Yellen wird erste Notenbank-Chefin

Artikel teilen

Zur Zeit ist viel von Janet Yellens ökonomischen Konzepten die Rede, von ihren Ansichten zur Geldpolitik und den ­Herausforderungen, vor denen sie nach der Amtsübernahme von ihrem Vorgänger Ben Bernanke im Februar stehen wird. Yellen ist die erste Frau, die die Federal Reserve (Fed) leitet. Mehr noch: Sie ist sogar die erste Zentralbank-Chefin einer großen westlichen Nation. Und das macht in vielerlei Hinsicht einen Unterschied.

Anzeige

Schon jetzt hat Yellens X-Chromosom dafür gesorgt, dass ihr mehr Aufmerksamkeit zuteil wird als dem üblichen grauhaarigen männlichen Banker. Die meisten Menschen außerhalb der Finanzwelt nehmen kaum Notiz von Zentralbank-Leitern, wenn sie nicht gerade Zinssätze erhöhen oder angeschlagene Banken retten. Bei Yellen wird das, wie bei IWF-Chefin Christine Lagarde, anders sein. Wie sehr auch immer sie versuchen wird, es zu vermeiden – und das wird sie mit großer Wahrscheinlichkeit – man wird sie als eine Art Berühmtheit betrachten. 

Und das ist auch gar nicht falsch, denn ihr Werdegang verdient wirklich Beachtung. Seit die 67-jährige Janet Yellen 1962 ihren Abschluss an der Fort Hamilton School in Brooklyn machte und in Harvard, Berkeley und am Massachusetts Institute of Technology unterrichtete, hat sie immer wieder Pflöcke in traditionell männlich dominierten Domänen eingeschlagen. In der Welt der Wirtschafts-Professoren, in der Welt der Politik-Berater und, schließlich, in der Welt der Zentralbanker. 

Auf all diesen Gebieten hat Yellen, die von 1997 bis 1999 Bill Clintons Wirtschaftsberaterin war, bedeutende Beiträge geleistet. Als Wirtschafts-Professorin verfasste sie innovative und ­einfluss­reiche Arbeiten über Arbeitslosigkeit und widersetzte sich darin mutig den konservativen Orthodoxen, die die amerikanische Wirtschaft in den 1980ern und 1990ern eroberten. Gemeinsam mit ihrem Mann George Akerlof, der 2001 den Ökonomie-Nobelpreis erhielt und mit dem sie einen Sohn hat, prophezeite sie zum Beispiel 1991 katastrophale wirtschaftliche Zustände in Ostdeutschland und empfahl Lohnsubventionen, um das zu verhindern. Relativ früh sah sie die Gefahren der Immobilienblase voraus. 

Innerhalb der Fed, deren Vizepräsidentin sie seit 2010 ist, ­genießt sie großen Respekt für ihre Intelligenz, ihre klugen Prognosen und für ihre Fähigkeit, komplizierte Sachverhalte in verständliche Reden zu übersetzen. Mit ihrer Kreativität, ihrem ­Urteilsvermögen und ihrer Art, lieber mit Menschen zu kooperieren anstatt sie wegzuboxen, ist sie an die Spitze einer der schwierigsten Jobs der Welt aufgestiegen. Das macht sie selbstverständlich zu einem Role Model für Frauen. 

„Mit dem heutigen Tag bin ich sicher, dass die ökonomische Zukunft meiner Tochter in guten Händen liegt“, schrieb der Ökonom Justin Wolfers von der Brooking Institution, einem bedeutenden Think Tank, nach Yellens Ernennung in seiner Kolumne. „Ich werde ihr erklären, dass auch sie eine der mächtigsten ­Ökonominnen der Welt werden kann.“ 

Jeder, der in der Finanzwelt unterwegs ist, kann nicht umhin zu konstatieren, wie wenig Frauen dort in Führungspositionen kommen. Als das Gerücht die Runde machte, dass Obama sich für Larry Summers entscheiden würde, unterschrieben 200 ÖkonomInnen, darunter viele Männer, einen offenen Brief für Janet Yellens Nominierung. Summers hatte 2006 als Harvard-Präsident für einen Skandal gesorgt, als er behauptet hatte, es gebe weniger hochintelligente Frauen als Männer. Deshalb gebe es so wenig Frauen in Spitzenpositionen in Naturwissenschaft und Technik. Der Spruch kostete den Ökonomen, der als polternd und rechthaberisch gilt, den Job. 

Die Initiatorinnen des Briefs – Heidi Hartmann vom „Institute for Women’s Policy Research“ und Joyce Jacobsen, Dekanin an der Wesleyan University – erwähnten Summers nicht ausdrücklich. Aber die Art und Weise, wie sie Yellen beschrieben, macht mehr als deutlich, dass sie nicht sehr viele Charakterzüge mit ihrem Alpha-Mann-Rivalen gemeinsam hat. „Dr. Yellen ist bereit, sich verschiedene Standpunkte anzuhören und viele Stimmen in die politische Arena einzubringen“, hieß es darin. „Sie fühlt sich weder einer einzelnen Interessengruppe noch einer einzelnen Industrie verpflichtet. In der modernen Politikwelt, und besonders an der Spitze der Zentralbank, gibt es immer weniger Raum für einen einzigen Führer, der die Diskussion dominiert.“ 

Natürlich sind Frauen nicht zwingend teamorientierter und weniger ego-getrieben als Männer. Dafür gibt es genügend Gegenbeispiele. Ab Februar werden wir wissen, was für eine Art Leaderin Janet Yellen ist und wie sie Politik macht. Mit 67 ist sie 15 Jahre älter als Ben Bernanke, als er die Zentralbank übernahm, und sechs Jahre älter als Alan Greenspan, als der 1987 seinen Job antrat. Aber Yellen, die als Professorin meist in Khakihosen und Joggingschuhen gesichtet wurde, macht den Eindruck, dass sie voll Elan und Energie ist. 

Als jemand, der ihre Ansicht teilt, dass die Fed alles tun sollte, um in den USA die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, der aber andererseits auch fürchtet, dass sie damit Spekulations-Blasen fördert, die dann wieder platzen, wünsche ich ihr alles Gute, wenn sie in das Büro des Fed-Chairmans (!) einzieht. Und als Vater von zwei Töchtern, freue ich mich mit Justin Wolfers darüber, dass Yellen ihnen und anderen Mädchen ein Vorbild ist, das sie nachahmen können.

Janet Yellen wird eine große Chefin der amerikanischen ­Notenbank sein – oder auch nicht. Eins aber ist sicher: Sie wird eine historische sein.

Der Text ist ein gekürzter Nachdruck aus dem New Yorker und ist das erste Mal in EMMA November/Dezember 2013 erschienen. Ausgabe bestellen

Artikel teilen
 
Zur Startseite