Streetworkerin Constabel

Sabine Constabel, Streetworkerin in Stuttgart. - © B. Flitner
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Sie ist so zierlich und sie kann so mädchenhaft lächeln, dass man erstmal nicht darauf käme, wie zornig sie ist und wie furchtlos. Man sieht diese Frau nicht wirklich als Mutter der Kompanie vor sich, als die sie im Prostituierten-Café „La Strada“ viermal pro Woche ein deftiges Essen für 50 Frauen auf den Tisch bringt. Noch schwerer kann man sich vorstellen, dass die Zuhälter der Stuttgarter Altstadt einen Heidenrespekt vor dieser zarten Person haben. Aber genau so ist es.

Um das zu glauben, muss man erlebt haben, wie sie mit ihrer Umhängetasche, gefüllt mit Gleitgel und Kondomen, durch die engen, knarzenden Treppenhäuser der Altstadt-Puffs zieht, die Frauen begrüßt und die Freier anschnauzt. Man muss dabeigewesen sein, wenn sie hinter der „La Strada“-Theke Minestrone auf die Teller der ausgehungerten Frauen schaufelt und gleichzeitig alles andere organisiert: Hier eine Schmerztablette, da eine Wartemarke für die Gynäkologin, die im oberen Stockwerk Tripper und reihenweise ungewollte Schwangerschaften diagnostiziert. Man muss gesehen haben, wie sie in einer Talkshow den schmierigen „Pressesprecher“ eines Wellness-Bordells zur Schnecke macht, als der allen Ernstes behauptet, dass er „die Frauen befreit“.

„Hätte man die Realität zugrunde gelegt“, sagt Sabine Constabel, „dann wäre das Prostitutionsgesetz von 2002 nie verabschiedet worden.“ Genau das hat sie im Juni 2013 als Sachverständige im Rechtsausschuss des Bundestages erklärt. Dort haben sie begriffen, dass sie gut daran tun, sich nicht länger von den immergleichen Lobbyistinnen das Mantra von der freiwilligen Prostitution einflüstern zu lassen, sondern dieser Frau zuzuhören, die die Realität der Mädchen und Frauen besser kennt als ihr lieb sein kann.

„Noémi sagt, dass sie ein ganzes Jahr gebraucht hat, um sich an diese Arbeit zu gewöhnen. Das erste Jahr hat sie sich vor Ekel nach jedem Freier erbrochen. Sofia hat gerade weinend angerufen, weil ihr Unterleib so schmerzt und sie nicht mehr arbeiten kann. Dabei ist die Miete der letzten drei Tage offen. Das sind 240 Euro oder sieben Freier“. Das und noch viel mehr schrieb Sabine Constabel in einem Beitrag für die taz als Antwort auf ein zynisches Pro-Prostitutions-Pamphlet der Frankfurter Chef-Lobbyistin Juanita Henning. Constabels von der Redaktion bestellter Text wurde nie gedruckt. Die taz fand, es fehle ihm an „argumentativer Schärfe“.

Sabine Constabel, 54, erzählt von ihren bitteren Erfahrungen mit ruhiger, tiefer Stimme, in der manchmal der Sarkasmus durchblitzt, den sie sich als Schutzwall zugelegt hat. „Was hier passiert, ist alles höchst legal“, ist so ein Constabel-Satz über das Grauen, begleitet von einem kalten Grinsen.

Für Constabel, die in der Frauenbewegung aktiv gewesen war und Wildwasser Esslingen mit aufgebaut hatte, war es von Anbeginn an „undenkbar, nur hinter einem Schreibtisch zu arbeiten“. Die frischgebackene Sozialarbeiterin, Anfang der 1990er schon frühe, alleinerziehende Mutter eines Sohnes und einer Tochter, wollte zu den Menschen.

Auf der Straße sah sie, dass „viele der Frauen parasitäre Zuhälter hatten, die mit von dem Geld lebten.“ Sie sah viel „Stärke, das Beste aus alledem zu machen“. Und sie sah viel Einsamkeit. Es war ein Schlüsselerlebnis, als Anna, eine von ihr betreute Prostituierte, mit Anfang 60 mutterseelenallein an Krebs starb. „Die Kinder kamen nicht, weil sie eine Hure war. Und die Frauen, mit denen sie ihr halbes Leben lang auf der Straße gestanden hatte, haben sie auch nicht besucht.“ An Annas Bett saß nur Sabine Constabel.

Dennoch waren für die Streetworkerin die Prostituierten, die sie traf, nie „die anderen“. Sie waren ihr vertraut, denn „sie hatten Erfahrungen, die ich aus der Arbeit bei Wildwasser wiedererkannt habe.“ Immer wieder hat Constabel mit jungen Frauen zu tun, die in die Prostitution einsteigen wollen. Doch unter denen, die es länger als eine Woche aushalten, „gibt es fast keine ohne MissbrauchsErfahrungen“. Der fatale Zusammenhang sei klar: „So pervertiert es klingt, die Frauen haben bei ihrem ersten Freier das Gefühl: Endlich gibt es mich nicht mehr umsonst.“

Bei Sabine Constabel und ihren rund 30 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen finden die Frauen in den freundlichen Räumen des „La Strada“ keine Pseudo-Wertschätzung, sondern echte. „Die Frauen sind bei uns Gäste. Sie werden bedient, mit Platten und Servietten wie im Restaurant. Sobald sie anfangen zu spüren, dass sie etwas wert sind, ist die Idee zum Ausstieg quasi ein Automatismus.“

Wenn die Studentinnen der Sozialarbeit, die oft bei Constabel hospitieren, sie fragen nach der so gern zitierten Freiwilligkeit und sexuellen Selbstbestimmung, zeigt Sabine Constabel ihnen den Unterschied zwischen Theorie und Praxis. Sie geht mit ihnen auf den Straßenstrich und sagt: „Und jetzt warte, bis das erste Auto langsamer wird und schau, wie es sich anfühlt, wenn du taxiert wirst.“ Resultat: „Die Fragen haben sich bei allen ausnahmslos erledigt.“

Constabels Botschaften tragen Früchte. Der Landesfrauenrat Baden-Württemberg verabschiedete vor kurzem eine Resolution: „Für eine Gesellschaft ohne Prostitution!“ Und sogar die schwäbischen Grünen hat sie inzwischen auf ihrer Seite. Und in Talkshows sind inzwischen nicht mehr nur die „glücklichen Huren“ gefragt, sondern auch jemand wie sie.

Wenn Constabel nach einer Talkshow dann wieder im „La Strada“ ist, dann „sagen mir die Frauen: ‚Gib noch mehr Gas! Sag denen, dass das hier alles Scheiße ist.‘“ Das tut sie. „Wenn die Leute endlich begreifen, was da wirklich passiert, dann muss es doch einfach irgendwann aufhören.“

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