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Freundschaft!

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"Na, biste angekommen?“, fragte mich mein früherer Kollege Micha am Telefon. Ich bin von Leipzig nach Köln gezogen. Micha meinte das aber nicht örtlich. Er meinte „im Kapitalismus“. Denn „im Sozialismus“ bin ich seiner meiner Meinung nach nie angekommen. Micha stammt aus Leipzig und war lange Jahre mein Kollege bei einer Tageszeitung.

Unser Start war holprig. Als ich in seinem Ressort landete, bestand meine erste Amtshandlung darin, ihm morgens seinen Parkplatz wegzunehmen. „Das is dem Micha seiner“, hieß es, das stand aber nirgendwo. Deswegen war ich dann von Beginn an die „imperialistische Westfrau“. Es wurde noch schlimmer. Bei der ersten Betriebsfeier habe ich ihn beim Kegeln geschlagen. Meine lustig gemeinte Frage: „Gibt’s das hier noch nicht so lange?“ machte die Sache nicht besser.

Und Feminismus, „mein Frauengelumpe“ (westdeutsch: Frauengedöns) hat er nie verstanden, das war „Westpropaganda“ von Frauen, die sonst keine Aufgabe im Leben hatten. Einmal fuhren wir zu viert zu einer Druckereibesichtigung. Ein kleines rotes Auto schlich vor uns die Autobahn entlang. „Muss ’ne Frau sein“, sagte Micha und setzte zum Überholen an. Gelächter im Auto. „Oder ’n Ossi“ sagte ich. Schweigen. Aber ich merkte, dass meine Kollegen da ausnahmsweise mal was verstanden hatten. Ist nie schön, diskriminiert zu werden. (Es saß übrigens ein Mann am Steuer.)

Micha war stoisch. Wenn bei Betriebsversammlungen neue Richtlinien aus „Stammheim“, dem Stammhaus in Hannover bekannt gegeben wurden, sagte er lakonisch: „Das hätte Honni nicht besser sagen können“, nickte freundlich in Richtung Geschäftsführung – und ließ alles beim Alten.

Irgendwann war ich „Für’n Wessi ganz in Ordnung“ und der Aufkleber „Ein Herz für Wessis“ (beigelegt in der Ost-Satire-Zeitschrift Eulenspiegel) klebte an meiner Tür.

Michas und mein Verhältnis wurde zwar nie herzlich, dafür aber sehr, sehr lustig. Kreuzten sich unsere Wege im Flur „auf Arbeit“, grüßten wir uns mit den Worten „Freundschaft!“, dem Arbeitergruß. Er sagte „Mahlzeit“, ich „Guten Appetit“, ich „zu Weihnachten“, er „an Weihnachten“. Wir kämpften um In-Endungen und Berufsbezeichnungen. Ich glaube, er schreibt heute noch „Frisöse“.

Ein weiterer bedeutender Schritt der Ost-WestAnnäherung passierte, als meine Kinder in Leipzig geboren wurden. Das wären ja jetzt quasi „Zonenkinder“, wie Micha sagte. Und wenn mein Sohn Ben bei Redaktionsbesuchen ein wenig sächselte, ging Micha das Herz auf. „Aus dir wird noch ’n Mensch!“, sagte er dann und knotete aus Bens Sabberlappen ein Pioniertuch.

Als ich ihm 2018 gestand, dass ich in den Westen rübermachen werde, war er sichtlich enttäuscht, er kommentierte trocken: „Na, ob sie dich da reinlassen …“

In die Westmetropole Köln hat Micha es bisher noch nicht geschafft, ist ja auch „Feindesland“. Wenn ich in Leipzig bin, besuche ich den Genossen Micha selbstverständlich. Beim letzten Besuch war ich perplex. Auch Micha hat rübergemacht – innerlich. Er hat eine neue Frau – aus Schwaben. Sie hat einen Mercedes mit in die Beziehung gebracht, den Micha sehr, sehr gerne fährt. Früher waren Mercedesse für ihn „Hitlerkarren“. „Irgendwann muss ja auch mal gut sein mit dem Ost-West-Geplärre“, sagte er. Freundschaft

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