SISTERS sagen Politik den Kampf an!

Leni Breymaier, Sabine Constabel und Huschke Mau stellen SISTERS in Berlin vor. © Britta Pedersen/dpa
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Nach zehn Jahren Prostitution konnte Huschke Mau einfach nicht mehr. Die junge Frau wollte aussteigen. Sie ging zu einer Beratungsstelle. Da sagte man ihr: „Wenn du aussteigen willst, dann geh halt nicht mehr ins Bordell!“ Sie sei „total geschockt“ gewesen, erklärt sie: „Prostituierte, die aussteigen wollen, haben riesige Probleme: Sie werden bedroht, haben Schulden und häufig auch Suchtprobleme.“ 

Was da an diesem Vormittag in Raum 107 der Bundespressekonferenz in Berlin lief, war eine Premiere für Deutschland. Bisher waren in den Medien vor allem Prostituierte zu sehen und zu lesen, die es „freiwillig“ und vor allem „gerne“ tun. Jetzt gibt SISTERS erstmals Prostituierten eine Stimme, die offen sagen, wie zerstörerisch die Prostitution für sie ist – und kritisiert die falsche Toleranz mit dem System Prostitution und dessen Profiteuren. 

Die Zeit scheint reif. Das war auch den JournalistInnen in dem kleinen überfüllten Konferenzraum anzumerken, die den drei Frauen vorne auf dem Podium sehr aufmerksam zuhörten und sehr genaue Fragen an sie stellten: der Sozialarbeiterin und Streetworkerin Sabine Constabel, der Gewerkschafterin und SPD-Politikerin Leni Breymaier, sowie der Studentin und Ex-Prostituierten Huschke Mau. Danach zum Beispiel, was die SISTERS zu der geplanten Reform des Prostitutionsgesetzes sagen. 

Harsche Kritik an der Toleranz mit dem System Prostitution

Die sei „eine Katastrophe“, erklärte die erfahrene Sozialarbeiterin Constabel. „So, wie die Reform der Reform jetzt angedacht ist, nutzt sie weiterhin eher den Zuhältern und Bordellbetreibern als den Frauen in der Prostitution.“ Constabel arbeitet seit 25 Jahren mit Prostituierten und bedauert, dass es „in Deutschland sehr, sehr wenig Hilfsangebote für Prostituierte gibt. Und die wenigen, die es gibt, können von den Frauen oft nicht angenommen werden.“ Warum nicht? „Weil man ihnen dazu signalisieren müsste, dass man um ihre Not weiß.“

Das aber ist in Deutschland, wo Prostitution seit der fatalen rot-grünen Reform von 2002 als „Beruf wie jeder andere“ gilt, nicht angesagt. Die von der Sexindustrie-Lobby gestützte (oder gar initiierte?) Fraktion der „Sexarbeiterinnen“ argumentiert vor allem damit, dass die „Nichtakzeptanz der Prostitution stigmatisierend“ sei und der Grund allen Übels. Die SISTERS aber sagen, dass die Prostitution selbst das Übel ist, das die Frauen zerstört.

Nun droht auch das neue „Prostituiertenschutzgesetz“ nach 13 Jahren zum zweiten Mal von der Lobby der Sexindustrie bis zur Wirkungslosigkeit zerrieben zu werden. „Wir haben die Hoffnung aufgegeben, dass in naher Zukunft gesetzliche Regelungen kommen, die die Prostituierten wirklich schützen“, erklärte Constabel.

Deshalb ergreifen jetzt engagierte Fachfrauen und ausgestiegene Prostituierte wie Huschke Mau die Initiative. Mau: „Ich wünsche mir eine andere Stimme als die der so genannten ‚Sexarbeiterinnen‘ von der Pro-Prostitutions-Lobby, die zur Hälfte aus Dominas und zur Hälfte aus ZuhälterInnen besteht.“ Die junge Frau, die auch offen über den sexuellen Missbrauch in ihrer Kindheit sprach („Später dachte ich: Dann tu ich es jetzt wenigstens für Geld“), hat es nach vielen einsamen Versuchen doch noch geschafft auszusteigen. Und jetzt möchte sie dazu beitragen, dass auch andere in die Prostitution abgerutschte Frauen wieder herausfinden aus „der Hölle“. „Als ich aussteigen wollte, habe ich davon geträumt, dass es einen Verein wie SISTERS gibt.“

Hunderttausende Prostituierte
aus Osteuropa -
und niemand
schaut hin.

Und was macht die Gewerkschafterin vorne am Podium? Sie habe, erzählt Leni Breymaier, die baden-württembergische ver.di-Chefin, im Sommerurlaub ein Buch über die deutsche Besatzung in Polen gelesen. Und da gab es eine Szene in einem Danziger Caféhaus: Während drinnen die feinen Damen an ihrem Tee nippten, wurden draußen Juden von der SS vorbeigetrieben. Die Damen schauten kurz auf und führten sodann ihre Gespräche fort. Breymaier: „So ähnlich kommt es mir heute vor: Wir haben Hunderttausende Armutsprostituierte aus Osteuropa mitten unter uns – und niemand schaut hin!“ 

Dabei seien in der Prostitution alle Spielregeln, die in anderen Berufen gelten, außer Kraft gesetzt, klagte die Gewerkschafterin. „Von einem Mindestlohn können die Frauen nur träumen, Arbeitsschutz
existiert schlicht nicht.“ Ob es denn nicht auch andere Berufe gäbe, die für Frauen hart seien? „Beruf?“, konterte Breymaier, die unter anderem an der
Seite der Schlecker-Frauen kämpfte: „Prostitution ist kein Beruf. Das ist eine Menschenrechtsverletzung!“ Und Huschke Mau sekundierte: „Ich kenne keinen Beruf, in dem Sucht und Traumatisierung zum normalen Berufsrisiko gehören.“ Und überhaupt: Sie könne „das Gequatsche von der ‚Sexarbeit‘ nicht mehr hören“.

Auch Leni Breymaier, die außerdem stellvertretende Vorsitzende der SPD Baden-Württemberg ist, ging die Politik hart an: „Deutschland ist heute das Bordell Europas. Für mich ist das unerträglich. Die Politik wäre gefordert, aber sie kommt ihrer Aufgabe nicht nach. Ich möchte deshalb den Frauen meine Hand reichen, die diese Hand nehmen wollen.“

Die Idee: ehren-
amtliche Helfe-
rinnen betreuen
Prostituierte

Die Idee, den Verein SISTERS zu gründen, tauchte Anfang des Jahres auf. Sie kam aus dem Kreis der engagierten Frauen um Sabine Constabel. Seit vielen Jahren hat Constabel gute Erfahrungen gemacht mit ihrem „Stuttgarter Modell“ der ehrenamtlichen Helferinnen. Die betreuen Prostituierte auf dem Strich, im Laufhaus oder auch in dem Prostituierten-Café „La Strada“. Ihre Hilfe geht von der einzigen warmen Mahlzeit am Tag für die Frauen auf der Straße, über Beratung bei Gewalt oder Schwangerschaft bis hin zur Begleitung beim Ausstieg. 

„Ich bekomme regelmäßig Anrufe von Frauen, die mich fragen: ‚Was kann ich tun?‘“, sagt Constabel. Warum also nicht versuchen, dieses „Stuttgarter Modell“ der „Patinnen“ über ganz Deutschland zu verbreiten? Und das selbstverständlich in Kooperation mit Organisationen, die bereits heute wirkliche Ausstiegsarbeit machen, wie zum Beispiel Solwodi.

Zusätzlich zu diesen wenigen bereits existierenden Organisationen, bisher ausnahmslos christliche, treten jetzt also die weltlich-humanistisch motivierten SISTERS an. Sie appellieren an Frauen in ganz Deutschland, sich für den Job einer begleitenden „Sister“ zu melden. Dafür bieten sie Qualifikationskurse an. „Sie müssen keine Expertin sein“, schreiben sie auf ihrer Website. „Lebenserfahrung und Einfühlungsvermögen können genügen.“ Constabel: „Die Frauen brauchen einfach jemanden, der ihnen signalisiert: Wir wissen um deine Not. Und der sie an der Hand nimmt und mit ihnen in eine neue Welt geht.“

SISTERS wollen auch aufklären über die Folgen des Frauenkaufs

Constabel hat schon viele Frauen dazu gebracht, ihrer Familie zu verkünden, dass „sie jetzt eben nicht mehr 200 Euro im Monat nach Hause schickt, sondern nur noch 100 Euro“. Das sei selbst im Niedriglohnbereich leicht zu bewerkstelligen, denn: „Die Kosten für die Prostitution sind enorm. Die Frau muss für ihr Bordellzimmer und womöglich noch für das ihres ‚Aufpassers‘ mindestens sieben Freier machen – am Tag.“ Fallen diese Kosten weg, könne eine Aussteigerin selbst mit einem Job als Kellnerin oder Zimmermädchen mehr verdienen.

Die SISTERS wollen der Mehrheit der Armuts- und Zwangsprostituierten helfen, die oft kaum ein Wort Deutsch verstehen, aber auch der Minderheit der deutschen Prostituierten, die ebenfalls nicht selten im Teufelskreis der sexuellen Gewalt stecken – so wie einst Huschke Mau. Die erklärte auf der Pressekonferenz, dass die Trennung zwischen „sauberer“ deutscher Prostitution und „schlimmer“ ausländischer Prostitution ein Mythos sei. „Die Rechnung deutsch gleich freiwillig geht nicht auf“, sagte Mau. „Ich habe in zehn Jahren Prostitution keine einzige Frau erlebt, die keine Gewaltgeschichte hatte, und die nicht traumatisiert in die Prostitution gegangen ist – und noch traumatisierter wieder herauskam.“ Auch Mau selbst kommt aus einer Familie, „die mich für die gewalttätigen Übergriffe in der Prostitution vorbereitet hat“.

Es geht darum den Frauen zu vermitteln: "Du bist etwas wert!"

Aber die SISTERS wollen mehr als „nur“ helfen. Die SISTERS wollen auch aufklären. Aufklären über die erschütternde Lage von Hunderttausenden von Frauen in Deutschland, mitten unter uns. Und die werden in Zeiten der Flüchtlingsströme eher mehr als weniger. Und sie wollen aufklären über die Folgen der Akzeptanz des Frauenkaufs für alle Frauen und Männer in unserem Land. Sie wollen in Zukunft auch in Schulen, Bürgerzentren und Anhörungen auftreten, um den Menschen die Augen zu öffnen.

Die Reaktionen auf die Pressekonferenz der SISTERS Ende September in Berlin waren schon in den Tagen danach beachtlich; zahlreiche Presseagenturen, Zeitungen und Zeitschriften berichteten. Vor allem die Kritik von SISTERS an der stockenden Reform und der, im besten Fall, hilflosen Politik wurde breit zitiert. Und allein in den ersten Tagen klickten rund 2 500 die Webseite der SISTERS an und liketen 467 die SISTERS auf Facebook. Ganz klar: Die SISTERS werden gebraucht.

www.sisters-ev.de

Aktualisiert am 4.11.2015
 

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„Ich habe die Schnauze voll von euch!“

Die Frau ist keine Ware! Femen protestieren gegen Prostitution.
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Liebe Stephanie Klee,

ich nehme Bezug auf das Interview, dass das Stadtmagazin Zitty Berlin mit Dir geführt hat und ich möchte mich zunächst bei Dir dafür bedanken, dass Du es gegeben hast. Denn hätte ich es nicht gelesen, würde ich immer noch schweigen. Zunächst mal: Ich darf Dich doch duzen? Wo wir doch sozusagen Kolleginnen sind. Denn ja, auch ich kenne die Prostitution gut, ich habe zehn Jahre in ihr verbracht.

Weißt Du, ich finde Deine Aussagen über die Prostitution ganz bemerkenswert. Mich wundert nur ein bisschen, dass Du vergessen hast, einige – mir doch recht wichtig erscheinende Dinge – zu erwähnen.

Zunächst einmal hast Du vergessen, die grundsätzliche Frage zu stellen, ob es der Prostitution überhaupt bedarf. Es ist schön, dass Du wenigstens nicht das alte, abgenudelte Pseudoargument verwendest, ohne Bordelle triebe es die Vergewaltigungsrate hoch (was ja bedeutet, Männer können ihre Triebe nicht kontrollieren, und kämen sie nicht zum Stich, könnten sie ja nicht anders als zu vergewaltigen).

Aber wozu braucht die Gesellschaft Prostitution, Stephanie? Wozu braucht es die Tatsache, dass Männer Frauen kaufen dürfen (denn die meisten Prostituierten sind weiblich, und die, die männlich sind, bedienen das Homosexuellenmilieu). Wie erklärst Du Dir denn diese Tatsache und was sagt sie für Dich aus? Anscheinend ist das für Dich kein Merkmal eines Machtverhältnisses. Und da ist er schon, der erste blinde Fleck auf Deiner Linse.

Der einzige,
der sich bei Prostitution auslebt, ist
der Freier!

Du schreibst, Prostitution sei Sex. Weißt Du, für Sex, da gehören für mich mindestens zwei Personen dazu. Und nicht eine, die die sexuellen Wünsche ausschließlich (!) des Kunden bedient und dabei ihre eigene Sexualität und sich selbst, ihre Person, ihre Persönlichkeit „wegmachen“ muss.

Ich möchte Dich gerne fragen, in welchem Prostitutionsmilieu Du so lebst, wenn Du nicht mitbekommen hast, dass die „Spielarten“ von „Sexualität“, sprich die „Wünsche“ der Freier immer gewalttätiger werden und immer mehr auf Demütigung abzielen. Lies doch mal in den Freierforen, liebe Stephanie, da steht sehr deutlich, dass Männer (Freier) es als Ausdruck ihrer Macht empfinden, wenn sie Frauen im Bordell ins Gesicht spucken, ihr das Sperma „reinspritzen“ dürfen; wenn sie in Sachen Analverkehr schauen wollen, wie viel die Frau „verträgt“; wenn sie ihr ins Gesicht spritzen und wollen, dass sie das Sperma schluckt, nachdem sie, die Freier, ihr den Schwanz bis an die Mandeln reingewürgt haben.

Lies Dir die Sprache in den Freierforen doch mal durch, lies Dir durch, wie ihnen dabei einer abgeht, wie sie es genießen zu wissen, dass die Frau das nicht mag, sondern nur für Geld macht, es aber tun muss, weil sie die verdammte Kohle braucht, oder weil im Nebenzimmer ein Typ sitzt. Wie sie ganz bewusst die Grenzen testen und übertreten und sich ihrer sadistischen Seite dabei, wenn nicht ganz hingeben, so doch zumindest deutlich bewusst werden. Es geht in der Prostitution nicht um Sex, es geht um Macht. Und nur um Macht. Tu nicht so, als könnten Frauen sich dort ausleben in ihrer Sexualität, der einzige, der sich auslebt, ist der Freier, dessen Wünsche Du erfüllst. Und zwar auf Deine Kosten.

Und nein, Stephanie, der Freier vergisst dieses Machtgefühl, das er sich gekauft hat, nicht. Er vergisst nicht, dass Frauen verfügbar sind, dass er sie sich nehmen kann, dass sie dazu da sind, seine Wünsche zu erfüllen, dass sie ihre Sexualität und Seele beim Akt wegmachen und keine Bedürfnisse/Grenzen/Wünsche haben dürfen. Oh nein. Er nimmt dieses Gefühl, dass Sex für ihn mit Macht gleichsetzt, mit raus aus dem Bordell und es wirkt sich auf seinen Umgang mit sich nichtprostituierenden Frauen aus. Prostitution ist Gewalt. Eine Männerbefriedigungsmaschine.

Tu nicht so, als hättest Du nie Freiergewalt erlebt, und erzähl nicht die Mär vom lieben, netten Kunden, der nur kuscheln will und Deine Grenzen immer achtet. Deutschland hat Prostitution legalisiert, und zu was hat das geführt? Zu noch mehr Prostitution und vor allem: zu immer krasserer Nachfrage. Und damit meine ich nicht nur, dass es immer mehr Freier gibt, weil Männer lernen, dass es okay ist, sich Frauen zu kaufen. (Ja, ich höre schon das Pseudoargument, der Freier kaufe ja keine Frau, sondern eine „Dienstleistung“, was für ein Unsinn! Kannst Du Deine Muschi, Deinen Arsch, Deine Brüste, Deinen Mund und das, was Du damit machst, von Dir abkoppeln? Berührt wird immer der ganze Mensch.)

Ihr sprecht NICHT für mich und für keine Prostituierte, die ich kenne!

Schau Dir mal an, was Freier so wollen: Küssen, alles ohne, Analverkehr (auch ohne), Französisch total (heißt Sperma schlucken), Zungenanal, Faustfick, ins Gesicht spritzen, sie wollen Gangbang- und Rape-Partys, sie wollen immer jüngere Mädchen, sie wollen „tabulose“ Mädchen, die darauf konditioniert sind, ALLES zu machen, was der Freier will. Sie wollen Flatrate-Ficken, so viele Mädchen/Frauen wie möglich, alles im Clubeintritt inbegriffen.

Wie erklärst Du Dir das? Es ist doch eindeutig, dass sich mit der Legalisierung der Prostitution ihr wahres Wesen offenbart: Gewalt. Völlige Verfügbarkeit von Frauenkörpern. Das hemmungslose Ausleben von Männermacht. Und: sexualisierte Folter.

Denn, liebe Stephanie, wenn Du Dich mal in den Freierforen umschauen würdest, würdest Du sehen, dass Freier Frauenhasser sind. Dass sie es lieben, Frauen zu quälen, an deren Grenzen des Ertragbaren zu gehen. Und noch was: Freier wollen Zwangsprostituierte. Denn bei denen können sie sich sicher sein, dass die Praktiken mitmachen (müssen), die jede „anständige“ deutsche Prostituierte vom alten Schlag ablehnen würde. Das ist, was Freier wollen.

Wie schaffst Du es zu übersehen, dass mittlerweile in jeder Stadt mehrere Großbordelle stehen, in denen fast nur Frauen arbeiten, die kaum oder wenig Deutsch sprechen, die von ihren „Beschützern“ morgens hingebracht und abends abgeholt werden und die Praktiken anbieten, die weh tun und gesundheitsgefährdend sind? Steh‘n die da drauf oder wie? Alles Masochistinnen? Und Du schreibst, für diese Frauen (aus Rumänien, aus Bulgarien) sei Prostitution eine tolle Alternative? Du findest, Prostitution ist eine tolle Alternative zu Armut?

Du redest von Prostitution, als sei sie etwas, das erstrebenswert wäre, das toll sei für Frauen und Mädchen. Warum erwähnst Du nicht, welche Gründe Frauen in die Prostitution treiben? Und da nehme ich die Zwangsprostitution jetzt schon mal raus. So nebenbei, was ist für Dich Zwang? Sich aus Armut und fehlender Perspektivlosigkeit heraus für die Prostitution entscheiden zu müssen? Das ist für Dich kein Zwang, sondern eine tolle Chance? Selbst Frauen, die „freiwillig“ einsteigen, sind im Gewerbe Zwang ausgesetzt.

Wenn die Zimmermieten so hoch sind, dass sie einen Freier annehmen müssen, obwohl sie nicht wollen, weil sie sich sonst beim „Vermieter“ in Schulden stürzen, zum Beispiel. Wenn sie sich nicht trauen, einen Freier abzulehnen, weil es sonst wieder Stress mit den „Aufpassern“ oder dem „Bordellinhaber“ gibt, der es eben nicht gerne sieht, wenn seine Mädels im Ruf stehen zu „zicken“.

Du stellst es geradeweg so dar, als wollten Frauen sich im Gewerbe ausleben. Liebe Stephanie, ich bin eine von den vielbeschworenen „freiwilligen“ Prostituierten. Mit 18 habe ich angefangen, nachdem ich 17 Jahre lang von meinem Stiefvater verprügelt und sexuell missbraucht worden und von Zuhause abgehauen bin. Ich dachte, ich kann nur das, ich bin nur zum Ficken gut. Und wenn ich eh nur dafür gut bin, dann ist das jetzt meine Lebensversicherung, die mir mein Überleben ermöglicht.

Am Anfang dachte ich noch, ich hätte Macht. Schau da, sie zahlen sogar für Dich. Ich habe mit Hilfe der Prostitution den Zugang zu meinem Körper reguliert. Gelernt habe ich: Über Dich dürfen eh alle drüber. Und dann durfte ich aussieben: Nee, nicht mehr alle, nur noch die, die es sich leisten können.

Ich bin da nicht die einzige. Ich habe keine einzige Prostituierte erlebt, die nicht, als Kind oder als Erwachsene, sexuell missbraucht/vergewaltigt worden wäre oder anderweitig sexualisierte Gewalt erlebt hätte. Und ich wage die steile These, dass unsere Gesellschaft den massenhaften Missbrauch junger Mädchen deswegen nicht konsequent verfolgt, weil er ihr nutzt. Missbrauch ist wie frühes Einreiten. Das ist praktisch, denn durch Missbrauch lernen Frauen/Mädchen zu dissoziieren, sich wegzumachen dabei. Nicht da zu sein (und das ist genau das, wofür der Freier zahlt – dafür, dass der Wille der Frau in dem Moment nicht da ist, denn er hat ihn wegbezahlt).

Der Zusammenhang zwischen sexuellem Missbrauch und Prostitution ist längst belegt, mindestens 60 Prozent (andere Statistiken sprechen von bis zu 90 Prozent) aller weiblichen Prostituierten wurden als Kind sexuell missbraucht. Das einzige, was diese Frauen ausleben, Stephanie, ist die Reinszenierung ihrer Traumata, die sie so zu verarbeiten hoffen, aber natürlich nicht können. Und Du willst da keine Hilfe aus der Prostitution, sondern Einstiegshilfen in die Prostitution, ja?

Tu nicht so, als hättest Du nie Freiergewalt erlebt!

In der Prostitution leben Frauen, die traumatisiert sind, und die durch die Prostitution weiterhin traumatisiert werden. Oder wie erklärst Du Dir, liebe Stephanie, dass Prostituierte (auch ich) massenhaft an posttraumatischen Belastungsstörungen leiden (Studien sprechen von mindestens 60 Prozent mit einer voll ausgeprägten PTBS)?

Du erzählst, Prostitution versetze Prostituierte in Hochgefühle, sie seien glücklich, den Kunden glücklich gemacht und Geld in der Tasche zu haben. Aber was heißt „den Kunden glücklich machen“? Das bedeutet doch auch nur, dass ich erfolgreich gewalttätig gegen mich selber geworden bin (indem ich mich wegmache, meinen Ekel, meinen (Wider-)Willen), damit der Kunde gewalttätig an mir werden kann, indem er mich für seine Wünsche benutzt. Und das macht Prostituierte also glücklich, ja? Macht es Dich glücklich, zu dissoziieren und nicht da zu sein?

Du sagst, erst wenn die Prostituierte aus der Bordelltür trete, begänne ihre Traumatisierung, und diese beruhe auf ihrer gesellschaftlichen Diskriminierung. Dazu möchte ich Dir gerne was erzählen, Dir, die Du denkst, es bräuchte Einstiegshilfen statt Ausstiegshilfen.

Ich bin eine von denen, die sich prostituiert haben, als Prostitution in Deutschland längst nicht mehr sittenwidrig war. Soll ich Dir sagen, zu was das geführt hat? Ich habe mich, wie der Großteil aller Prostituierten, nicht als solche angemeldet, weil ich Angst hatte, dann nicht mehr aussteigen zu können. Weil ich Angst hatte, gefragt zu werden, warum ich nicht mehr als Prostituierte arbeiten will, wo das doch ein Beruf wie jeder andere sei. Und genau das ist passiert, als ich aussteigen wollte. Ich habe auf dem Gesundheitsamt Hilfe gesucht und erntete Unverständnis. Und kam nicht raus.

Was hätte ich dem Arbeitsamt denn erzählen sollen, wenn ich einen ALG-II-Antrag stelle, um nicht mehr täglich zehn Schwänze lutschen zu müssen, damit ich wo wohnen und was essen kann? Wovon, würden sie fragen, hätte ich gelebt die letzten drei Monate? Und wenn ich es gesagt hätte, hätten sie mich dann gefragt, warum ich das nicht weitermachen will, es gäbe da ein tolles Bordell hier in der Nähe, die suchen noch…? Oder hätte ich beweisen müssen, dass ich mich nicht mehr prostituiere? Und wie beweist frau das?

Was hätte ich dem Arbeitsamt denn erzählen sollen?

Du vergisst auch den Drogen- und Alkoholkonsum, der im Gewerbe unter Prostituierten herrscht, Stephanie. (Warum wohl? Wenn doch alles so toll ist? Aber anscheinend ist es eine einzige große Party, eine Orgie, da gehört das dazu, zum Sichausleben, ah?) Du vergisst so vieles. Du vergisst Zwangsprostitution, Freiergewalt, Zuhältergewalt (ach, die heißen ja jetzt nicht mehr Zuhälter, sondern „Partner“, „Security“, „Vermieter“). Du vergisst den Frauenhass, den Selbsthass. Du vergisst, dass Vermieter, Bordellbetreiber, Zeitungen (ja, solche Anzeigen in denen Prostituierte sich bewerben sind extrem teuer), der Staat (Steuern) profitieren. Du vergisst, dass alle an einer Prostituierten verdienen, sie ausnutzen.

Wer hat am wenigsten davon? Die Prostituierte. Die kriegt den geringsten Anteil am Geld, alle verdienen an ihr, alle haben was von ihr (Sex, Geld, befriedigte Machtgeilheit), aber was hat sie? Eine Posttraumatische Belastungsstörung, eine Substanzsucht und jede Menge Einsamkeit und Selbsthass. Das alles kommt von der gesellschaftlichen Diskriminierung, ja?

Komisch, mir persönlich kommen bei Flashbacks, die ich auf Grund meiner durch Prostitution verursachten PTBS habe, immer nur die Bilder von mich missbrauchenden Freiern vors innere Auge! Stephanie, frag doch mal TraumatherapeutInnen, woher die PTBS kommt, die die Prostituierten haben die irgendwann (hoffentlich!) bei ihnen landen!

Ich hab die Schnauze voll von euch prostitutionsfremden ProstitutionsbefürworterInnen, die ihr mir erzählen wollt, dass Prostitution ein Beruf wie jeder andere ist. Ich hab keinen Bock mehr auf euch, die ihr allen hier das Märchen von der ach so tollen freiwilligen Prostitution erzählen wollt. Ihr, die ihr keine Ahnung von Prostitution habt und in eurem linken Selbstverständnis irgendwas von „Prostitution ist früher mal Ausdruck von Macht über Frauen gewesen, aber nun ist es eine Umkehr der Power relations, die Prostituierte hat Macht über den Freier“ babbelt. Ich hab nie Macht empfunden, wenn ich unter einem verdammten Freier lag, und ich kenne keine, die das je so gefühlt hat!

Ich krieg das Kotzen über euch, die ihr in der Prostitution seid und euch „Sexarbeiterinnen“ nennt. Weil ihr euch aufschwingt, für uns alle zu sprechen, für uns alle, die in der Prostitution sind, und weil ihr denen, die nichts von Prostitution wissen (Frauen – denn Männer wissen es zumeist, so als Freier, nur die werden euch nicht erzählen, warum sie wirklich ins Bordell gehen, was sie dort wollen und machen!) glauben macht, es sei alles okay.

Es ist NICHT okay.

Ich ertrage das nicht mehr, dass ihr so tut, als würdet ihr für ALLE Prostituierten sprechen. Ihr seid eine Minderheit in der Prostitution. Ihr beschreibt eine Realität, die so nicht stattfindet. Ihr sprecht Opfern von Gewalt das Opferdasein ab und legt ihnen nahe, sich darüber auch noch zu freuen, weil ja alles so toll ist. Ihr macht die MEHRHEIT der Prostituierten mundtot.

Die Mehrheit, die immer noch säuft, Drogen nimmt oder ihren Missbrauch immer und immer wieder reinszeniert in der trügerischen Hoffnung, das lindere den Schmerz. Die Mehrheit, die den Hass derer, die ihnen Gewalt angetan haben, irgendwann übernehmen, in Selbsthass verwandeln und sich „freiwillig“ in diese Gewaltspirale begeben. Ihr überschüttet Frauen, die von Gewalt in der Prostitution sprechen wollen, mit Hohn: „Ach, das tut mir leid, dass DU schlechte Erfahrungen gemacht hast“, ganz so, als läge die Gewalt nicht in der Struktur der Prostitution, sondern in der mangelnden Professionalität der Frau, in ihrer schadhaften Persönlichkeit, die eine ach so tolle Erfahrung nicht ertragen kann.

Ihr befreit niemanden mit eurem neoliberalen Gebabbel!

Ihr wollt für alle sprechen? Ihr sprecht NICHT für mich und für keine Prostituierte, die ich kenne. Ihr nutzt den Umstand, dass die meisten Prostituierten einfach zu beschäftigt sind mit Überleben, zu traumatisiert, um zu sprechen. Ich spreche euch ab, für alle Prostituierten zu sprechen, weil ihr die, die diese Gewalt benennen könnten, mundtot macht, ihr Schweigen nutzt und sie einfach nicht erwähnt und sie damit erneut zu Opfern macht.

Wenn ihr sagt, „es sollen doch alle machen können, was sie wollen“, dann meint ihr doch in Wirklichkeit nur, dass die Freier und die Zuhälter, die hinter euch stehen, machen können sollen, was sie wollen. Und nicht die Prostituierten.

Ihr befreit niemanden mit eurem neoliberalen Gebabbel. Wenn ihr erzählt, Prostitution müsse nur von sämtlichen Kontrollen, Auflagen usw. befreit werden und alles sei supi, dann lügt ihr und verfolgt eine merkwürdige Theorie: Denn wenn Opfer von Sklaverei sich unglücklich fühlen, weil sie Sklaven sind, hilft es dann, Sklaverei zu legalisieren, damit die Sklaven nicht mehr „gesellschaftlich diskriminiert“ werden und sich in der Sklaverei noch besser versklaven lassen können?

Ohne Gruß,
Huschke Mau, huschke.mau@web.de

Huschke Mau hat diesen Brief an die Feministische Partei geschickt, weil sie die einzige Partei Deutschlands ist, die für ein Sexkaufverbot und eine Freierbestrafung nach schwedischem Modell eintritt. Huschke Mau ist auch auf Twitter @HuschkeMau

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