagt Netta. „Mein Song drückt weibliche Stärke aus und ich bin superstolz, ihn singen zu dürfen“, sagt Netta.

Wunderbarerweise sehen die Wettbüros die Anti-Barbie schon jetzt auf Platz 1. Netta selbst findet sich „revolutionär“. Recht hat sie.

Douze points für Netta!

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Raabs Song Contest – Ein Alptraum!

Bundesvision Song Contest - und keine Frau weit und breit. © ProSieben/Willi Weber
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Conchita Wurst, die Frau mit dem Bart, die im Mai völlig überraschend den „Eurovision Song Contest“ gewann, hat offensichtlich nicht viel verändert: Beim diesjährigen „Bundesvision Song Contest“ von Stefan Raab waren wieder nur die Männer mit den Bärten dran. Und zwar fast ausnahmslos. Der innerdeutsche Musikwettbewerb, den ProSieben am Samstagabend ausstrahlte, war ein geschlechterpolitischer Albtraum. Gewonnen hat in der Jubiläumsshow die Softrock-Band Revolverheld mit dem Song „Lass uns gehen“.

Die Sieger sind männlich, weiß, und tragen kurze Haare mit gepflegtem Bart.

Da wirkt der in Schlager- und Folklore-Tradition stehende „Eurovision Song Contest“ heute progressiver als Stefan Raabs Gegenentwurf, der einst als Talentshow mit „richtiger Musik“ antreten wollte.

Unter den 16 teilnehmenden, zum Teil etablierten Acts wie dem deutschen Rapper Marteria und dem Singer/Songwriter Andreas Bourani, waren gerade mal zwei Sängerinnen. Und diese beiden Sängerinnen landeten dann auch noch auf den hintersten Plätzen.

Kitty Kat, die im deutschen HipHop keine Unbekannte mehr ist und immerhin schon drei respektable Alben veröffentlicht hat, sogar ganz auf dem letzten. Miss Platnum, die für Berlin antrat (was eigentlich ein Vorteil ist) und ohnehin zu den bekannten Acts des Wettbewerbs gehörte, konnte nur Platz 12 für sich verbuchen. Obwohl sie einen wirklich außergewöhnlichen Song am Start hatte, der das Feiern ohne Geld, dafür mit „Hüftgold“ zelebriert.

Aber so viel smoothe Bekenntnis zu Fett, Spaß und Armut ist dem spießigen Status quo der Raab-Show scheinbar nicht zuzumuten. Sieger sehen im deutschen Pop nämlich so aus: Sie sind männlich und weiß, sie tragen kurze Haare mit gepflegtem Bart, haben eine schlanke Silhouette und bevorzugen bei Anziehsachen die Farben weiß, blau und schwarz. So, wie der sexy Hipster eben dem Klischee nach auszusehen hat.

In einem solchen soulig-angehauchten, vom Machismo des HipHop gestärkten Rockpop für alle gibt es keine Ecken und Kanten, keine Queerness und schon gar keine Frauen mehr. Außer im Background-Gesang. Merke: Wenn du eine Frau im Bild haben willst für die Zuschauerquote, dann hilft nur Chorgesang. Selbst, wenn du in einer Rockband spielst.

Viel Machismo, keine Queerness - und schon gar keine Frauen.

Die einzig gemischte Band an diesem Abend auf ProSieben war die Hamburger Gruppe „Tonbandgerät“ um die gitarre- und bassspielenden Schwestern Isa und Sophia Poppensieker. Aber die Freude, dass es auch mal zwei Instrumente beherrschende Frauen in einer Rockband gibt, wurde uns von der machistischen Gesamtausstrahlung rasch zerstört.

Diese ProSieben Sendung, die ihren Marktanteil bei den 14- bis 49-Jährigen sucht, beweist eindeutig, dass der deutsche Pop unter ein emanzipatorisches Niveau zurückgefallen ist, das selbst wir nicht mehr für möglich gehalten hätten. Verwechselt da irgendjemand Popkultur mit Männerfußball?

Ausgerechnet in Zeiten von staatlich ermöglichtem Gender Mainstreaming hat sich in der marktorientierten deutschen Rock- und Poplandschaft der softe Machismo seinen trotzigen Weg gebahnt. Aber daran sind auch die Frauen selbst schuld. Es ist nämlich ein bekanntes Phänomen, dass Mädchen lieber für Jungs als für Mädchen anrufen. Allerdings: Wenn es auch nur zwei weibliche Acts zum Voten gibt...

Mehr von Kerstin und Sandra Grether auf ihrem Blog "Freundinnen der Nacht".

 

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