Femen: Sexindustry kills!

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Die Männer, die vor dem Berliner Messegebäude Schlange standen, sind äußerst irritiert. Zwar erwarten sie im Innern der sogenannten Erotikmesse „Venus 2019“ Frauen, die auf der „Kinky-Bühne“ geschlagen werden, Frauen in Käfigen oder solche mit riesigen Silikonbrüsten. Aber mit den barbusigen Femen vor dem Gebäude hatten sie nicht gerechnet. Die tragen einen Sarg bis vor die Treppenstufen und stellen ihn dort ab. Darin eine weibliche „Leiche“. Auf ihrem Körper steht: „Sexindustry kills“.

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„Frauen in der Prostitution sind der psychischen und körperlichen Gewalt durch Freier und Zuhälter ausgesetzt“, erklären die Femen und mit ihnen „Sisters – für den Ausstieg aus der Prostitution“, das Netzwerk Ella, der EMMA-Club Berlin und weitere feministische Initiativen. Auch in der Pornografie sei Gewalt an der Tagesordnung. „Im Internet finden sich unzählige Videos, die nicht einvernehmlich gedreht wurden, oder ohne das Wissen und die Zustimmung der Gezeigten verbreitet werden. Millionen von Konsumenten masturbieren täglich zu dieser Gewalt.“

Diese Gewalt hat nicht selten tödliche Folgen. Und da geht es nicht nur um die regelmäßigen Morde an Frauen in der Prostitution, sondern auch um Tod durch „Geschlechtskrankheiten, Suizid, Gewalt und Drogenkonsum“. „Wir gedenken daher den Opfern der Sexindustrie!“

Inzwischen hat offenbar auch so mancheR BundestagsabgeordneteR verstanden, dass Prostitution nichts mit „sexueller Selbstbestimmung“ zu tun hat und dafür sehr viel mit Gewalt. „Es gibt keine andere Arbeit, bei der Menschen so kaputtgemacht werden“, erklärte die Bundestagsabgeordnete Leni Breymaier auf dem Landesparteitag der SPD Baden-Württemberg am 12. Oktober in einer bewegenden Rede.

Prostitution wie eine normale Arbeit zu behandeln, sei „eine groteske Verharmlosung der Ausbeutungs- und Gewaltverhältnisse in der Sexindustrie“. Die Liberalisierung von 2002 sei „kläglich gescheitert“: „Keine 70 Frauen in der Prostitution sind sozialversichert. Seit 2002 haben wir einen Feldversuch an Frauen.“ Am Ende beschloss die SPD Baden-Württemberg, sich für die Freierbestrafung einzusetzen. Das sogenannte Nordische Modell, das neben dem Sexkaufverbot die Frauen in der Prostitution völlig entkriminalisiert, gilt inzwischen in Schweden, Norwegen, Island, Irland Frankreich und Israel.

Aber nicht nur in Baden-Württemberg, sondern auch in Berlin scheinen immer mehr PolitikerInnen zu begreifen, dass auch Deutschland endlich handeln muss. Leni Breymaier, Vorsitzende von Sisters, hat Bundestagsabgeordnete aller Parteien für einen interfraktionellen Arbeitskreis gewonnen, der für das Nordische Modell kämpft. Allen voran die CDU.

"Das Frauenbild vieler Männer ist durch käuflichen Sex geprägt"

„In vielen Fällen werden die Prostituierten auf unvorstellbare Weise ausgebeutet“, hatte Elisabeth Winkelmeier-Becker, die rechtspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Fraktion, schon im September erklärt. „Wir sind außerdem als Gesellschaft betroffen, wenn das Frauenbild vieler Männer durch käuflichen Sex geprägt wird. Es ist deshalb notwendig, dass wir zu einem Paradigmenwechsel kommen. Deutschland darf nicht das Bordell Europas sein.“

„Wir werden auf den Koalitionspartner zugehen und hoffen, dass er dieses Vorhaben unterstützt“, bestätigte Thorsten Frei, der stellvertretende Unions-Fraktionschef. Wir dürfen gespannt sein.

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Femen gegen Saarbrücker Bordell

Die Femen warfen den Paradise-Betreibern eine Ladung Äpfel vor die Füße. Foto: Ralph Stanger
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Das hatten sich Jürgen Rudloff und sein "Pressesprecher" Michael Beretin sicher anders vorgestellt: Gestern am frühen Abend luden der Chef der Großbordellkette "Paradise" und sein PR-Mann die Presse vor die Tore ihrer fünften Sexfabrik, diesmal in Saarbrücken. (Das ist so schön nah an Frankreich, wo die Prostitution jetzt verboten ist und die hartnäckigsten Freier schon lange Grenzgänger sind.) Anlass: Die Eröffnung des Bordells am 4. Juli. Aber es kamen nicht nur Journalisten.

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Wellness-Wichsen -
Nicht mit uns!

„Eve is angry!“ - Eva ist sauer! - erklärten die Femen. Die drei Frauen rasten mit dem Auto vor das Bordell, sprangen aus dem Wagen und warfen den Paradise-Betreibern eine Ladung Äpfel vor die Füße: „Adam, go to hell!“. Die „Pimp-Punishers“ (etwa: Freier-BestraferInnen) hatten „Wellness-Wichsen, nicht mit uns!“ auf ihre nackten Oberkörper geschrieben. Und sie skandierten: „Eva hat den Mann schon einmal aus dem Paradies vertrieben – und wir werden es wieder tun!“

Denn das wissen nicht nur die Femen: Rudloffs so genanntes Paradies für die Männer ist die Hölle für die Frauen. Die Bordellbetreiber schienen dennoch überrascht. „Zuerst haben die beiden uns noch ausgelacht – aber dann sind sie völlig ausgeflippt“, berichtet Zana von den Femen im Gespräch mit EMMA zufrieden.

Und die Femen waren nicht die einzigen! Auch rund hundert BürgerInnen aus Saarbrücken demonstrierten mit. Sie sind aktiv in dem Aktionsbündnis gegen das Großbordell, das am Rande eines Gewerbegebiets liegt. Im angrenzenden Wohngebiet wird gerade ein neuer Kindergarten gebaut.

Die französische Grenze ist nicht weit. In Frankreich hat das Parlament im letzten Jahr die Bestrafung der Freier beschlossen. Eine profitable Lage für Rudloff also, der auf die Sextouristen aus dem abolitionistischen Nachbarland zählt. Rund 4,5 Millionen Euro hat er angeblich in das neue Paradies investiert, die wird er schnell wieder drin haben. Schließlich haben Frauenhandel & Prostitution noch höhere Profitraten als der Waffenhandel, nämlich bis zu 1.000 Prozent.

Dass Menschen gegen seinen „Wellness-Tempel“ im orientalischen Stil protestieren, kann er so gar nicht verstehen, erklärte Rudloff unlängst der Welt. Schließlich schaffe er doch Arbeitsplätze und zahle Steuern. Der Großbordellier wörtlich:  "Was wir wollen, ist doch nur ein kleines bisschen Dankbarkeit."

Aber die BürgerInnen von Saarbrücken sind nicht dankbar, sie sind sauer: „Wir finden nicht, dass Frauen etwas sein sollen, was man so eben mal mitkauft, nachdem man in der Sauna war“, sagt Anette Kleinhorst aus Saarbrücken. Sie hat die Demonstration vor dem Paradise mitorganisiert.

Nur ein kleines bisschen Dankbarkeit?

Auch Oberbürgermeisterin Charlotte Britz (SPD) und die Ministerpräsidentin des Landes Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) - beide Erstunterzeichnerinnen des EMMA-Appells “Prostitution abschaffen!“ - machen aus ihrem Ärger über Rudloffs Pläne keinen Hehl. Aber sie konnten gegen den Bau des Großbordells nichts ausrichten. Dank der Prostitutionsreform aus dem Jahr 2002 waren beiden Frauen die Hände gebunden.

Jetzt hat Saarbrücken also ein neues Paradies, in das wöchentlich "Frischfleisch" abgekarrt wird, vornehmlich aus Osteuropa. 4.500 Quadratmeter ist das Paradies groß, zwei Stockwerke hoch, 50 Prostituierte werden in 30 Zimmern arbeiten. Mit mindestens 120 Freiern pro Tag rechnen die Betreiber.

Und sie können ihr zynisches Geschäft mit den Körpern und Seelen in Deutschland, dem "Bordell Europas" ungehemmt betreiben - solange Berlin nicht handelt und endlich das skandalöse Zuhälter-Gesetz von 2002 ändert!

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