Geflüchtete: Lasst uns reden!

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Efraj, hat Hatice gesagt, wir müssen reden. Mein Mann sperrt mich Tag und Nacht ein. Ich darf nicht mal zum Einkaufen vor die Tür. Ich habe auch gar kein Geld. Er schickt das Geld, das wir vom Jobcenter bekommen, an seine Familie in den Irak. Hätte ich gewusst, wie schlimm es hier in Deutschland ist, wäre ich nicht geflohen. Hol mich hier raus.“
Momentaufnahme aus einem Flüchtlingsheim in Berlin. Es ist ein Fall, der Efraj Ahmed, 55, lange beschäftigt hat. Er klingt dramatisch. Dabei, sagt sie, sei er kein Einzelfall. Die Sozialarbeiterin arbeitet in einer Beratungsstelle für Flüchtlinge. An einem Tag in der Woche ist sie jetzt in einem Flüchtlingsheim als Mediatorin im Einsatz.

Efraj Ahmed, die Araberin mit deutschem Pass, soll sich um Frauen und Mädchen kümmern, die Opfer von Gewalt wurden. Sie soll sie über ihre Rechte aufklären und an Beratungsstellen weiterleiten. Leichter gesagt als getan. Ahmed sagt: „Viele Frauen wissen gar nicht, dass sie sich gegen diese Gewalt wehren können. Sie kommen aus Familien, in denen es normal ist, dass Frauen geschlagen, vergewaltigt oder zwangsverheiratet werden. Es ist schwer, denen zu erklären, dass es so nicht sein darf.“

MiMi, so heißt das Projekt: Gewaltprävention mit Migrantinnen für Migrantinnen. Es wird von der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung gefördert, Träger ist das Ethnomedizinische Zentrum in Hannover. Eine Einrichtung, die Anfang der neunziger Jahre mit dem Ziel ­gegründet wurde, die Gesundheit von Flüchtlingen zu fördern.

„Gesundheit ist der Motor der Integration“, sagt Ramazan Salman. Er ist der Mitbegründer und Geschäftsführer des Zentrums. Mit Impfprogrammen und mehrsprachigen Ratgebern für Palliativmedizin fing es an. Inzwischen hat das Zentrum den Fokus mehr auf die seelische ­Gesundheit gelegt. Gewalt gegen geflüchtete Frauen, das sei lange ein Tabu-Thema gewesen, sagt der Sozialwissenschaftler. 

Dabei sei es doch ein offenes Geheimnis, dass viele der Frauen entweder schon in ihrer Heimat oder auf der Flucht Opfer von Gewalt geworden seien. Besonders solche, die aus Ländern kommen, in denen Gleichberechtigung ein Fremdwort sei. Doch offen darüber geredet habe man nicht, sagt Salman. Als er das Thema einmal bei einem Vortrag in einer Polizei-Akademie angesprochen habe, hätten seine Zuhörer verlegen herumgedruckst. Er habe ja Recht, sagte endlich einer. Aber das laut auszusprechen, traue sich keiner. Er riskiere sonst den Vorwurf, dass er alle Flüchtlinge diskreditiere.

Inzwischen ist die Politik einen Schritt weiter. Eine Umfrage des Ethnomedizinischen Zentrums unter 2.000 geflüchteten Frauen aus 59 Ländern hat 2016 ergeben, dass 14,3 Prozent von ihnen schon persönlich Opfer von Gewalt geworden sind, in fast allen Fällen waren die Täter Angehörige oder die eigenen Ehemänner. Weitere 21,7 Prozent gaben an, sie würden betroffene Frauen kennen. Ramazan Salman schätzt, dass die tatsächliche Zahl bei 25 Prozent liegt. Er sagt, viele seien traumatisiert. Sie redeten nicht über das Thema, zumindest nicht öffentlich. 

Wie aber nähert man sich diesen Frauen? Wie gewinnt man ihr Vertrauen? Das Ethnomedizinische Zentrum hat 130 Frauen als Mediatorinnen für diesen Job ausgebildet. Es sind alles Frauen, die selber irgendwann als Flüchtlinge nach Deutschland kamen. Sie sind im Durchschnitt 37 Jahre alt. Jede Zwölfte von ­ihnen gab als Antwort auf die Frage nach ihrer Motivation an, sie sei selber schon mal Opfer von Gewalt geworden. Alle sprechen zwei Sprachen, das war Bedingung. Deutsch und ihre Muttersprache. Die, sagt Efraj Ahmed, sei unabdingbar, um überhaupt mit den Frauen ins ­Gespräch zu kommen.

Sie weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, in einem Land anzukommen, dessen Sprache man nicht versteht. Efraj war elf, als sie mit ihrer Familie aus dem Libanon nach Berlin kam. Sie war das älteste von fünf Kindern. Schon früh habe sie für ihre Eltern gedolmetscht, erzählt sie. Aber das war noch nicht alles. Einige Monate nach ihrer Ankunft in Berlin wurde die Familie abgeschoben. Wiedereinreise. Zweiter Versuch, diesmal mit Erfolg.

Efraj Ahmed hat früh gelernt, sich im Dschungel der Gesetze zu orientieren. Eine toughe Frau in Jeans und Wollpullover, die Haare zum Pferdeschwanz gebunden, die Augen schwarz umrandet. Sie ist mit einem arabischen Geisteswissenschaftler verheiratet und hat vier Kinder. Nein, sagt sie. Gewalt habe sie nie erlebt.

Efraj sitzt in der Berliner Zweigstelle des Ethnomedizinischen Zentrums in Kreuzberg. Ein leerer Konferenzraum, eine Tafel mit Papiertafeln, auf denen Begriffe wie „Stopp“, „Deeskalation“ oder „Empowerment“ stehen. Heute grinst Ahmed, wenn sie erzählt, warum eine wie sie für den Job als Mediatorin prädestiniert ist. Sie sagt: „Eigentlich war ich immer der Mann im Haus.“

Dieses Selbstbewusstsein hilft ihr bei ihrer Arbeit. Denn im Flüchtlingsheim trifft sie auf Frauen, die mit dem Bewusstsein groß geworden sind, nur Menschen zweiter Klasse zu sein – und auf Männer, die sie das auch spüren lassen.

Als Sozialarbeiterin hat sie einen Blick für Frauen, die drangsaliert werden. „Ich merke das schon, wenn die Frauen Hilfe bei einem Antrag brauchen und ein Formular ausfüllen müssen. Viele drucksen dann herum und sagen: Da muss ich erstmal meinen Mann fragen.“ Sie behält die Frauen dann im Blick. Sie sucht das Gespräch mit ihnen. Sie gibt ihnen ihre Visitenkarte. Und irgendwann, sagt sie, riefen manche sie dann tatsächlich an. Hatice war so ein Fall. Sie stand vor der Tür ihrer Beratungsstelle, ihre Sachen hatte sie schon gepackt. „Efraj, wir müssen reden.“

Inzwischen hat Hatice ein Studium begonnen. Sie lebt mit ihren beiden kleinen Kindern in einem Frauenhaus für Flüchtlinge. Ihre neue Adresse kennt keiner. Nicht ihr Vater, nicht ihr Ex-Mann, ja, nicht einmal Efraj Ahmed. Sie sagt, der Schutz der Frauen und Kinder habe oberste Priorität.

Es seien Erlebnisse wie das mit Hatice, sagt Efraj, die sie für ihre Geduld belohnen. Die wird immer häufiger auf eine harte Probe gestellt. Es seien überwiegend Akademiker gewesen, die mit der ersten großen Flüchtlingswelle 2015 gekommen seien. Menschen, die schon ein bisschen was von der Welt gesehen hatten und ­bereit waren, den Neuanfang aus eigener Kraft zu schaffen. „Mit denen hatten wir gar keine Probleme.“

Inzwischen aber, sagt Ahmed, habe sich ihre Klientel geändert. „Nach der Oberschicht kam die Mittelschicht, und jetzt haben wir es auch mit Frauen zu tun, die zwangsverheiratet wurden, weil ihre Familie entweder kein Geld hat oder sie vor einer noch schlimmeren Zwangsheirat mit IS-Kämpfern bewahren wollte.“

Es seien noch Mädchen, viele erst Anfang zwanzig, aber oft schon mit ein, zwei oder drei Kindern. Allmählich jedoch, sagt sie, merkten die Frauen, dass sie hier keinen Versorger brauchen. Die Trennung vom Ehemann sei da immer wieder die Konsequenz.

Efrajs Kollegin Shiva Moghaddam, 54, stimmt ihr zu. Sie ist in den Achtziger Jahren mit ihrer Familie über die Türkei aus dem Iran nach Deutschland geflüchtet. Vor der Kulturrevolution, die Frauen aus öffentlichen Ämtern verbannte und sie zwang, ein Kopftuch zu tragen. Auch sie sagt, sie sei privat nie Opfer von Gewalt geworden. Sie kennt aber Geschichten von Iranerinnen, die in türkischen Gefängnissen als Sex-Sklavinnen an andere Gefangene verkauft wurden – von Polizisten. So jedenfalls erzählen es ihr die Frauen aus dem Iran und aus Afghanistan. Shiva Moghaddam hält für sie Vorträge in Flüchtlingsheimen. Sie informiert die Frauen über ihre Rechte in Deutschland. Es ist noch ein langer Weg, da machen Shiva Moghaddam und Efraj Ahmed sich nichts vor. Es reiche nicht, die Frauen zu bestärken. Auch die Männer müssten sich bewegen.

Das Ethnomedizinische Zentrum hat die Anregung der Sozialarbeiterinnen aufgegriffen: Gerade werden in Berlin die ersten 20 Männer zu Mediatoren ausgebildet. Sie sollen Jungen und Männer „kultur-, sprach- und geschlechtssensibel über Formen von Gewalt, Schutzmöglichkeiten und rechtliche Grundlagen informieren“, so steht es im Flyer.

Savas Köktas, 45, formuliert es anders. Er ist Sozialpädagoge und einer der ersten Männer, die sich für das Projekt gemeldet haben. Er sagt, es ärgere ihn, dass das Bild der Türken hierzulande immer noch von Gewalttätern geprägt werde. Er wolle seinen Beitrag dazu leisten, dass Männer lernten, Konflikte friedlich auszutragen, mit Worten und nicht mit Fäusten. Dass Flüchtlinge in diesem Punkt Nachholbedarf haben, davon ist er überzeugt. „Die meisten kommen aus Gesellschaften, in denen Männer die Macht haben.“

Savas Köktas wird jetzt immer dann gerufen, wenn ein Flüchtling im Heim auffällig wird. Er sagt, als Mann werde er eher respektiert denn als Frau: „Wenn ich etwas sage, hat das mehr Gewicht.“ Und wie man mit schweren Jungs umgeht, hat er gelernt. Er sagt, das seien oft Männer, die selber dringend Hilfe bräuchten. Doch das scheitere oft schon daran, dass viele kein Deutsch sprechen. Savas Köktas kann ihnen weiterhelfen. Er sagt: „Ich kenne genug türkische Therapeuten.“

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