"Würgen beim Sex liegt im Trend"
Seit 30 Jahren arbeitet Tabea Freitag als Psychotherapeutin mit dem Schwerpunkt „sexuelle Traumatisierung“. Zusammen mit ihrem Mann leitet sie seit 2008 die Fachstelle Mediensucht & -Erziehung return in Hannover. Sie macht Fortbildungen und Präventionsarbeit in Schulen und berät auch Frauen, die unter dem Pornokonsum ihres Mannes leiden. Ihre Beobachtungen sind alarmierend.
Frau Freitag, Sie haben sich als Therapeutin auf die Themen Traumatisierung und Pornosucht spezialisiert, warum?
Weil Pornografie inzwischen zu den größten Risikofaktoren für sexuelle Gewalt gehört. Zudem haben Pornos die Beziehungen zwischen Männern und Frauen fundamental verändert. Sexuelle Gewalt hat es schon immer gegeben, aber Pornos in Kinder- und Jugendhänden sind weltweit zum Brandbeschleuniger geworden. Noch dazu in jeder Gesellschaftsschicht. Zum Beispiel kommt es heute auch in guten empathischen Familien vor, dass ein Bruder Pornoinhalte an der Schwester nachspielt. Die ersten Pornos sehen Kinder oft, sobald sie ein eigenes Smartphone zur Verfügung haben.
Finden Kinder das denn nicht abstoßend?
Nach einer aktuellen Studie der Landesanstalt für Medien NRW gibt mehr als ein Drittel der Kinder und Jugendlichen an, die Inhalte aus Pornos selbst im echten Leben ausprobieren zu wollen. Die befragten Jungen mit 43 Prozent wesentlich häufiger als die Mädchen mit 27 Prozent. Und mehr als die Hälfte der Jungen und Mädchen lässt sich von den Inhalten für Sexting, also das Versenden von intimen Inhalten inspirieren. Pornos zeigen den Körper von Frauen als Konsumgut. Jungen lernen so, Mädchen als Sexualobjekt wahrzunehmen, und Mädchen lernen, dieses Objekt zu sein. Wundert es dann, wenn immer mehr Mädchen OnlyFans-Creator, sprich Camgirl, und Jungen OnlyFans-Manager, sprich digitaler Zuhälter werden wollen? Die Normalisierung von Pornografie ist heute das Kernproblem.
Wie sieht diese Normalisierung aus?
Viele junge Menschen haben mittlerweile ein pornografisches Mindset verinnerlicht. Sie glauben, dass Sex Selbstbefriedigung mit austauschbaren Objekten ist, also nur der eigenen Befriedigung dient. Wo Sex nichts mehr mit Intimität und Wahrnehmen eines geliebten Menschen zu tun hat, wundert es nicht, wenn Sex so zu laufen hat, wie er in Pornos läuft. Studien zeigen, dass knapp die Hälfte der Jungen und Mädchen Gewalt beim Sex für normal hält. Jungen glauben sogar, dass Mädchen es mögen, geschlagen und gewürgt zu werden. Pornos haben das Verständnis von Sexualität entmenschlicht.
Was sagen die Frauen, die Sie behandeln?
Viele junge Frauen leiden unter diesem Normalisierungsdruck. Sie kennen viele Porno-Praktiken, weil sie sie selbst schon in Pornos gesehen haben. Niemand will „prüde“ sein oder deswegen verlassen werden. Freundinnen sagen sich gegenseitig: Das ist eben so. Das musst du akzeptieren. Die Pornopraktiken haben Einzug in normale Paarbeziehungen gehalten. Ein anhaltender, gefährlicher Trend ist das Würgen. Selbst 13 Prozent der Mädchen im Teenager-Alter erleben das in Beziehungen. Unter weiblichen Studentinnen in den USA sind es sogar 58 Prozent. Patientinnen von mir hatten Todesangst, weil ihr Freund sie plötzlich beim Sex gewürgt hat. In älteren Beziehungen trauen sich Männer seltener, brutale Pornophantasien an ihrer Frau auszuleben. Sie machen das dann eher mit Prostituierten. Auch die Pornosucht des eigenen Mannes wird Frauen zunehmend zum Verhängnis.
In Ihrer Medienfachstelle „Return“ begleiten Sie diese Frauen in zwei Gruppen. Was passiert in deren Beziehungen?
Meist finden die Frauen oder auch ihre Kinder durch Zufall auf dem Handy oder Rechner die Pornos. Oder sie finden Kontoauszüge. Gerade Cybersex schlägt ja zu Buche. Oder es fliegt durch eine HPV-Ansteckung auf, denn Porno und Cybersex führen als Steigerung nicht selten zu Prostituierten. Oder immer härteren Inhalten. Gerade, wenn es sich dann um Gewalt- oder Kinderpornografie handelt, stehen die Frauen unter Schock. Oft läuft der Konsum schon über viele Jahre. Die Frauen sind durch den enormen Vertrauensbruch traumatisiert. Im Englischen gibt es ein Wort dafür, „Betrayal-Trauma“, also ein Trauma durch schweren Betrug, durch Verrat an ihrem Vertrauen. Manche Frauen haben nach diesem Schock 20 Kilo abgenommen, bekommen Tinnitus oder Magengeschwüre. Männer, die pornosüchtig sind, finden inzwischen viele Beratungsangebote. Aber für Frauen, die unter diesem Betrug durch ihre Männer leiden, gibt es kaum Hilfen. Viele der Frauen sind auch Herabsetzungen ausgesetzt nach dem Motto: ‚Das machen doch alle, stell dich nicht so an‘ oder ‚Du bist mir eben nicht mehr attraktiv genug‘. Manche Männer, die Cybersex-süchtig sind, glauben auch tatsächlich, dass da eine Frau in Kolumbien schwerverliebt in sie ist.
Wie bitte?
Auf Pornoplattformen stoßen Männer auch auf Cybersexangebote, z. B. aus Kolumbien. In Städten wie Medellín gibt es eine riesige Szene von Live-stream‑Studios. Hinter den Camgirls chatten oft Männer, die sich als Frauen ausgeben. Manchmal sind es vermutlich aber auch nur Chatbots. Emotionale und sexuelle Inhalte werden in diesen Chats miteinander verknüpft, was ein unheimliches Sog- und Suchtpotenzial entfacht. Viele Männer bilden sich wirklich ein, in Kolumbien eine echte Liebhaberin zu haben – und zahlen dementsprechend. Und ihre Ehefrauen verzweifeln daran.
Ist Ihnen schon so ein Fall wie Gisèle Pelicot untergekommen?
Noch nicht in diesem Ausmaß, aber ich erlebe Frauen, die von ihren Männern heimlich im Schlaf- oder Badezimmer gefilmt worden sind. Manche Männer reichen intime Einblicke, auch in Textform, in Chats weiter. Sie bedienen die eigene Community. Man beschenkt sich gegenseitig. Dann erfahre ich seit einigen Jahren vermehrt, dass besonders Mädchen in eine Art private Sklaverei gedrängt werden. Sie sind meist 17, 18, 19 Jahre alt und werden entweder mit der Loverboy-Methode oder mit Alkohol, Drogen oder K.o.-Tropfen auf Partys gefügig gemacht. Sie werden vergewaltigt und das wird gefilmt. Der Täter droht, das Video zu veröffentlichen, ihrer Familie oder Schule zu senden und erpresst sie damit. Manchmal wird sie weitergereicht, manchmal landet sie im Bordell. Oder das Mädchen wird für „seinen Gebrauch“ wie eine Sklavin gehalten, ausgebeutet und isoliert. Sie kann dabei sogar weiter zur Schule oder Arbeit gehen, weil sie durch Gewalt und Drohung zum Schweigen gebracht wurde. Die Täter scheinen meist junge Männer zwischen 18 und 25 zu sein, die Mädchen pornofiziert, als verfügbare Sexobjekte betrachten. Wenn sie schon früh mit Mafia-Methoden immer wieder durchkommen, ohne dass es Konsequenzen gibt, ermutigt das zu mehr. Das passiert auch auf Dörfern. Mich erschüttert, dass alle wegschauen.
Sie machen Prävention in Schulen mit Ihrem Programm „Fit for Love?“. Was lernen Jugendliche darin genau?
Das Programm zielt darauf, Mädchen und Jungen emotional und sozial zu stärken, damit sie gesunde Beziehungen gestalten und Grenzverletzungen besser erkennen und vermeiden können. Es hilft Teenagern, die Auswirkungen von Pornokonsum zu durchschauen und einen verantwortlichen, selbstbestimmten Umgang mit der eigenen Sexualität zu entwickeln. Dabei geht es um ein positives, ganzheitliches Verständnis von Sexualität, das nicht nur körperlich und triebgesteuert ist, sondern auch eine emotionale und Beziehungsdimension hat. Wir sprechen auch über unrealistische Körperbilder, Erwartungsdruck und die Normalisierung von Pornografie und Gewalt. Und: Wir bilden auch Fit-for-Love?-TrainerInnen aus. LehrerInnen können sich bei uns weiterbilden und zu MultiplikatorInnen werden.
Nun gibt es auch Lehrkräfte-Fortbildungen wie den „Pornoführerschein“ für Jugendliche. Was halten Sie davon?<
Mit einem Führerschein erwirbt man eine gesetzliche Erlaubnis für etwas. Mit dem „Pornoführerschein“ erhalten Jugendliche quasi eine Erlaubnis für etwas, das strafbar ist. Unter 18-Jährigen darf keine Pornografie zugänglich gemacht werden. Das vergessen viele Erwachsene. Jugendlichen wird immer gesagt, dass Pornos nicht echt, nicht real sind, sondern nur so etwas wie ein Actionfilm. Das ist fatal. Das Stöhnen und die vorgespielte Lust sind nicht echt, aber die Gewalt gegen Frauen, die Erniedrigung und die verbalen und körperlichen Misshandlungen, die sind real! Und die Folgeschäden sind real. Wenn ich Schulklassen erzähle, dass diese Gewalt real ist und dass Frauen oft Schmerz- und Betäubungsmittel brauchen und etliche das nicht freiwillig machen, kriegen sie riesengroße Augen, weil sie es wirklich nicht wissen. Die Argumente der sogenannten „sexpositiven“ Fraktion ‚Die Jungs schauen sowieso Pornos‘ und ‚Pornos nützen ihnen als Lustquelle‘ leugnen erwachsene Verantwortung. Dann könnte man Jugendlichen auch Drogen auf den Tisch legen, die lustvolle Gefühle auslösen. Pornos sind hochpotente Suchtmittel wie Kokain. Wer macht denn bitte einen Führerschein für Kokain? Und wer würde einen Führerschein für Gewaltvideos anbieten? Nur, wenn es um Frauen geht, dann gilt Gewalt, Erniedrigung und Hassrede plötzlich als harmlos.
Die „sex-positive“ Sexualpädagogik propagiert noch immer die Harmlosigkeit von Pornografie?
Ja, und das trotz erdrückender Studienlage. Die Sexualpädagogik, die von Helmut Kentler über Uwe Sielert bis heute weitergegeben wurde und wird, entspricht genau dem pornografischen Paradigma: Der Euphemismus ‚Sex-positiv‘ bedeutet im Kern immer die Reduzierung von Sexualität auf den Lustaspekt. Darum tritt man für Pornografie, Prostitution und Promiskuität ein. Das widerspricht psychologischem Grundwissen, wonach menschliche Sexualität bio-psycho-sozial verstanden wird. Gerade die Ausklammerung der psychischen oder sozialen Dimension ruft ja so häufig Probleme hervor wie Pornosucht oder sexuelle Grenzverletzungen.
Was würden Sie Eltern raten, Frau Freitag?
Eltern müssen sich im Klaren sein, dass das Smartphone in Kinderhänden Pornokonsum und sexuelle Belästigung sehr wahrscheinlich macht, besonders über die sozialen Medien. Es ist unsere alleinige Verantwortung als Erwachsene, Kinder davor zu schützen. Ich bin positiv überrascht, dass das Smartphone- und Social-Media-Verbot diskutiert wird. Das wäre noch vor fünf Jahren nicht möglich gewesen. Gleichzeitig müssten aber auch Schulen konsequent den Zugang zu Pornografie verhindern. Eltern sollten die Schulen auf ihre gesetzliche Verpflichtung zum Jugendschutz hinweisen. Neben technischem Filterschutz ist es aber auch wichtig, gesichtswahrend das Gespräch mit seinen Kindern zu suchen. Viele Teenager wünschen sich Orientierung, sind durch Bilder von Gewaltsex belastet. Wir müssen über die Folgen von Pornokonsum wie Sucht, Gewalt und Beziehungsprobleme aufklären. Wir sollten vor allem Mädchen einen Raum geben, miteinander über die Frauenbilder von OnlyFans und Co, Erwartungsdruck und eigene Wünsche und Optionen zu reden. Und ich glaube, es braucht auch dringend eine Frauenbewegung von ganz jungen Frauen, die sich das alles nicht mehr gefallen lassen.
Das Gespräch führte Annika Ross.
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