Energie-Armut: Kalte Zeiten?

Foto: Ute Grabowsky/photothek.de/IMAGO
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Ein heißes Bad? Das hat sie schon seit fünf Jahren nicht mehr genommen. Geheizt wird nur, wenn es gar nicht anders geht. Meist liegt die Raumtemperatur bei 18 Grad. Die Spülmaschine funktioniert nicht mehr, das Gefrierfach des Kühlschranks ist ausgestellt. Maria Webert spart, wo sie kann. Als sie Anfang des Jahres Gas und Strom nachzahlen musste, hat sie ihre Geburtstagsfeier abgesagt. 80 ist sie allein geworden. Seit der Krieg tobt hat sie Angst, dass die Abrechnungen noch höher werden und ihr der Strom abgestellt wird.

Laut Europäischer Kommission sind rund 50 Millionen Menschen EU-weit von Energiearmut betroffen. Seit 2019 steigen die Zahlen. Konkrete Daten für Deutschland gibt es nicht. „Energiearmut ist eine soziale Benachteiligung, über die wir in Deutschland viel zu wenig reden“, sagt Katrin Großmann. Sie ist Professorin für Stadt- und Raumsoziologie an der FH Erfurt. Warum? „Weil unsere Regierung sich seit Jahren weigert, Energiearmut als eigenen, sozialen Tatbestand anzuerkennen. Doch man kann sie nicht einfach unter Einkommensarmut subsummieren.“ Sie sei eine eigene Form der Armut. „Eine, die an die Substanz geht.“

Und eine Form der Armut, die vor allem Frauen trifft. Haushalte mit weiblichem Vorstand sind laut einem Bericht des Umweltbundesamts doppelt so häufig energiearm, das soziale Risiko der Energiearmut hat „eine deutliche Genderkomponente“.

Lohnunterschiede und Teilzeitarbeit führen zu einer mangelnden Absicherung, die sich bei einer Scheidung, einer Erkrankung oder in der Rente rächt. Sozialhilfe-EmpfängerInnen erhalten zwar eine Grundsicherung, die Heizkosten werden vom Amt übernommen, für den Strom aber gibt es nur eine Pauschale. Die ist in diesen Zeiten schnell verbraucht. Erst im März vermeldete das Statistische Bundesamt, dass VerbraucherInnen 2022 ein Fünftel mehr für Energie bezahlen müssen. Tendenz steigend.

Menschen, die schon vorher mit jedem Euro rechnen mussten, können durch die gestiegenen Energiepreise nun in die Armutsfalle katapultiert werden. Gerade die alleinstehenden unter ihnen – wie Maria Webert – ganz besonders. Sie sparen sich die Energie förmlich vom Mund ab. Denn sonst werden ihnen Strom und Gas gesperrt.

Das passiert allein in Berlin jedes Jahr 20.000 Mal. In anderen Großstädten sieht es ähnlich aus. Dann gehen Licht und Heizung aus, die Tiefkühltruhe taut ab.

Bereits im Herbst 2021 warnte der EU-Arbeitskommissar Nicolas Schmidt davor, dass die Energiearmut in Europa 2022 drastisch zunehmend wird. Die hohe Inflation, der starke Rückgang der Wirtschaftsleistung infolge von Corona und nun auch noch der Krieg lassen die Energie-Preise explodieren.

Maria Webert hat als Erzieherin gearbeitet, auch in leitender Position. Fehlzeiten hatte sie nur, wenn sie krank war. Und als ihr Mann gestorben war. Ihren Beruf hat sie geliebt, nur viel Gehalt blieb ihr nicht. Die staatliche Pension ist klein, etwas über 700 Euro. Klagen will sie nicht. Doch spricht man sie auf die Höhe ihrer Pension an, auf die Gerechtigkeit dahinter, wird sie wütend. Darüber, wie wenig Frauen wie ihr nach einem ganzen Erwerbsleben bleibt!

Doch die Wut dringt nicht nach draußen. Frauen wie Maria Webert tauchen in keiner Statistik auf, ihre Form der Armut bleibt unsichtbar. Wird ihnen der Strom abgedreht, enden sie als Sozialfall, manche müssen dann zwangsweise ins Pflegeheim – und das ist keine Seniorenresidenz am Park. Es ist das Ende eines selbstbestimmten Lebens.

„Dabei kann ich doch nichts für die steigenden Preise“, empört sich Maria Webert. „Ich spar doch, wo ich kann!“ So viel sie auch spart, ihr Verbrauch ist hoch. Ihre Haushaltsgeräte sind alt und ineffizient. Sie lebt in einer schlecht isolierten Wohnung mit einer veralteten Heizung, die natürlich mehr Energie zieht als ein top sanierter Neubau. „So eine Wohnung könnte ich mir gar nicht leisten.“

Deutschland hat mittlerweile die höchsten Strompreise in der EU – vor allem wegen der Steuern. In den vergangenen zehn Jahren sind die Monatsrechnungen um ein Viertel teurer geworden. Das geht aus Daten des  Bundesverbands für Energie- und Wasserwirtschaft hervor. Ähnlich ist es bei Öl und Gas.

„Das schlägt sich dann auch noch auf die Lebensmittelpreise um. Denn für Herstellung, Transport und Handel wird ebenfalls Energie benötigt“, erläutert Almut Balleer. Sie ist Professorin für Empirische Wirtschaftsforschung an der RWTH Aachen.

Hinzu kommt, dass die Ukraine ein wichtiger Lebensmittelproduzent in Europa ist. „Es gibt Überlegungen, diese Entwicklungen für einkommensschwache Haushalte abzufedern“, sagt Balleer. Eine davon sind Preisdeckelungen. Die Ökonomin sieht sie kritisch: „Sinnvoller wären Transferzahlungen, um Haushalte konkret zu unterstützen.“

Bund und Länder finanzieren sogenannte Stromspar-Checks, um Stromfresser in Haushalten zu identifizieren. Für die Stadtsoziologin Katrin Großmann ist das nicht ausreichend. „Die Armen werden noch dabei unterstützt, mit ihrer Armut besser klarzukommen. Dabei müssten wir an die strukturellen Ursachen ran.“

„Ich bin eine Verfechterin von Klimapolitik“, stellt Großmann klar. „Aber die, die Deutschland momentan macht, belastetet die unteren Einkommensschichten überdurchschnittlich.“ Von Förderungen und Subventionen profitieren bislang eher Wohlhabende. Arme Haushalte haben nichts von Zuschüssen für E-Autos, weil sie sich die nicht leisten können. Sie werden auch kaum von der höheren Entfernungspauschale profitieren, weil die in erster Linie fernpendelnden Erwerbstätigen hilft. Arme erhalten auch keine Förderungen für energetische Sanierungen, denn sie leben zur Miete. Im Zweifel müssen sie nach einer Instandsetzung sogar ausziehen, weil ihre Wohnung zu teuer wird.

Andere Länder versuchen, solche Entwicklungen zu verhindern. „In Schottland und England dürfen Wohnungen erst gar nicht vermietet werden, wenn sie nicht eine festgelegte Energieeffizienz-Klasse erreichen“, sagt Johannes Thema. Er und sein Kollege Florin Vondung beschäftigten sich am Wuppertal-Institut mit Lösungsansätzen für Energiearmut. „Der Standard wird mit der Zeit verschärft werden. Damit Vermietende den Anreiz haben, mehr als das Nötigste zu tun.”

Katrin Großmann fordert, die Steuern und Abgaben auf den Strompreis zu senken. Eine weitere Idee wären Sozialtarife: Die ersten Kilowatt-Stunden auf der Stromrechnung wären kostenlos. Alles, was darüber hinausgeht, würde als Luxus-Verbrauch stark zur Kasse gebeten. „Wir müssen etwas daran ändern, dass die Belastung für denjenigen am stärksten ist, der am wenigsten hat“, sagt Großmann.

Maria Webert hat sich jetzt Hilfe bei einer Seniorenberatung gesucht, zum „Amt“ wollte sie nicht, „Ich hab meinen Stolz“. Der Verein zahlt ihr einen Zuschuss von 70 Euro im Monat. Den plant die Rentnerin nun voll für die Energiekosten ein. „Mehr heizen kann ich damit nicht, aber vielleicht wird mir dann nicht so schnell der Hahn abgedreht.“

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