Bastion Bundesliga erstürmt
Fußball ist nicht alles. Nicht mal eine WM. Das hat der Belgier Jeremy Doku gezeigt. Für die Geburt seines Sohnes ist Doku kurzerhand per Privatjet von der WM in den USA nach London geflogen. Mittlerweile ist das Baby gesund auf der Welt und Doku ist bereits wieder zu seinem Team zurückgekehrt. So etwas wäre vor 20 Jahren noch undenkbar gewesen. Welch ein Sinneswandel! Frankreichs Nationaltrainer Didier Deschamps ist zur Beerdigung seiner Mutter trotz WM-Spiel nach Hause geflogen. Und: Obwohl die WM ein absolutes Männer-Ding ist, tummeln sich auffallend viele Frauen um den Spielbetrieb. Da wäre die Kommentatorin Claudia Neumann, da sind die Moderatorinnen Esther Sedlaczek, Christina Graf, Laura Wontorra und Lea Wagner. Letztere berichtet sogar hochschwanger aus dem WM-Studio in Köln. Sogar zwei Schiedsrichterinnen - Tori Penso und Katia Garcia sind bei dieser WM im Einsatz. Auch das hätte es vor 20 Jahren nicht gegeben.
Es gab Astronautinnen. Es gab eine Kanzlerin. Es gab sogar Pilotinnen in der Formel 1 (die Italienerin Lella Lombardi fuhr 1967 mit). Aber eine Trainerin in der Fußball-Bundesliga der Männer gab es noch nie. Bis Marie-Louise Eta im April 2026 kam und die Bastion aufbrach.
Als Cheftrainerin übernahm sie den 1. FC Union Berlin und rettete die „Eisernen“, wie der Verein sich selbst nennt, vor dem Abstieg: Zwei Siege, zwei Niederlagen, ein Remis, am Ende Platz 11, so war ihre Bilanz. Ordentlich, der Verein war glücklich. Und viele Fans feierten die Trainerin als „Fußballgöttin“. „Mit Eta spielen wir endlich richtigen Fußball“, posteten manche zu der Frau mit der UEFA ProLizenz, der höchsten Qualifikation im Internationalen Trainergeschäft.
Marie-Louise Eta: Meine Geschichte zeigt, dass alles erreichbar ist, im Leben!
„Das eröffnet Möglichkeiten für kleine Mädchen, die gerade Fußball spielen und nun denken: Ich könnte Trainerin werden“, erklärte Vincent Kompany, der Trainer des deutschen Meisters FC Bayern, derzeit der Goldstandard unter den Coaches. Aber natürlich gab es auch sexistischen Müll. Marie-Louise Eta war eine Provokation, ohne provokativ aufzutreten. Einfach nur, weil sie eine Frau ist. Männer hetzten im Netz. Stil: „Der Bundesliga-Trainer, der gegen sie verliert, hat für immer sein Gesicht verloren.“ Der Verein konterte: „Bei aller Liebe, aber das ist Sexismus.“ Und: „Wahnsinn, dass wir uns in der heutigen Zeit für eine Trainerin rechtfertigen müssen“, schrieb Teammanager Horst Heldt. „Wir reden hier von einer hochkompetenten Führungspersönlichkeit.“ Zwar gibt es mittlerweile Sportdirektorinnen, Reporterinnen und Moderatorinnen der Sportschau, aber eine couragierte Frau, die den Männern in der 1. Bundesliga sagt, wo es lang geht, war neu und zu viel für manche Herren der Schöpfung.
Die Berliner Fußballprofis selbst hatten kein Problem, weil sie Etas fachliche Kompetenz kannten. Sie spielten nicht gegen die Trainerin, empfanden sie nicht als Zumutung, sondern als Chance: „Man sieht, dass die Jungs offen sind, dass sie Dinge umsetzen“, lobte Eta ihr Team.
Noch nie zuvor in 60 Jahren Bundesliga hatte sich ein Verein getraut, sein Team einer Frau anzuvertrauen. Umgekehrt aber ist das ganz normal: Der Bundestrainer der Frauen ist ein Mann, sechs von 14 Klubs in der Frauen-Bundesliga werden von Männern trainiert.
Zur ersten Pressekonferenz von Eta kam die Weltpresse: Sie war eine Sensation. Der Rummel war ihr unangenehm. „Ich weiß, dass ich unter besonderer Beobachtung stehe, weil ich eine Frau bin. Ich wollte diese Sonderrolle aber nie. Sie wurde von außen an mich herangetragen. Ich sehe mich als Fußballtrainerin, die Spiele gewinnen will, so wie meine männlichen Kollegen auch“, sagte Eta dem Stern. So ist sie. Nüchtern. Sachlich. Reflektiert. Empathisch. Sie nimmt Spieler schon mal in den Arm. Was die meisten männlichen Trainer gar nicht machen. Sie spricht auch mit jedem und lässt niemand links liegen.
Marie-Louise Eta ist im Grunde ihres Wesens keine feurige Bannerträgerin der Emanzipation, sie will den Ball flachhalten. „Ich bin nicht die allererste Frau auf dem Planeten Männerfußball“, sagt sie und verweist auf Kolleginnen wie Inka Grings, Imke Wübbenhorst, die schon unfallfrei Männermannschaften in der vierten Liga trainiert haben. Oder Sabrina Wittmann, die seit zwei Jahren beim FC Ingolstadt in der Dritten Liga das Sagen hat. Aber das alles fand wenig Aufmerksamkeit. Nur erstklassig ist eben erstklassig.
Die Sächsin ist eine klassische Schulhofkickerin. Der Ball war ihr Freund. „Ich hatte nur Fußball im Kopf“, sagt die Frau, die schon mit sechs Jahren im Verein, dem FV Dresden 06, dem Ball hinterherlief. Bolzplatz statt Ballett, das war ihr Ding. Mit Jungs zu spielen und sich früh zu messen, das war ihr Ding. Im Supermarkt dribbelte sie mit dem Ball am Fuß durch die Gänge. Positiv bekloppt, unaufhaltsam, leidenschaftlich. Ihr großes Vorbild: Der Scharfschütze David Beckham, dessen Freistöße weltberühmt waren.
Etas sportlichen Erfolge können sich sehen lassen: Sie war mit ihrem Verein Turbine Potsdam dreimal deutsche Meisterin und gewann sogar die Champions League. Mit dem deutschen U 20-Team war sie sogar Weltmeisterin. Viele Bundesligatrainer träumen von solchen Erfolgen. Der Fußball-Bundestrainer Julian Nagelsmann hat es nie zu so etwas gebracht, auch Startrainer wie Jürgen Klopp oder Joachim Löw nicht. Sie waren als Spieler keine nationalen Helden.
Doch schon mit 26 beendet die Strategin Marie-Louise dann ihre Kickerinnenlaufbahn, wurde Trainerin, fing ganz unten an: D 1 Junioren, U 17, U 19, Co-Trainerin bei Union Berlin. Step by Step. Ihr Mann Benjamin Eta, der selbst Trainer ist und die U-20-Frauen Frauen von Red Bull Leipzig betreut, war ihr Berater. Da hatten sich zwei gefunden, die für den Fußball leben. Wenn sie im Restaurant essen, sprechen sie über Spielzüge und stellen mit Besteck welche nach. Sie sind das ideale Paar. Beseelt davon, ihr Hobby zum Beruf gemacht zu haben.
Nur eines ist schade: Der Einsatz von Marie-Louise Eta als Feuerwehrfrau in der Bundesliga war von vornherein auf fünf Spiele begrenzt. Sie trainiert in der neuen Saison jetzt das Frauenteam von Union Berlin, das auch in der Bundesliga kickt. Etas Botschaft klingt zuversichtlich: „Meine Geschichte zeigt, dass alles erreichbar ist im Leben.“ Und: Es wäre schön, wenn es nur noch um den Sport ginge und die Leistung – unabhängig vom Geschlecht.“
Die Zeit ist reif. 56 Jahre nachdem der DFB Frauen erstmals erlaubt hat, im Verein Fußball zu spielen.


