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Imen Makhlouf: Power in der Wüste

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Wenn Imen Makhlouf auf eine Baustelle kommt, hört sie die Bauarbeiter tuscheln: Eine Frau sollte doch besser zu Hause bleiben. Aber das ficht die tunesische Ingenieurin nicht an: „Wenn ich meinen Helm aufsetze, fühle ich mich nicht wie eine Frau, sondern einfach nur wie Ich.“

Makhlouf ist eine zierliche Frau, die Wert auf ihr Äußeres legt und Mut zur Farbe hat: ihr Lippenstift passt zum knallroten Blazer. Mit ihrer jungen Firma Setar hat sie sich einen umkämpften Markt ausgesucht – und eine Männerdomäne. Sie plant die Infrastruktur zur Erschließung von Ölfeldern: Zufahrtswege, Baracken und andere Versorgungseinrichtungen für die Arbeiter.

„Dort bin ich immer die einzige Frau“, erzählt die Ingenieurin. Aber ist nicht gerade Tunesien für seine vielen Ingenieurinnen bekannt? Makh­louf lacht. „Ja, da haben wir euch etwas voraus.“ In Tunesien sind 41 Prozent aller Ingenieure Frauen (in Deutschland 18 Prozent). „Bei uns ist es gut angesehen, wenn ein Mädchen Ingenieur werden will“, erläutert Makhlouf. Probleme gibt es erst, wenn sie den Beruf tatsächlich ausüben will. „Eine Frau soll zu Hause oder zumindest im Büro bleiben und nicht auf der Baustelle mit Männern arbeiten“, lacht Imen. Sie aber zieht sich eben gerne ihre Stiefel an und stapft los.

Doch so ohne weiteres hätte sie wohl nicht den Schritt gewagt, den Arbeitsplatz vom Büro auf die Baustellen in der Wüste zu verlegen. Am Anfang stand eine Erfahrung vor sieben Jahren. Damals arbeitete sie noch für eine große Firma in Tunis. Ihre Töchter waren drei und acht Jahre alt und sie zog sie alleine auf. „Ich bat den Chef, ob ich eine Stunde früher gehen könne, weil ich meine Tochter aus dem Kindergarten abholen musste.“ Er sagte: Nein. Makhlouf kündigte. Damals war sie wütend und verzweifelt. Heute sagt sie: „Es war die beste Entscheidung meines Lebens.“ Imen engagiert sich in der tunesischen Vereinigung für „Frauen in Ingenieursberufen“.

Zunächst heuerte Imen als Beraterin einer Baufirma im Öl- und Gasfeldsektor an. Ihr neuer Auftraggeber entdeckte, dass sie besonders gut war und schrieb ihr als Empfehlung: „Ihre Besuche in der Wüste sind immer hoch willkommen. Vielleicht weil sie eine Frau ist. Sie weiß, wie man mit Leuten redet, wenn der Druck hoch und die Atmosphäre heiß ist.“

Als 2012 die Islamisten an die Regierung kamen, hörte man von Vertretern aller anderen Parteien: „Das geht vorbei. Die tunesischen Frauen sind stark, sie werden sich das nicht bieten lassen.“ Schon vor dem so genannten „Arabischen Frühling“ hatten die Frauen mehr Rechte als in allen anderen arabischen Staaten. Im Herbst 2017 wurden sie sogar im Erbrecht mit Männern gleichgestellt. Damit war das letzte Scharia-Gesetz gekippt.

Vor zwei Jahren wagte Imen Makhlouf sogar den Schritt in die Selbstständigkeit. Heute führt sie eine kleine Firma mit zwei Mitarbeitern. Ihren ersten Auftrag zur Erschließung eines neuen Ölfeldes erhielt die Ingenieurin vor einem Jahr. Dabei hat ihr das Programm Ouissal (Brücke) des Euro-Mediterran-Arabischen Ländervereins EMA geholfen. In dem Programm begleiten deutsche Unternehmerinnen ein Jahr lang Frauen aus Tunesien und Marokko bei der Umsetzung ihrer Geschäftsideen. Makhloufs Mentorin Daniela Greiffendorf nickt zufrieden, wenn man sie nach dem Erfolg der Zusammenarbeit fragt: „Wir haben eine gute Strategie entwickelt und die funktioniert.“ Die Beratung von weiblichen Führungskräften ist der Unternehmensberaterin „eine Herzensangelegenheit“. Imen Makhlouf drückt das so aus: „Sie hat Ordnung in meinen Kopf gebracht.“

Tunesiens Ölfelder liegen bis zu 800 Kilometer von der Hauptstadt entfernt, die Wüste dort ist kaum erschlossen. Makhlouf ist oft mehrere Tage unterwegs. Dann kümmert sich ihr Ex-Mann um die beiden Töchter. „Meine älteste Tochter nennt mich Superwoman“, erzählt Makhlouf stolz. Die 15-Jährige weiß genau, was sie will: Naturwissenschaftlerin werden – und Topmodel. Gar nicht so weit weg, Tunesien.

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