Jacinda Ardern: Macht's richtig

Foto: Hagen Hopkins/Getty Images
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Es war ein Erdrutsch. Aber einer von den guten. „Jacinda Superstar!“ titeln die neuseeländischen Medien am 19. September 2020. Die Premierministerin wurde zum zweiten Mal an die Staatsspitze gewählt und hat an diesem Tag das beste Wahlergebnis der neuseeländischen Geschichte eingefahren. Mit 64 von 120 Sitzen regiert Jacinda Ardern mit ihrer Labour-Partei mit absoluter Mehrheit. Die Bevölkerung ist begeistert – die so lange missachteten Maori eingeschlossen.

Die Maori-Stämmige Nanaia Mahuta ist nicht nur die erste Außenministerin des Pazifikstaates mit fünf Millionen EinwohnerInnen, sie ist auch die erste Ureinwohnerin, die ein Regierungsamt übernimmt. Ihre Ernennung ging um die Welt – auch, weil sie ein „Moko Kauae“ hat – ein traditionelles Maori-Gesichtstattoo. Ardern setzt mit ihr ein Zeichen der Versöhnung. Mahuta selbst versteht sich, nach Neuseelands blutiger Kolonialgeschichte, als „als eine von den vielen Premieren für Frauen“. Das Land hat 1893 als erstes Land der Welt das Frauenwahlrecht eingeführt.

Und nun also Jacinda Ardern. Eines der jüngsten Staatsoberhäupter überhaupt, deklarierte Feministin, Strategin und Mutter. Sie reagierte prompt, als Corona anfing sich auszubreiten und verhängte einen harten fünfwöchigen Lockdown: „Go hard, go early“ war ihr Leitspruch. Jeden Abend schwor die Präsidentin die Bevölkerung ein, diese fünf Wochen durchzuhalten, um das Virus auszurotten. Und die Bevölkerung zog mit. Das Ergebnis bis November: Um die 2.000 registrierten Covid-19-Infektionen und 25 Tote.

Aufgewachsen ist Ardern in einer Mormonen-Familie in Murupara und Morrinsville, kleine Orte auf der Nordinsel, wo das Geld bei vielen knapp ist. Die Mutter war Hausfrau, der Vater Polizist, beide engagierten sich sozial. Die Haltung der Eltern habe sie geprägt, sagt die Tochter, genau wie die Kinder, die ohne Schuhe und Brotboxen in die Schule kamen. Neuseeland ist zwar eins der reichsten Länder der Erde, zugleich aber lebt fast ein Drittel der Kinder in Armut. Gewalt in Familien ist weit verbreitet.

Mit 17 trat Jacinda der Labour-Partei bei, sie studierte zielorientiert Politikwissenschaften und Öffentlichkeitsarbeit und wurde mit 28 Jahren die jüngste Abgeordnete. Mit nur 37 Jahren wird Ardern 2017 schließlich die jüngste Ministerpräsidentin in Neuseelands Geschichte.

Drei Monate nach ihrer Vereidigung verkündete sie, sie sei schwanger. Und nur sechs Wochen nach der Geburt ihrer Tochter nimmt sie die Geschäfte wieder auf.

Die Bilder, die die neuseeländische Präsidentin mit ihrer drei Monate alten Tochter Neve während der UNO-Generalversammlung in New York zeigten, gingen um die Welt.

Arderns erste Schritte: 70.000 neuseeländische Kinder aus dem Elend holen. Schon Dreijährige werden heute psychologisch betreut, wenn im Kindergarten Verhaltensauffälligkeiten festgestellt werden. Schulen in einkommensschwachen Gegenden haben medizinische Fachkräfte, die die Kinder direkt versorgen. Das erste Studienjahr ist kostenlos.

Ardern treibt auch den Neubau von Wohnungen voran, sie hat den Mindestlohn erhöht und einen echten gleichen Lohn umgesetzt. Frauen erhalten für gleiche und auch für vergleichbare Arbeit (zum Beispiel auf dem Bau und im Krankenhaus) den gleichen Lohn. Und: Auf Schultoiletten werden kostenlos Binden und Tampons ausgelegt. „Kein Mädchen soll nicht zur Schule gehen können, weil es sich keine Binden leisten kann!“, erklärte Ardern.

Im Mai 2019 stellte die Präsidentin das weltweit erste „Wellbeing Budget“ vor. Darin enthalten: emissionsarme Wirtschaft, Einkommenserhöhung der indigenen Bevölkerung, Verringerung der Kinderarmut, Unterstützung der psychischen Gesundheit.

Und auch zuhause setzt die Frau auf „wellbeing“. Jacinda schwört auf guten Whiskey und ihren Mann, der sich „hervorragend um unsere Tochter und den Haushalt kümmert“.

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