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Huschke Mau: Freier sind Täter!

Huschke Mau, Aussteigerin aus der Prostitution. - Foto: Michael Philipp Bader
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Dass es in Deutschland legal ist, Sex zu kaufen, prägt natürlich die Denkweise von Freiern. Ihnen wird vermittelt, mit der Übergabe des Geldes hätten sie einen Anspruch – denn so ist es schließlich auch bei Lieferungen von irgendwas, wofür ich bezahle, oder? Ich bestelle im Möbelhaus eine Couch, und dann habe ich einen Anspruch darauf, dass sie auch kommt und aussieht wie beschrieben und dass man mit ihr machen kann, was man mit Sofas eben so macht.

Mit dieser „Kunde ist König“-Einstellung gehen Männer auch in den Puff. Das führt dazu, dass Freier sich beschweren, wenn man sich vor etwas deutlich ekelt oder wenn man zeigt, dass man Schmerzen hat, oder weint. Es wird trotzdem einfach durchgezogen, denn „Ich habe ja dafür bezahlt“. Und natürlich will man als Kunde, wenn es ums Geld geht, so viel wie möglich für sich rausschlagen. Für die Prostituierte bedeutet das, sich ständig dagegen wehren zu müssen, dass Dinge, die nicht ausgemacht waren, doch genommen werden.

Unter den Freiern gibt es natürlich auch Sadisten – Männer, die abseits der schon als normal empfundenen Anspruchsdenke etwas haben wollen, das nicht ausgemacht war: jemanden zu quälen, ohne dass das abgesprochen war, zum Beispiel. Ihnen ist es nicht nur egal, wenn die Frau Schmerzen hat, nein, sie wollen, dass sie Schmerzen hat. Sie wollen, dass sie sich ekelt, dass sie Angst hat, dass sie die Fassung verliert. Ich hatte Freier, die mich auf ganz widerliche Art angegrinst haben, wenn sie merkten, dass ich Schmerzen hatte, und die dann extra hart zugestoßen haben. Freier, die mich plötzlich an den Haaren nach unten rissen, damit ich auf Knien vor ihnen rumrutsche, die unvermittelt ins Gesicht spuckten oder ganz bewusst ewig nicht kamen und endlos weitergefickt haben, in dem Bewusstsein, dass ich gleich anfange zu flennen.

Doch gab es auch Freier, die ich nett fand? Ja. Und das macht eigentlich alles nur noch schlimmer. Jedes Mal wenn ich einen netten Freier hatte, dachte ich: Na toll, also sind auch die Männer da draußen, die ich nett und sympathisch finde, nicht davor gefeit, zu Prostituierten zu gehen. Auch die „netten Freier“ handeln problematisch. Denn es kommt ja nicht darauf an, wie jemand ist, sondern was einer tut. Es gibt ja auch nette Bankräuber und freundliche Mörder.

Ja, es gibt Freier, die wollen küssen und schmusen und Händchen halten. Sie wollen eine Spielart von Sex, die sich „Girlfriend-Experience“ nennt: Sex wie mit einer Freundin. Und dieser Sex ist anstrengend, weil persönliche Grenzen überschritten werden, weil man noch mehr schauspielern muss – und es versaut einem die eigene Intimität restlos, eben weil sie restlos eingefordert wird. Man behält nichts mehr für sich selbst, weil man auch die Gesten der intimsten Zärtlichkeit imitiert und verkauft.

Außerdem kommt es dadurch zu dem Empfinden, an dem Missbrauch beteiligt zu sein, sich selbst zu missbrauchen, da kein „harter Kern“ übrig bleibt, der vor dem Freier geschützt wäre. Es ist wie eine Totalauslieferung, die sich sehr schlimm anfühlt, denn selbst die Romantiker unter den netten Freiern suchen ja keine echte Nähe. Sie haben das Bild einer Frau, das Bild einer Beziehung zu dieser Frau vor Augen und sie bezahlen für die zeitweilige Erfüllung dieses Traumbildes, egal wie die Realität sein mag. Sie ähneln darin den Sadisten, die die Frau benutzen, deren wahrer Wille ihnen egal ist. Ob sie vorher Pralinen mitbringen oder Blumen, ist am Ende auch egal. Der sexuelle Missbrauch ist nur auf den ersten Blick nicht so offenkundig brutal.

Eine besondere Spielart des „netten Freiers“ ist der „ethische Freier“. Er braucht es, permanent bestätigt zu bekommen, dass man das alles ganz toll findet, dass man es supergerne macht – vor allem mit ihm. Ob das so stimmt, ist ihm egal – er braucht das für sein Selbstbild. Er möchte keiner von den „bösen Kerlen“ sein, und deswegen darf nicht offenkundig ersichtlich sein, dass Ablehnung, Zwang oder sonst ein Druck vorliegt. Er möchte sich keine Gedanken darüber machen müssen, ob er gerade etwas Falsches tut – und ist deswegen darauf angewiesen, dass man noch mal eine Extraschicht Schauspielkunst hinlegt.

Am Ende ist jeder Freier ein „ethischer Freier“, denn sie reden sich schön, was sie tun. „Es ist ja legal“, „Es ist nicht verboten“, „Du bietest dich ja an“, sagen sie. Sie debattieren darüber, dass am Ende ja sowieso alles im Leben Zwang sei (sie müssen schließlich auch arbeiten, oder nicht?). Am Ende bleibt den Freiern immer die Meinung, es sei gar nicht so schlimm, die Dienste, die nun mal angeboten werden, auch zu nutzen.

HUSCHKE MAU

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