In der aktuellen EMMA

Hedwig Dohm in Ehren halten

Isabel Rohner vor der von ihr erkämpften Gedenktafel für die Frauenrechtlerin Hedwig Dohm. - Foto: Schmiester
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Willkommen in Kreuzberg! Kiez der Freiheit und Toleranz. Multikulti, Straßencafés, 1. Mai. 

Vielfalt steht hier ganz oben. Seit Jahren schreibt sich der Bezirk eine „feministische Kommunalpolitik“ auf seine Fahnen. Da werden doch im Stadtbild auch die feministischen Pionierinnen eine herausragende Rolle spielen! Drehen wir eine Runde ums Hallesche Tor. Hier, im Herzen Berlins, sind es vom U-Bahnhof keine 50 Meter bis zum ersten Denkmal für eine der Riesinnen, auf deren Schultern wir heute stehen: Im Grünstreifen des Mehringplatzes – im Frühling blühen hier zwischen Müll und Spritzen die Narzissen – erinnert eine massive, drei Meter hohe Stahlplatte an Marie Juchacz (1879 – 1956), die Begründerin der Arbeiterwohlfahrt und Kämpferin fürs Frauenwahlrecht. Wenn das mal keine gelebte feministische Kommunalpolitik ist! 

Ach, der Bezirk und die Stadt hatten mit diesem Denkmal gar nichts zu tun? Sie lehnen es sogar offiziell ab, Denkmäler einzelnen „Personen“ (Frauen mitgemeint) zu widmen – obwohl an anderen Stellen Marx und Liebknecht, Schiller, Wagner, Fontane und viele weitere Herren thronen? Selbst Lenin ist noch da, wenn auch inzwischen im Museum. Dafür stehen bei der Straßenbenennung Frauen ganz weit vorn, zumindest auf dem Papier. Rio Reiser, Harald Juhnke und Anton Wilhelm Amo brauchten jetzt halt schnell zentrale Plätze, muss man verstehen. 

Zurück zu Juchacz: Die Platte war eine Initiative der AWO, deren Zentrale hier einst stand. Für die Frau, die 1919 als eine von 37 Frauen erstmals in die Weimarer Nationalversammlung gewählt wurde. Für die Frau, die am 19. Februar desselben Jahres die erste Rede einer gewählten Abgeordneten hielt. 

Bei der Einweihung der Platte sprachen fünf Männer und keine einzige Frau. Vor 200 Gästen, die Autorin dieses Textes war dabei. 

Die Medien hatten das Malheur überspielt und als Frauenstimme – eine braucht’s ja doch! – eine Urgroßnichte zitiert. Die anwesenden Politikerinnen, die in Juchacz Fußstapfen getreten sind, hatten bestimmt alle keine Zeit für ein Interview. 

Der Blick schweift auf die andere Seite des Landwehrkanals. Vor der Zentral- und Landesbibliothek wehen an hohen Fahnenstangen „Progress Pride“-Flaggen. Die Regenbogenfahne ist von gestern. Die neue, mit dem Keil für Trans, ist viel moderner und steht für viel mehr Freiheit – und „Stadt der Freiheit“ ist der offizielle Slogan Berlins. Gerade heben Institutionen der Stadt ihre Frauen- und Männerklos auf, auch ein Theater um die Ecke: Es bietet „Klo mit Pissoirs“ und „Klo mit Schüsseln“. Jetzt stehen auch Männer in der Schlange zum Frauenklo. So modern! Zurück zum Thema. Nur ein paar Minuten entfernt, auf der Nordseite des Mehringplatzes liegt uns das nächste Denkmal buchstäblich zu Füßen. 2022 unter der Schirmherrschaft der Landesregierung und mit Unterstützung des Bezirks entstanden: Der „Pfad der Visionäre“. 

27 in die Straße eingelassene Platten der EU-Mitgliedstaaten, jede aufwändig gestaltet mit einer beleuchteten Nationalflagge und dem Zitat einer nationalen Persönlichkeit. Zusammen machen sie die „Werte und Kulturen Europas“ erlebbar. 

Eine tolle Idee! Ob Anwohner, Besucherinnen oder Schulklassen – hier stehen sie auf dem geistigen Fundament Europas und lernen aktiv: Es gibt keine Demokratie ohne die Frauen! 

Doch seltsam. Männer, wohin das Auge reicht. Und was hat Julius Cäsar, der ernsthaft für Belgien zitiert wird, mit dem demokratischen Europa zu tun? Weil er es einst zu großen Teilen erobert hat? 

Warum lässt sich Frankreich mit Antoine de Saint-Exupéry zitieren und nicht mit einer seiner großen Europäerinnen? Simone Veil zum Beispiel, EU-Parlamentspräsidentin, KZ-Überlebende und Kämpferin für das Recht auf Abtreibung? Oder Olympe de Gouges. Oder Simone de Beauvoir? Stattdessen: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“ (Saint-Exupéry). Gilt offensichtlich auch für die Frauen Europas. 

Aber Deutschland! Deutschland wird doch wohl mit einer demokratischen Visionärin zitiert: Louise Otto-Peters, Anita Augspurg oder Elisabeth Selbert! Oder einer Politikerin der Wiedervereinigung! 

Doch nein. Kant. Kategorischer Imperativ. Zum xten Mal. Immerhin zur Erheiterung englischsprachiger Touristen, für die der Name Kant klingt wie das weibliche ... Ach, lassen wir das. 

Auch „Der Pfad der Visionäre“, der für die Werte und Kulturen Europas stehen soll, macht keinen Hehl daraus, dass die Gleichberechtigung nicht zu diesen Werten gehört. Von den 27 Zitaten stammen vier von Frauen. Macht 15 Prozent. In Berlin scheint das niemandem aufgefallen zu sein. Nicht den Initiatoren, nicht der Jury, nicht dem Bezirk und nicht der Stadt beim Überweisen der Steuergelder. Nur Dänemark (Karen Blixen), Finnland (Sylvi Kekkonen), Irland (Nuala Ní Dhomhnaill) und Österreich (Ingeborg Bachmann) verhindern das komplette Desaster. 

Nach der Einweihung freilich gab es u. a. Proteste der „Omas gegen Rechts“. Ihre Kritik betraf den Namen der Installation: „Visionäre“ würde die „Visionärinnen“ unsichtbar machen. Danach wurde die Homepage der Installation gründlich überarbeitet und das Projekt heißt nun „Pfad der Visionäre (m/w/d)“. Kein Witz. 

Die Gedanken schweifen ab. An mehreren Balkonen über dem Platz weht die Flagge Palästinas. Und natürlich die „Progress Pride“-Fahne. Bestimmt gibt’s bald wieder eine Demo der „Queers for Palestine“, während das Jüdische Museum um die Ecke Tag und Nacht von der Polizei bewacht werden muss. Eine Israel-Fahne aufzuhängen, das traut sich hier niemand. 

Weiter geht’s, zwei Blocks, bis zur Friedrichstraße 235. Hier stand einmal das Geburtshaus von Hedwig Dohm (1831 – 1919). An der Hauswand erinnert eine offizielle Berliner Gedenktafel an die feministische Pionierin, die bereits 1873 die völlige rechtliche, soziale und ökonomische Gleichberechtigung von Männern und Frauen gefordert hat. Zugang zu Bildung und Berufen, das Recht auf Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Die Anträge der Herausgeberinnen von Dohms Gesamtwerk an Senat und Bezirk (zu denen ich gehöre) blieben über Jahre erfolglos. Zu verdanken ist die Plakette dem Zufall. 

Ein Bahnchaos-Tag, wie ihn alle kennen. Verspätungen, Zugausfälle, dann die Rettung: ein Ersatzzug, halbierte Länge, verkehrte Wagenreihung. Die Autorin dieses Textes eilt hinein, entdeckt einen freien Platz neben einem ihr unbekannten Mann. Dieser gießt ihr seinen Kaffee über die Schuhe. Sie dreht sich zu ihm um: „Ich kenne Sie nicht. Aber Sie schulden mir jetzt etwas.“ Der Mann stellt sich als Staatssekretär heraus. Zwar aus einem anderen Bundesland, aber mit dem passenden Parteibuch. Wenige Monate später hängt die Plakette.

Und auch den Gravurtext konnte die Autorin zuliefern, nachdem der erste Entwurf der Berliner Senatskanzlei gelautet hatte: „Hedwig Dohm war Feministin und setzte sich für Frauen ein, aber sie hatte nichts gegen Männer.“ Kein Witz.

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