Gewalt: Drei Täter berichten

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JOHANN
Johann war in einer Beziehung, in der er sich zunehmend eingeengt fühlte. „Vorher lief mein Leben. Mit Freunden essen oder am Wochenende feiern, alles war drin.“ Nun hatte er zunehmend das Gefühl, die Kontrolle über sein Leben zu verlieren – und verlor eines Tages die Kontrolle über sich selbst. Ihn störte seine Freundin beim Lernen, er rastete aus. Er schlug sie zu Boden und schlang einen Pullover um ihren Hals. Er zog so lange zu, bis sie röchelte. Mit letzter Kraft sagte sie: „Johann, du bist ein Frauenschläger.“ Dieser Satz hat ihn gestoppt. Am nächsten Tag ist er zur Männerberatung gegangen. „Das Schlimmste“, sagte er heute „ist die Rekonstruktion der Tat. Man will es eigentlich vergessen und dann sitzt man in der Gruppe und muss erzählen, was man getan hat.“ Johann und seine Freundin haben sich getrennt. „Ich wusste, dass ich das nie wieder ungeschehen machen konnte“, sagt er. Seiner jetzigen Beziehung hat er es erzählt. „Ich bereue, dass ich das getan habe, aber ich muss jetzt damit leben. Es ist ein Teil von mir.“

SASCHA
Sascha lernte seine Frau kennen, als er schon zwei Jahre lang im Rollstuhl saß. Eine 600 kg schwere Holzplatte war auf den Maurer gestürzt und hatte ihn arbeitsunfähig gemacht. „Aber dass ich so reizbar bin, hat damit nichts zu tun, das war schon immer so“, sagt Sascha heute. Das erste Mal, dass er seine Frau geschlagen hat, war beim Endspiel der Europameisterschaft. Deutschland verlor und Sascha schlug seine Frau aus dem Sitzen heraus zu Boden. „Sie lag da reglos. Mein erster Gedanke war, jetzt habe ich sie umgebracht.“ Er rief den Krankenwagen, seine Frau sagte den Sanitätern, sie sei gestürzt. Er schlug sie noch ein zweites Mal. Seine alltägliche Gewalt aber war verbal. „Ich habe sie beleidigt und gekränkt.“ Er hörte erst dann damit auf, wenn seine Frau weinend zusammenbrach. „Dann hatte ich gezeigt, dass ich der Chef bin.“ Es steigerte sich. Bis sie eines Tages sagte: „Jetzt gehe ich.“ Sascha macht einen Termin bei einer Eheberatung, die schickt ihn gleich weiter zur Männerberatung. „Da habe ich Respekt gelernt. Ich hätte nie gedacht, dass das geht. Wir sind heute auf Augenhöhe.“

SABRI
Sabri hatte oft Streit mit seiner Freundin. Er schrieb ihr vor, was sie anziehen sollte. „Irgendwann hat sie Widerworte gegeben. Das kannte ich nicht.“ Er wurde zunehmend gewalttätig. Sabri zertrümmerte den Wohnzimmertisch, die Glastür, den Spiegel. In seiner Familie war er der Abi, der große Bruder. Es war Karneval, sie trug einen kurzen Rock. Sabri schlug zu, ihre Nase und Lippe bluteten. „Ich glaube, da hat sie jede Achtung vor mir verloren.“ Sie wartete, bis er zur Arbeit gegangen war, dann packte sie ihre Sachen, nahm die Kinder und floh zu ihrer Mutter. Es folgte monatelanger Terror. Sabri ortete sie per Handy, verfolgte sie, stand vor ihrer Haustür. Sie zeigte ihn immer wieder an, er zahlte die Strafe und machte weiter. Eines Tages sagt sie ihm, dass sie einen neuen Freund hat. Sabri stürzt ab, Drogen, Alkohol, Selbstmordgedanken. Ein Freund rät ihm, sich bei der Männerberatung Hilfe zu holen. Heute hat Sabri eine neue Frau. Er hinterfragt zunehmend die patriarchale Familienstruktur, in der er selber großgeworden ist und sagt stolz: „Heute behandele ich meine Tochter und meinen Sohn gleich.“

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